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29.6.2009 | Von:
Uwe Jun

Wandel des Parteien- und Verbändesystems

Erosion der Großorganisationen

Die gesellschaftliche Anbindung von Großparteien und -verbänden hat sich gelockert; das Ausmaß, in dem diese die Gesellschaft durchdringen, ist gesunken. Individualisierung, Pluralisierung von Lebensstilen und Wertegemeinschaften, die so genannte Bildungsexpansion mit der Zunahme höherer formaler Bildungsabschlüsse, die Säkularisierung und der Rückgang industrieller Beschäftigung sowie die Stärkung des tertiären Sektors haben zum Zerfall der lange prägenden Strukturen der deutschen Gesellschaft beigetragen und zur Abnahme traditioneller Wertebindungen und Organisationsloyalitäten geführt. Insbesondere auf die Entstehung der Konfliktlinien Arbeit/Kapital und Staat/Kirche zurückgehende Großorganisationen sind vom Zerfall der traditionellen Milieus stark betroffen. Sie müssen sich mit schrumpfenden Mitgliederzahlen und geringerer Identifikation mit ihnen abfinden. Dies betrifft die SPD und die Gewerkschaften wie die CDU und die Kirchen gleichermaßen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität und auf verschiedenen Ursachen beruhend.

Der Zerfall des sozialdemokratischen Milieus geht einher mit gravierenden Veränderungen der Arbeitswelt hin zu wissensbasierter Produktion und zu Dienstleistungsberufen, zu Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und zu erhöhter Mobilität der Arbeitnehmer. Die Klammer gemeinsamer Erfahrungen in der Arbeitswelt wird brüchiger, Wertvorstellungen erodieren. Die im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengeschlossenen Arbeitnehmervertretungen ha-ben erheblich an Mitgliedern verloren, zwischen 1993 und 2003 allein knapp 24 Prozent. Trotz mittlerweile erreichter Stabilisierung haben sich die Einzelgewerkschaften "von den weltweit stabilsten Gewerkschaften zu denen mit den größten Mitgliederproblemen entwickelt".[1]

Nicht anders sieht es auf Arbeitgeberseite aus, wo geradezu von einer Verbandsflucht gesprochen werden kann.[2] In Ostdeutschland treten viele Unternehmen der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gar nicht erst bei. Der Organisationsgrad in den traditionellen Wirtschafts- und Sozialverbänden ist so stark gesunken, dass Beobachter "allgemeine Organisationsmüdigkeit"[3] und die "Notlage einzelner Verbände und ganzer Verbandssektoren"[4] konstatieren.

Nicht anders ist das Bild bei den Großparteien: SPD und CDU verlieren seit Jahren kontinuierlich Mitglieder, hinzu tritt eine Überalterung der Mitgliedschaft.[5] Potenzielle Mitglieder sehen ihre spezifischen Interessen in Großorganisationen kaum noch adäquat berücksichtigt. Hausgemachte Probleme kommen hinzu - so verlor die SPD überdurchschnittlich viele Mitglieder im Zuge der Regierungspolitik der "Agenda 2010" des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.[6] Die Gewerkschaften haben lange Zeit den Anschluss an den Strukturwandel des Arbeitsmarktes verpasst, die Arbeitgeberverbände erst spät die Möglichkeit entdeckt, eine Mitgliedschaft ohne Bindung an Flächentarifverträge anzubieten. Mitgliedschaften werden vermehrt zweck- und projektorientiert verstanden und ohne Anreize entweder nicht eingegangen oder rasch wieder beendet. Selektive, ergebnisbezogene Anreize, also solche, die auf persönliche Vorteile abzielen, haben bei jüngeren Mitgliedern eine deutlich höhere Bedeutung im Vergleich zu anderen Beitrittsmotiven.[7] Verbände sind vermehrt dazu übergegangen, materielle Anreize für Mitglieder anzubieten - ein Weg, der Parteien kaum zur Verfügung steht.

Während die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt Gewerkschaften und SPD stärker betroffen haben, verlieren Kirchen und CDU/CSU aufgrund der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft an Gewicht. Es ist zwar weder den Kirchen noch der Union verborgen geblieben, dass sich die Altersgruppen der unter 50-Jährigen von den institutionellen, kulturellen und normativen Prägungen des Katholizismus bzw. Protestantismus entfernt haben, doch eine der Entwicklung entgegenwirkende Strategie haben sie bis heute nicht gefunden.[8]

Bei aller Auflösung der traditionellen Milieus soll aber keineswegs behauptet werden, dass sich über viele Jahrzehnte bewährte Kooperationsmuster zwischen Parteien und Verbänden vollständig aufgelöst hätten.[9] Zwar hat eine partielle Entkoppelung der beiden Akteurstypen der Interessenvermittlung stattgefunden,[10] dennoch bestehen Loyalitätsmuster fort. Die SPD versucht angesichts der Parteienkonkurrenz der Linken in jüngster Zeit vermehrt ihre Kooperation mit den Gewerkschaften zu revitalisieren.[11] Die Union ist weiterhin auf Katholiken mit hoher Kirchgangshäufigkeit als Stammwähler zur Gewinnung von Mehrheiten angewiesen.

Fußnoten

1.
Anke Hassel, Gewerkschaften, in: Thomas von Winter/Ulrich Willems (Hrsg.), Interessenverbände in Deutschland, Wiesbaden 2007, S. 177.
2.
Vgl. Wolfgang Schroeder, Arbeitgeberverbände, in: ebd., S. 210; siehe auch Werner Bührer, Unternehmerverbände und Staat in Deutschland, in: APuZ, (2006) 15 - 16, S. 23.
3.
Ulrich von Alemann/Florian Eckert, Lobbyismus als Schattenpolitik, in: APuZ, (2006) 15 - 16, S. 5.
4.
Alexander Straßner, Funktionen von Verbänden in der modernen Gesellschaft, in: APuZ, (2006) 15 - 16, S. 11.
5.
A. Hassel (Anm. 1) beobachtet eine besonders geringe Organisationsneigung bei jüngeren Arbeitnehmern (S. 178).
6.
Vgl. Uwe Jun, Sozialdemokratie in der Krise: Die SPD auf der Suche nach einer neuen Identität, in: Gesellschaft - Wirtschaft - Politik, 53 (2004), S. 325 - 340.
7.
Vgl. Markus Klein, Partizipation in politischen Parteien, in: Politische Vierteljahresschrift, 47 (2006), S. 51.
8.
Vgl. Franz Walter, Im Herbst der Volksparteien?, Bielefeld 2009, S. 45ff.
9.
Vgl. Bernhard Weßels, Organisierte Interessen und Rot-Grün: Temporäre Beziehungsschwäche oder zunehmende Entkoppelung zwischen Verbänden und Parteien?, in: Christoph Egle/Reimut Zohlnhöfer (Hrsg.), Ende des rot-grünen Projektes, Wiesbaden 2007, S. 163.
10.
Vgl. Theo Schiller, Verbände und Parteien, in: T. v. Winter/U. Willems (Anm. 1), S. 459.
11.
Vgl. Daniel Delhaes, Genossen kämpfen um die alte Mitte, in: Handelsblatt vom 30.4.-3.5. 2009, S. 5.