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Architektur als Philosophie - Philosophie der Architektur - Essay

5.6.2009

Architektur als Philosophie



Vom Turmbau zu Babel wird erzählt, dass die Menschheit sich mit ihm an die Stelle Gottes setzen wollte. Der Turm ragt in den Himmel als Symbol menschlicher Anmaßung. Das himmlische Jerusalem aus der Apokalypse des Johannes ist das Gegenbauwerk. Mit "Mauerwerk ... aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas", verweist es auf eine zukünftige Harmonie zwischen Mensch und Gott, der in dieser Stadt unter uns wohnen wird.[5]

Detailfreudig wird eine sinnfällige Architektur in den Utopien ausgemalt; Thomas Morus schildert in seiner Utopia von 1516 eine ideale Wirklichkeit (auch wenn es umstritten ist, ob er nicht eine ironische Lesart dieses Ideals nahelegt). Zu dieser Wirklichkeit gehört Amaurotum, eine wohl befestigte, fast quadratische Stadt mit schmucken Häusern an einem breiten Fluß. Hier wird die Heimstatt einer friedliebenden, aber wehrhaften Gemeinschaft entworfen. Das drückt sich in Befestigungsanlagen aus wie auch in der Gleichförmigkeit ihrer Gebäude: Diese Bauidee zeigt eine wechselseitige Achtung aller Bewohner; keiner will den anderen überragen. Die Architektur bekräftigt auch die Eigentumsordnung der Utopier:

"Kein Haus, das nicht, wie nach vorne die Straßentür, so nach hinten ein Pförtchen in den Garten hätte. Diese Türen sind zweiflügelig, mit einem leichten Druck der Hand zu öffnen, und gehen dann auch von selber wieder zu und lassen Jedermann ein, weil es ja Privateigentum nicht gibt."[6]

Dadurch, dass die Bauweise der Tür eine räumliche Abgrenzung unmöglich macht, soll auch das Sichern und Horten privaten Eigentums - und damit dieses selbst - undenkbar werden. (Zudem würde zugleich Diebstahl sinnlos werden, weil ja auch kein Dieb seine Beute sichern könnte.)

Eine andere Philosophie findet sich im Fun Palace, einem nie realisierten Entwurf des Briten Cedric Price aus den 1960er Jahren (die Entwürfe standen allerdings Pate für das Centre Pompidou in Paris). Das Menschenbild könnte kaum gegensätzlicher sein: Morus sieht den Menschen als Wesen mit fester Bedürfnisstruktur (zu der das Gärtnern, aber nicht das Eigentum gehört), Price betont die frei gewählte, ständige Veränderung menschlicher Interessen und Bedürfnisse, wobei Vergnügen ("Fun") die Erfüllung des Daseins ausmacht. Diese Dynamik soll das Bauwerk ausdrücken und unterstützen und damit im Kontrast zur seriellen Eintönigkeit der normalen Architektur stehen. Der Fun Palace ist ein großer Raum ohne feste Zimmerabgrenzungen, in dem für die jeweiligen Bedürfnisse immer neue Räume und Nutzungen entwickelt werden können. Den Fun Palace zu beleben wird selbst zu einem kreativen Erlebnis; seine Form ist unbestimmt, weil auch die menschlichen Bedürfnisse nicht festgelegt sind. Das drückt eine Weltsicht aus, nach der diese eine immer neu zu gestaltende Wirklichkeit ist, der wir jeweils Sinn und Bedeutung geben.

Architektur kann in verschiedenen Phasen der Entstehung Ausdruck einer Philosophie sein - nicht nur im Entwurfsplan oder in der Beschreibung, sondern auch in der konkreten Planung und Organisation des Baues. (Howards Gartenstädte etwa sollten genossenschaftlich organisiert sein, um mit dem Gemeineigentum auch die Gemeinschaft einer Siedlung zu stärken.) Beim Bauprozess werden ebenfalls Entscheidungen getroffen, hinter denen neben ökonomischen auch Wertüberzeugungen stehen: Das britische Arts and Crafts Movement des 19. Jahrhunderts beispielsweise forderte handwerkliche Gestaltungen, während die internationale Moderne industriell gefertigten Bauteilen den Vorzug gab. Das Bauwerk selbst spricht schließlich zu uns: Die großen Bögen am Bundeskanzleramt in Berlin sollen für die Offenheit der Demokratie stehen, während die versetzten Steine der neuen Synagoge in Dresden mitteilen, dass jüdisches Leben in Deutschland nie mehr "normal" sein kann. Was das Gebäude kommuniziert, kann sich allerdings über die Zeit ändern, wie auch die Bedeutung von Worten nicht stabil ist, sondern durch die wechselnden Bezugspunkte einer Zeit konstituiert wird. Und auch in der Sensibilität einer Architektur für ihren baulichen Kontext liegt ein Stück Philosophie: Es kann Ein- oder Unterordnung angestrebt werden (als Achtung vor einer Tradition), scheinbare Einordnung zum Betonen der eigenen Sonderstellung (wie beim Haus der Kunst in München, in dem sich das Dritte Reich als Vollendung klassischer Kunst feiern wollte) oder selbstbewusste Absetzung (wie beim unvermittelt massig aufragenden Fernsehturm auf dem Berliner Alexanderplatz).


Fußnoten

5.
Offenbarung d. Johannes [Apokalypse] 21, 1 - 25.
6.
Utopia Buch III, 3 (übersetzt und herausgegeben von I. E. Wessely, München 1896). Übersetzung leicht verändert.