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Architektur als Philosophie - Philosophie der Architektur - Essay

5.6.2009

Philosophie der Architektur



Was kann eine Philosophie der Architektur leisten? Eine ihrer Aufgaben ist es, die implizite Philosophie der gebauten Welt aufzuschlüsseln. Was sagt ein Gebäude und wie spricht es überhaupt? Denn es ist durchaus eine sonderbare Sprache, mit der wir es zu tun haben: Sie wird von wenigen Menschen verstanden, und von noch weniger gesprochen. Ein Gehör für die Sprache der Architektur muss erst erworben werden.

Die Philosophie der Architektur kennt verschiedene Teilbereiche, da auch Gebäude vielschichtig in unser Leben eingewoben sind. Man könnte von einer philosophischen Anthropologie der Architektur sprechen, wenn es um das ihr zugrundeliegende (oder durch sie beförderte) Menschenbild geht. Oder von der Ästhetik der Architektur: Sie fragt beispielsweise nach den Vorstellungen von Schönheit oder den Gründen für aufrechte, "stehende" oder "liegende" Fenster. Man sollte ferner die Metaphysik erwähnen: Es ist eine umfassende Aufgabe der Philosophie (bzw. Metaphysik) der Architektur, Aussagen über letzte Dinge, die das Bauwerk macht, zu verdeutlichen. Eine gotische und romanische Kathedrale verkörpern unterschiedliche Gottesbilder.

Die Philosophie der Architektur stellt auch sozialphilosophische Fragen: Welche gesellschaftlichen Bedingungen erklären Bauweisen oder spiegeln sich in ihnen? Die Gestaltung der Küche zeigt etwa die soziale Struktur. Thomas Morus fordert: "Überfamiliär ist die Gemeinschaft klosterähnlich organisiert mit Gemeinschaftsküche und gemeinsamen Speisungen." In den privaten Bürgerhäusern des 19. Jahrhunderts dagegen gab es nicht einmal eine Tür, bestenfalls eine Durchreiche zwischen Speiseraum und Küche, dem Ort für das Personal. Noch bis in die 1960er Jahre blieb die räumlich getrennte Küche als Ausdruck für die Aufgabe der Hausfrau erhalten, die aber nunmehr verschiedene Rollen übernimmt: Sie kocht für die Familie und Gäste, ist aber beim Essen dabei, nachdem sie die Küchentür geschlossen hat. In den letzten Jahrzehnten "wuchs" das Wohnzimmer und die Küche öffnete sich zuerst mit einer Anrichte in den Lebensbereich und gipfelte dann im Küchenblock; ein zentraler Arbeitsbereich, an dem man von vier Seiten gemeinsam kochen kann. Aus der einstmals untergeordneten Tätigkeit hinter verschlossenen Türen ist eine geteilte Freizeitbeschäftigung geworden.

Es gehört zur Philosophie, nicht nur eine analytische, sondern stets auch eine kritische bzw. bewertende Seite zu haben. Sie kann fragen, ob wir das, was wir vorfinden oder was geplant ist, auch gutheißen - und entsprechend, wie wir bauen sollten. Dieses bewertende Herangehen findet sich in allen genannten Bereichen. In der Ästhetik können Maßstäbe bewertet werden (zum Beispiel beim Streit darüber, ob man heute noch im klassischen Stil bauen darf), ebenso in der Anthropologie (ist das Menschenbild des Fun Palace angemessen oder lebt der Mensch gerade aus der Auseinandersetzung mit dem Vorgegebenen?). Eine sozialphilosophische Frage der Bewertung wäre: Sollen Bauwerke die Autonomie betonen oder den Menschen zu stärkerer Sozialität anregen?

Ein zentraler Bereich für die bewertende Herangehensweise ist natürlich die bisher noch nicht erwähnte Ethik der Architektur. Bauwerke sind moralisch nicht stumm, sondern verkörpern und befördern Werte. Wie Mies van der Rohe bemerkt:

"Ordnung ist mehr als Organisation. Organisation ist Zwecksetzung. Ordnung ist Sinngebung, und das hat sie mit der Baukunst gemein. Beide reichen weit über Zwecke und zielen im letzten Grund auf Werte."[7]

Auch hier kann man einen analytischen Aufgabenbereich der Ethik der Architektur von einem bewertenden unterscheiden. Ein heute wichtiges Thema wäre etwa die Nachhaltigkeit eines Gebäudes. Aber die ethische Relevanz geht weiter, sie schließt zum Beispiel den sozialen Bereich ein: Durch die Bauweise können etwa Begegnungen gefördert oder behindert werden (was man in der Architektursoziologie "behaviour settings" nennt) - Fußgängerzonen erlauben andere Interaktionen als autofreundliche Innenstädte.

Grob könnte man folgende ethisch relevante Aspekte der Architektur unterscheiden: 1. Professionelles Verhalten während der Planungs-, Entwurfs- und Bauphase. (Wie geht der Bauherr mit den Mitarbeitern um?) 2. Funktion und Gebrauch eines Gebäudes. (Ist es ein Sanatorium oder ein GULag?) 3. Der Einfluss des Gebäudes auf die Natur. (Ist das Gebäude nachhaltig gebaut?) 4. Der Einfluss auf individuelle Nutzer, ihre Gesundheit, Sicherheit und auf ihr allgemeines, einschließlich des psychologischen Wohlbefindens. (Gibt es genügend natürliches Licht im Innenraum?) 5. Der Einfluss auf menschliches Verhalten, individuell wie gesellschaftlich-allgemein. (Befördert es sozialen Kontakt?) 6. Die kulturelle und symbolische Bedeutung der Architektur, die durch Formgestalt, Materialgebrauch, Stil und andere Mittel etwas ausdrücken kann.[8] (Symbolisiert es einen übermächtigen Herrschaftswillen wie das von den Nationalsozialisten geplante Germania?)

Neben der Unterscheidung der Aspekte steht die schwierige Frage, welche Maßstäbe eine Ethik der Architektur zugrunde legen sollte. Ist ein gesellschaftliches Ideal großer Autonomie vorzuziehen wie in Apartment-Wohnblocks - oder sollte die Architektur sozialen Austausch befördern wie im New Urbanism, bei dem kleinteilige, fußgängerfreundliche Stadtteile in einer meist sehr traditionellen Stilsprache entworfen werden? Sollte sie alle Bedürfnisse der Bewohner befriedigen (selbst wenn dies Kitsch zur Folge hätte) oder eher erzieherisch wirken? Bei solchen Fragen herrscht nur wenig Übereinstimmung, was aber kaum verwundert - alle grundsätzlichen Diskussionen über angemessene Wertmaßstäbe für uns Menschen findet sich gespiegelt in der Frage, wonach sich die Architektur ausrichten sollte.

Die Philosophie der Architektur steckt noch in ihren Kinderschuhen. Und doch lohnt die Aufgabe, Architektur philosophisch weiter zu denken: Wenig umgibt uns so umfassend wie die gebaute Welt - zugleich sind unsere Augen und Ohren oft verschlossen für ihre Botschaft und Philosophie. Es ist an der Zeit, denkend tiefer in diesen wichtigen Bereich menschlicher Kultur vorzudringen, damit wir die Architektur unserer Gesellschaft - und damit uns - besser verstehen: und so vielleicht in Zukunft auch besser bauen.


Fußnoten

7.
Fritz Neumeyer, Mies van der Rohe. Das kunstlose Wort - Gedanken zur Baukunst, Berlin 19952, S. 392.
8.
Die sechs Aspekte sind mit leichten Veränderungen übernommen von C. Illies, Architektur als ethische Aufgabe. In welcher Hinsicht ist es moralisch relevant, wie wir bauen?, in: Bund Deutscher Architekten in Bayern (Hrsg.), Daedalus Code 190820082108, München 2008, S. 81 - 92, hier S. 82f.