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5.6.2009 | Von:
Joachim Fischer

Architektur: "schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft

Architektur: "konstitutives und transitives Medium" der Vergesellschaftung

Erst unter dieser Voraussetzung gilt der vielzitierte Satz Simmels: Die Grenze ist "eine soziale Tatsache, die sich räumlich formt".[9] Erst jetzt erhält die Vorstellung ihre Schwere, dass alle menschlichen Bereiche der Architektur anvertraut und ausgeliefert sind. In diesem Sinne ist die Architektur "ein Medium des Sozialen", insofern sie dem "Imaginären" einer jeweiligen Gesellschaft (Cornelius Castoriadis) gleichsam vorweg eilt, ihm überhaupt erst dauerhafte Gestalt verschafft, in der sich diese Gesellschaft als eine so und so bestimmte Gesellschaft erkennt.[10] Architektursoziologisch wird damit der "Entwurf" (der Architektinnen und Architekten) konstitutiv: Im Wandel der Bauaufgabe, von Grundriss, Größenordnung, Material, Gestalt wird ein latenter soziokultureller Wandel zu einer fixierten Raumgestalt.[11] Die Verknüpfung des sozialkonstitutiven Charakters der Baukörper mit ihrer gesellschaftlich umkämpften Sozialregulation bringt die Architektursoziologie in den Kern der Soziologie.

Fußnoten

9.
G. Simmel, Der Raum (Anm. 6).
10.
Dies wird von der Architektin, Philosophin und Soziologin Heike Delitz verfolgt, vgl. u.a.: dies., Architektur als Medium des Sozialen, Ein Vorschlag zur Neubegründung der Architektursoziologie, in: Sociologia Internationalis, 43 (2005) 1/2, S. 1 - 23; dies., Architektur als Medium des Sozialen, phil. Diss. TU Dresden 2009.
11.
Zur Analyse eines spektakulären Architekturensembles als Ausdruck des "Imaginären" der sozialistischen Gesellschaft, in dem diese sich erkennt und zeitverzögert vor sich selbst erschrickt: Joachim Fischer, Prager Straße in Dresden. Zur Architektursoziologie eines utopischen Stadtensembles, in: Ausdruck und Gebrauch, 5 (2005), S. 4 - 14.