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5.6.2009 | Von:
Joachim Fischer

Architektur: "schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft

Feminine Soziogenese von Architektur

Hat die Soziologie im Hinblick auf die Architektur so das anonyme Feld zwischen Sach- und Sozialdimension eröffnet, kann sie nun die "Figur" des Architekten "soziologisieren": in ihrer gesellschaftsgeschichtlichen Konstitution spezifizieren. Das grundlegende soziale Beziehungsmuster in der jeweiligen Genese von Architektur ist die Figuration Bauherr-Architekt-Nutzer (respektive Nutzerin). Dass die Relation triadisch ist, weil Bauherr und Nutzer nicht kongruent sind, dass Architekten nicht nur im Auftrag des "Bauherrn", sondern auch in Erwartung der Nutzer bauen, sieht man daran, dass sie bereits immer auch für Frauen (die bei der weltweit und weltgeschichtlich gebauten Architektur überwiegend nicht Auftraggeber oder Baumeister waren) mitgeplant und -gebaut haben. Architektursoziologisch gesehen waren Frauen über ihre Nutzererwartungen, ihre Geschmacksbildung und -entscheidung eine permanente Steuerungsgröße der Architektur. Über das Beziehungsgefüge Bauherr-Architekt-Nutzerin erlaubt es die Architektursoziologie, eine feminine Soziogenese bestimmter "Bautypen" (Tempel, Kirchen, Klöster, Hofhäuser, Wohnhäuser, Villen, Schlösser, Marktplätze, Theater, Passagen, Kaufhäuser) und vielleicht auch "Baustilen" zu rekonstruieren.[12] Soziologisch entscheidend an dieser Figuration ist aber, dass der Architekt Erwartungen aus verschiedenen Richtungen genügen und mit den technischen Möglichkeiten, topographischen und klimatischen Bedingungen koordinieren muss: die des Auftraggebers und die der heterogenen Nutzer. Die Position des Mittlers und Sündenbocks vervielfacht sich, wenn man die Konkurrenz (in Wettbewerben), die Kooperation (mit Handwerkern, Bauleiter, Statiker, Haustechniker), das Übersetzen (der unterschiedlichsten Vorstellungen in eine baukörperliche Gestalt) hinzunimmt. Die Situation wird noch komplizierter, wenn Bauherr und Investor nicht identisch sind.

Fußnoten

12.
Diese Beobachtung ist zunächst trivial und bedarf natürlich der speziellen Erforschung. Hat man diese systematische Mitberücksichtigung von Frauenerwartungen in der Architekturgeschichte verstanden, dann greifen die kritischen Differenzierungen der "gender studies" zum Geschlechterkampf um die "Baukörpergrenze".