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5.6.2009 | Von:
Joachim Fischer

Architektur: "schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft

Stadt als kommunikativer Baukörper-Raum

Mit der Etablierung der Architektursoziologie geht nicht nur eine Umakzentuierung der Raum-,[13] sondern auch der Stadtsoziologie einher. Die Architektur ist die Voraussetzung für die Bildung des sozialen Raumes, und durch den baulich erschlossenen Raum konstituiert sich die Stadt. Die Stadt als soziales System funktioniert primär über die Bauten, die Kommunikation vorgeben: Die Stadt selbst ist, noch bevor jemand die Lippen bewegt oder mit Geld klimpert, in Bau und Gegenbau ein System von Kommunikationsofferten. Architektur als eigenes Kommunikationssystem funktioniert als gebauter Hintergrund für Interaktionen für die Stadtbewohner, ist also der bauliche Hintergrund für das Verhalten der Akteure im öffentlichen Raum und für Interaktionen.[14]

Was wird im Medium Architektur kommuniziert? Was wird mitgeteilt und zur Akzeptanz nahegelegt? In jedem Fall die Differenzierung von Funktionen, das Auseinanderhalten spezialisierter Teilsysteme der Gesellschaft: von Profan- und Sakralsphäre, privater und öffentlicher, Ernst-, Produktions-, Spiel- und Konsumsphäre. In jedem Fall werden soziale Gleichheit oder Ungleichheit, das heißt, Machtverhältnisse, kommuniziert: in der Aneignung von Boden; der Beletage; den Wohnlagen zwischen Zentrum/Peripherie. Ebenso wichtig: In der Architektur kommunizieren die Generationen. In den nacheinander entstehenden, nebeneinander präsenten "Baustilen" geht es um Existenzfragen,[15] um Leben und Tod, - und zwar als "Stilisierungserscheinung" (Georg Simmel), wenn man sich die Titel "Tod und Leben großer amerikanischer Städte" oder "gemordete Stadt"[16] in Erinnerung ruft. Die Baukörper in ihren "Baustilen" evozieren oder blockieren Weisen menschlichen Lebens.

Fußnoten

13.
Dieser Primat der Architektursoziologie gilt sowohl im Verhältnis zur voluntaristischen (Martina Löw, Raumsoziologie, Frankfurt/M. 2001) wie zur eher realistischen Raumsoziologie (M. Schroer, Anm. 7).
14.
Stadt als gebauter Erscheinungsraum für die voreinander erscheinenden Interakteure: Vgl. Hans-Paul Bahrdt, Die moderne Großstadt. Soziologische Überlegungen zum Städtebau (1961), Opladen 1998; Erving Goffman, Territorien des Selbst. Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung (1971), Frankfurt/M. 1974.
15.
Vgl. Christian Illies, Die Architektur als Kunst, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 50 (2005) 1, S. 57 - 76, 71f. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay von Chr. Illies in dieser Ausgabe.
16.
Jane Jacobs, Tod und Leben großer amerikanischer Städte (1961), Gütersloh 1965; Wolf Jobst Siedler/Elisabeth Niggemeyer, Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum, Berlin 1964; das Kinder-Erwachsenenbuch zur Dramatik von Architekturstreit: Jörg Müller, Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn oder Die Veränderung der Stadt, Aarau-Frankfurt/M. 1976.