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5.6.2009 | Von:
Joachim Fischer

Architektur: "schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft

Architektursoziologie als Korrektiv der soziologischen Diagnostik der Moderne

Unausräumbarkeit des Raumes in der Moderne: Nun ist die Stadt nicht mit der Gesellschaft identisch. Die soziologische Theorie hat die Strukturprinzipien der Moderne in der Abgelöstheit vom Raum erkannt. Dahinter verbirgt sich die Erfahrung, dass die "Aufnahme wirtschaftlichen Handelns und Geldgebrauchs gegenüber Unbekannten" nicht an den städtischen Raum gebunden ist.[17] Diese Raumabgelöstheit ist die Entdeckung der Soziologie, auf den Begriff gebracht von Niklas Luhmann. Das Paradigma ist die "Schrift" als Inbegriff eines "geflügelten" Kommunikationsmediums; und der Inbegriff aller "geflügelten Erfolgsmedien" (die durch Selektion Kommunikation wahrscheinlich machen) ist das "Geld".[18] Das Credo der Soziologie der Moderne ist, dass es zu einer Umstellung der Vergesellschaftung von der "architekturgestützten Disziplinierung" zur "medienvermittelten Vergesellschaftung" kommt (Michael Makropoulos).

Die Architektursoziologie kann erneut als Korrektiv fungieren. Wegen ihrer Omnipräsenz kann man sie als grundierendes Kommunikationsmedium der Gesellschaft verstehen, gewissermaßen als Basso continuo. Menschen gleiten Tag für Tag, Nacht für Nacht an den Gebäuden entlang, die ihnen Sinnofferten "zuwinken". "Schwer" ist die Architektur, weil es eine am Material haftende Kommunikation ist (Holz, Stein, Stahl, Glas): schwerer als der Körper und größer, aber auf ihn bezogen. Selbst wenn die Stadt praktisch nicht mehr nötig wäre (was undenkbar ist), wäre sie noch aus Gründen der Wahrnehmung erwartbar. Die "leichten" Kommunikationsmedien bleiben an das "schwere" gebunden. Die Architektursoziologie öffnet die Augen für die Unausräumbarkeit des Raumes in der Moderne.

Ahnenkommunikation der modernen Gesellschaft: Die meisten Menschen leben in Häusern, die sie nicht selbst gebaut haben. Wegen der materiellen Schwere der Architektur ist die Moderne ungeachtet aller Beschleunigung charakterisiert durch eine nur partielle Möglichkeit der "Umkonstruierung": Jedes Bauwerk, das vor meiner eigenen biographischen Spanne errichtet ist, gleich ob es umgenutzt oder umgebaut worden ist, strahlt die Sinnofferte der Ahnen ab. Architektursoziologie, verstanden auch als Beobachtung der Gegenwartsgesellschaft, erschließt diese als Ahnenkommunikation, als unhintergehbare Kommunikation zwischen mehreren Generationen. Nicht an Spezialorten wie dem Friedhof oder dem Archiv sind die - vertrauten oder fremden - Vorfahren präsent, sondern auch noch in den Baukörpern der futuristischen Stadt, "futuristisch" aus Sicht einer bereits vergangenen Generation.[19]

Unaufräumbarkeit der Moderne: Man kann schließlich verstehen, warum es in der "virtuellen" Moderne Architekturstreite gibt, den Kampf um die Baukörper, warum die Frage des Baustils gesellschaftlich gravierend ist: Alle Baustile sind in der Moderne identifizierbar. Wie nirgend sonst macht die moderne Gesellschaft in den städtischen Räumen die Erfahrung der systemischen Unvollendbarkeit der Moderne. Immer geht es darum, wie die umbauten Räume zueinander in Beziehung treten, wie Innenräume abgeschirmt und perforiert werden und in ihrer "Stilisierung" zu den anderen Bauwerken Beziehungen aufnehmen. Durch jede Destruktion, jede Um-, Neu- und Rekonstruktion verschiebt sich etwas im Kommunikationssystem der Baukörper - und damit auch im Verhältnis der Bewohner zu einander. Die Bauhaus-Moderne mit den Gebärden des Aufbruchs; das traditionale Bauen mit der Schutzgebärde; der Expressionismus voll mythischer Baukörpermasken; der Neoklassizismus mit einer Erhabenheits- und Einschüchterungsgeste; die "Postmoderne" mit den der Gesellschaft mitgeteilten Lockerungsübungen; der "Dekonstruktivismus" mit bautechnisch gekonnten Störgesten; die "Rekonstruktion" als Kommunikation mit den Vorfahren bürgerlicher Vergesellschaftung - alle diese Baustile sind für eine architektursoziologische Diagnostik als gesellschaftliche Sozialregulationen identifizierbar. Man versteht, warum mit "Moderne" und "Postmoderne" Baustile der soziologischen Gesellschaftsgeschichte die Titel geben und warum umgekehrt mit »Kontruktivismus« und »Dekonstruktivismus« Architekturmetaphern Leitparadigmen sozial-kulturwissenschaftlicher Theoriebildung werden.

Architekturdebatten können keine Nebendebatten der Moderne sein - so wie Architektursoziologie keine nur periphere Disziplin sein kann, nicht in der Sozialtheorie, nicht in der Raum- und Stadtsoziologie und auch nicht in der Gesellschaftstheorie der Moderne.

Fußnoten

17.
Vgl. Dirk Baecker, Platon, oder die Form der Stadt, in: ders., Wozu Soziologie?, Berlin 2004, S. 189 - 214, 199f.
18.
Vgl. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde., Frankfurt/M. 1997, Bd. 1, S. 190 - 412.
19.
Zur Durchführung einer architektursoziologischen Stadtanalyse: Joachim Fischer/Heike Delitz, Stadtvisionen. Idee zu einer neuen Stadtanalyse, in: dies. (Hrsg.), Stadtvisionen für Dresden, Dresdner Hefte, 92 (2007), S. 3f.: Eine gegenwärtige Stadt (Dresden) wird als komplexes Resultat verschiedener "Stadtvisionen" (je gebauter und geplanter Lebensentwürfe) rekonstruiert: barocke Stadtvision, Stadtvisionen des Bürgertums, Stadtutopie der Lebensreform, nationalsozialistische Stadtvision, die Architekturvision des Sozialismus, die Vision der "europäischen Stadt" nach 1989.