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5.6.2009 | Von:
Joachim Fischer

Architektur: "schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft

Architekturdebatten dürfen keine Nebendebatten, Architektursoziologie keine nur periphere Disziplin sein, nicht in der Sozialtheorie, nicht in der Raum- und Stadtsoziologie und auch nicht in der Gesellschaftstheorie der Moderne.

Einleitung

Warum kommt der "schweren" Architektur (und über sie dem Raum und der Stadt) zentrale Bedeutung zu? Warum gibt es in einer Gesellschaft aufmerksamkeitsfesselnde Architekturdebatten über die Gestalt der Städte? Antworten darauf kann die sich etablierende Architektursoziologie geben - als ein Korrektiv zur Soziologie der Moderne. Letztere tendiert in ihrer Eichung auf abstrakte Prinzipien der Vergesellschaftung (Geld, Recht, Schrift, virtuelle Medien) dazu, eine Gesellschaftstheorie ohne Stadt und eine Stadtsoziologie ohne Architektur zu betreiben - bzw. beide stets erst nachträglich zu thematisieren. Die folgenden Überlegungen kreisen um das Ziel, die Architektursoziologie von der Peripherie in das Zentrum der Soziologie zu lotsen.[1]




Zunächst ist die Architektur als eigenlogisches Medium zu präzisieren, um sie überhaupt als spezifisches Kommunikationsmedium des Sozialen zu erschließen. Damit gelingt eine neue Akzentuierung der Raum- und der Stadtsoziologie, wird also die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Architektursoziologie ins Zentrum der soziologischen Diagnostik gelangen kann. Man erkennt, weshalb die gebaute "Architektur der Gesellschaft" konstitutiv ist für die "Architektur der Gesellschaft" (i. S. ihrer Struktur) - warum Architekturstreite Zentraldebatten gegenwärtiger Vergesellschaftung sind. Dabei ist die Architektursoziologie nicht zu verwechseln mit der "Architekturtheorie" (Ideengeschichte der Architektur), der "Architekturkritik" (Wertung des Gebauten) und "Architekturphilosophie" (Ästhetik und Ethik der Architektur).[2]

Zur Eigenlogik der Architektur: Baukörpergrenze

Die Architektursoziologie ins Zentrum der Soziologie zu bringen, macht einen Umweg erforderlich. Die Soziologie muss sich der Architektur nähern, ohne sofort deren soziale Dimension zu erschließen: Das geschieht am besten über die Kultursoziologie. Denn die Soziologie begreift die Architektur zu rasch in Analogie zu anderen Medien, ungeachtet dessen, dass Architektur weder wie "Sprache", "Text", "Bild", "Skulptur", "Musik" noch wie ein technisches "Artefakt" funktioniert. Ihre Eigenlogik oder ihre "symbolische Form" (Ernst Cassirer) zu ermitteln, heißt auf das spezifische "Wie" der kulturellen Welt- und Selbsterschließung im Bauwerk achtzugeben - noch bevor sich die Frage nach dem Zweck, nach der Funktion stellt.

Charakteristisch für die Architektur ist die Umschließung eines Raumes - die Grenzziehung zwischen Innen/Außen -, in den Öffnungen eingefügt sind, die geschlossen werden können.[3] Als Baukörpergrenze ist Architektur notwendig die Kopplung von Funktion und Ausdruck (wie Kleid und Haut). Sie ist der umschlossene Raum, in den man schlüpft, aus dem man herausblickt und -tritt. Architektur vermittelt derart die Anschauung der Reduktion von Komplexität: eine genuine System-Umwelt-Erfahrung stabilisierter Binnenkomplexität im Verhältnis zur "Welt-im-Übrigen". Dabei "wird nicht etwas im Raum gebaut, sondern archaischer Hüttenbau wie moderne Architektur betreiben beide Herstellung und Gestaltung von Raum. Der Raum entsteht gleichzeitig mit und durch das Bauen".[4] Jede Raumbildung impliziert zugleich eine Grenzziehung, die ein Drinnen von einem Draußen scheidet und ein Oben von einem Unten. Der durch die "Baukörpergrenze" gebildete Raum ist der Nullpunkt von Nähe und Ferne; und auch die Territoriumsgrenze erschließt sich vom Haus aus - wie das Meer vom gebauten Hafen.

Architektur als Kommunikationsmedium

Hat man die Architektur als "Baukörpergrenze" bestimmt, hält man den Schlüssel zur Raumsoziologie in der Hand, indem man von einem kulturtheoretischen Begriff (Ernst Cassirer) zu einem soziologischen Begriff des "Kommunikationsmediums" (Niklas Luhmann) "umschaltet". Architektur ist ein Kommunikationsmedium, sie bahnt die "Verkehrsformen" zwischen den Menschen.[5] Wenn der Mensch "das Grenzwesen (ist), das keine Grenze hat",[6] kommt für die Vergesellschaftung alles darauf an, dass diese "Grenzwesen" im Material des Sicht-, Hör-, Riech- und Tastbaren "Wege" und "Brücken" zueinander und zugleich durch Haus, Tür und Fenster eine "soziale Begrenzung" finden. Diese Grenzziehung hat Georg Simmel als "Stilisierungserscheinung", als vermittelte Unmittelbarkeit des Sozialen charakterisiert. So wie Kleider Leute machen, machen die Wände die Baukörper - und formieren die hinein- und hinausschlüpfenden Personen.

Gebaut wird "nach dem Vorbild des Körpers (...) Die geläufigen Begriffe von Kopf und Fuß, Gesicht und Rücken tauchen als Unterscheidungen von oben und unten, vorn und hinten am Gebäude als Dach- und Untergeschoss, Vorder- und Rückseite wieder auf", und in Analogie zur menschlichen Haut: "Vor allem folgt die Differenz von innen und außen, die für das Wohnen eminente Bedeutung hat, unmittelbar dem Körperschema. Ebenso wie Eigen- und Fremdkörper voneinander getrennt werden, wird auch in der Architektur ein Eigenbereich von einem Fremdbereich, die Privatsphäre von der Öffentlichkeit unterschieden."[7] In ihrer Expressivität liegen die Häuser, die Baukörper selbst mitteilsam gegenüber, in Bau und Gegenbau - so wie Kinder es bereits wahrnehmen. Die Baukörper sind also nicht nur "gebaute Umwelt" von Interaktionen, sondern gehören als Häuser mit Gesichtern selbst immer schon zur Mitwelt von Kommunikationen.[8] Dieser sozial konstitutive Charakter der Baukörper macht plausibel, warum die "Sozialregulation" der Architektur für die Gesellschaft so wichtig ist.

Architektur: "konstitutives und transitives Medium" der Vergesellschaftung

Erst unter dieser Voraussetzung gilt der vielzitierte Satz Simmels: Die Grenze ist "eine soziale Tatsache, die sich räumlich formt".[9] Erst jetzt erhält die Vorstellung ihre Schwere, dass alle menschlichen Bereiche der Architektur anvertraut und ausgeliefert sind. In diesem Sinne ist die Architektur "ein Medium des Sozialen", insofern sie dem "Imaginären" einer jeweiligen Gesellschaft (Cornelius Castoriadis) gleichsam vorweg eilt, ihm überhaupt erst dauerhafte Gestalt verschafft, in der sich diese Gesellschaft als eine so und so bestimmte Gesellschaft erkennt.[10] Architektursoziologisch wird damit der "Entwurf" (der Architektinnen und Architekten) konstitutiv: Im Wandel der Bauaufgabe, von Grundriss, Größenordnung, Material, Gestalt wird ein latenter soziokultureller Wandel zu einer fixierten Raumgestalt.[11] Die Verknüpfung des sozialkonstitutiven Charakters der Baukörper mit ihrer gesellschaftlich umkämpften Sozialregulation bringt die Architektursoziologie in den Kern der Soziologie.

Feminine Soziogenese von Architektur

Hat die Soziologie im Hinblick auf die Architektur so das anonyme Feld zwischen Sach- und Sozialdimension eröffnet, kann sie nun die "Figur" des Architekten "soziologisieren": in ihrer gesellschaftsgeschichtlichen Konstitution spezifizieren. Das grundlegende soziale Beziehungsmuster in der jeweiligen Genese von Architektur ist die Figuration Bauherr-Architekt-Nutzer (respektive Nutzerin). Dass die Relation triadisch ist, weil Bauherr und Nutzer nicht kongruent sind, dass Architekten nicht nur im Auftrag des "Bauherrn", sondern auch in Erwartung der Nutzer bauen, sieht man daran, dass sie bereits immer auch für Frauen (die bei der weltweit und weltgeschichtlich gebauten Architektur überwiegend nicht Auftraggeber oder Baumeister waren) mitgeplant und -gebaut haben. Architektursoziologisch gesehen waren Frauen über ihre Nutzererwartungen, ihre Geschmacksbildung und -entscheidung eine permanente Steuerungsgröße der Architektur. Über das Beziehungsgefüge Bauherr-Architekt-Nutzerin erlaubt es die Architektursoziologie, eine feminine Soziogenese bestimmter "Bautypen" (Tempel, Kirchen, Klöster, Hofhäuser, Wohnhäuser, Villen, Schlösser, Marktplätze, Theater, Passagen, Kaufhäuser) und vielleicht auch "Baustilen" zu rekonstruieren.[12] Soziologisch entscheidend an dieser Figuration ist aber, dass der Architekt Erwartungen aus verschiedenen Richtungen genügen und mit den technischen Möglichkeiten, topographischen und klimatischen Bedingungen koordinieren muss: die des Auftraggebers und die der heterogenen Nutzer. Die Position des Mittlers und Sündenbocks vervielfacht sich, wenn man die Konkurrenz (in Wettbewerben), die Kooperation (mit Handwerkern, Bauleiter, Statiker, Haustechniker), das Übersetzen (der unterschiedlichsten Vorstellungen in eine baukörperliche Gestalt) hinzunimmt. Die Situation wird noch komplizierter, wenn Bauherr und Investor nicht identisch sind.

Stadt als kommunikativer Baukörper-Raum

Mit der Etablierung der Architektursoziologie geht nicht nur eine Umakzentuierung der Raum-,[13] sondern auch der Stadtsoziologie einher. Die Architektur ist die Voraussetzung für die Bildung des sozialen Raumes, und durch den baulich erschlossenen Raum konstituiert sich die Stadt. Die Stadt als soziales System funktioniert primär über die Bauten, die Kommunikation vorgeben: Die Stadt selbst ist, noch bevor jemand die Lippen bewegt oder mit Geld klimpert, in Bau und Gegenbau ein System von Kommunikationsofferten. Architektur als eigenes Kommunikationssystem funktioniert als gebauter Hintergrund für Interaktionen für die Stadtbewohner, ist also der bauliche Hintergrund für das Verhalten der Akteure im öffentlichen Raum und für Interaktionen.[14]

Was wird im Medium Architektur kommuniziert? Was wird mitgeteilt und zur Akzeptanz nahegelegt? In jedem Fall die Differenzierung von Funktionen, das Auseinanderhalten spezialisierter Teilsysteme der Gesellschaft: von Profan- und Sakralsphäre, privater und öffentlicher, Ernst-, Produktions-, Spiel- und Konsumsphäre. In jedem Fall werden soziale Gleichheit oder Ungleichheit, das heißt, Machtverhältnisse, kommuniziert: in der Aneignung von Boden; der Beletage; den Wohnlagen zwischen Zentrum/Peripherie. Ebenso wichtig: In der Architektur kommunizieren die Generationen. In den nacheinander entstehenden, nebeneinander präsenten "Baustilen" geht es um Existenzfragen,[15] um Leben und Tod, - und zwar als "Stilisierungserscheinung" (Georg Simmel), wenn man sich die Titel "Tod und Leben großer amerikanischer Städte" oder "gemordete Stadt"[16] in Erinnerung ruft. Die Baukörper in ihren "Baustilen" evozieren oder blockieren Weisen menschlichen Lebens.

Architektursoziologie als Korrektiv der soziologischen Diagnostik der Moderne

Unausräumbarkeit des Raumes in der Moderne: Nun ist die Stadt nicht mit der Gesellschaft identisch. Die soziologische Theorie hat die Strukturprinzipien der Moderne in der Abgelöstheit vom Raum erkannt. Dahinter verbirgt sich die Erfahrung, dass die "Aufnahme wirtschaftlichen Handelns und Geldgebrauchs gegenüber Unbekannten" nicht an den städtischen Raum gebunden ist.[17] Diese Raumabgelöstheit ist die Entdeckung der Soziologie, auf den Begriff gebracht von Niklas Luhmann. Das Paradigma ist die "Schrift" als Inbegriff eines "geflügelten" Kommunikationsmediums; und der Inbegriff aller "geflügelten Erfolgsmedien" (die durch Selektion Kommunikation wahrscheinlich machen) ist das "Geld".[18] Das Credo der Soziologie der Moderne ist, dass es zu einer Umstellung der Vergesellschaftung von der "architekturgestützten Disziplinierung" zur "medienvermittelten Vergesellschaftung" kommt (Michael Makropoulos).

Die Architektursoziologie kann erneut als Korrektiv fungieren. Wegen ihrer Omnipräsenz kann man sie als grundierendes Kommunikationsmedium der Gesellschaft verstehen, gewissermaßen als Basso continuo. Menschen gleiten Tag für Tag, Nacht für Nacht an den Gebäuden entlang, die ihnen Sinnofferten "zuwinken". "Schwer" ist die Architektur, weil es eine am Material haftende Kommunikation ist (Holz, Stein, Stahl, Glas): schwerer als der Körper und größer, aber auf ihn bezogen. Selbst wenn die Stadt praktisch nicht mehr nötig wäre (was undenkbar ist), wäre sie noch aus Gründen der Wahrnehmung erwartbar. Die "leichten" Kommunikationsmedien bleiben an das "schwere" gebunden. Die Architektursoziologie öffnet die Augen für die Unausräumbarkeit des Raumes in der Moderne.

Ahnenkommunikation der modernen Gesellschaft: Die meisten Menschen leben in Häusern, die sie nicht selbst gebaut haben. Wegen der materiellen Schwere der Architektur ist die Moderne ungeachtet aller Beschleunigung charakterisiert durch eine nur partielle Möglichkeit der "Umkonstruierung": Jedes Bauwerk, das vor meiner eigenen biographischen Spanne errichtet ist, gleich ob es umgenutzt oder umgebaut worden ist, strahlt die Sinnofferte der Ahnen ab. Architektursoziologie, verstanden auch als Beobachtung der Gegenwartsgesellschaft, erschließt diese als Ahnenkommunikation, als unhintergehbare Kommunikation zwischen mehreren Generationen. Nicht an Spezialorten wie dem Friedhof oder dem Archiv sind die - vertrauten oder fremden - Vorfahren präsent, sondern auch noch in den Baukörpern der futuristischen Stadt, "futuristisch" aus Sicht einer bereits vergangenen Generation.[19]

Unaufräumbarkeit der Moderne: Man kann schließlich verstehen, warum es in der "virtuellen" Moderne Architekturstreite gibt, den Kampf um die Baukörper, warum die Frage des Baustils gesellschaftlich gravierend ist: Alle Baustile sind in der Moderne identifizierbar. Wie nirgend sonst macht die moderne Gesellschaft in den städtischen Räumen die Erfahrung der systemischen Unvollendbarkeit der Moderne. Immer geht es darum, wie die umbauten Räume zueinander in Beziehung treten, wie Innenräume abgeschirmt und perforiert werden und in ihrer "Stilisierung" zu den anderen Bauwerken Beziehungen aufnehmen. Durch jede Destruktion, jede Um-, Neu- und Rekonstruktion verschiebt sich etwas im Kommunikationssystem der Baukörper - und damit auch im Verhältnis der Bewohner zu einander. Die Bauhaus-Moderne mit den Gebärden des Aufbruchs; das traditionale Bauen mit der Schutzgebärde; der Expressionismus voll mythischer Baukörpermasken; der Neoklassizismus mit einer Erhabenheits- und Einschüchterungsgeste; die "Postmoderne" mit den der Gesellschaft mitgeteilten Lockerungsübungen; der "Dekonstruktivismus" mit bautechnisch gekonnten Störgesten; die "Rekonstruktion" als Kommunikation mit den Vorfahren bürgerlicher Vergesellschaftung - alle diese Baustile sind für eine architektursoziologische Diagnostik als gesellschaftliche Sozialregulationen identifizierbar. Man versteht, warum mit "Moderne" und "Postmoderne" Baustile der soziologischen Gesellschaftsgeschichte die Titel geben und warum umgekehrt mit »Kontruktivismus« und »Dekonstruktivismus« Architekturmetaphern Leitparadigmen sozial-kulturwissenschaftlicher Theoriebildung werden.

Architekturdebatten können keine Nebendebatten der Moderne sein - so wie Architektursoziologie keine nur periphere Disziplin sein kann, nicht in der Sozialtheorie, nicht in der Raum- und Stadtsoziologie und auch nicht in der Gesellschaftstheorie der Moderne.
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Fußnoten

1.
Ein erster Versuch, am Fall eines Bau- und Stadtplatzes aus verschiedenen soziologischen Perspektiven die Moderne zu diagnostizieren: Joachim Fischer/Michael Makropoulos (Hrsg.), Der Potsdamer Platz. Soziologische Theorien zu einem Ort der Moderne, München 2004.
2.
Vgl. den Beitrag von Christian Illies in diesem Heft.
3.
Bekannt ist Gottfried Sempers Ursprungsreflexion über die Architektur, welche die Wände aus dem gewundenen Flechtwerk herleitet, aus dem die Grenzen des Baukörpers hergestellt werden. In den Baukörpergrenzen sichert das menschliche Lebewesen die Gefährdetheit und Gleichgewichtslosigkeit seiner Existenz (Temperatur-, Witterungsschutz, Feindabwehr) und reguliert zugleich sein Erscheinen in der Welt - wie umgekehrt das Erscheinen ausgewählter und geordneter Welt im künstlich abgesteckten Bezirk.
4.
Andreas Ziemann, Die Brücke zur Gesellschaft. Erkenntniskritische und topographische Implikationen der Soziologie Georg Simmels, Konstanz 2000, S. 260f.
5.
"Verkehrsformen" im mehrfachen Sinn des Wortes: Mobilität, Handel, Umgang (Verkehrssprache), Paarung.
6.
Georg Simmel, Brücke und Tür, in: ders. Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft, hrsg. von Michael Landmann, Stuttgart 1957, S. 6. Das ist der architektursoziologische Subtext seiner Raumsoziologie: "Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft", in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (1908), Berlin 1968, S. 460 - 526.
7.
Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes, Frankfurt/M. 2006, 280f. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von M. Schroer in dieser Ausgabe.
8.
Zum Axiom des Ausdrucksüberschusses der menschlichen Wahrnehmung vgl. Max Scheler, Wesen und Formen der menschlichen Sympathie, [1913] 2003, S. 233: Alle Phänomene werden zunächst als belebt wahrgenommen; erst in einer nachträglichen Limitierung wird die Sach- von der Sozialdimension abgezogen. Vgl. die Spiegelneurone-Theorie als neurobiologische Bestätigung: Giacomo Rizzolatti/Corrado Sinigaglia, Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls, Frankfurt/M. 2008.
9.
G. Simmel, Der Raum (Anm. 6).
10.
Dies wird von der Architektin, Philosophin und Soziologin Heike Delitz verfolgt, vgl. u.a.: dies., Architektur als Medium des Sozialen, Ein Vorschlag zur Neubegründung der Architektursoziologie, in: Sociologia Internationalis, 43 (2005) 1/2, S. 1 - 23; dies., Architektur als Medium des Sozialen, phil. Diss. TU Dresden 2009.
11.
Zur Analyse eines spektakulären Architekturensembles als Ausdruck des "Imaginären" der sozialistischen Gesellschaft, in dem diese sich erkennt und zeitverzögert vor sich selbst erschrickt: Joachim Fischer, Prager Straße in Dresden. Zur Architektursoziologie eines utopischen Stadtensembles, in: Ausdruck und Gebrauch, 5 (2005), S. 4 - 14.
12.
Diese Beobachtung ist zunächst trivial und bedarf natürlich der speziellen Erforschung. Hat man diese systematische Mitberücksichtigung von Frauenerwartungen in der Architekturgeschichte verstanden, dann greifen die kritischen Differenzierungen der "gender studies" zum Geschlechterkampf um die "Baukörpergrenze".
13.
Dieser Primat der Architektursoziologie gilt sowohl im Verhältnis zur voluntaristischen (Martina Löw, Raumsoziologie, Frankfurt/M. 2001) wie zur eher realistischen Raumsoziologie (M. Schroer, Anm. 7).
14.
Stadt als gebauter Erscheinungsraum für die voreinander erscheinenden Interakteure: Vgl. Hans-Paul Bahrdt, Die moderne Großstadt. Soziologische Überlegungen zum Städtebau (1961), Opladen 1998; Erving Goffman, Territorien des Selbst. Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung (1971), Frankfurt/M. 1974.
15.
Vgl. Christian Illies, Die Architektur als Kunst, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 50 (2005) 1, S. 57 - 76, 71f. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay von Chr. Illies in dieser Ausgabe.
16.
Jane Jacobs, Tod und Leben großer amerikanischer Städte (1961), Gütersloh 1965; Wolf Jobst Siedler/Elisabeth Niggemeyer, Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum, Berlin 1964; das Kinder-Erwachsenenbuch zur Dramatik von Architekturstreit: Jörg Müller, Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn oder Die Veränderung der Stadt, Aarau-Frankfurt/M. 1976.
17.
Vgl. Dirk Baecker, Platon, oder die Form der Stadt, in: ders., Wozu Soziologie?, Berlin 2004, S. 189 - 214, 199f.
18.
Vgl. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde., Frankfurt/M. 1997, Bd. 1, S. 190 - 412.
19.
Zur Durchführung einer architektursoziologischen Stadtanalyse: Joachim Fischer/Heike Delitz, Stadtvisionen. Idee zu einer neuen Stadtanalyse, in: dies. (Hrsg.), Stadtvisionen für Dresden, Dresdner Hefte, 92 (2007), S. 3f.: Eine gegenwärtige Stadt (Dresden) wird als komplexes Resultat verschiedener "Stadtvisionen" (je gebauter und geplanter Lebensentwürfe) rekonstruiert: barocke Stadtvision, Stadtvisionen des Bürgertums, Stadtutopie der Lebensreform, nationalsozialistische Stadtvision, die Architekturvision des Sozialismus, die Vision der "europäischen Stadt" nach 1989.