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30 Jahre Europawahlen

26.5.2009

Perspektiven der Europawahlforschung



Nur in einem Teil der europäischen Länder gibt es institutionalisierte nationale Wahlstudien.[35] Wo diese fehlen, ist man von Wahl zu Wahl auf Initiativen einzelner Wahlforscher, Forschergruppen und/oder Umfrageinstitute angewiesen. Warum sollte es mit Blick auf Europawahlen anders sein? Obwohl es nach wie vor keine längerfristig angelegte Europawahlstudie gibt, ist die Anzahl von Datenerhebungen und -analysen der European Election Study Group beträchtlich.[36] Für 1979 und 1984 wurden Wählerdaten im Rahmen der Eurobarometer erhoben, seit 1989 im Rahmen eigener Wählerstudien. Für 1979 und seit 1999 wurden zudem Mediendaten generiert, für die Wahljahre 1979 und 1994 liegen Daten aus Kandidatenbefragungen vor. Seit 2004 gibt es darüber hinaus eine bis ins Jahr 1979 zurückreichende Sammlung und inhaltsanalytische Aufbereitung der Europawahlprogramme.

Trotz fehlender Finanzierung einer europaweiten Wählerstudie konnten auch 2004 Wählerdaten (dezentral) erhoben sowie Medien- und Wahlprogramm-Inhaltsanalysen realisiert werden.[37] Diese Tatsache mag dazu beigetragen haben, dass es für die Europawahl 2009 gelang, eine umfangreiche Forschungsförderung für das Europawahlprojekt "Providing an Infrastructure for Research on Electoral Democracy in the European Union" (PIREDEU) im siebten Rahmenprogramm der Europäischen Kommission zu erhalten.[38] Die am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz angesiedelte Studie umfasst die Befragung von Wählern und Kandidaten, Medieninhaltsanalysen, Wahlprogrammanalysen und die Sammlung relevanter Kontextdaten (unter anderem Wahlsysteminformationen und Wahlergebnisse). Das Hauptaugenmerk liegt auf der inhaltlichen Abstimmung der einzelnen Studienteile.

Durch gleiche oder verknüpfte Fragestellungen erhöht sich das (kombinierte) Analysepotenzial der Studienteile erheblich. Dies wird einerseits die inhaltlichen Fragestellungen homogenisieren, andererseits bestehende Forschungslücken schließen. Erstmals werden so 2009 Europawahlkandidaten aus den jüngeren (1995) und jüngsten (2004) Beitrittsländern befragt. Zum anderen wird versucht, den Bestand an Aggregatdaten zu konsolidieren. So gibt es beispielsweise bis dato trotz aller technischen Möglichkeiten immer noch Schwierigkeiten bei der Recherche nach amtlichen Europawahlergebnissen.[39] Das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften (Eurostat) stellt zwar umfangreiches Datenmaterial zu Strukturindikatoren, wirtschaftlicher Entwicklung und öffentlicher Gesundheit in allen EU-Mitgliedstaaten bereit, dokumentiert jedoch nicht die Europawahlergebnisse, da ein entsprechender Auftrag der EU-Kommission fehlt. Es gibt auch keine andere europäische Institution, die amtliche Wahlergebnisse der einzelnen Länder sammelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt - selbst das EP nennt auf den Internetseiten zur Europawahl 1999 und 2004 nur die provisorischen Ergebnisse auf nationaler Ebene.[40] Wer an amtlichen Wahlergebnissen für das gesamte EP interessiert ist, muss die verantwortlichen Institutionen in sämtlichen Mitgliedstaaten kontaktieren. Dieses kleine Beispiel verdeutlicht, dass Europawahlen auch 30 Jahre nach der ersten Direktwahl immer noch zu einem erheblichen Teil nationale Nebenwahlen geblieben sind.


Fußnoten

35.
Nur wenige nationale Wahlstudien werden längerfristig finanziert. Erst im Jahr 2008 gelang es, in Deutschland und in Österreich nationale Wahlstudien zu institutionalisieren.
36.
Für allgemeine Informationen siehe www.ees-homepage.net (28. 4. 2009); wichtigste Buchpublikationen: C. van der Eijk/M. Franklin (Anm. 20); Hermann Schmitt/Jacques Thomassen (eds.), Political Representation and Legitimacy in the European Union, Oxford 1999; W. van der Brug/C. van der Eijk (Anm. 19).
37.
Hilfreich war die Intensivierung der Vernetzung der Europawahlforscher im Rahmen der Forschungsgruppe 3 des EU "Network of Excellence" CONNEX, siehe www.connex-network.org (28.4. 2009).
38.
Für weitere Informationen siehe: www.piredeu.eu.
39.
Vgl. Markus Tausendpfund/Daniela Braun, Die schwierige Suche nach Ergebnissen der Wahlen zum Europäischen Parlament: Ein neuer Datensatz für die Wahlen 1979 bis 2004, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 39 (2008) 1, S. 84 - 93.
40.
Das Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) stellt unter www.mzes.uni-mannheim.de/daten_d.php? tit=euro_elections (6.4. 2009) die Mannheimer Dokumentation der Europawahlergebnisse der Wahlen von 1979 bis 2004 zur Verfügung (Prozentanteile). Das CivicActive-Projekt dokumentiert Europawahlergebnisse auf Länder- und Regionalebene seit 1994 (absolute Stimmen), siehe:
http://extweb3.nsd.uib.no/civic activecms/opencms/civicactive/en/Data/
election/ep/ (6.4. 2009). In beiden Fällen handelt es sich allerdings nicht um amtliche Quellen.