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Der erste Riss im Eisernen Vorhang


10.5.2009
Bis Anfang November reisten 50.000 DDR-Deutsche über Ungarn in den Westen. Der Beschluss der ungarischen Regierung beschleunigte die Erosion der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands.

Einleitung



Die Überschrift ist beinahe ein Selbstzitat: "Der erste Riss in der Mauer" lautet der Titel meines Buches, das Anfang März 2009 erschienen ist.[1] Ich habe darin den Versuch unternommen, die politische und diplomatische Vorgeschichte der Entscheidung zu rekonstruieren, dank der sich im Spätsommer 1989 die ungarische Grenze zu Österreich für die fluchtwilligen Deutschen aus der DDR öffnete. Bis Anfang November, un-mittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer, reisten rund 50 000 Staatsangehörige der DDR über Ungarn in den Westen aus. Der Beschluss der ungarischen Regierung - dies zeigte sich in der Folgezeit - beschleunigte die innere Erosion der DDR und damit letztlich den Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands.






Es waren weniger die schieren Zahlen der über Ungarn Flüchtenden als die psychologisch-politischen Auswirkungen der Geschehnisse, welche die DDR erschütterten. Die den DDR-Bürgerinnen und -Bürgern bald schon wohlbekannte Tatsache, dass Ungarn bereits im Frühling 1989 damit begonnen hatte, den Eisernen Vorhang zu zerschneiden, rüttelte die hinter Mauer und Stacheldraht eingesperrte ostdeutsche Bevölkerung auf. In die Jahrzehnte alte, stark befestigte europäische Trennungslinie war eine Bresche geschlagen worden, und als die ungarische Regierung im September 1989 auch die bis dahin praktizierte Bewachung der Westgrenze aufgab und die auf Ausreise wartenden Massen von DDR-Bürgern ziehen ließ, war auch in Ost-Berlin und Rostock, Leipzig und Magdeburg allen klar: Die Ungarn handelten gegen das Gesamtinteresse der "sozialistischen Gemeinschaft", und die Sowjets unter Michail Gorbatschow nahmen diese Vorgehensweise offenbar nicht nur taten-, sondern auch wortlos hin. Wenn das möglich war, dann musste auch manches andere, selbst kurz zuvor noch Unvorstellbares möglich werden.

Es ist nicht die Absicht dieses Beitrags, den Inhalt meines Buches zusammenzufassen. Außer um die Erkenntnisse, die ich gewonnen zu haben glaube, soll es im Folgenden auch allgemein um Ungarn im Jahr 1989 gehen, und zwar um die Frage, weshalb diesem Land damals, inmitten der ostmitteleuropäischen Gärprozesse, eine Pionierrolle zufiel. Ich möchte sodann auch einige Erfahrungen schildern, die man bei der Forschung macht, bei der Arbeit in den Archiven, wenn man danach strebt, Vorgänge in der Schlussphase des Einparteienstaates zu erhellen. Dabei allerdings steht das heutige Ungarn im Mittelpunkt. Denn der Befund weist über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Historikers hinaus, indem er von den Einschränkungen zeugt, die dem amtlich zugelassenen Umgang mit der jüngsten Vergangenheit gesetzt sind.


Fußnoten

1.
Vgl. Andreas Oplatka, Der erste Riss in der Mauer. September 1989 - Ungarn öffnet die Grenze, Wien 2009; dort auch die einzelnen Quellennachweise.