30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
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10.5.2009 | Von:
Silke Satjukow

Grenze 2000

Deutsch-deutsche Demarkationslinie

Die Geschichte der innerdeutschen Sperranlagen begann unmittelbar nach dem Ende des Krieges. Bereits ab September 1945 benötigten die Deutschen die Erlaubnis der Alliierten, um andere Besatzungszonen zu bereisen. Im Westen stellte man schon im Sommer erste deutsche Grenzpolizisten in Dienst, die Sowjets warteten damit bis zum Dezember. Das nach Moskauer Vorbild ausgebaute ostdeutsche Grenzland umfasste von Anfang an ein komplexes Meldekopfsystem, woran sich bis zum Ende der DDR nichts mehr ändern sollte: Die Reisenden wurden von einem Kontrollpunkt zum nächsten "übergeben". Auf diese Weise entstand schon früh ein Überwachungsnetz, das bis in die Nischen des Alltags vordrang.

Den wenigen verbliebenen Durchgängen der Grünen Grenze bereitete die "Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands" vom 26. Mai 1952 ein abruptes Ende: Auf Anweisung der Ost-Berliner Regierung entstand ein lückenlos observiertes, dicht gestaffeltes Hochsicherheitsareal mit einem zehn Meter breiten Kontrollstreifen, einer 500 Meter tiefen Sperrzone und einem fünf Kilometer weiten Hinterland. Damit sollte die Flucht Abertausender DDR-Bürgerinnen und -Bürger in die Bundesrepublik Deutschland verhindert werden Das kurz zuvor gegründete MfS sah es als eine seiner vordringlichsten Aufgaben an, den Sozialismus an diesem neuralgischen Punkt vor "Diversanten, Spionen und Terroristen" zu schützen. Doch blieb die deutsch-deutsche Demarkationslinie zunächst noch durchlässig, und noch immer nutzten Ostdeutsche das verbliebene Schlupfloch Berlin, um dem Leben im Kommunismus zu entkommen.

Am 13. August 1961 begann die Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls" quer durch Berlin. Nun war auch die letzte Möglichkeit dahin, die DDR weitgehend ungefährdet zu verlassen; der massenhafte Exodus war beendet. Zunächst lösten Provisorien einander ab, erst die dritte "Grenz-Generation" von 1968 an wurde für die Dauer geplant und gebaut. Sie bestand aus Elementen, die industriell in Serie hergestellt wurden: Betonplatten mit aufgesetzten Abwasserrohren. Flankiert war diese Wehranlage von Beobachtungstürmen, von Sperren aus Stacheldraht, von Signalvorrichtungen und von Minenfeldern. Seit Ende der 1960er Jahre erhielt diese militärische Anlage eine neue technische, zugleich aber auch eine neue politische und moralische Dimension. Die DDR installierte nun "richtungsgebundene" Splitterminen. Die als "Selbstschussanlagen" diskutierten Tötungsmaschinen wurden erst Anfang der 1980er Jahre auf internationalen Druck hin wieder entfernt.

Über die Geschichte dieser martialischen Grenze, über die Entwicklung der Sicherungsmaßnahmen und über die Versuche, diese Festung zu überwinden, ist viel geforscht und geschrieben worden. Der Gebrauch von Schusswaffen an der Mauer war und ist das Thema unzähliger publizistischer Debatten. Dieser Beitrag handelt von den unkalkulierbaren und bisweilen höchst gefährlichen Durchgängen, die Millionen Bürger jahrzehntelang frequentieren mussten. Ein Netz von Grenzübergangsstellen (GÜST) perforierte die rund 1400 Kilometer lange Abzäunung der DDR gen Westen. Die Passage dieser Portale gab den Weg frei, um mit dem Auto, per Bahn, per Schiff oder per pedes von Deutschland nach Deutschland zu gelangen. Die Geschichte dieser Übergänge entpuppt sich als eine Geschichte von Schleusen, von "Transit-Bauwerken".

Private Besuchsreisen für Westdeutsche blieben auch nach dem Mauerbau möglich, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. 1968 dekretierte die DDR den Passzwang für die Ein- und Durchreise; für die Ein- und Ausreise benötigte man jetzt ein Visum, und für einen Tagesbesuch in Ost-Berlin wurden Aufenthaltsgenehmigungen ausgegeben. Mit diesen Maßnahmen war die Erhebung von Gebühren für Genehmigungen und Visa verbunden. Schon vier Jahre zuvor hatte man einen verbindlichen Mindestumtausch, berechnet nach der Anzahl der Aufenthaltstage, vorgeschrieben, der sich mit den Jahren stetig erhöhte (von 1980 an betrug er 25 DM pro Tag). West-Berliner konnten seit August 1961 nicht mehr in den anderen Teil der Stadt gelangen. Erst mit den Passierscheinabkommen (1963/1966) durften sie Tagesbesuche zu Feiertagen sowie "in dringenden Familienangelegenheiten" beantragen. Mit dem Verkehrsvertrag vom Mai 1972 verbanden sich wesentliche Reiseerleichterungen und Verbesserungen. Von nun an stand es Bundesbürgern frei, Verwandte und Bekannte in der DDR zu besuchen. Bewohner von grenznahen Stadt- und Landkreisen der Bundesrepublik erhielten überdies die Möglichkeit, zu Tagesaufenthalten in den grenznahen Bereich der DDR einzureisen. West-Berliner durften ab sofort die DDR und Ost-Berlin besuchen. Für Ostdeutsche gestaltete sich die Fahrt in den Westen indes weiterhin kompliziert. Lange Zeit hatte man nur Rentner und Invaliden ausreisen lassen; nach dem Verkehrsvertrag konnten politisch vertrauenswürdige Bürger unter bestimmten Voraussetzungen, etwa zu Familienangelegenheiten, in die Bundesrepublik reisen.

Aus Sicht der Macht- und Funktionseliten der DDR ergab sich mit den aufgezwungenen Erleichterungen im deutsch-deutschen Reiseverkehr im Zeichen der neuen Ost-West-Politik und unter den Auspizien der KSZE-Vereinbarungen eine neue Gefahrenlage. Die mit dem Mauerbau 1961 vollendet geglaubte Sicherheitsverwahrung der eigenen Bevölkerung begann plötzlich aufzubrechen. Hinter geschlossenen Türen hegte man manche Befürchtung: Hatte man einen westdeutschen Massenandrang an den Grenzübergangsstellen zu erwarten? Würden aus den bewährten Schleusen nun Stromschnellen werden? Würden sich Kapitalisten und Kommunisten in Zukunft auf dem Gebiet der DDR verbrüdern? Sollte sich die eingängige Parole der sozialdemokratischen Ostpolitik: "Wandel durch Annäherung" nunmehr bewahrheiten?

Diese Fragen verursachten den zuständigen Staats- und SED-Funktionären, vor allem aber den Angehörigen des MfS Alpträume. Der Klassengegner, so rüsteten sie argumentativ auf, werde künftig in noch stärkerem Maße seine gegen die Arbeiter-und-Bauern-Macht gerichtete subversive Tätigkeit ausbauen - und zwar auf dem Terrain der DDR selbst. Es galt daher, einer eventuellen Erosion des Regimes an der Grenze frühzeitig und wirksam entgegenzuarbeiten. Umbau- und Rationalisierungsmaßnahmen mussten geplant und umgesetzt werden. Der Feind näherte sich der Nahtstelle der Systeme von allen Seiten - und er sollte fortan mehr denn je mit militärischer Disziplin abgefertigt werden.