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10.5.2009 | Von:
Silke Satjukow

Grenze 2000

Im Getriebe der Schleuse

Die Kontrolle über die Grenzpassage oblag seit 1962 dem MfS. Sämtliche Bedienstete der GÜST - mit Ausnahme der Mitarbeiter der Zollverwaltung - standen in dessen Diensten.[2] Die "Tschekisten", wie sie sich in Anspielung an den frühen sowjetischen Geheimdienst gern selber nannten, traten jedoch nicht offen auf, vielmehr tarnten sie sich mit den steingrauen Uniformen der Grenztruppen. Die Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA) waren aber nur für die militärische Sicherung des Territoriums verantwortlich. Ihre Stasi-Doubles hingegen gerieten für Millionen Transitreisende und für diejenigen, die aus- und einreisten, zum Antlitz des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Ihre Gesichter, ihr Gestus und ihr Habitus, waren das erste, was einreisenden Westbürgern begegnete - und ihre Gesichter waren die letzten, die Ausreisende zur Kenntnis nahmen. Die Staatssicherheitsleute im Uniformrock der Grenztruppen waren das vorgeschaltete, in ihrem Sinne das vorgeschobene Antlitz der DDR. Den Diensthabenden war jeder Ankommende prinzipiell verdächtig. Die politische Fiktion, mit welcher sie tätig wurden, hieß: Jeder, der diese Schleuse passiert, steht unter dem Verdacht, ein Feind des Sozialismus zu sein. Nicht die Passage zu ermöglichen oder gar zu erleichtern war ihr Gebot, sondern, im Sinne politischer Wachsamkeit, einreisende Gegner zu entlarven.

Grenzübergangsstellen verstanden sich bis zu ihrem Niedergang im November 1989 grundsätzlich als Wehrbauten, deren Vision und Bestimmung keineswegs Durchlässigkeit und Freizügigkeit war, sondern, im Gegenteil, die Blockade. Sie gerieten zu hochpolitischen Bau- und Bollwerken, besetzt mit Soldaten auf der Wacht, bewehrt mit Kundschaftern, abgestellt vom Geheimdienst, dem Schild und Schwert der Partei. Der stets geschlossene Schlagbaum vor der Anlage und nach der Anlage, bei der so genannten Vorkontrolle und bei der Endkontrolle, wurde nur von Fall zu Fall geöffnet. Die geschlossene Schranke avancierte zum Symbol dieses Selbstverständnisses.

Beobachten wir einen Westdeutschen auf dem langen und beschwerlichen Pfad durch das Kontrolldickicht der Grenzübergangsstelle, der in den 1980er Jahren durch eine solche Schleuse für einige Tage Einlass in die DDR begehrte. Der künftige Besucher benötigte zunächst einen ostdeutschen Vertrauten, der bereit war, ihn "einzuladen". Das konnten Institutionen sein, aber auch Privatpersonen, Verwandte oder Bekannte. Sie mussten spätestens ein, zwei Monate vor der geplanten Einreise beim örtlichen Volkspolizeikreisamt (VPKA) einen Antrag für einen Antrag zur Erteilung eines Visums stellen. Mit diesem bürokratischen Auftakt wurde nicht nur der Einreisende, sondern auch der Einladende zum Gegenstand einer langwierigen und peinlichen Durchleuchtung. Fortan galt die Devise: mitgefangen - mitgehangen. Der Ostbürger, der diesen Prozess ins Rollen brachte, wurde nicht nur zum Bürgen des Westbürgers, sondern auch zur Geisel des ganzen Verfahrens: Ließ sich der Westler etwas zu Schulden kommen, konnte sein Gewährsmann dafür belangt werden.

War die Reise genehmigt, lag die Verantwortung für die Sicherheit der Republik vollends bei den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit. Seit den 1960er Jahren verfolgten die Tschekisten an der Westgrenze zwei große Ziele: erstens den westlichen Geheimdiensten und "kriminellen Elementen" jede Möglichkeit zu nehmen, den Reiseverkehr für eine subversive Tätigkeit gegen die DDR auszunutzen und zweitens alle Möglichkeiten für die eigene Aufklärungsarbeit auszuschöpfen, kurzum: Informanten und Agenten anzuwerben.

Angriffe von "Feinden" wurden gemäß der politischen Doktrin und dem manichäischen Weltbild des MfS stets von beiden Seiten der Befestigung erwartet. Gerade an den Übergängen galt, dass der Feind vom Westen wie vom Osten anrücken konnte. Die Stasi-Soldaten verteidigten sozusagen rundum, vorwärts wie rückwärts. Wer an einer Passierstelle wie etwa Marienborn einreisen wollte, musste, nachdem sein Fahrzeug die Station des Bundesgrenzschutzes hinter sich gelassen und den Boden der DDR erreicht hatte, zunächst eine Strecke auf Ost-Territorium weiterfahren. Nach der Bewältigung dieses taktischen Zwischenraumes wurde sein Wagen von der Autobahn heruntergeleitet; jetzt hatte er die zahlreichen Posten und Punkte der GÜST anzufahren. Bevor der Einreise-Petent jedoch am ersten Schlagbaum ankam, war er längst von "Kräften zur Absicherung des Hinterlandes", postiert hinter "Fernbeobachtungsanlagen", ins Visier genommen worden. Präzisionsfernrohre und Kameras waren stets auf ihn gerichtet, jede seiner Bewegungen wurde registriert.

Ausgestattet mit dem maschinell erstellten Antrag auf ein Visum, der so genannten Ein- und der Ausreisekarte, der Zählkarte und einer Erklärung für die Zollverwaltung der DDR, einem Packen von Kleinformularen, näherte sich der Reisende der Transferanlage - freilich immer "nur auf Aufforderung". Die erste Absperrung des weitläufigen Areals war bei der Vorfeldkontrolle zu überwinden. Hier begann eine langwierige Prozedur, die Musterung des Antragstellers und seiner Mitreisenden. Auf gar keinen Fall, so interne Anweisungen, sollten Verdächtige jetzt schon enttarnt werden. "Abweichendes Verhalten" war vorab nur zu beobachten und zu notieren. Bei Verdacht wurde der Berechtigungsschein zum Empfang des Visums "konspirativ" markiert, sodass die nachfolgenden Kontrolleure vorzeitig gewarnt waren.

Weiter ging es zur "Vorkontrolle Einreise". Hier begann die erste von zwei Kontrolllinien - die Passkontrolllinie. Zum ersten Mal wurden die Reisedokumente einer Sichtung unterzogen. Wer offensichtlich nicht zur Einreise berechtigt war, wurde hier abgewiesen. Nach der Vorkontrolle gab es kein Zurück mehr, sie war für den Ankommenden nicht nur der point of no return, sondern auch ein Punkt, von dem aus er keine selbständigen Schritte mehr unternehmen durfte. Ein Verlassen der GÜST war fortan nicht mehr ohne aufwändige Formalitäten und Untersuchungen möglich. Ab sofort unterlag der Passant einem militärischen Prozedere.

Bei der Vorkontrolle ging es nicht allein darum, Gefahrenpotentiale auszuschalten. Der Vorkontrolleur sollte schon hier nach operativ interessanten Personen Ausschau halten, womöglich sogar schon erste Kontakte herstellen. Dieser Vorposten sollte für die Staatssicherheit interessante Personen unter einem "natürlichen" Vorwand in ein belangloses, aber nicht bedeutungsloses Erstgespräch verwickeln, auf das eine spätere Unterhaltung aufbauen konnte. Nach dieser Inaugenscheinnahme folgte die Einweisung in eine Fahrspur zur weiteren Bearbeitung.

Der Wagen war nun vollends in das Laufband der Musterungsanlage eingetaktet, langsam ging die Fahrt weiter zum so genannten Außenposten der Passkontrolle. Hier wurden sämtliche Dokumente erstmals auf ihre Gültigkeit und Echtheit überprüft sowie die Anzahl der einreisenden Personen und die beantragte Dauer des Aufenthaltes festgestellt. Nach einem eingehenden Identitätscheck nahm man dem Einreisewilligen jetzt sämtliche Ausweisdokumente ab. Bis zur übernächsten Station wurde dem Ankömmling noch einmal seine Hilflosigkeit vorgeführt. Auf einem Fließband, in nummerierte Plastiktaschen verstaut, verschwanden seine Unterlagen nun in einer Baracke, die etwa dreißig Meter entfernt stand. Die Reisenden wurden im so genannten Stauraum vor der Passkontrolle selbstverständlich weiter beobachtet. Nicht selten verstummten nun alle Gespräche im Fahrzeuginneren.

Die Dokumente durchliefen die Blackbox einer eingehenden Musterung: Akribisch überprüften operative Fahnder die Papiere, das Kraftfahrzeug und die einreisenden Personen. Hier kamen die in Lehrgängen eingeübten Fähigkeiten zum Tragen. Die Reisenden wurden genauestens ins Visier genommen: Zeigte "die Person" Auffälligkeiten in ihrem Verhalten? Wurde sie nervös, kam es zu einem Schweißausbruch, zuckten die Augenlider, zitterten die Hände, hatte sie nach dem Aussteigen einen zögernden Gang, versuchte sie die Örtlichkeiten in Augenschein zu nehmen? Bemühte sie sich womöglich, die Aufmerksamkeit der Kontrollkräfte auf andere Dinge zu lenken? Oder täuschte sie ein übersteigertes Selbstbewusstsein vor, trat sie zu forsch auf? Versuchte sie sogar, eine "fortschrittliche", mithin eine prosozialistische Einstellung vorzuspiegeln?

Katalogisiert fanden sich hier "dringend" und "mittelbar" Tatverdächtige, aber auch bestimmte Berufsgruppen, Herkunfts- und Wohnorte. Per Hand durchsuchten die Fahnder ihre immer schon veralteten Datensätze, um gefährlichen Angreifern auf die Schliche zu kommen. Doch lohnte sich ihre Arbeit, allein im vorletzten Jahr der DDR konnten sie eine halbe Million Verdachtsfälle mit entsprechenden "Nachfolgehandlungen" vermelden. Mithilfe der nur wenige Monate später im Probelauf eingeführten Computer wären diese Männer im Hinterzimmer sicherlich zu noch höheren Erfolgsbilanzen gelangt, mit einem geplanten Gesamtspeichervolumen von vier Megabyte hätten sie die Verbrechensregister nahezu grenzenlos erweitern können.

Einreisekarten von operativ interessanten Personen, von Westdeutschen also, die man "abzuschöpfen" oder gar zu einer künftigen Zusammenarbeit zu bewegen gedachte, kamen in eine gesonderte Ablage. Für diesen kleinen Kreis mussten geeignete Anlässe zu einer intimen Befragung gefunden werden. Wann immer bis dahin aber Ungereimtheiten auftraten, wann immer der Antragsteller womöglich einen Fehler beging, bei jedwedem Verdacht seitens der zuständigen Organe hatten die Reisenden die "Verbringung" in den operativen Befragungsraum zu gewärtigen. Dort nahm sich der Zugführer der zuständigen Passkontrolleinheit der Verdächtigen an, Vernehmungen wurden hier durchgeführt. Jeder aufgedeckte "Abfertigungsfehler" der Kontrolleure erforderte eine telefonische Vorausmeldung und ein Fernschreiben an die Berliner Zentrale, es folgte eine umfangreiche Untersuchung des Vorfalls. An der Grenze avancierten kleinste Versäumnisse zu Kardinalfehlern.

Im Fall einer positiven Entscheidung wurden Pässe und Karten jetzt vervollständigt und abgestempelt, die Erteilung eines Visums wurde bestätigt. Die letzte Station der Linie Passkontrolle war deren Außenposten: In einer kleinen Kammer sitzend, winkte dieser das inzwischen wieder voll besetzte Kraftfahrzeug heran, überprüfte erneut das gesamte Schriftgut auf Vollständigkeit und reichte schließlich die frisch gestempelten Unterlagen ins Auto.

Nun folgte die zweite Untersuchungstranche, die Zollkontrolllinie, jetzt nahm der Musterungsprozess handfeste Züge an. In einem überdachten Bereich fand die Untersuchung des Kraftfahrzeugs, des Gepäcks und der Reisenden statt. Alle Insassen hatten den Wagen zu verlassen, der nun einer eingehenden Inspektion unterzogen wurde: Motorhaube und Kofferraum waren zu öffnen, die Unterseite des Wagens wurde mit fahrbaren Spiegeln untersucht, die Rückbank teilweise ausgebaut, der Tankverschluss geöffnet. Für die Bearbeitung des Gepäcks standen Tische bereit. Fanden die Zollkontrolleure auf den Einreisekarten oder gar im Pass Markierungen ihrer Kollegen, begannen sie mit intensiven Durchsuchungen, möglichst diskret, denn noch immer sollten eventuelle Verdachtsmomente geheim gehalten werden. Vielleicht ergab sich noch die Möglichkeit, diese geheimdienstlich zu verwerten.

Freilich: Die Tschekisten konnten und wollten sich nicht auf das psychologische Gespür einzelner Mitarbeiter verlassen, wenn es um den zuverlässigen Schutz des Staates vor äußeren und inneren Feinden ging. Im Rahmen wettbewerblicher Rationalisierungsanstrengungen setzten sie in gleicher Weise auf technische Innovationen - auf radioaktive Durchleuchtung etwa. Seit den 1970er Jahren suchten strahlenintensive Röntgengeräte an den GÜST nach Waffen, Giften, Suchtmitteln, Wertgegenständen, illegalen Waren sowie nach westlicher "Hetz- und Schundliteratur".[3]

Dabei blieb es nicht beim Durchleuchten von Koffern und Gepäckstücken: Mit so genannten Großgepäckröntgengeräten ließen sich sorgsam verborgene Mitbringsel präzise ausmachen. Gammastrahlenkanonen waren seit Ende der 1970er Jahre in Marienborn, seit Anfang der 1980er Jahre in allen größeren GÜST zur Durchleuchtung von ganzen Fahrzeugen mitsamt den ahnungslosen Insassen im Einsatz. Signalisierte das Gerät ein Verdachtsmoment, zeigte es etwa versteckte Lebewesen an, wurde die Kontrolle manuell weitergeführt, das betreffende Auto aus dem Reisestrom herausgelöst und in einer speziellen Garage intensiv unter die Lupe genommen. Der Einsatz dieser Technik bedeutete neben der womöglich fehlerfreien Verbrechensaufdeckung, dass man, um Täter im Sinne der Rechtsordnung der DDR aufzuspüren, auch unbeteiligte Reisende regelmäßig radioaktiven Strahlen aussetzte.

Die Untersuchungen an den Grenzübergangsstellen waren bis Ende der 1980er Jahre zu einer militärischen Operation gegen einen eindringenden Feind "vervollkommnet" worden. Der Eingeladene wurde als Eindringling behandelt, als ein notwendiges Übel, dessen Wege und Pfade genauestens vorgegeben und vorgeschrieben werden mussten. Die Passanten gerieten zu Objekten eines demütigenden Räderwerkes - dessen Gesetze und Gefahren sie niemals ganz durchschauen konnten und sollten. Der Grenzübertritt, obschon in bilateralen Vertragswerken verankert, blieb stets ein prekärer Akt. Man konnte nie genau wissen, ob man nicht gerade einen Fehler beging, eine sichtbare oder unsichtbare Linie überschritt; stets schwebte ein uneinschätzbares Damoklesschwert über den Passagieren. Jederzeit schienen die Grenzposten Alarm schlagen zu können: Sirenen, Schlagbäume, mobile Sperrbalken, Zäune mit Rundumleuchten und Mauern machten dann auch diese Furt, die zum Fort ausgebaut war, unüberwindbar.

Das lag nicht allein daran, dass das System GÜST Teil einer militärischen Frontstellung war, sondern auch daran, dass dieses System als integraler Bestandteil des Repressionsapparates der DDR begriffen wurde. Auch wenn die Grenzpassage in den Erinnerungen der Zeitgenossen bisweilen als ein vergleichsweise harmloses Abenteuer daherkommt, aus dem man in der Regel heil in die Routinen des Alltags zurückkehrte, kam es immer wieder zu Vorfällen, bei denen am Ende keine unversehrte Rückkehr erfolgte.

Fußnoten

2.
Bis 1964 entwickelte sich eine Dreiteilung der Gewalten an der GÜST: Die Sicherungseinheiten der Grenztruppen hatten die militärische Sicherung zu gewährleisten, die Personenkontrolleinheiten des MfS waren für die Passkontrolle verantwortlich und die Angehörigen der Zollverwaltung kontrollierten den Waren- und Zahlungsmittelverkehr.
3.
Erprobungen radioaktiver Markierungsmittel am Grenzübergang gab es bereits Mitte der 1960er Jahre: vgl. Bericht zu den auf dem KPP Bornholmer Str. durchgeführten Versuchen der Anwendung radioaktiver Markierungsmittel vom 26.7. 1965, Bl. 8 - 48, BStU, MfS-HA VIII, 2131.