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10.5.2009 | Von:
Silke Satjukow

Grenze 2000

"Perspektivische Entwicklung von Grenzsicherungsanlagen"

Die rationalisierte Grenzabfertigung der späten 1980er Jahre forderte von allen Akteuren einen enormen Aufwand an Raum und Zeit. Die geschilderten Operationen bildeten einen langen und langwierigen, zeitintensiven Weg ab: Wer in die DDR einreisen und wer sie wieder verlassen durfte, wurde mitunter viele Stunden lang in schäbigen Baracken und in zugigen Halbhallen festgehalten. Spätestens bei der eingehenden Untersuchung durch die Zollkontrolleure trat meist beklemmende Stille ein: Zuweilen waren nur die Kommandos der Offiziere und das Pfeifen der Hallenvögel zu vernehmen.

Hier, an diesem Ort, kam die Dynamik westlichen Lebens zu einem unfreiwilligen Stillstand: Diese Art von Schleusung benötigte Zeit - und wer das Transfergelände nach der Prozedur verließ, fand sich in einem anderen Raum, in einem anderen Deutschland, in einem anderen politischen und gesellschaftlichen System mit einer gänzlich anderen Zeitordnung wieder, ein weiter Weg von Deutschland nach Deutschland.

Insofern wies der erzwungene Aufenthalt zwischen den Welten aus psychischer Perspektive eine gewisse Ambivalenz auf: Der Druck in der Schleuse wurde von West- wie von Ostbürgern als unangenehm und unberechenbar empfunden; ein solch markanter und markiger Übergang bereitete aber auch das Eintauchen in grundverschiedene Alltagsgegebenheiten vor. Diese Übergänge verwiesen unmissverständlich auf das Aufeinandertreffen zweier Welten. Dem Weltverständnis der Ost-Berliner Parteipatriarchen zufolge konnte es auch im letzten Jahrzehnt der DDR nur Freund oder Feind geben - tertium non datur.

Die DDR-Grenzübergangsstellen zur Bundesrepublik glichen nicht einem fulminanten, vielversprechenden Portal, das die Errungenschaften der Neuen Zeit feierte und vorführte, sondern einer martialisch gesicherten Hintertür. Die Anmutung dieser Schleuse war diejenige des Dienstboteneingangs. Die ideologische Rigidität der Staats- und Parteioberen fand hier ihre perfekte Form - in einer weit ins Land hineinreichenden Überwachungs- und Repressionspraxis.

Dazu passt, dass die SED-Führung Ende der 1980er Jahre längst keine politischen Visionen mehr anzubieten hatte, aber Visionen für eine "Grenze 2000" entwickeln ließ. Im März 1989, nur Monate, bevor DDR-Bürgerinnen und -Bürger in Scharen über Ungarn ihre Heimat verließen, offenbarte der Leiter der Abteilung "Perspektivische Entwicklung von Grenzsicherungsanlagen" seine langfristigen Vorstellungen: "Der Grenzübergang muss zunehmend besser mit dem Gesamtbild der wachsenden Attraktivität unserer sozialistischen DDR in Einklang gebracht werden."[5] Mit Blick auf das näher rückende Jahr 2000 sollten die Landschaften an der Staatsgrenze der DDR "erblühen". Infrarotschranken, Funkstrahlsignalgeber, Vibrationsmelder, Funkmessaufklärungsgeräte und elektrische Übersteigsicherungen sollten die Zukunft der perfektionierten Sicherheit einläuten. Hightech sollte die in die Jahre gekommenen Anlagen ersetzen - die Grenze zur wohlfeilen Visitenkarte des Sozialismus mutieren. Intelligente Computer würden sorgfältiger denn je zuvor Freunde und Feinde filtern.[6]

Ende Oktober 1989, die Feierlichkeiten zum 40. Jubiläum der Republik waren abgeklungen, erhielt der Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit, Generalleutnant Gerhard Neiber, zum Dank für seine Unterstützung eine Urkunde zugesandt. Zu diesem Zeitpunkt gingen an der Übergangsstelle Drewitz die ersten Fahndungscomputer ans Netz. Dem Ehrendokument war ein druckfrisches, maschinell erstelltes Dauervisum für die Bundesrepublik beigelegt. Nur wenige Tage später brauchte es einen solch privilegierenden Ausweis nicht mehr, die Schleusen gen Westen hatten sich auf Druck der Bürgerinnen und Bürger weit geöffnet. Hilflos mussten Politiker und Stasi-Leute mit ansehen, wie ihre Festung im Strom der Oktoberereignisse unterging und im Strom der Menschen seine ursprüngliche Bestimmung vollständig verlor.

Mit Blick auf das stetig ansteigende Verkehrsaufkommen hatte der Minister für Staatssicherheit schon Mitte der 1970er Jahre gewarnt: Es entspreche der Grundkonzeption des Feindes, wenn er sich das Ziel stelle, die Grenze durchlässig zu machen. Ausgangspunkt sei seine langfristig angelegte Strategie eines "Wandels durch Annäherung". Der Gegner verfolge das Ziel, durch Aufweichung und Zersetzung des Bewusstseins der Bürger in den sozialistischen Staaten eine innere Wandlung zu erreichen, um schließlich die sozialistische Gesellschaft zu liquidieren. Tatsächlich behielt er mit seinen Befürchtungen Recht. Im letzten Jahr der DDR, bevor sich die Grenzübergangsstellen wieder in Übergänge im Wortsinne verwandelten, hatten sechs Millionen Ostdeutsche und sieben Millionen Bundesbürger die Hemmnisse der Schleuse überwunden.

Während die Politik mit Recht die Ost-West-Entspannung der 1970er Jahre feiern konnte, hatte der Grenzkrieg weiter getobt. Ein beträchtlicher Teil dieses Krieges fand an den Übergangsstellen statt, wo die Parteisoldaten täglich ihre Feinde der Musterungsmaschine unterzogen: zivile West- und Ostbürger, die mit Taschen und Koffern voller Kaffee und Schokolade bewaffnet waren.

Einige wenige von ihnen mögen in dieser Schleuse an Heinrich Heine ("Deutschland - ein Wintermärchen", Caput II) gedacht haben, der auf dem Weg von Deutschland nach Deutschland den Grenzern, den "preußischen Douaniers", dereinst zugerufen hatte: "Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht! Hier werdet ihr nichts entdecken! Die Konterbande, die mit mir reist, die hab ich im Kopfe stecken."

Fußnoten

5.
Aktennotiz des Leiters der Abteilung Perspektivische Entwicklung von Grenzsicherungsanlagen vom 29.3. 1989, Bl. 131, Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA), AZN 17791.
6.
Nur zwei Wochen nach Öffnung der Staatsgrenze legte der Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung einen abschließenden Vorschlag zur Gestaltung der "Grenze 2000" vor, vgl. Vorschlag des Stellvertreters des Ministers und Chefs der Grenztruppen vom 23.11. 1989, BA-MA, AZN 17797.