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Die DDR im Blick der Stasi 1989


10.5.2009
Die Stasi hat der SED-Führung über die eskalierenden Probleme berichtet. Im Sommer war die Entwicklung so weit fortgeschritten, dass die Herrschaft der SED nicht mehr stabilisiert werden konnte.

Einleitung



Alle Unzulänglichkeiten, manchmal von ganz kleinen Dingen nur bis zu den größten, haben wir gemeldet. Wir haben die ganzen Schwierigkeiten aufgezeigt, die entstehen mit der Republikflucht, mit dem Verlassen der Republik. Wir haben aufgezeigt, wie viele Ärzte die Republik verlassen, haben aufgezeigt, wie viele Lehrer die Republik verlassen. Wir haben, Genossen, ich weiß nicht, soll ich hier die Wahrheit sagen oder nicht, berichtet über diese ganzen Fragen. Wir haben Vorschläge gemacht an die Stelle, der ich verpflichtet bin als Minister für Staatssicherheit zu berichten, an die betreffenden Genossen, die ein bestimmtes Arbeitsgebiet haben. Die haben die Fragen bekommen, für die sie zuständig sind (...). Wir haben auf vieles aufmerksam gemacht (...). Das Einzigste ist, dass vieles, was wir gemeldet haben, nicht immer berücksichtigt wurde und nicht eingeschätzt wurde."[1]




Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, gab in seiner berühmt gewordenen Rede vor der Volkskammer am 13. November 1989 nicht nur über das Berichtswesen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Auskunft, sondern brachte auch seine (möglicherweise gespielte) Verärgerung darüber zum Ausdruck, dass die Berichte sowie die vom MfS unterbreiteten Handlungsoptionen von Erich Honecker und den anderen Mitgliedern der politischen Führung zu oft ignoriert worden seien.

Honecker dagegen bemühte sich, den Wert der Stasi-Berichterstattung nachträglich klein zu reden. Er verstieg sich nur wenige Monate nach seiner Entmachtung zu folgender Aussage: "Ich möchte sagen, dass ich fast alle Informationen des MfS gelesen habe. Da möchte ich sagen, dass die Berichte vom MfS, soweit sie nicht also von der geheimen Front stammten, doch mir erschienen als eine Zusammenfassung der Veröffentlichungen der westlichen Presse über die Deutsche Demokratische Republik. Und ich selbst habe auch diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt."[2] Wie viel Beachtung Honecker den Berichten tatsächlich geschenkt hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Tatsache ist jedoch, dass ihm zahlreiche Berichte vom MfS vorgelegt wurden und er seine Kenntnisnahme mit seiner Paraphe bestätigte.

Nach einem kurzen Abriss der Entwicklung des MfS-Berichtswesens sollen im Folgenden die "Informationen" des Jahres 1989 betrachtet werden, in denen sich die finale Krise der DDR spiegelt. Worüber informierte die Staatssicherheit die politische Führung? Welche Ursachen für die krisenhafte Entwicklung identifizierte sie? Ist eine Rezeption der Berichte durch die Parteiführung erkennbar? Angesichts des begrenzten Raumes können diese Fragen nur schlaglichtartig beleuchtet werden - die zu treffenden Schlussfolgerungen basieren jedoch auf einer breiten Materialbasis, die über den hier beleuchteten Berichtsjahrgang hinausgeht.


Fußnoten

1.
Unter dem Titel "Die DDR im Blick der Stasi" erscheint von diesem Jahr an die Edition der geheimen Berichte der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) des Ministeriums für Staatssicherheit an die SED-Führung, hrsg. von Daniela Münkel im Auftrag der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Göttingen 2009ff. Als erster Band erscheint im Sommer 2009 der Jahrgang 1976, bearbeitet von Siegfried Suckut; es folgt der Jahrgang 1988, bearbeitet von Frank Joestel.

Redebeitrag von Erich Mielke während der Sitzung der Volkskammer am 13.11. 1989; in: Volkskammer-Protokolle, 9. Wahlperiode, Bd. 25, S. 262f., hier: S. 263.
2.
Reinhold Andert, Wir sind überall. Auskünfte Erich Honeckers. CD, Berlin 2005.