APUZ Dossier Bild

10.5.2009 | Von:
Daniela Münkel

Die DDR im Blick der Stasi 1989

Das Berichtswesen der Staatssicherheit

Eine Konsequenz des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 war die Schaffung eines detaillierten nachrichtendienstlichen Berichtssystems, das die Partei- und Staatsführung über die sicherheitspolitische Lage in der DDR informieren sollte. Das Berichtswesen der DDR-Staatssicherheit unterlag zwischen 1953 und 1989 mannigfaltigen Veränderungen: Dies gilt für den Aufbau und den Charakter der Berichte ebenso wie für den organisatorischen Rahmen ihrer Entstehung.[3] Die Berichte, die 36 Jahre lang in unterschiedlichen Formen und Frequenzen angefertigt wurden, offenbaren den spezifischen Blick des MfS auf und in die DDR: Hinweise auf vermeintliches oder wirkliches oppositionelles Verhalten sind dort ebenso zu finden wie Ausführungen über die Problemlagen in Wirtschaft und Versorgung sowie Statistiken zum Devisenumtausch, zu Ausreise- und Fluchtfällen. Scheinbar Triviales steht neben den größeren und kleineren "Schwierigkeiten", die sich bei der Etablierung und Aufrechterhaltung der SED-Herrschaft und dem Aufbau des real existierenden Sozialismus ergaben. Es entfaltet sich ein breitgefächertes Spektrum, eine Art Tiefenbohrung in die DDR-Gesellschaft, geprägt von einer geheimdienstlichen Sicht, die vor allem darauf bedacht war, politisch abweichendes Verhalten und sicherheitsrelevante Probleme aufzudecken und zu neutralisieren.

Der Wert dieser Berichte als historischer Quelle ist ambivalent. Die unterschiedlichen Schwerpunkte, welche die Staatssicherheit in ihrer Berichterstattung über die Jahrzehnte hinweg setzte, spiegeln in komprimierter Form objektive Problemlagen von Gesellschaft, Politik und Ökonomie wider. Gleichzeitig offenbaren sie aber einen spezifischen Tunnelblick und ideologisch bedingte Wahrnehmungsverzerrungen. Insofern sind diese Berichte auch als Zeugnisse einer politisch-ideologischen Selbstvergewisserung zu verstehen. All dies schmälert nicht ihren Wert, muss aber bei der Interpretation berücksichtigt werden.[4]

Bei den geheimen Berichten der Staatssicherheit an die SED-Führung handelt es sich - mit Ausnahme der Jahre bis 1957 - in erster Linie nicht um allgemeine Stimmungs- und Lageberichte. Beim Gros der Texte geht es um Meldungen von Einzelvorkommnissen, den so genannten "Informationen". Die Stasi professionalisierte im Laufe der Jahrzehnte ihr Informationssystem, was der empirischen und analytischen Qualität der Berichte zugute kam.

Fußnoten

3.
Zu Veränderungen von Aufbau und Struktur der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) im MfS sowie zur Entwicklung des Berichtswesens vgl. ausführlich Roger Engelmann/Frank Joestel, Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (BStU, MfS Handbuch), Berlin 2009.
4.
Zum Quellenwert von MfS-Unterlagen allgemein vgl. Roger Engelmann, Zum Quellenwert der Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, in: Klaus-Dietmar Henke/ders. (Hrsg.), Aktenlage. Die Bedeutung der Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes für die Zeitgeschichtsforschung, Berlin 1995, S. 23-55. Zu den ZAIG-Berichten allgemein vgl. Jens Gieseke, Annäherungen und Fragen an die "Meldungen aus der Republik", in: ders. (Hrsg.), Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR, Göttingen 2007, S. 79 - 98.