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10.5.2009 | Von:
Daniela Münkel

Die DDR im Blick der Stasi 1989

Was wusste die Stasi?

Ohne dem Mythos von der "Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit" der Stasi in der DDR das Wort reden zu wollen, lässt sich schon allein aufgrund der ZAIG-Berichte nicht von der Hand weisen, dass die Staatssicherheit sehr präzise über die Situation in der DDR, die Stimmung der Bevölkerung, die expandierende Oppositions- bzw. Ausreisebewegung sowie die Dynamik der Entwicklung im Bilde war. Diese Informationen gingen jedenfalls weit über die - von Honecker ins Feld geführten - Veröffentlichungen der "Westmedien" hinaus.

Im Vergleich zur früheren Informationspraxis weist die Stasi-Berichtstätigkeit von 1989 sowohl Kontinuitäten als auch Brüche auf. Überraschend sind zunächst die Kontinuitäten, die eine nicht mehr existente "Normalität" suggerieren. Trotz innerer Auflösungserscheinungen und Umstrukturierungen des MfS sowie Problemen mit dem Netz Inoffizieller Mitarbeiter (IM) berichtete die ZAIG bzw. deren auf "Auswertungs- und Informationstätigkeit" reduzierte Nachfolgeabteilung bis Ende Dezember 1989 kontinuierlich und teilweise in den eingefahrenen Bahnen weiter. Dies ging soweit, dass noch am 7. November 1989, zwei Tage vor dem Mauerfall, die quartalsmäßige Statistik zum "grenzüberschreitenden" Verkehr vorgelegt wurde.[9] Am 5. Dezember 1989 schließlich wurde eine "Information" über die Besetzung von Bezirks- und Kreisämtern der Staatssicherheit in einem relativ sachlichen, fast schon unbeteiligten Ton verfasst: Am Vortag hätten sich "in mehreren Bezirken und Kreisen Kräfte von Bürgerbewegungen (...) Zutritt zu Dienstobjekten" verschafft, "wobei die geordnete Dienstdurchführung erheblich beeinträchtigt wurde".[10]

Jenseits dieser scheinbaren "Normalität" in der Berichterstattung fallen einige Besonderheiten auf. So erhöhte sich die Berichtsfrequenz ab September 1989, im Oktober wurde sogar zeitweise mehrmals täglich berichtet. Die Themenschwerpunkte lagen bei den Kirchen (35 "Informationen") und den neuen Oppositionsgruppen (57 "Informationen"). Fragen zu Problemen von Wirtschaft (sechs "Informationen") und Umwelt (vier "Informationen") treten demgegenüber und im Vergleich zu anderen Berichtsjahren stark in den Hintergrund.

Die Informationen, welche die Staatssicherheit verarbeitete, stammten aus offiziellen Informationsquellen, Berichten Inoffizieller Mitarbeiter oder Abhöraktionen. Darüber hinaus wurden auch Informationen aus "Westmedien" ausgewertet. Formulierungen wie nach "streng internen Hinweisen" oder "die Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt" deuten darauf hin, dass die entsprechenden Informationen durch IM oder mit anderen geheimdienstlichen Mitteln erworben worden sind. Bemerkenswert ist, dass der Staatssicherheit solche Informationsquellen noch bis zum Ende der Berichtstätigkeit zur Verfügung standen, obwohl das IM-Netz während des Herbstes 1989 besonders schnell erodierte.[11]

Im ersten Halbjahr 1989 dominierten in den Berichten über die oppositionellen Bestrebungen die Kirchen sowie die Konflikte zwischen Kirchenleitung und Gemeinden, unter deren Dach sich immer mehr Menschen zusammenfanden, die ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verliehen. Die Staatssicherheit wusste nicht nur sehr genau, wer sich wo traf und welche Personen die Wortführer waren, sie wusste auch um Strategien, Aktionen und Konflikte.

In der zweiten Jahreshälfte 1989, als die Oppositionsbewegung allmählich das Schutzdach der Kirchen verließ und den öffentlichen Raum eroberte, veränderten sich auch die Schwerpunkte in den "Informationen" des MfS. Ein erstes wichtiges Ereignis war die Kommunalwahl am 7. Mai 1989.[12] Erstmals wurde öffentlich die Kandidatenaufstellung sowie die Durchführung der Wahl scharf kritisiert und eine Demokratisierung gefordert. Am Wahltag gingen Oppositionelle als Beobachter in zahlreiche Wahllokale und machten kurz darauf die Wahlfälschung öffentlich. Die Staatssicherheit berichtete in einer "Information" vom 25. April 1989 über geplante Aktivitäten "feindlicher, oppositioneller Kräfte" gegen die Kommunalwahl.[13] Einen Tag nach der Wahl verfasste das MfS eine "Information", welche "Vorkommnisse" aus der gesamten DDR detailliert auflistete.[14]

Am 30. Mai 1989 legte die Staatssicherheit der Parteiführung einen langen Bericht über die diversen Oppositionsgruppen und deren führende Protagonisten vor. Zu diesem Zeitpunkt, so die zutreffende Einschätzung der Stasi, war die Opposition in der DDR noch relativ überschaubar: "Es ist einzuschätzen, dass die politischen, ideologischen und subversiven gegnerischen Einwirkungen sowie die von der aktuellen Lageentwicklung in einigen sozialistischen Ländern ausgehenden Einflüsse unter Teilen der Bevölkerung der DDR gewisse Wirkungen erzielen. Sie zeigen sich insbesondere im Vorhandensein (überschaubarer und unter staatlicher und gesellschaftlicher Kontrolle stehender) personeller Zusammenschlüsse, entsprechender Gruppierungen und Gruppen."[15]

In den "Informationen" der nächsten Monate spiegelt sich die Dynamik, welche die Oppositionsbewegung in der DDR entwickeln sollte. Bereits ab Juni ist mehrmals wöchentlich von Demonstrationen, Zusammenkünften, Flugblattaktionen und Ähnlichem die Rede. Auch als die Demonstrationen im Oktober einen Qualitätssprung vollzogen und das Machtmonopol der Partei in Frage stellten, berichtete die Stasi weiter - gleichsam routinemäßig - von Teilnehmerzahlen, Ablauf und Parolen, ohne den erfolgten Dammbruch zu thematisieren.[16]

Ab September 1989 rückte die weitere organisatorische Entwicklung der Oppositionsbewegung, speziell des "Neuen Forums", in den Mittelpunkt des Interesses des MfS. Die Staatssicherheit war in jedem Stadium bestens über den Stand der Dinge informiert und berichtete darüber an die Partei- und Staatsführung. Am 17. Oktober 1989 hieß es beispielsweise: "Nach dem MfS vorliegenden Hinweisen setzt sich der Prozess der DDR-weiten Propagierung und Formierung oppositioneller Sammlungsbewegungen weiter fort. (...) Streng internen Hinweisen zufolge halten die Führungskräfte des Neuen Forums an der Zielstellung fest, einen legalen Status zu erlangen. Durch die weitere Erhöhung der Mitgliederzahlen und die Schaffung funktionsfähiger Organisationsstrukturen soll der Staat vor vollendete Tatsachen gestellt werden."[17] Es folgte eine ausführliche Darlegung der geplanten Schritte des "Neuen Forums".

Einen weiteren Brennpunkt bildete die Ausreisebewegung. Hier konzentrierte sich das MfS ab September 1989 nicht mehr nur darauf, die Tatsache einer massenhaften Ausreise von DDR-Bürgern zu konstatieren, sondern setzte sich nunmehr dezidiert mit den Gründen und vor allem den Folgen für die DDR auseinander.[18] In "allen Bevölkerungskreisen" sei die Meinung verbreitet, "dass man angesichts der Massenflucht von DDR-Bürgern, der hohen und offenbar weiter steigenden Anzahl von Antragstellungen auf ständige Ausreise und damit verbundenen Ausreisen und der Entwicklung des ungesetzlichen Verlassens der DDR, insbesondere unter Ausnutzung des Reiseverkehrs, Angst vor der Zukunft haben müsse. Es sei zu befürchten, dass sich dadurch die vorhandenen Probleme in der DDR weiter zuspitzen und es zu einer weiteren Verschlechterung der Stimmungslage der Bevölkerung komme."[19]

Ein Novum in der Stasi-Berichterstattung nach der Entmachtung Honeckers war, dass die Kritik der Bürger an der politischen Führung und deren Handeln jetzt ganz ungeschminkt wiedergegeben wurde. So heißt es in einem Bericht vom 21. Oktober 1989, dass der Rücktritt von Honecker "als zu spät erfolgt bewertet" werde und die "Wahl des Gen. Krenz als Generalsekretär" in "beachtlichem Umfang" auf "Ablehnung" stoße.[20]

Fußnoten

9.
Vgl. Information 499/89 vom 7.11. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3728.
10.
Information 519/89 vom 5.12. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3815.
11.
Vgl. dazu ausführlich Walter Süß, Staatssicherheit am Ende. Warum es den Mächtigen nicht gelang, 1989 eine Revolution zu verhindern, Berlin 19992, S. 225ff. u. 508ff.
12.
Vgl. dazu ausführlich Hans-Michael Kloth, Vom "Zettelfalten" zu freien Wählen. Die Demokratisierung der DDR 1989/90 und die "Wahlfrage", Berlin 2000, S. 115ff.
13.
Vgl. Information 15/89 vom 25.4. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3763. Hier wird über eine Veranstaltung vom 24. 4. 1989 im Gemeindezentrum "Heinrich Gruber", Berlin-Höhenschönhausen, zur Kommunalwahl und den geplanten Aktionen seitens der Opposition berichtet.
14.
Information 229/89 vom 8.5. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3763.
15.
Information 150/89 vom 30.5. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3756.
16.
Vgl. Information 452/89 vom 10.10. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3748.
17.
Information 459/89 vom 17.10. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3801.
18.
Beispielsweise werden in einer längeren "Information" zur Ausreise von Ärzten und anderem qualifizierten medizinischen Personal vom 4. 9. 1989 neben persönlichen Gründen für die Ausreise die Mängel im Gesundheitssystem und der Gesundheitspolitik benannt; vgl. Information 395/89 vom 4.9. 1989, BStU, MfS, ZAIG 3794.
19.
Bericht O/224 vom 13.9. 1989, BStU, MfS, ZAIG 4256.
20.
Bericht O/230 vom 21.10. 1989, BStU, MfS, ZAIG 4261.