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10.5.2009 | Von:
Markus Driftmann

Mythos Dresden: Symbolische Politik und deutsche Einheit

Mit der Inszenierung öffentlicher Auftritte suchte das Kanzleramt Einfluss auf die Bürger in der DDR zu gewinnen. Der Auftritt Kohls in Dresden wurde in der Retrospektive verklärt.

Einleitung

Die Inszenierung von Politik, also die genaue Kalkulation öffentlicher Auftritte, Forderungen, Parolen, Zeichen und Gesten mit Blick auf ihre politische Wirkung war auch im Herbst 1989 und im deutschen Vereinigungsprozess 1989/90 ein wichtiger, in der Literatur bislang noch nicht hinreichend gewürdigter Baustein der Bonner Deutschlandpolitik. Der Grund für diese mangelnde Aufmerksamkeit liegt in der Sache. Was dem distanzierten Beobachter als schlichter Ausdruck politischer Professionalität erscheint: die präzise Kalkulation öffentlicher Präsenz unter Bedingungen massenmedial vermittelter Kommunikation, das ist und bleibt für die politischen Akteure ein Tabu, dessen Offenlegung den Nimbus ihrer Authentizität und Spontaneität, mit dem sie zuvor gearbeitet hatten, gefährden würde. Und so setzt sich die ursprüngliche Inszenierung der Politik nicht selten in einer zweiten Inszenierung der Biografen, manchmal auch der Zeithistoriker fort.






In der Bonner Deutschlandpolitik sind politische Inszenierungen in erster Linie zwischen dem Mauerfall im November 1989 und der Volkskammerwahl in der DDR im März 1990 zu beobachten. Die zeitweilige Konjunktur dieses Instruments korrespondiert mit den Bedingungen einer direkten Einflussnahme auf die Bürgerinnen und Bürger der DDR. Vor dem Mauerfall - das Damoklesschwert einer "chinesischen Lösung" der im Sommer 1989 eskalierenden Konflikte in der DDR schwebte bedrohlich über den Akteuren - finden wir nur vorsichtige Adressen der Bundesregierung an die SED-Führung. Und schon ein halbes Jahr später - die neuen Machtverhältnisse waren qua Volkskammerwahl abgesteckt - endete die Wende ins Öffentliche, und die spezifischen Konditionen der deutschen Vereinigung wurden in gewohnter Weise hinter verschlossenen Türen verhandelt. Dazwischen aber fand Revolution statt. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR kündigten jede Zustimmung zum SED-System auf, überwanden dessen Repressionsmaschinerie, demokratisierten das politische Leben und wählten schließlich die Vereinigung mit der Bundesrepublik als Zukunftsperspektive ihres Gemeinwesens. Für die Bundesregierung wurde die sukzessive Entfaltung dieser Macht der Verhältnisse zu ihrem schlagkräftigsten innenpolitischen, innerdeutschen und vor allem auch außenpolitischen Argument - und sie versuchte, sie von Anfang an unter ihre Kontrolle zu bringen.

Damit begann die Stunde prägnanter, öffentlicher, medienvermittelter Ansprachen, mit der sich Bundeskanzler Helmut Kohl in Berlin nach dem Mauerfall, in Dresden vor der Frauenkirche und bei der Öffnung des Brandenburger Tores als Kanzler aller Deutschen in Szene zu setzen suchte. Anfang 1990 folgte die bewusste Vermeidung gemeinsamer Bilder mit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, die ihren Höhepunkt in der für diplomatische Verhältnisse ungewohnt deutlich zur Schau gestellten Distanz gegenüber Modrow und auch den DDR-Bürgerrechtlern gegenüber beim zweiten innerdeutschen Gipfel in Bonn Mitte Februar 1990 fand. Bei allen Schritten galt es, die Willensbildung der DDR-Bürger über das Streben nach demokratischen Freiheiten hinauszuführen und auf das Einheitsziel hin zu bündeln.