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10.5.2009 | Von:
Nevim Çil

Türkische Migranten und der Mauerfall

Die Ereignisse von 1989/90 haben türkische Migrantinnen und Migranten nachhaltig beeinflusst. Zugehörigkeit zu Deutschland definierte sich über ethnische Herkunft.

Einleitung

In Auseinandersetzungen und Debatten um den Mauerfall 1989 und die deutsche Einheit 1990 ist die Perspektive verengt auf die Erfahrungswelten des deutschen Bevölkerungsanteils diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze. Selten werden in diesen Diskussionen die Sichtweisen von Migrantinnen und Migranten und ihren Nachkommen berücksichtigt. Die neuen gesellschaftlichen Gruppenkonstellationen, die durch die Ereignisse von 1989/90 ausgelöst wurden, haben jedoch das Selbstverständnis und die Zugehörigkeitsbekenntnisse von Migranten, insbesondere von türkischen Migranten und ihren Nachkommen, um die es hier geht, nachhaltig verändert. Veränderte Zugehörigkeiten machen gleichzeitig Voraussetzungen und Grenzen von Zugehörigkeit überhaupt (wieder) sichtbar.






Es geht im Folgenden nicht um die Frage nach der deutsch-deutschen, der "inneren" Einheit und dem Verhältnis zwischen West und Ost. Vielmehr versucht dieser Beitrag, die Perspektive der an den Rand der Gesellschaft gedrängten, hier den türkischen, Migranten, aufzugreifen. Bevor ich die Auswirkungen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung auf diese Gesellschaftsgruppe darstelle, möchte ich die Stimmung und die Veränderungen, die durch die Ereignisse von 1989/90 ausgelöst wurden, skizzenhaft darlegen.

Nationalisierungswelle

Nach einer Zeit der Euphorie über den Mauerfall und die Wiedervereinigung wurde eine Nationalisierungswelle ausgelöst, welche die bereits überwunden geglaubte und auf Herkunft gründende Definition einer Zugehörigkeit zu Deutschland neu belebte. Der Wiedervereinigungsslogan "Wir sind ein Volk" zielte auf die Einheit der Angehörigen des Volkes mit einem deutschen Hintergrund, nicht etwa auf die Einheit der Bevölkerung in Deutschland.

Der Fokus auf die Herkunft sollte zur Überwindung der jahrzehntelangen Teilung des Landes beitragen. Dabei griff man jedoch auf ein Instrument zurück, welches eine erneute gesellschaftliche Teilung herbeiführte. Diese war allerdings anders geartet als die vorhergehende: Sie trennte nun die ethnischen Deutschen von den Migranten. Die bereits vor 1989 wahrgenommene Andersartigkeit und Fremdheit zwischen der westdeutschen Gesellschaft und den Einwanderern wurde mit der "Wende" verstärkt hervorgehoben. Nicht ihre Eingliederung - ein Diskurs, der die 1980er Jahre entscheidend mitgeprägt hatte -, sondern ihre vermeintliche Gefahr für die Gesellschaft stand nun im Vordergrund. Der Mauerfall und die deutsche Wiedervereinigung veränderten das gesellschaftliche Gefüge. Die Zwei-Gruppenkonstellation (Westdeutsche-Einwanderer) wurde zu einer Drei-Gruppen-Konstellation (Westdeutsche-Ostdeutsche-Einwanderer) und drängte zu einer Neupositionierung der einzelnen Gruppen.[1]

Dieser Wandel ging mit medialer und öffentlicher Aufmerksamkeit für Migranten einher. Ihnen wurde nun das Potential zugeschrieben, die deutsche Kultur zu unterwandern, ja, zu "überfremden". Die Rede vom "vollen" Boot[2] und vom "ungehemmten und ungezügelten Zustrom von Asylbewerbern",[3] die auf Kosten des deutschen Staates leben würden, erlangte Anfang der 1990er Jahre eine erschreckende Popularität. Damit wurde nicht die Gleichheit zwischen den ethnisch deutschen Gesellschaftsmitgliedern und den Migranten hervorgehoben, sondern gerade die Differenz, die zur Gefahr erklärt wurde.

Erol Yildiz bewertet die veränderte Wahrnehmung von Migranten in der Gesellschaft als eine Folge von Krisenzeiten, die alte Vorstellungen von Zugehörigkeit wiederbeleben: "Im Laufe des Wiedervereinigungsprozesses konnte man genau beobachten, wie solche ideologischen Ressourcen diesen Vorgang begleiteten und weitgehend bestimmten, wie das Nationale zum Subjekt der Geschichte wurde, wie die Vergangenheit in der Zukunft wiederkehrte."[4]

Die Diskurse über Partizipation, Integration und eine positive gesellschaftliche Einbindung von Migranten, die noch in den 1980er Jahren durch Themen wie das kommunale Wahlrecht auch für Nichtdeutsche bestimmt worden waren, gerieten durch die aufflammende Nationalisierung und Ethnisierung der deutschen Gesellschaft in den 1990er Jahren ins gesellschaftliche Abseits. Der Wiedervereinigungsprozess und die darauf folgenden Jahre, die nicht zuletzt durch die Brandanschläge gegen Asylsuchende und Migranten in den neuen Bundesländern und später auch im Westen der Republik geprägt wurden, haben tiefe Spuren in der Beziehung zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und den Migranten hinterlassen. Die Pogrome und Brandanschläge von Hoyerswerda (24./25.9. 1991), Rostock-Lichtenhagen (22.8. 1992), Mölln (23.11. 1992) und Solingen (29.5. 1993) führten schließlich zur "Enthumanisierung" von Migranten. Die gesellschaftliche Atmosphäre der 1990er Jahre wurde auch durch die Verschärfung des so genannten Ausländergesetzes im Jahre 1991 und die Veränderung des Grundrechtsartikels auf politisches Asyl (Art. 16 GG) im Jahre 1993 bestimmt.

Diese Ereignisse, die in einem sehr engen Zeitrahmen aufeinander folgten, haben die Positionen und Sichtweisen von Migranten und ihren Nachkommen im vereinten Deutschland entscheidend geprägt. Die Unterschiede unter den türkischen Migranten werden besonders deutlich, wenn diese in einem intergenerationellen Vergleich dargelegt werden.

Migrantengenerationen

Will man die Auswirkungen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung auf die Migrantengenerationen untersuchen, erhält der Interdependenzgrad zur deutschen Gesellschaft eine Schlüsselposition. Er beschreibt nicht nur den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen wie Bildung und Sprache, sondern hebt gleichzeitig die Bemühungen, ein Teil der deutschen Gesellschaft zu werden, hervor. Negative Meinungen über türkische Migranten, Stigmatisierungs- und Ablehnungsstrategien der Mehrheitsgesellschaft führen dazu, sich aus der niedrig angesehenen Gruppe der Migranten zu befreien, wenn der Wunsch ausgeprägt ist, ein Teil der Mehrheitsgesellschaft zu werden. Diese Motivation kann aber erst dann ausgelöst werden, wenn die Meinung und Sichtweise der Mehrheitsgesellschaft auf die Anderen zu einem entscheidenden Kriterium in der Selbstverortung wird.

Norbert Elias beschreibt dieses Phänomen sehr eindrucksvoll als asymmetrische Machtbalance zwischen zwei Gruppen, die sich erst nach Generationen entwickelt.[5] Er betont, dass mit zunehmender Länge der Beziehung gesellschaftliche Außenseiter den Wunsch hegen, so werden zu wollen wie die Etablierten. Die charismatische Wir-Gruppe der Machtstärkeren übt eine Sogwirkung auf die Außenseiter aus. Gleichzeitig aber trägt die etablierte Gruppe dafür Sorge, dass Außenseiter den negativen Zuschreibungen kaum entkommen können, obwohl sie als eine Bedrohung für die Etablierten gelten.

Diesem Paradox kommt auch nach Zygmunt Bauman eine machterhaltende Funktion zu.[6] Außenseiter wirken in diesem Fall wie der Rest in einer Beziehung oder die negative Seite, die bereitwillig in Kauf genommen wird, um die eigene Machtposition zu erhalten. Für gesellschaftliche Außenseiter wird es so zu einer unlösbaren Aufgabe, sich nach den Richtlinien der Etablierten zu richten und den Stigmatisierungen und somit den negativen Zuschreibungen zu entkommen. In der Beziehung zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und den türkischen Migrantengenerationen ist es somit entscheidend für die Nachkommen, den negativen Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft zu entkommen.

Für die Studie "Topographie des Außenseiters. Türkische Generationen und der deutsch-deutsche Wiedervereinigungsprozess" habe ich im Zeitraum von 2000 bis 2002 insgesamt 16 Interviews mit Frauen und Männern in Berlin geführt, um die Auswirkungen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung auf türkische Migranten und ihre Nachkommen zu erfragen.[7] Die Ereignisse von 1989/90 werden also aus der Retrospektive heraus betrachtet und bewertet. Die Interviews sollten eine bestimmte Bandbreite von Altersgruppen, Familienstruktur und Bildungsgrad abdecken.

Dabei erheben die Interviews nicht den Anspruch von Repräsentativität, sondern verfolgen die Intention, einen Einblick in das Generationenverhältnis und die Verschiedenheit der Ausgangsbasis und Zugriffe auf gesellschaftliche Ressourcen der Generationen zu geben. Die jüngste Interviewpartnerin war zum Zeitpunkt des Interviews 22, der älteste Interviewpartner 72 Jahre alt. So unterschiedlich die Ausgangsbasis, der Bildungsgrad und die Selbstdarstellung meiner Interviewpartner auch ausgefallen sind, eines vereint sie alle: Bei den älteren Generationenmitgliedern handelt sich um einst angeworbene Arbeitskräfte, die nach Abschluss des Anwerbevertrages mit der Türkei in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen sind oder aber als Ehepartner nachgeholt wurden. Die jüngeren Generationenmitglieder wiederum sind Nachkommen dieser Arbeitskräfte.

Die erste Generation und der Mauerfall

Die erste Generation der türkischen Arbeitskräfte kam mit dem Anwerbevertrag von 1961, den die Bundesrepublik mit der Türkei abschloss, nach Deutschland. Auslöser ihrer Migration nach Deutschland war - so berichteten mir die meisten meiner Interviewpartnerinnen und Interviewpartner aus dieser Generation - ihre schlechte ökonomische Situation im Herkunftsland. Die Migration sollte dazu dienen, die wirtschaftliche Lage der Familien zu verbessern und gleichzeitig eine Basis für eine bessere Existenz im Herkunftsland bilden. Die meisten Befragten aus dieser Generation betonen, dass sie die Migration als ein vorübergehendes Moment verstanden haben. Insofern ist es vielleicht nicht erstaunlich, wenn die Beziehung der ersten Generation zu Deutschland lange Zeit auf die Arbeitswelt beschränkt blieb. Diese Sichtweise ändert sich lediglich unwesentlich, als durch den Anwerbestopp im Jahre 1973 die meisten Angehörigen der ersten Generation sich anstelle einer Rückkehr für den Familiennachzug entschieden. Neben der Aufwertung der ökonomischen Situation der Familie wurde damit die Entscheidung, im "Anwerbeland" zu bleiben, auf die Bildungsmöglichkeiten der Kinder ausgeweitet.

Der Fokus auf die Arbeitswelt und die ökonomische Lage ist auch entscheidend in der Bewertung des Mauerfalls und der Wiedervereinigung für die Befragten aus dieser Generation. Meine Interviewpartnerin Kiraz G., die zum Zeitpunkt des Interviews 56 Jahre alt und seit 1991 arbeitslos ist, bewertet den Mauerfall folgendermaßen: "Egal wohin wir gegangen sind, haben sie Ostler bevorzugt. Sie arbeiten für drei Mark, wir können nicht einmal für fünf Mark arbeiten. Also wenn wir für zehn Mark arbeiten, arbeiten die für drei Mark, also sind wir gegangen, sie haben uns entlassen. Andere Sorgen haben wir nicht, das ganze Problem ist die Arbeitslosigkeit."

Die Sorge um die ökonomische Situation und die Verschlechterung der Situation in der Arbeitswelt zu Lasten der Migranten teilen alle Befragten aus dieser Generation. Diese Lage beschreibt für diese Generation ein Dilemma. Denn die anfängliche Migrationsmotivation, die eng mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage verknüpft war, wird mit einer Arbeitslosigkeit ad absurdum geführt. Das Migrationsziel rückt damit in weite Ferne.

Die ausbleibende Anerkennung für die Leistungen, die Wirtschaft jahrelang mit aufgebaut und vor allem an der Aufrechterhaltung der Lebensfähigkeit West-Berlins mitgewirkt zu haben, bildet einen weiteren Kritikpunkt. Metin E., zum Zeitpunkt des Interviews 57 Jahre alt, hebt diesen Aspekt besonders deutlich hervor. Die körperlichen Schäden, ausgelöst durch die jahrelange schwere Arbeit am Hochofen einer Kunststofffabrik, erreichten zu Beginn der 1990er Jahre für Metin E. einen Höhepunkt. Die Verschlechterung der Arbeitsmarktlage mündete für ihn schließlich in Arbeitslosigkeit, bevor er 1996 in die Frührente gehen konnte: "Auch wenn es wenig war, habe ich meinen Beitrag geleistet. So wie ich haben viele Türken gedacht, viele Ausländer, viele Italiener. Sie können ruhig eine Statistik darüber führen. Während die Deutschen abgehauen sind, haben die Ausländer für die Aufrechterhaltung West-Berlins gesorgt. Aber die Politiker denken, dass sie es waren. Aber so ist es nicht, und so war es auch nie gewesen."

Für Metin E. bedeutete der Fall der Mauer gleichzeitig den Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus. Als bekennender Laizist habe er sich darüber besonders gefreut. Die westdeutsche Gesellschaft aber habe dieses Bekenntnis nicht wahrgenommen. Ganz im Gegenteil: Die Migranten seien in der neuen gesellschaftlichen Konstellation ins Abseits gedrängt worden, da sie keine Funktion mehr gehabt hätten, wie er betont: "Und die Mauer ist gefallen, und ein Jahr später ist sie uns auf die Köpfe gefallen. Denn zum Beispiel nach dem Krieg haben sie die Ausländer hierher gebracht, um auf die Deutschen Druck auszuüben. Die Ausländer sind wissentlich oder unwissentlich gekommen und haben gearbeitet. Jetzt denken die Deutschen, dass die Ausländer gekommen sind, um ihnen die Arbeit wegzunehmen. (...) Und dass die Mauer gefallen ist, hat den Deutschen nicht geschadet, aber den Ausländern. Jetzt wurden die [Ostdeutschen, N.,C.] als Druck gegen uns eingesetzt. Sie haben uns die Arbeit genommen, unsere Stundenlöhne gesenkt, uns schlechte Laune bereitet und uns zu Nervenbündeln gemacht, vor allem mich."

Metin E. ist der Einzige aus dieser Generation, der im Interview seine Enttäuschung über die (westdeutsche) gesellschaftliche Ablehnung der Migranten deutlich zum Ausdruck bringt. Die Verschlechterung der ökonomischen Situation bzw. die drohende oder zur Tatsache gewordene Arbeitslosigkeit bleibt das entscheidende Argument in der Bewertung von 1989/90.

Die jüngere Generation und der Mauerfall

Die Beziehung zwischen der deutschen Gesellschaft und den türkischen Migranten wird von den Nachkommen unterschiedlich beschrieben. Um die Differenzen innerhalb der Nachkommengeneration zu verstehen, möchte ich sie in Altersgruppen aufgeteilt vorstellen.

Die Aussagen der jüngeren Generationsmitglieder fallen insgesamt wesentlich heterogener aus als die der Elterngeneration. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage des Landes und die Befürchtung, als erster von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein, sind Themen, die von den jüngeren Interviewpartnern lediglich am Rande der Interviews zur Sprache gebracht wurden. Diese Tatsache ist zunächst nicht erstaunlich, führt man sich vor Augen, dass die meisten jüngeren Gesprächspartner zum Zeitpunkt des Mauerfalls und während der Wiedervereinigungsphase noch die Schule besuchten. Themen, die den Arbeitsmarkt betreffen, besaßen aus diesem Grund für die meisten Befragten noch keine Relevanz.

Gleichzeitig ist diese Tatsache auch der anderen Perspektive der jüngeren Generation auf den Mauerfall und die Wiedervereinigungsphase geschuldet. Im Gegensatz zur Elterngeneration hebt die Nachkommengeneration vor allem die Veränderung ihrer gesellschaftlichen Position im wiedervereinigten Deutschland hervor. Diese Differenz zwischen den Generationen ist auf ihre unterschiedliche Ausgangssituation in Deutschland zurückzuführen. Die jüngere Generation führt ihre Perspektive auf die Verschlechterung ihrer sozialen Situation in Deutschland und auf die fehlende Anerkennung zurück. Die Veränderung ihrer sozialen Stellung ist ein Thema, das von allen Befragten aus der Nachkommengeneration zur Sprache gebracht wurde. Die Artikulation der Veränderungen fällt jedoch je nach Altersgruppe unterschiedlich aus.

Die ältesten Nachkommen. Für die ältesten Nachkommen, mit denen ich Interviews geführt habe, nimmt die Beziehung zu den Eltern und zur Familie einen wichtigen Platz in der Selbstverortung ein. Diese Nachkommengruppe befand sich zum Zeitpunkt des Interviews im fünften Lebensjahrzehnt. Der überwiegende Teil aus dieser Gruppe kann auf eine jahrelange Trennung von Eltern und Familie zurückblicken. Dadurch, dass die Eltern keine eindeutige Entscheidung treffen konnten oder wollten, ob ihr Aufenthalt in Deutschland von langer Dauer sein würde, haben sie ihre ältesten Kinder in der Türkei bei Verwandten untergebracht. Erst nachdem feststand, dass der Aufenthalt länger dauern würde, haben sie einige Zeit später, meistens mehrere Jahre, ihre Kinder nach Deutschland geholt.

Auf solch ein Schicksal kann auch Oktay T. zurückblicken. Er ist mit 17 Jahren nach Deutschland gekommen. Der Entfremdung zwischen ihm und seinen Geschwistern sei er durch die Übernahme der Vaterrolle entgegengetreten, berichtet er im Interview. Diese Rolle habe das Verhältnis zu seinem Vater gestärkt. Die Ankunft in der neuen Gesellschaft ging für Oktay T. mit der Ankunft in einer fremd gewordenen Familie einher. Die Bindung zu seiner Familie stand für ihn daher im Vordergrund, mehr als die Beziehung zur deutschen Gesellschaft. Diese Umgangsweise mit der neuen Situation deckt sich auch mit den Erfahrungen anderer Interviewpartnerinnen und -partner aus dieser Gruppe. Schließlich aber, je länger der Aufenthalt in Deutschland dauert, gewinnen Bilder und Vorstellungen über türkische Migranten in der Gesellschaft für diese Gruppe der Nachkommen immer mehr an Bedeutung, wobei die Beziehung zur deutschen Gesellschaft verhalten ausfällt. Die geographische Distanz und die Tatsache, erst später nach Deutschland gezogen zu sein, machen sich auch in der Bewertung des Mauerfalls und der deutschen Einheit bemerkbar.

Oktay T. beschreibt dieses Ereignis mit folgenden Worten: "Für die Deutschen, sagen wir es so, es war klar, es war ja keine blutige Revolution sozusagen. Irgendwie dachte ich, das ist jetzt ihr Fest, ihre Feier, sollen sie genießen. Also ich wollte da eher bisschen abseits bleiben (...)." N.,C. "Woher kam dieses Gefühl?" "Na, ich hab mich nie zu dieser Gesellschaft jetzt hundertprozentig dazugezählt, dazugehört, hab' ich nicht, auch aus wahrscheinlich diesem Grund. Und nun dachte ich, kommen die beiden deutschen Staaten zusammen, die Deutschen zusammen. Also gut, dann lasse ich ihnen ihre Feier, die sollen das genießen." Oktay T., der für die Zeit vor der Wiedervereinigungsphase kaum eine Zugehörigkeit zu Deutschland formulieren kann, betont, dass er sich selbst außerhalb dieses politischen Ereignisses gestellt habe. Die Trennlinie zwischen "Wir" und "Ihr" verläuft für ihn entlang der Aufenthaltsdauer und einer Identifikation mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Durch seinen späten Nachzug nach Deutschland ist die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft kaum ausgeprägt.

Die mittleren Nachkommen. Die mittlere Gruppe der Nachkommen bilden diejenigen, die sich zum Zeitpunkt des Interviews im vierten Lebensjahrzehnt befanden. Diese Nachkommengruppe fällt durch ihre hohe Interdependenz zur deutschen Gesellschaft auf. Ihre Selbstsicht wird in hohem Maße vom Verhalten der deutschen Mehrheitsgesellschaft geprägt. Diese Nachkommen sind vor dem Mauerfall besonders darum bemüht gewesen, sich von ihrer niedrigen Position als Nachkommenschaft von türkischen Arbeitskräften loszulösen, um so eine Aufnahme in die deutsche Gesellschaft zu erreichen. Die Bemühungen, ein Teil der Gesellschaft als Deutsche zu werden, könnte man als das wichtigste Projekt dieser Nachkommengruppe beschreiben.

Dies ist auch auf die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland in den 1980er Jahren zurückzuführen, die in der Sozialisation dieser Generationengruppe den entscheidenden Stellenwert einnimmt. Für diese Nachkommengruppe spielt die Veränderbarkeit der sozialen Herkunft eine entscheidende Rolle in ihren Bestrebungen, Teil der Gesellschaft zu werden. Die Diskussionen um Integration haben diese Nachkommen durchaus ernst genommen. Integration ging mit der verbreiteten Annahme einher, mittels individueller Leistungen wie Spracherwerb, Bildungsanstrengungen und der Übernahme von Werten und Normen der Mehrheitsgesellschaft als Teil der Gesellschaft aufgenommen werden zu können. Es ist also die Möglichkeit, sich selbst und damit die soziale Position transformieren zu können, die für diese Nachkommengruppe entscheidend ihre Bemühungen bestimmte.

Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung im Jahr 1990 endeten diese Bestrebungen der Nachkommen, so werden zu wollen wie Deutsche. Die Rückbesinnung der Mehrheitsgesellschaft auf Kategorien ethnischer Herkunft entriss dieser Nachkommengruppe die Grundlage, eine Zugehörigkeit zu Deutschland jenseits von biologisch determinierter Abstammung zu formulieren. Der gesellschaftliche Raum in Deutschland wurde verengt auf die Unveränderbarkeit der ethnisch-sozialen Herkunft. In diesem Sinne gelten der Mauerfall und die Wiedervereinigung als Zäsur, wie mein Interviewpartner Ufuk K. berichtet: "Dieser Begriff von Deutschland ist irgendwie wieder hochgewachsen. Und wenn man an sich so überlegt, wie alt war ich da? Schon so weit, dass ich deutlich 'ne Meinung hatte. Und irgendwie hatte man das Gefühl: Sechzehn Jahre, die man so in Deutschland verbracht hat, hat man als Türke, sag' ich mal, einen gewissen Status erreicht und ich hab' da nur noch die Felle davon schwimmen sehen. Jetzt ist die Mauer weg, jetzt ist Deutschland wieder so hochgeputscht und irgendwie alles, was man sich sechzehn Jahre lang erarbeitet hat, das geht jetzt erst einmal nach unten, man fängt wieder bei Null an."

Der Mauerfall und die Wiedervereinigung werden nicht nur als Bremse bei den eigenen Bemühungen, zu einem Teil der Gesellschaft zu werden, gewertet, sondern geradezu als Vernichtung der bis dahin erbrachten Leistungen und Anstrengungen. Das Gefühl, bei Null anfangen zu müssen, wie es Ufuk K. formuliert, mündet für einige Interviewte aus dieser Nachkommengruppe in eine kritische Auseinandersetzung auch mit der Zeit vor 1989. Dabei sind die Glaubwürdigkeit und das Integrationsangebot der deutschen Gesellschaft Gegenstand der Auseinandersetzungen.

Mein Interviewpartner Bülent T., der zum Interviewzeitpunkt 30 Jahre alt war, formuliert eine Irritation, die bezeichnend für diese Nachkommengruppe ist: "Wenn ich dann später wahrgenommen habe, dass es Leute gibt, die eben Frauen mit Kopftuch angepöbelt haben, auch erwachsene Leute, nicht nur immer irgendwelche besoffenen Jugendlichen, sondern auch Erwachsene, dann sind das ja auch Deutsche, das sind ja auch Mütter und Väter, die haben auch Kinder und wer sind diese Leute? Ich hab ja diese vorher vielleicht nicht wahrgenommen, und wer weiß, ob die Eltern von den Freunden, mit denen ich zusammen war, nicht auch so gedacht haben."

Die Auseinandersetzung mit der neuen gesellschaftlichen Situation mündete für Befragte aus dieser Nachkommengruppe zunächst in Irritation, anschließend in die Suche nach neuen Orientierungspunkten. Ufuk K., der sich vor der Wiedervereinigungsphase eindeutig als Deutscher bezeichnet habe, nimmt diese Zugehörigkeit nun zurück: "Wenn mich jemand fragt, ob ich Deutscher oder Türke bin, würde ich immer sagen, ich bin Türke. Obwohl mich eigentlich mit dem Türkischsein vielleicht zwanzig Prozent von mir verbindet, aber das ist eher die Minderheit und ich fühl mich auch eher zu der Minderheit hingezogen als zu den Anderen." Vielmehr als die ethnische Herkunft unterstreicht der Begriff "Türke" hier die zugeschriebene Position in der Gesellschaft. Er wird zum Synonym für das Ausgeschlossensein.

Die jüngsten Nachkommen. Eine eindeutige und radikale Trennung zwischen dem Türkischen und dem Deutschen wird von der jüngsten Gruppe der Nachkommen vollzogen. Diese Gruppe befand sich zum Zeitpunkt des Interviews im dritten Lebensjahrzehnt. Anfang der 1990er Jahre waren meine Interviewpartnerinnen und -partner aus dieser Nachkommengruppe zehn bis zwölf Jahre alt. Ihre Meinung über die deutsche Gesellschaft nach 1989/90 geht auf Sichtweisen älterer Geschwister, der Eltern und des nahen Umfelds zurück. Im Vergleich zur älteren und der mittleren Nachkommengruppe fehlt den Jüngeren die unmittelbare Erfahrung der Zeit vor 1989, die einen Vergleich möglich machen könnte. Diese Unmittelbarkeit wird jedoch durch Berichte aus dem Umfeld kompensiert und zur eigenen Meinung umformuliert.

Gleichzeitig stellen die jüngeren Befragten die Gruppe dar, die in den 1990er Jahren sozialisiert wurde und damit inmitten der Umbruchphase eine "Zugehörigkeit" zu Deutschland entwickeln musste. Dadurch, dass diese Zeitphase geprägt war von einer Nationalisierung und Ethnisierung der deutschen Gesellschaft, gewinnen die Grenzen der Zugehörigkeit besondere Aufmerksamkeit. Yagmur Y., die zum Interviewzeitpunkt 23 Jahre alt ist, beschreibt ihre Zugehörigkeit folgendermaßen: "Also ich glaub', ich bin selbstbewusster geworden wahrscheinlich, also weil ich das mittlerweile besser trennen kann, also trennen zwischen Gut und Böse, ist sehr schwierig in unserer Zeit mittlerweile. Aber ich glaube, zum größten Teil letztendlich kann ich das schon gut und ich hab' jetzt wirklich für mich festgestellt, dass die guten Sachen bei den Türken überwiegen, als bei den Deutschen und an diesen Maßstab halte ich mich."

Dieser eindeutigen Haltung kommt auch eine Schutzfunktion zu. Die Einteilung in "Gut" und "Böse" dient dazu, die eigene, als minderwertig wahrgenommene Situation aufzuwerten. Es ist eine Art Selbststigmatisierung, die hier zur Geltung kommt und den Sinn erfüllen soll, das Selbst ins Positive zu verschieben. Diese Einstellung hat jedoch auch ihren Preis, nämlich die eigene Position zu reduzieren und sie an dieser Aufteilung zu orientieren.

Schlusswort

Die Ereignisse von 1989/90 nehmen eine entscheidende Schlüsselposition in der Zugehörigkeit insbesondere der jüngeren Migrantengeneration ein. Sie werden als eine Zäsur in der Beziehung zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und den türkischen Migrantinnen und Migranten betrachtet. Die Erkenntnis über die Unveränderbarkeit der sozialen Position stellt insbesondere für die mittlere Gruppe der Nachkommen eine Schockerfahrung dar, die bis heute nachwirkt. Nicht die Anstrengungen, zu einem Teil der Gesellschaft zu werden, stehen nun im Vordergrund, sondern die Suche nach neuen Orientierungspunkten. Dabei werden auch die Lebenswege der Elterngeneration mit neuen Augen betrachtet.

Um die Aufnahme in die deutsche Gesellschaft zu erreichen, war für die mittlere Gruppe der Nachkommen die Abgrenzung von der Elterngeneration vor dem Mauerfall ein zentrales Thema. Durch die Erfahrung eines gänzlichen Ausschlusses aus der Gesellschaft nach 1989/90 wird die Ablehnung der Elterngeneration immer weiter zurückgenommen. Wichtig ist es hierbei, hervorzuheben, dass sich die Nachkommen durch die Ereignisse von 1989/90, welche die ethnische Herkunft in den Vordergrund stellten, den Positionen ihrer Eltern immer stärker annähern. Die Selbstbezeichnung als "Türke" bestätigt diese Ähnlichkeit.

Die verschiedenen Argumente der jüngeren Generation machen auch deutlich, dass sie vor einem erneuten Dilemma stehen. Die Bezeichnung "Türke" wird als ein Instrument benutzt, um die eigene aktuelle Situation zu beschreiben. Sie reduziert die Betroffenen aber auch auf gesellschaftliche Handlungsfelder, welche die Herkunft betonen. Es wirkt wie ein doppelter Ausschluss - einerseits durch die Nationalisierung der Gesellschaft, andererseits durch die Selbstbezeichnung.

20 Jahre Mauerfall bedeuten nicht nur, dass wir uns an die gesamtgesellschaftliche Bedeutung dieses historischen Ereignisses erinnern, sondern auch Fragen zu den gesellschaftlichen Konsequenzen stellen müssen. Die erste Frage, die sich dabei aufdrängt, lautet: Genügt die Trennlinie "Herkunft" tatsächlich den Anforderungen dieser Gesellschaft? Gleichzeitig stellt sich für die Migranten die Frage, ob sie die Reduzierung ihres gesellschaftlichen Handlungsfeldes aufgrund eines unveränderbaren Elementes wie der Herkunft langfristig akzeptieren können und wollen.
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Fußnoten

1.
Der Migrationsforscher Klaus J. Bade betont, dass diese neue Konstellation neben Deutschen mit deutschem Pass sowohl Einheimische mit ausländischem Pass (Einwanderer) als auch Fremde mit deutschem Pass (Aussiedler) enthalte. Siehe hierzu Klaus J. Bade, Tabu Migration: Belastungen und Herausforderungen in Deutschland, in: ders., Das Manifest der 60: Deutschland und die Einwanderung, München 1994, S. 66f.
2.
Vgl. z.B. Birgit Rommelspacher, Anerkennung und Ausgrenzung. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 153; Elcin Kürsat-Ahlers, Das Stigma des Einwanderers. Über die Macht, Kultur und Abwehr in Einwanderungsprozessen, in: ders., (Hrsg.), Die multikulturelle Gesellschaft: der Weg der Gleichstellung? Frankfurt/M. 1992, S. 55; Erol Yildiz, Die halbierte Gesellschaft der Postmoderne. Probleme des Minderheitendiskurses unter Berücksichtigung alternativer Ansätze in den Niederlanden, Opladen 1997, S. 15ff.
3.
Vgl. zu diesem Topos Hajo Funke, Brandstifter. Deutschland zwischen Demokratie und völkischem Nationalismus, Göttingen 1993, S. 160.
4.
E. Yildiz (Anm. 2), S. 130.
5.
Vgl. Norbert Elias/John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 1990.
6.
Vgl. Zygmunt Bauman, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Frankfurt/M. 1995.
7.
Siehe zu den Auswahlkriterien der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner Nevim Çil, Topographie des Außenseiters. Türkische Generationen und der deutsch-deutsche Wiedervereinigungsprozess, Berlin 2007, S. 62ff.