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1.5.2009 | Von:
Thomas Straubhaar
Michael Wohlgemuth
Joachim Zweynert

Rückkehr des Keynesianismus: Anmerkungen aus ordnungspolitischer Sicht

Keynes und die Keynesianer

Angesichts der Aktualität dieser Aussagen kann es nicht verwundern, dass der Geist des Keynesianismus wieder aus der Flasche gekrochen ist. Der Ruf nach ausladenden Konjunkturprogrammen stößt zunehmend auf offene Ohren. Schon im amerikanischen Wahlkampf überboten sich Republikaner und Demokraten mit Ideen, wie mit staatlichen Nothilfen die Wirtschaft vor dem Kollaps zu retten sei. Aber nicht nur in den USA, auch in Europa feiert der Keynesianismus eine Wiedergeburt. In Frankreich plädiert Präsident Nicolas Sarkozy ungeniert für eine von den Regierungen gelenkte Geldpolitik, für eine anti-zyklische Fiskalpolitik und eine (national-) staatliche Industriepolitik. Waren in Deutschland die Stimmen lange in der Minderzahl, die nach mehr Keynesianismus in der Wirtschaftspolitik gerufen haben, erhalten sie in jüngster Zeit stetig mehr Unterstützung. Aber je dramatischer die schlechten Konjunkturnachrichten werden, umso lauter werden die Forderungen, die Geldschleusen zu öffnen und mit einer aktiven Finanzpolitik das wirtschaftliche Wachstum zu stützen. Mancher reibt sich angesichts des plötzlichen Keynes-Revivals verwundert die Augen. Denn bis vor Kurzem galt Keynes als derjenige, dessen Staatsgläubigkeit ausufernde öffentliche Verschuldung, die hohen Inflationsraten sowie die steigende Arbeitslosigkeit der späten 1970er Jahre herbeigeführt habe und dessen Irrlehren in der modernen Wirtschaftswissenschaft zum Glück überwunden worden seien. Doch nun meinen viele, die heutige Krise habe die Neoliberalen vom Schlage eines Milton Friedman genau so gründlich widerlegt wie seinerzeit das Phänomen der Stagflation[2] die Keynesianer widerlegt zu haben schien.

Den heutigen Neokeynesianern muss man zunächst einmal zugute halten, dass sie im Vergleich zu früheren Ansätzen in ihrem Steuerungsanspruch um einiges zurückhaltender sind. Vordergründig akzeptieren sie für die lange Frist die Überlegenheit einer angebotspolitischen Agenda mit freien, deregulierten und privatisierten Märkten und einer Geldpolitik, die sich an nichts anderem als der Preisniveaustabilität zu orientieren hat. Es wird anerkannt, dass nachfrageorientierte Eingriffe nichts zu einem dauerhaft höheren Beschäftigungsniveau beitragen können. Genauso wird die für Generationen von Studentinnen und Studenten zum harten Pflichtstoff gehörende Phillipskurve (die eine unterstellte Beziehung zwischen Inflation und Beschäftigung beschreibt) modifiziert. Mit einer zu expansiven Geldpolitik werden langfristig nur höhere Inflationsraten und keine nachhaltigen Beschäftigungseffekte verursacht. Hintergründig aber geht es immer noch um big government, wie es mit der Forderung nach staatlicher Investitionslenkung bereits bei Keynes selbst angelegt ist. Im Rahmen einer neokeynesianischen Dreifaltigkeit sollen Notenbank, Regierung und Tarifpartner kooperativ den Konjunkturverlauf steuern. Im Deutschland der 1970er Jahre wurde mit dieser Politik einer "Globalsteuerung" von "Superminister" Karl Schiller experimentiert.

Bei aller mehr oder minder ausgeprägten Zurückhaltung bleiben auch noch die heutigen Neokeynesianer einer Spielart des Keynesianismus treu, die wenig damit zu tun hat, um was es Keynes eigentlich ging. So halten sie Rezepten die Treue, welche die Krise gerade wesentlich mit verschuldet haben. Soviel man heute von Keynes lernen kann, so skeptisch sollte man jenen Lehren begegnen, für die Keynes' Cambridger Kollegin Joan Robinson nur eine einzige Bezeichnung übrig hatte: Bastard Keynesianism. Angesichts der heutigen unkritischen Rückbesinnung auf keynesianische Rezepte sei mit aller Entschiedenheit festgestellt, dass es den Keynesianismus genau so wenig gibt bzw. je gegeben hat wie den Neoliberalismus, der von der öffentlichen Meinung heute so einhellig verteufelt wird.

Im Sinne einer fundierten Diskussion muss vielmehr innerhalb beider Lager zwischen unterschiedlichen Subströmungen differenziert werden. Im vorliegenden Beitrag wollen wir zunächst verschiedene Interpretationen eines Keynesianismus unterscheiden, von denen unserer Auffassung nach einige durchaus ein Comeback verdienen. Es erleben derzeit aber auch solche Spielarten ein Revival, die nach unserer Interpretation die Krise sogar mit verursacht haben. Um besser beurteilen zu können, inwieweit heute eine der Großen Depression der 1930er Jahre vergleichbare "keynesianische Situation" besteht, wollen wir uns anschließend näher mit dem "Warum und Woher" der aktuellen Krise beschäftigen. Dabei versuchen wir zu zeigen, dass auch und gerade die in den USA verfolgte vulgärkeynesianische Politik des (Staats- und Privat-)Konsums auf Pump das "riesige Wirrwarr" erst hat entstehen lassen. Und schließlich werden wir argumentieren, dass ausgerechnet einige der heute als "neoliberal" gebrandmarkten Grundprinzipien die aktuelle Krise hätten vermeiden oder mildern können und auch zur Vermeidung oder Milderung der unter gegenwärtigen Rahmenbedingungen schier unvermeidlichen künftigen Krisen einen wichtigen Beitrag leisten sollten.

Fußnoten

2.
Anm. d. Redaktion: "Stagflation" ist eine Wortschöpfung, die sich aus den Begriffen Stagnation und Inflation zusammensetzt. Sie bezeichnet eine wirtschaftliche Rezessionsphase, während der die Preise steigen.