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1.5.2009 | Von:
Thomas Straubhaar
Michael Wohlgemuth
Joachim Zweynert

Rückkehr des Keynesianismus: Anmerkungen aus ordnungspolitischer Sicht

Eine "keynesianische Situation"?

Die verschiedenen Kritiker von Keynes haben darauf hingewiesen, dass seine General Theory alles andere als "allgemein", sondern recht speziell sei.[15] Keynes versuchte, die "stillschweigenden Voraussetzungen" der neoklassischen Theorie (vor allem Vollbeschäftigung), die "nur selten oder nie erfüllt sind", sowohl zu relativieren als auch mit Staatshilfe herbeizuführen.[16] Dabei ging er freilich selbst von Voraussetzungen aus, die zum einen sehr spezifisch die Ausnahmesituation der Großen Depression nach 1929 beschreiben und über deren konkrete Auslöser zum anderen auch deutlich konkurrierende ökonomische Erklärungsmuster plausibel erscheinen.[17]

Der klassische Gelehrtenstreit über die Gründe der Großen Depression kann hier nicht rekapituliert und noch weniger entschieden werden. Interessant bleibt aber die Frage: Ist die damalige Weltwirtschaftskrise mit der heutigen vergleichbar? Diese Frage hat vielerlei Aspekte. Zum einen stellt sich die Frage der Dimension der Krise. Aus heutiger Sicht kann man den Vergleich zur Großen Depression nur als alarmistisch bezeichnen. Damals ging in den USA oder in Deutschland das Sozialprodukt um über 30 Prozent zurück, und von Arbeitslosigkeit waren jeweils mehr als 30 Prozent der Arbeitsbevölkerung betroffen. Ungeachtet dieser wohl heute kaum zu gewärtigenden Dimensionen könnten immer noch (a) die Auslöser, (b) die aktuellen Symptome und (c) die notwendigen Rettungsmaßnahmen der aktuellen Krise keynesianisch gedeutet werden.

Die Auslöser der Krise weisen zur "keynesianischen Situation" freilich am allerwenigsten Vergleichbarkeiten auf. Bekanntlich ging Keynes von einer Krisensituation aus, die in den frühen 1930er Jahren durch das Zusammentreffen von ängstlicher Unsicherheit sowohl der Konsumenten als auch der Investoren erklärt werden kann - und die nach der Börsenkrise durch den gewählten Policy-Mix aus kontraktiver Geld- und Fiskalpolitik und grassierendem Protektionismus zur Weltwirtschaftskrise geriet.

Die aktuelle Krise weist weitgehend ganz andere Vorzeichen auf. In den USA, wo die Krise ihren klar bestimmbaren Ursprung nahm, herrschte genau das Gegenteil: eine vor allem durch eine expansive Politik des billigen Geldes ermöglichte und von ausländischem (vor allem chinesischen) Kredit beförderte Konsum- und Investitionsneigung, die seitens der Privaten und des Staates zu Ausgaben reizte, die durch eigene Ersparnisse schon lange nicht mehr gedeckt waren. Die Verschuldungsquote der Privathaushalte der USA stieg von 1980 bis 2006 von 50 Prozent des Bruttosozialprodukts auf etwa 100 Prozent. Von einer mangelhaften Konsumneigung oder keynesianischem "Angstsparen" kann sicherlich keine Rede sein. Auch für die Staatsausgaben in den USA (und anderswo) galt schon lange das Motto: buy now, pay later. Beides bildete sich im enormen Leistungsbilanzdefizit der USA ab, in einem Verbrauch "auf Pump", der von ausländischen Krediten, also Kapitalimporten, finanziert wurde.

Im Ergebnis kann man - grob - festhalten, dass genau die Mittel und Wege, die nach (vulgär-) keynesianischer Rezeptur den Weg aus der Krise der 1930er Jahre führen sollten, diesmal den Weg in die derzeitige Krise geführt haben. Tatsächlich kann man zeigen, dass nicht nur und vielleicht nicht einmal vor allem "Marktversagen" den Weg in die aktuelle Krise gebahnt hat, sondern (ausgerechnet in den scheinbar "neoliberal" geprägten USA) eine überexpansive Politik nach (vulgär-) keynesianischem Muster. So unbestritten das Versagen vieler Marktteilnehmer besonders auf den Finanzmärkten auch ist, so wenig darf der Anteil des Staates an der Krise übersehen werden.[18]

Fußnoten

15.
Vgl. etwa bereits J. Hicks (Anm. 6); Joseph A. Schumpeter, John Maynard Keynes 1883-1946, in: American Economic Review, 36 (1946), S. 495-518.
16.
Vgl. J. M. Keynes (Anm. 3), S. 319.
17.
Vgl. z.B. noch eher "keynesianisch": John Kenneth Galbraith, The Great Crash: 1929, London 1955; deutlich "monetaristischer": Milton Friedman/Anna J. Schwartz, A Monetary History of the United States, 1867-1960, Princeton 1963; oder noch "marktliberaler": Murray N. Rothbard, America's Great Depression, Princeton 1963.
18.
Hierzu und zum Folgenden vgl. Michael Wohlgemuth, Asche auf ihrem Haupt, in: Internationale Politik, (2008) 12, S. 48-53. Die Finanzmärkte versagten vor allem bei der Bewertung verbriefter Kreditrisiken. Entscheidend für das Ausmaß der Krise dürfte die kurzfristige Refinanzierung langfristiger Verbindlichkeiten (sog. "Fristentransformation") über Zweckgesellschaften gewesen sein, die es erlaubten, bei minimaler Absicherung mit Eigenkapial maximale Eigenkapitalrenditen zu erzielen.