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1.5.2009 | Von:
Thomas Straubhaar
Michael Wohlgemuth
Joachim Zweynert

Rückkehr des Keynesianismus: Anmerkungen aus ordnungspolitischer Sicht

Politikversagen als Auslöser der aktuellen Krise

Expansive Geldpolitik ist für Keynesianer des einfachen Makro-Lehrbuchs (noch einmal: mit Keynes selbst hat das nicht viel zu tun) ein probates Mittel, um die Volkswirtschaft wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Für neoklassische Protagonisten der "rationalen Erwartungen" ist dies bestenfalls nutzlos. Für "Österreicher" (z.B. Mises, Hayek[19]), aber auch für "Monetaristen" (z.B. Friedman[20]) ist die Überflutung mit Zentralbankgeld und Zirkulationskrediten (Geldschöpfung im Bankensektor) dagegen genau der kritische Auslöser von immer wiederkehrenden Über- und Fehlinvestitions-Blasen, die zwangsläufig schmerzhafte Krisen herbeiführen müssen.

Die aktuelle Krise scheint genau diese, monetäre Auslöser der Krise in den Mittelpunkt stellende, Theorie eindrucksvoll zu bestätigen. Das hat viel mit Politik, aber wenig mit Ideologie zu tun. Im Stile eines - gleichzeitig marktliberale Rhetorik vertretenden - "Bastardkeynesianers" (und in krassem Gegensatz zu den Empfehlungen eines Milton Friedman) flutete der amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan die Märkte immer dann mit Liquidität, wenn ein Abschwung zu befürchten war. Dabei war es spätestens nach der New Economy-Blase offenkundig, dass die überhitzte und überschuldete US-amerikanische Volkswirtschaft eine "Reinigungskrise" (im Sinne Schumpeters[21]) hätte durchlaufen müssen, um notwendige Strukturanpassungen zu vollziehen. Der Umstand, dass die Ausweitung der Geldmenge (dank billiger Importe nicht zuletzt aus dem künstlich abwertenden China) nicht auf die Verbraucherpreise durchschlug, schien diese Strategie zunächst zu bestätigen.

Aber zusätzliche Liquidität versickert in einer Volkswirtschaft nicht einfach. Und es war kein Zufall, dass sie vor allem in den US-amerikanischen Immobilienmarkt floss, von dem die Krise dann auch ihren Ausgang nahm. Es gehörte zum sozialpolitischen Traum des Roosevelt'schen New Deal, auch jenen Amerikanern zu einem eigenen Heim zu verhelfen, die sich das eigentlich gar nicht leisten konnten. Dafür wurden die halbstaatlichen Banken Fannie Mae (1938) und Freddie Mac (1968) geschaffen; und dafür wurden Risikokredite auf vielfältige Weise staatlich gefördert. Beides, der Versuch, notwendige Strukturanpassungskrisen durch eine expansive Geldpolitik zu verhindern und ein staatliches Sozialbeglückungsprogramm gegen die Logik der Märkte zu verwirklichen, schuf erst jenes Umfeld, in dem private Akteure gehörig dazu beitragen konnten, dass Keynes' Depressionstheorie sich heute wieder steigender Beliebtheit erfreuen darf. Festzuhalten aber ist: Ausgelöst wurde diese Krise zu einem beträchtlichen Teil durch politische animal spirits, durch Konzepte, die wohl kaum im Sinne des pragmatischen Ökonomen John Maynard Keynes waren, durchaus aber im Sinne vieler Vulgärkeynesianer.

Und mehr noch: Als hätte man aus den Fehlern keynesianischer Politik nichts gelernt, lässt man in den USA heute wieder die alten Geister aus der Flasche. Mit der Politik des billigen Geldes, welche die massiven Ausgabenprogramme der US-Regierung begleitet, werden genau jene Rezepte erneut als Therapie angewendet, die ursprünglich Auslöser der Krise waren. So ist die nächste Blase nur eine Frage der Zeit. Das Leben auf Pump geht weiter. Der Kaufrausch findet neues, billiges Geld. Die Inflationserwartungen steigen. Irgendwann müssen die Zinsen erhöht werden, um den Inflationsdruck zu senken. Die nächste Krise ist damit vorprogrammiert.

Gegen diesen Vulgärkeynesianismus ließe sich somit zum Teil mit Keynes selbst sowie mit Teilen des Postkeynesianismus argumentieren. Aus den anderen Lagern könnten schließlich die Theorie rationaler Erwartungen[22] oder andere Varianten der Neoklassik ins Feld geführt werden, die seit den 1980er Jahren dafür gesorgt haben, dass Keynes wenigstens innerhalb des ökonomischen Mainstreams for the long run dead zu erklären sei. Wir freilich glauben, dass es gerade innerhalb des ursprünglichen Neoliberalismus Ansätze gibt, die hätten helfen können, diese Krise zu vermeiden und deren Befolgung für die künftige Stabilisierung einer marktlichen Ordnung von ganz zentraler Bedeutung ist.

Fußnoten

19.
Vgl. Ludwig von Mises, Die Ursachen der Wirtschaftskrise, Tübingen 1931; Friedrich August von Hayek, Profits, Interests and Investment, London 1939.
20.
Vgl. Milton Friedman, The Optimum Quantity of Money and other Essays, Chicago 1969.
21.
Vgl. Joseph A. Schumpeter, Die Wellenbewegung des Wirtschaftslebens, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 39 (1914/15), S. 1-32; ders., Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus, Berlin 19979 (erstmals 1911).
22.
Vgl. Robert E. Lucas/Thomas J. Sargent, After Keyensian Macroeconomics, in: dies. (eds.), Rational Expectations and Econometric Practice, Cambrige 1978, S. 295-320.