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War 2008 das neue 1931?


1.5.2009
Zwar gibt es Ansatzpunkte für einen Vergleich der heutigen Situation mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Aber im Detail zeigt sich, das die Unterschiede überwiegen.

Einleitung



Die gegenwärtige Finanzkrise ruft uns in die Geschichte zurück. Sie weckt traumatische Erinnerungen an die Krise der 1930er Jahre, in deren Folge die Weimarer Republik unterging. Sie gibt zur Sorge Anlass, ob ein Konjunktureinbruch die Fundamente unserer Sozialsysteme in ähnlicher Weise bedrohen kann wie damals. Und sie wirft die Frage auf, was man aus einem Vergleich beider Krisen lernen kann.






Die gegenwärtige Krise ist keineswegs die erste schwere Verwerfung des Finanzsystems seit den 1930er Jahren. 1972 wurde die Weltwirtschaft vom Auseinanderbrechen des Währungssystems von Bretton Woods[1] getroffen; im Folgejahr kam der erste Ölpreisschock. Der zweite Ölpreisschock von 1979 traf zusammen mit einer Hochzinspolitik der Zentralbanken. Auf eine Sparkassenkrise in den USA folgte 1987 ein scharfer Rückschlag an den internationalen Börsen. Auch die europäische Währungskrise von 1993, die Asienkrise von 1997 und der Zusammenbruch der "Dotcom-Spekulation" im Jahr 2000 sind ernsthafte Finanzkrisen gewesen.

Allerdings hat keine dieser Krisen auch nur entfernt die Zerstörungskraft der Weltwirtschaftskrise erreicht: Während etwa in den USA und Deutschland zwischen 1929 und 1933 die Wirtschaftsleistung um gut ein Viertel sank, führten die Rezessionen der vergangenen Jahrzehnte selten zu einem Rückschlag um mehr als zwei Prozent. Diese stark gedämpften Konjunkturschwankungen haben Volkswirte dazu veranlasst, von einer Entkoppelung zwischen Finanzkrisen und allgemeiner Konjunktur zu sprechen. Dabei hat es in keiner dieser Krisen an warnenden Vergleichen mit den 1930er Jahren gefehlt. Die Ölschocks der 1970er Jahre und die pessimistischen Wachstumsprognosen des Club of Rome prägten das politische Denken einer ganzen Generation. Nach dem Einbruch der Börsenkurse im Jahr 1987 waren Vergleiche mit 1929 wohlfeil. Auch das Platzen der "Dotcom-Blase" im Jahr 2000 hat zu ähnlichen Überlegungen Anlass gegeben. Allerdings erwiesen sich in keiner dieser Krisen die Kassandrarufe als gerechtfertigt. Nur 2008 bildet die Ausnahme.

Seit der zweiten Jahreshälfte 2008 befinden sich die Konjunkturindikatoren aller führenden Wirtschaftsnationen im freien Fall. In den USA und Großbritannien lag die Industrieproduktion im Februar 2009 um mehr als zehn Prozent unterhalb der Werte des Vorjahresmonats. In Deutschland liegt der Rückgang bei 25 Prozent, in Japan nahe an 40 Prozent. Für Deutschlands Gesamtwirtschaft ist im laufenden Jahr ein Rückgang von gut fünf Prozent veranschlagt; kaum besser sind die Voraussagen für die USA und Großbritannien. Japan muss mit einem Einbruch von bis zu acht Prozent rechnen. Die Aktienkurse sind um die Hälfte gefallen, während sich die Arbeitslosigkeit um die Hälfte erhöht hat und weiter rasch steigt. Das sind Zahlen, wie man sie in Friedenszeiten seit den 1930er Jahren nicht mehr gesehen hat;[2] der Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise nach 1929 drängt sich auf. Aber ist ein solcher Vergleich sinnvoll?

Zunächst muss man sich von der Vorstellung befreien, für die Weltwirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit gebe es eine einzige, monokausale Erklärung. Mehrere Krisenerscheinungen traten gleichzeitig auf und überlagerten einander. Für jede einzelne lassen sich abweichende Verlaufsmuster erkennen, ergeben sich aber auch unterschiedliche Einschätzungen. Vor einem Vergleich mit der heutigen Krise muss also zuerst bestimmt werden, wovon jeweils die Rede sein soll. Nachfolgend werden wesentliche Ursachen der Weltwirtschaftskrise der Reihe nach beleuchtet. Anschließend werden sie in Bezug zur gegenwärtigen Krise gestellt.[3] Rasch wird sich herausstellen, dass im Detail die Unterschiede überwiegen und sich ein vorschneller Vergleich nicht empfiehlt. Allerdings bleibt die eine Gemeinsamkeit, dass die jetzige Krise in ihrer Schärfe die meisten Fachleute - auch den hier schreibenden Verfasser - ebenso überrascht hat, wie das bei der Weltwirtschaftskrise der Fall gewesen sein muss.


Fußnoten

1.
Anm. d. Redaktion: Das Bretton-Woods-System bezeichnet das Nachkriegs-Währungssystem, das auf festen Wechselkursen mit dem US-Dollar als Leitwährung beruhte. Ein entsprechendes Abkommen wurde 1944 von 44 Ländern in Bretton Woods/USA geschlossen. 1952 trat ihm die Bundesrepublik Deutschland bei, 1973 wurde es außer Kraft gesetzt.
2.
Der fast völlige Produktionsstillstand in weiten Teilen Kontinentaleuropas am Ende des Zweiten Weltkrieges kann als Sonderfaktor hier unberücksichtigt bleiben - an Schwere und Nachhaltigkeit hat er die Krise der 1930er Jahre allerdings weit übertroffen und bis in die 1960er Jahre nachgewirkt. Vgl. Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004.
3.
Wichtige Standardwerke zur Weltwirtschaftskrise sind u.a. Charles Feinstein/Peter Temin/Gianni Toniolo, The European Economy Between the Wars, Oxford 1997; Barry Eichengreen, Golden Fetters. The Gold Standard and the Great Depression 1919 - 1939, Oxford 1992 sowie Peter Temin, Lessons from the Great Depression, Cambridge, MA 1989.