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1.5.2009 | Von:
Albrecht Ritschl

War 2008 das neue 1931?

Ursachen der Weltwirtschaftskrise

Eine Denkmöglichkeit ist, den Beginn der Weltwirtschaftskrise mit dem internationalen Verfall der Agrar- und Rohstoffpreise in der Mitte der 1920er Jahre anzusetzen. Verursacht durch die Ausdehnung der Agrarflächen und der Rohstoffförderung außerhalb Europas während des Ersten Weltkrieges, drängte in den ersten Friedensjahren ein stark vergrößertes Produktionsvolumen auf die Weltmärkte, dem keine entsprechende Nachfrage gegenüberstand. Im Ergebnis befanden sich die agrar- und rohstofforientierten Volkswirtschaften der weltwirtschaftlichen Peripherie, aber auch die entsprechenden Sektoren der entwickelten Volkswirtschaften Europas und Nordamerikas, bereits zum Jahresbeginn 1928 in einer Rezession. Zu einer nachhaltigen Erholung dieser Märkte ist es bis Mitte der 1930er Jahre nicht gekommen. Angesichts der damals bedeutenden wirtschaftlichen und politischen Rolle der Landwirtschaft - in Deutschland arbeiteten noch gut 30 Prozent, in den USA 20 Prozent aller Erwerbstätigen in diesem Bereich - kann also die Weltwirtschaftskrise zu einem Gutteil als langanhaltende weltweite Depression des primären Sektors beschrieben werden.

Ein zweiter Zugang zur Weltwirtschaftskrise führt über die kriegsbedingten Umwälzungen der industriellen Arbeitsverhältnisse. In weiten Teilen Europas brachte das Ende des Ersten Weltkrieges die gesetzliche Anerkennung der Gewerkschaftsbewegung und mit ihr des Achtstundentages sowie der kollektiven Lohnverhandlungen. Die stark gestiegene, nun gesetzlich geschützte Verhandlungsmacht der Gewerkschaften traf auf eine umfassend kartellierte, monopolisierte Industriestruktur; die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft konnte sich nun einen Anteil an den Monopolgewinnen sichern. Im Ergebnis verschoben sich die Verteilungsrelationen zwischen Kapital und Arbeit bei geringen Unternehmensgewinnen und Investitionen sowie einer schon vor 1929 hohen strukturellen Arbeitslosigkeit unter der Industriearbeiterschaft.

Für Deutschland ist diese prekäre Situation prominent als "Krise vor der Krise" bezeichnet worden und hat eine umfangreiche Debatte hervorgebracht.[4] In der Folge dieser Umwälzungen der Arbeitsmarktverfassung blieb die wirtschaftliche Rekonstruktion nach dem Ersten Weltkrieg vor 1929 unvollendet. Länder wie Frankreich, wo diese Umwälzungen ausgeblieben waren, oder die USA, wo sie durch höchstrichterliche Urteile rasch wieder rückgängig gemacht wurden, haben sich vom Ersten Weltkrieg wirtschaftlich zwar besser erholt als etwa Deutschland oder Großbritannien, wo eine Depression vor der Depression das Bild bestimmte. Aber sowohl Frankreich als auch die USA holten in den 1930er Jahren diese Reformen nach, was als Grund dafür gilt, dass die wirtschaftliche Gesundung beider Länder nach 1933 unvollständig blieb.[5] In beiden Ländern warfen die Reformen ihre Schatten voraus, in den USA sogar bis zum Sommer 1929. Man wird daher die geplante Einführung kollektiver Lohnverhandlungen zu einem Teil für den schweren Kriseneinbruch in den USA mitverantwortlich machen müssen.

Dem Laien vertrauter ist die Erklärung der Weltwirtschaftskrise als Folge der Aktienspekulation an der New Yorker Börse. Der doppelte Börsenkrach am Black Thursday des 24. Oktober und dem Black Tuesday des 29. Oktober 1929 (einen Schwarzen Freitag gab es 1929 entgegen landläufiger Meinung nicht) brachte das Ende einer achtjährigen Aktienhausse, in deren Verlauf sich der Dow-Jones-Index mehr als verfünffacht hatte. Dieser Boom ist zu allen Zeiten als Musterbeispiel spekulativer Übertreibung gebrandmarkt worden, und sein Ende hat ebenso selbstverständlich als Universalerklärung für die nachfolgende Weltkrise herhalten müssen.

Tatsächlich liegen die Verhältnisse etwas schwieriger. Denn bis kurz vor der Schlussphase des Aktienbooms stiegen Unternehmensgewinne und Dividenden, aber auch der Auftragseingang im US-Maschinenbau im Gleichklang mit den New Yorker Aktienkursen.[6] Es gilt heute als ausgemacht, dass man allenfalls für das letzte Jahr des Booms von einer Spekulationsblase sprechen kann. Die psychologischen Wirkungen des Börsenkrachs von 1929 können vermutlich kaum überschätzt werden; die genauen Wirkungsmechanismen bleiben aber undeutlich. Zu dieser Unsicherheit trägt die Erfahrung mit den nur geringen konjunkturellen Rückwirkungen späterer, vergleichbar schwerer Kurseinbrüche bei. Vor allem aber hatte der Rückschlag am New Yorker Aktienmarkt zunächst keine wesentlichen Auswirkungen auf die europäischen Börsen. Erst in der zweiten Jahreshälfte 1930 wurden die internationalen Börsen in den amerikanischen Abwärtstrend hineingezogen. An seinem Tiefststand im Frühjahr 1932 hatte etwa der Berliner Aktienmarkt knapp zwei Drittel seines Kursstandes vom September 1929 eingebüßt; in den USA betrug der Kursverlust mehr als 85 Prozent.

Fußnoten

4.
Vgl. Knut Borchardt, Wachstum, Krisen, Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik, Göttingen 1982.
5.
Vgl. Harold Cole/Lee Ohanian, The Great Depression in the United States From A Neoclassical Perspective, in: Federal Reserve Bank of Minneapolis Quarterly Review, 23 (1999), S. 2 - 24.
6.
Vgl. mit unterschiedlichen Bewertungen Peter Rappoport/Eugene White, Was There a Bubble in the 1929 Stock Market?, in: Journal of Economic History, 53 (1993), S. 549 - 574; Ellen McGrattan/Edward Prescott, The 1929 Stock Market: Irving Fisher Was Right, in: International Economic Review, 45 (2004), S. 991 - 1009.