APUZ Dossier Bild

1.5.2009 | Von:
Albrecht Ritschl

War 2008 das neue 1931?

Bezug zur aktuellen Krise

Jeder hier beschriebene Strang der Weltwirtschaftskrise hat enge Bezüge zur heutigen Krise. Allerdings dominieren bei genauerem Hinsehen die Unterschiede. Hervorzuheben sind zunächst Abweichungen in der Chronologie. In den 1930er Jahren stand die Bankenkrise eher am Ende des internationalen Konjunktureinbruchs. Allenfalls hat sie zu einer weiteren Vertiefung und Verlängerung der Rezession beigetragen. Ein sinnvoller Zeitvergleich beider Finanzkrisen kann daher erst gegen 1931 einsetzen, nicht schon 1929. Damit wäre die Finanzkrise nach dem Zusammenbruch des Bankhauses Lehman Brothers im September 2008 in Bezug zu setzen zur europäischen Finanzkrise vom Sommer 1931, die mit der Wiener Creditanstalt-Krise begann, ihren Höhepunkt in der beginnenden deutschen Zahlungseinstellung und dem staatlichen Auffangen der Berliner Großbanken erreichte und nach dem britischen Abschied von der Goldparität in das Auseinanderbrechen des Goldstandards mündete. Im deutlichen Wertverlust des Pfundes und der staatlichen Auffangaktion für die schottischen Großbanken im Herbst 2008 lassen sich weitere Parallelen zur deutschen Bankensanierung ab 1931 erkennen. Ein fundamentaler Unterschied zwischen beiden Finanzkrisen besteht allerdings im Ausbleiben einer größeren auswärtigen Schuldenkrise. Ohne Frage hat in der Zwischenkriegszeit die politische Vergiftung der internationalen Finanzbeziehungen durch das deutsche Reparationsproblem und seine dramatische Zuspitzung eine Sonderrolle bei der Verschärfung der internationalen Finanzkrise gespielt, der heute nichts Vergleichbares entgegensteht.

Auch auf der Ebene der Gesamtwirtschaft wäre ein Vergleich mit 1931 in mancher Hinsicht trostreich. Denn zwischen 1931 und 1932 brach in Deutschland und den USA das Sozialprodukt um weitere 15 Prozent ein. Dieser Einbruch ist dreimal stärker als die gegenwärtig für das Jahr 2009 prognostizierte Schrumpfung in beiden Ländern und immer noch doppelt so hoch wie die pessimistischsten derzeit kursierenden Szenarien. Für die USA bietet sich ein direkter Vergleich zwischen der Bankensanierung im Jahr 1933 und den gegenwärtig anvisierten Maßnahmen an. In beiden Fällen ist das Ziel, direkte Staatsbeteiligungen an Banken zu vermeiden, die Bankenaufsicht zu stärken sowie künftigen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken. Nach den gegenwärtig bekannten Planungen werden die regulativen Eingriffe kaum geringer ausfallen als 1933, allerdings - hierin liegt eine gewisse historische Ironie - nicht durch den Übergang zu einem Trennbankensystem, sondern umgekehrt durch die politisch forcierte Vereinigung von Investment- und Depositenbanken zu einem Universalbankensystem unter einheitlicher staatlicher Aufsicht.

Kaum ertragreich wäre dagegen der Versuch, die Aktienmarktentwicklung bis 1929 mit den Aktienmärkten vor der gegenwärtigen Krise zu vergleichen. Weder stand am Anfang der heutigen Krise ein Börsenkrach, noch hat es zuvor eine massive Aufwärtsentwicklung der Kurse gegeben. Wohl mag angesichts der historisch sehr hohen Kurs- bzw. Gewinn-Verhältnisse, die höher lagen als um 1929, der jetzige Kurseinbruch als fundamentale Korrektur angesehen werden. Dennoch gibt ein Vergleich mit 1929 wenig her.

Dasselbe gilt für die internationalen Rohstoffmärkte. Der Einbruch des vergangenen Jahres ist, ähnlich wie die Krisen von 1973 und 1979, unter anderem ein Ölpreisschock gewesen. Die derzeit oft anzutreffende Reduzierung des gegenwärtigen konjunkturellen Geschehens auf die Banken- und Finanzkrise ist insofern falsch, ging der Krise in der Zwischenkriegszeit doch eine Abwärtsbewegung der internationalen Rohstoffpreise voraus.

Auch der Blick auf längerfristig wirkende sozial- und arbeitsmarktpolitische Krisenursachen eröffnet keine befriedigenden Vergleichsmöglichkeiten. Gewerkschaftsmacht und Verteilungskämpfe spielten eine Hauptrolle beim Anwachsen der strukturellen Arbeitslosigkeit seit den 1970er Jahren. Noch bei der Wiedervereinigung Deutschlands hat die Übertragung der westdeutschen Arbeitsmarktverfassung auf Gesamtdeutschland zu einer schweren Depression geführt, die fast das ganze Jahrzehnt lang anhielt.[10] International und auch in Deutschland hat allerdings die Problematik gewerkschaftlicher Kontrolle über die Lohnhöhe an Schärfe verloren, was auch mit der Erosion monopolistischer Gewinne im Zuge verstärkter internationaler Konkurrenz erklärt werden mag. Anders als in der Zwischenkriegszeit ist daher die Auflösung, nicht die Verfestigung kollektiver Entscheidungsprozesse am Arbeitsmarkt zu beobachten. Damit schwindet auch ihr möglicher Beitrag zu einer Krisenerklärung.

Ganz anders der Vergleich der Geldpolitik. Durchaus ähnlich wie in der Weltwirtschaftskrise hat die Geldpolitik nach Beginn der gegenwärtigen Finanzkrise (den man für den August 2007 festlegen kann) eine aktive Kredit- und Bankenstützungspolitik zunächst abgelehnt. In einer Verletzung klassischer Bankenregeln haben es die Notenbanken in den USA und Großbritannien bis zum Spätherbst 2008 vermieden, die Bonitätsanforderungen für die Hereinnahme von Wertpapieren als Deckungsunterlage für kurzfristigen Zentralbankkredit herabzusetzen. Aus Sorge vor hochriskanten Papieren (toxic assets) bestand man auf hohen Qualitätsanforderungen und vertraute auf scharfe Zinssenkungen. Erst zum Jahresbeginn 2009 ist es zu einem Politikwechsel und einer durchgreifend verbesserten Kreditversorgung durch die Notenbanken gekommen.

Dieser Punkt eröffnet eine überraschende Parallele zur Geldpolitik in der Weltwirtschaftskrise. Damals zwangen die Deckungsregeln des Goldstandards die Notenbanken zur Zurückhaltung bei der Kreditversorgung des Bankensystems. In der Finanzkrise des Jahres 2008 hat die Angst der Notenbanken vor den toxic assets ganz dieselbe Wirkung gehabt. Im heutigen Bankgeschäft dienen Hypothekenwertschriften als Pfänder für den kurzfristigen Tageskredit zwischen den Geschäftsbanken, eine Rolle, die früher der Handelswechsel innehatte. Als im Sommer 2007 mit der US-Hypothekenkrise Zweifel am Wert dieser Papiere aufkamen, brach über Nacht eine Hauptstütze der kurzfristigen Kreditversorgung im Bankensystem weg. Die seitherige internationale Kreditklemme hat wesentlich zu tun mit dieser Verbindung zwischen den Hypothekenpapieren und dem kurzfristigen Geldmarkt.

Eine aktive Geldpolitik zur Bekämpfung der Kreditkrise hätte an dieser Verbindung ansetzen müssen. Das ist bis zum Jahresende 2008 unterblieben; die eingetretene Verzögerung entspricht der geldpolitischen Untätigkeit zwischen dem Börsenkrach von 1929 und der Finanzkrise von 1931. Es bedarf keiner Prophetie, um vorherzusagen, dass diese Phase geldpolitischer Passivität, mit ihrer Analogie zur Weltwirtschaftskrise, die Aufmerksamkeit künftiger Kritiker auf sich ziehen wird.

Fußnoten

10.
Vgl. Gerlinde und Hans-Werner Sinn, Kaltstart. Volkswirtschaftliche Aspekte der deutschen Vereinigung, Tübingen 1991.