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1.4.2009 | Von:
Tanja Betz

Kindheitsmuster und Milieus

Kinder spielen in Milieuanalysen bislang keine Rolle. Diese Forschungslücke lässt sich durch ungleichheitstheoretisch fundierte Kindheitsforschung schließen. Auf dieser Basis werden im Beitrag milieuspezifische Kindheitsmuster in Deutschland skizziert.

Einleitung

Milieus bezeichnen Gruppierungen von Personen, die sich durch ihre Wahrnehmungs- und Denkmuster sowie ihre Einstellungen, Haltungen und Handlungen unterscheiden. Damit interpretieren und gestalten Personen, die dem gleichen Milieu angehören, ihr Leben auf eine ähnliche Art und Weise.[1] Milieus als Erfahrungsräume von Personen sind an ihre sozialstrukturelle Position im sozialen Raum gekoppelt.[2] Milieuanalysen dienen der Beschreibung und Erklärung von Konsumverhalten, Wahlentscheidungen und Protestverhalten, Formen der Mediennutzung, von Mustern der Freizeitgestaltung oder auch der schulischen Bildungsbeteiligung. Sie erlauben es zudem, Phänomene sozialer Ungleichheit zu beleuchten und einen Beitrag zur Erklärung von mitunter relativ stabilen Ungleichheitsverhältnissen zu leisten, wie sie sich in der schulischen und beruflichen Bildungssegregation von gesellschaftlichen Gruppen manifestieren.[3]




Milieuanalysen als Variante der Analyse sozialer Ungleichheit weisen mittlerweile eine mehrjährige Forschungstradition auf und dokumentieren Facetten des gesellschaftlichen Wandels innerhalb sozialer Räume. Sie bilden damit eine Grundlage für gesellschaftspolitische Zeitdiagnosen. Neben diesen liegen auch international vergleichende Milieuanalysen vor.[4]


Trotz unterschiedlicher Nuancen in den theoretischen Grundlagen und in der jeweiligen empirischen Herangehensweise der hier skizzierten strukturierten Milieuansätze, haben alle eines gemeinsam: Sie sind durch eine erwachsenenzentrierte Perspektive gekennzeichnet. Ohne dies genauer auszuweisen, wird der Fokus im Ansatz und in der Analyse ganz selbstverständlich auf die Gruppe der Erwachsenen gerichtet. Das Interesse gilt den sozialen Asymmetrien innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe. Kinder werden als Anhängsel von Familie betrachtet oder als "Noch-nicht-Erwachsene" ausgeschlossen; allenfalls Jugendliche ab 14 Jahren werden einbezogen.[5]

Verglichen mit weiteren Formen der sozialen Ungleichheitsforschung und der Sozialstrukturanalyse spielt die Bevölkerungsgruppe der Kinder in Milieuansätzen keine nennenswerte Rolle. Kinder sind weder eine sozial- und politikwissenschaftlich relevante und eigenständige Gruppe, noch ist die Kindheit ein Element gesellschaftspolitischer (Zeit-)Diagnosen.

Diese Lücke gilt es zu schließen: Überlegungen zur neuen Perspektive einer ungleichheits- bzw. milieutheoretisch fundierten Kindheitsforschung bilden daher die Grundlage des vorliegenden Beitrags. Zunächst wird im Folgenden das dafür wesentliche Verständnis von Kindern und Kindheit erläutert. Davon ausgehend soll die Frage beantwortet werden, welche Kindheitsmuster in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus existieren und inwiefern hierbei von "ungleichen Kindheiten" die Rede sein kann. Abschließend werden die Herausforderungen skizziert, denen sich die neue Forschungsperspektive zu stellen hat.

Fußnoten

1.
Vgl. Stefan Hradil, Soziale Milieus - eine praxisorientierte Forschungsperspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2006) 44 - 45, S. 3 - 10.
2.
Vgl. Matthias Grundmann/Olaf Groh-Samberg/Uwe H. Bittlingmayer/Ullrich Bauer, Milieuspezifische Bildungsstrategien in Familie und Gleichaltrigengruppe, in: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 6 (2003) 1, S. 25 - 45; Michael Vester/Peter von Oertzen/Heiko Geiling/Thomas Hermann/Dagmar Müller, Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt/M. 2001.
3.
Vgl. Michael Vester, Die Illusion der Bildungsexpansion. Bildungsöffnungen und soziale Segregation in der Bundesrepublik Deutschland, in: Steffani Engler/Beate Krais (Hrsg.), Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen. Sozialstrukturelle Verschiebungen und Wandlungsprozesse des Habitus, Weinheim 2004.
4.
Vgl. S. Hradil (Anm. 1); Carsten Ascheberg, Milieuforschung und Transnationales Zielgruppenmarketing, in: APuZ, (2006) 44 - 45, S. 18 - 25.
5.
Vgl. Katharina Kuchenbuch, Die Fernsehnutzung von Kindern aus unterschiedlichen Herkunftsmilieus, in: Media Perspektiven, 1 (2003), S. 2 - 11; Thomas Perry/Benjamin Poddig, Migranten-Milieus, in: vhw Forum Wohneigentum, 8 (2007) 1, S. 49 - 52 (vhw = bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung e.V.).