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1.4.2009 | Von:
Ingrid Paus-Hasebrink

Mediensozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Familien

Die Sozialisation von Kindern aus sozial benachteiligter Milieus erfolgt in starkem Maße durch die Medien; sie wird nur wenig durch andere Sozialisationsinstanzen moderiert. Welche Konsequenzen hat das für die Entwicklung dieser Kinder?

Einleitung

Medien sind in vielfältiger Weise an der Sozialisation von Kindern beteiligt. Sie konstruieren deren Wirklichkeit mit und gewinnen Einfluss auf deren Weltbild. Im Kontext von Sozialisationsforschung muss daher auch von Mediensozialisationsforschung gesprochen werden, denn im Prozess der kindlichen Entwicklung und Sozialisation gewinnt Mediensymbolik auf allen Ebenen des Kinderalltags für deren Selbstfindung zunehmend an Bedeutung. Mit Blick auf Ergebnisse der einschlägigen Forschung zu Medienrezeption lässt sich festhalten, dass die Medien den Heranwachsenden eine Projektionsfläche für ihre Wünsche, Emotionen und Phantasien bieten; sie offerieren - als "Sinnagenturen" - Orientierungshilfen und Identifikationspotential. Mit zunehmendem Alter der Kinder erhalten Medien auch Relevanz für die Ausgestaltung und Regulation von Freundschaften, für Kontakte von Gleichaltrigengruppen (Peer-Groups) und familiäre Beziehungen. Die Medienhandlungsweisen der Kinder hängen dabei stark von ihrem sozialökologischen Hintergrund ab. Daher ist es unerlässlich, die Lebenswelt und die darin eingelagerte Lebensführung von Kindern und ihrer Familien vor dem Hintergrund ihrer sozialen Lage in den Blick zu nehmen.




Somit ist (Medien-)Sozialisationsforschung nicht nur herausgefordert, sowohl das Subjekt als auch seine objektiven sozialen Bedingungen zu erfassen; die Herausforderung besteht auch darin, die Interaktion zwischen Eltern und Kindern, ihre Dialektik sowie speziell die Scharniere ihres Zusammenwirkens im Alltag genau zu beschreiben.

Anders als in früheren Zeiten genießen Kinder heute ein höheres Niveau an sozialer Sicherheit: Alle Kinder besuchen mittlerweile eine Schule und sie bewegen sich auch - wie die Erwachsenen - auf den Plattformen der massen- und individualmedialen Freizeitindustrie als Feld der Selbstentfaltung und Selbstinszenierung.[1] Allerdings zeigt ein näherer Blick auf die "Teilhabe der Kinder am materiellen Reichtum in westlichen Gesellschaften deutlich, dass diese daran in ungleicher Weise partizipieren".[2] Zahlreiche Studien - ältere wie neuere - verweisen auf den Zusammenhang von sozialer Benachteiligung und den Bedingungen des Aufwachsens von Kindern. Insbesondere die PISA- und IGLU-Debatte haben in diesem Kontext für Diskussionsstoff gesorgt und den Blick für sozioökonomische Aspekte des Kinderalltags geschärft.[3] Auch der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der deutschen Bundesregierung[4] belegt ebenso wie die World Vision-Kinderstudie 2007[5] den Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und Schulerfolg; er erinnert zudem eindringlich an die hohe Bedeutung frühkindlicher Bildung.[6]

Mediensozialisation sozial benachteiligter Kinder

Zum Design der Studie

Anliegen einer österreichischen Panelstudie über drei Jahre[7] war es, der Relevanz der Medien für Kinder aus sozial benachteiligten Milieus nachzugehen. Es ging darum herauszufinden, welche Bedeutung die Medien im Laufe des Sozialisationsprozesses für die Identitätskonstruktion, die Anhäufung von Wissen und die Wertevermittlung im Vergleich zu anderen Sozialisationsagenten (vor allem der Familie) der Kinder haben. Die Familie bildet in ihren je spezifischen sozioökonomischen und sozialen Konstellationen den Raum, in dem Kinder ihre ersten Erfahrungen sammeln und in dem sie wichtiges Rüstzeug erwerben (oder auch nicht), das zum Aufwachsen in einer und Hineinwachsen in eine Gesellschaft als Persönlichkeit unerlässlich ist. Kinder prägen zwar bereits von Geburt an die familiäre Identität mit und entwickeln dabei zugleich ihre eigene Identität.[8] Sie können aber ihre "subjektiven Bedürfnisse, Motive, Gefühle, Ziele und Interessen nur innerhalb des von der Familie vorgegebenen Rahmens an Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern ausdrücken und realisieren".[9] Dies gilt auch für ihre Mediennutzung, die ebenfalls in den Rahmen familiärer Umgangsformen eingebunden ist.

Im Zentrum der theoretischen wie forschungspraktischen Neukonzeption zur Untersuchung des Forschungsgegenstandes, die mit Blick auf die Methoden der Sinngebung[10] - den "praktischen Sinn" menschlicher Handlungsweisen - entlang der fünf Begriffe Soziales Milieu - Habitus - Erleben - Orientierung Identität - entwickelt wurde,[11] stand die Frage nach dem "praktischen Sinn" der Umgangsweisen von Kindern und Eltern mit Medien, dies jedoch vor dem Hintergrund ihrer sozialen Milieus und ihrer damit verbundenen Habitusausprägungen. Der Blick richtete sich dabei auf die jeweiligen Möglichkeiten von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, Identität auszubilden und Handlungskompetenz zu erwerben.

Auf der Methodenebene führt die Studie die aus einer Literatursynopse sowie aus sekundäranalytischen Untersuchungen gewonnenen Daten zur Rolle von Medien im Alltag von Kindergarten- und Grundschulkindern speziell mit Blick auf Kinder aus sozial benachteiligten Familien zusammen. Vor diesem Hintergrund können die aus der oben genannten qualitativen Panelstudie gewonnenen Ergebnisse abgeglichen bzw. eingeordnet werden. In der Panelstudie wurden sozial benachteiligte Kinder vom Kindergarten- bis zum Grundschulalter sowie ihre Eltern methodisch auf mehren Ebenen - "Globalcharakteristiken[12] zur Lebenssituation der Familien; Leitfaden-Interviews mit Kindern und Eltern - begleitet.

In der Panelstudie wurden zwanzig Familien gezielt im Hinblick auf folgende gesellschaftliche Strukturfaktoren sozialer Benachteiligung ausgewählt: niedriger Bildungsgrad, Armutsgefährdung sowie spezielle Familienkonstellationen, etwa alleinerziehend bzw. Kinderreichtum, um sie in Bezug auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Lebensführung im Umgang miteinander - und darin eingelagert auch in Bezug auf ihren Medienumgang - zu beobachten. Der Blick galt dabei der jeweils subjektiven Wahrnehmung dieser gesellschaftlich-strukturellen Bedingungen durch die verschiedenen Familienmitglieder im generationalen Gefüge, geprägt auch durch ihren jeweiligen "Eigensinn". Zur Bestimmung der sozialen Lage diente die Kombination der Lebensbedingungen Armut bzw. Armutsgefährdung sowie niedrige Bildung; mitbedacht wurden die Region, in der die Familie lebt (in der Stadt oder auf dem Land), das Geschlecht sowie das für die Panelstudie relevante Alter der Kinder (in der ersten Panelwelle waren die Kinder fünf bzw. sechs Jahre alt, in der zweiten dann sieben bzw. acht).

Ausgewählte Ergebnisse der Panelstudie

Fernsehen als Leitmedium: Die kostengünstige Freizeitbeschäftigung Fernsehen erweist sich als Leitmedium - beliebt sind crossmedial vermarktete fiktionale Zeichentrickangebote. Die Mediennutzung sozial benachteiligter Kinder steht in deutlichem Zusammenhang mit ihrer sozialen Herkunft. Die Literatursynopse im Rahmen der Studie zur (Medien-) Sozialisation bestätigt die Ergebnisse der wenigen einschlägigen Studien, in denen der Umgang sozial benachteiligter Kinder mit Medien, jedoch meist nur im Zusammenhang mit der Mediennutzung, über alle sozialen Schichten hinweg untersucht wurde. Es zeigt sich, dass Kinder aus Familien mit einem höheren sozialen Status Medien - im Vordergrund steht dabei das Fernsehen - zeitlich vergleichsweise moderater nutzen als gleichaltrige Kinder aus Familien mit einem niedrigeren sozialen Status. Dies kann unter anderem auf die Art und Weise der Freizeitgestaltung zurückgeführt werden: Kinder aus sozial besser gestellten Familien verbringen ihre Freizeit häufiger außer Haus als vor dem Fernsehschirm. Vice versa stellt das Fernsehen in sozial weniger gut ausgestatteten Familien möglicherweise eine kostengünstige Ersatzbeschäftigung für teure oder gar unerschwingliche Hobbys dar, wie beispielsweise Tennisspielen oder Reiten.

Sieht man sich einmal die Sender- und Programmpräferenzen in den Familien genauer an, so zeigt sich (der Literatursynopse zufolge), dass öffentlich-rechtliche Sendeanstalten vor allem bei Familien mit höherem sozio-ökonomischen Status großen Anklang finden. Kinder aus sozial besser gestellten Familien sehen denn auch häufiger Sendungen des Kinderkanals KI.KA sowie informationsorientierte Angebote wie beispielsweise Die Sendung mit der Maus. Ihre Altersgenossen aus sozial schwächeren Familien schauen dagegen verstärkt crossmedial vermarktete fiktionale Zeichentrickserien, vor allem Anime-Serien wie Pokémon, Yu-Gi-Oh, Dragoball Z. Zu diesen Angeboten gesellen sich neben dem Fernsehen andere Angebote, wie etwa Video- und Computerspiele oder auch entsprechendes Spielzeug.

Der Panelstudie zufolge spielen in sozial benachteiligten Haushalten Bücher nur dann eine Rolle, wenn sie in einem crossmedial vermarkteten Kontext stehen, das heißt, wenn es neben dem Ausgabemedium Buch noch weitere, zumeist früher auf dem Markt platzierte Angebote gibt. Auch Computer spielen in den Haushalten bzw. Kinderzimmern der untersuchten Familien eine bedeutende Rolle, dies vor allem zum Zeitpunkt des Schuleintritts der Kinder. Auch die Eltern sozial benachteiligter Kinder wissen, dass Kinder möglichst früh lernen sollten, kompetent mit dem Computer umzugehen; so sind sie bemüht, ihren Kindern zumindest auf die ihnen mögliche Weise - dies bedeutet insbesondere technisch - gleiche Startbedingungen zu verschaffen. Auf eine dazu notwendige erzieherische Begleitung müssen sie allerdings großenteils verzichten: zumeist aus Gründen der Überforderung bzw. Inkompetenz. Blickt man auf die Inhalte, mit denen sich die Kinder beschäftigen, so genießen insbesondere bei Jungen Computerspiele einen hohen Stellenwert.

Mediennutzung im Kontext der Gesamtsituation: Medien gewinnen erst im Kontext der familiären Gesamtsituation Bedeutung. Bei allen untersuchten Familien lässt sich durchgängig eine überdurchschnittliche Mediennutzung und Bedeutungszuschreibung feststellen; Medien sind zweifellos ein - in vielen Familien fast der wichtigste - Sozialisationsfaktor. Deutlich wird aber auch, dass in sozial benachteiligten Familien Medien erst im Kontext der Gesamtsituation Relevanz gewinnen. Wie die Studie belegt, verbieten sich daher vorschnelle Beurteilungen der Situation sozial benachteiligter Kinder in ihren Familien. Der genauere Blick auf die Lebensbedingungen und -konstellationen sowie die Lebensführung der ausgewählten Familien zeigt: Soziale Benachteiligung ist differenziert zu betrachten. So wird deutlich, dass die verschiedenen Faktoren, die eine soziale Benachteiligung begründen, erst im individuell von den Betroffenen mitbestimmten Zusammenspiel spezielle Konstellationen für die jeweilige Lebensführung begründen und auf eine jeweils spezifische Weise virulent werden. Es ist zwar davon auszugehen, dass auch Kinder aus sozial besser gestellten Familien darunter leiden, wenn etwa ihre Eltern beruflich bedingt wenig Zeit für sie haben oder wenn Eltern getrennt leben etc. - mit der Folge einer erhöhten Mediennutzung. Aber bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien kommt erschwerend hinzu, dass ihr gesamter Alltag bestimmt wird durch die prekäre soziale Lage, in der sich ihre Familien befinden; sie stellt das Fundament für die Lebensführung in den Familien dar.

Nicht selten führen mit der sozialen Lage verbundene oder diese weiter erschwerende Phänomene, wie etwa eine psychische Erkrankung, beispielsweise eine Depression der Mutter, bzw. physische oder auch psychische Erkrankungen der Kinder (etwa Asthma, Epilepsie) oder auch eine durch massive Gewalteinwirkung des ehemaligen Lebensgefährten der Mutter herbeigeführte Traumatisierung des Kindes (die mit schweren Entwicklungsrückständen verbunden sein kann), mangelnde Schulfähigkeit etc. zu weiteren Gefährdungsmomenten. Diese bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die Lebensführung der Familien und, eng verbunden damit, auf die Rolle von Medien als Sozialisatoren.

(Medien-)Erziehungsverhalten in sozial benachteiligten Familien

Medien spielen im Alltag aller untersuchten Familien eine eminent wichtige Rolle. Da die Eltern infolge ihrer sozialen Lage in allen zwanzig Fällen ein unausgewogenes, in sich inkohärentes (Medien-)Erziehungsverhalten erkennen lassen, haben Medienangebote sowie spezielle, zumeist cross-medial vermarktete Medienfavoriten, als Sozialisationsfaktoren für die Kinder eine hohe Bedeutung: Nicht selten überlassen die überforderten Eltern bzw. alleinerziehenden Mütter mehr oder weniger bewusst, häufiger jedoch unreflektiert und zuweilen auch entgegen eigenen Plänen und Bekundungen, den Medien mit ihren unterschiedlichen Angeboten diesen eigentlich von ihnen auszufüllenden Erziehungsraum. Insgesamt zeigt sich, dass sich die Eltern nur wenig für die Fernsehbedürfnisse ihrer Kinder interessieren und dass sie die gemeinsame Fernsehnutzung nach eigenen Bedürfnissen situativ organisieren: Vor allem bei alleinstehenden Müttern spielt der gemeinsame Fernsehkonsum eine Rolle. Sozioökonomisch reicher ausgestattete Familien kontrollieren - dies wird in der Literatursynopse deutlich - die Mediennutzung ihrer Kinder in weitaus größeren Maße als Eltern aus sozioökonomisch ärmeren Familien. Letztere tendieren zudem stärker dazu - dies konnte die Panelstudie bestätigen - ihre Kinder unbeaufsichtigt fernsehen zu lassen. Sie wählen außerdem weniger oft gemeinsam mit ihren Kindern das Fernsehprogramm aus und sind auch weniger streng im Hinblick auf die diesbezügliche Auswahl ihrer Kinder; sie bewerten gar die von ihren Kindern präferierten Programmangebote häufiger als "kindgerecht", setzen aber vermehrt Fernsehverbot als Strafe ein.

Doch auch die sozial benachteiligten Eltern nehmen am gesellschaftlichen Diskurs darüber teil, was für Kinder gut ist, was sie nicht tun sollten bzw. was als entwicklungsschädigend gilt, wie etwa ein zu hoher Medienkonsum bzw. ein stark ausgeprägter Konsum bestimmter Medienangebote, allem voran gewaltorientierte Fernsehsendungen und Computerspiele. So kommt es in der Medienerziehung oft zu einer Diskrepanz zwischen Wollen und Können. (Medien-)Gebote und -Verbote werden nicht systematisch gehandhabt, sondern zumeist nur punktuell, nach einem den überforderten Eltern opportun erscheinenden Bedarf. Für die Kinder ist diese (Medien-)Erziehung, sind deren Regeln nicht transparent bzw. nachvollziehbar. Die sich aus der sozialen Situation der Mütter und Väter ergebenden Defizite werden von den Medien ausgefüllt - oft sogar in doppelter Weise: Die Medien dienen zum einen dazu, den Alltag zu strukturieren; zum anderen halten sie eindrucksvolle, schon für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter leicht nachvollziehbare und daher hoch attraktive Handlungsanleitungen, Informations- und Identifikationsangebote bereit.

Wie die Studie zeigt, werden Kinder aus sozial schwächeren Familien mit zunehmendem Alter häufiger allein gelassen. Dies hat in der zweiten Erhebungsphase zugenommen, in der sich die Kinder im Grundschulalter befanden. Ihre Eltern unterstellen jetzt noch stärker als vorher (oder sich damit zufrieden), dass ihre Kinder mit den Medien zurechtkommen bzw. durch diese viel lernen können. Auch nimmt mit dem Älterwerden der Kinder das zuvor noch häufig geäußerte schlechte Gewissen der Eltern ab. Eine fördernde Medienerziehung fehlt in fast allen Familien. Dadurch erlangen die Medien gerade in der wichtigen Phase der Herausbildung der Identität der Kinder und bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben große Bedeutung: Zu diesen zählen die Geschlechterrollenidentifikation, das Treffen einfacher moralischer Unterscheidungen, die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins und die Fähigkeit zu sozialer Kooperation.

Medien nehmen somit in der prägenden Phase des Übergangs vom Kindergarten- zum Grundschulalter bzw. beim Übergang in die Schule eine eminent wichtige Rolle ein; sie werden - neben Kindergarten und Schule - von den Kindern selbst als Orientierungsgeber und zentrale Informations- und Wissensquelle nachgefragt. Medien dienen ihnen - wie oben bereits erwähnt - auch dazu, ihren Alltag zu strukturieren und leere Zeit auszufüllen. Welche Konsequenzen dies jeweils für die Entwicklung der Kinder im Rahmen ihrer Sozialisation haben kann, hängt in entscheidendem Maße von den Konstellationen in jeder einzelnen Familie und - dies darf nicht unterschätzt werden - auch von jedem einzelnen Kind ab: von seinem ganz spezifischen "Eigensinn", auf die Lebensverhältnisse und die Lebensführung in der Familie die eigene Antwort zu geben.

Fazit: Gesellschaftlicher Handlungsbedarf ist überfällig

Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind in besonderer Weise mit der sich wandelnden Medienlandschaft konfrontiert. Das schlägt sich in einer hohen Zahl von (konvergenten) Mediengeräten, Sendern und Programmen nieder, so dass ihre Kindheit als "Medienkindheit" bezeichnet werden muss. Die Sozialisation dieser Kinder erfolgt in starkem Maße durch die Medien und wird nur wenig durch andere Sozialisationsinstanzen moderiert. Die Vermittlung von Medienkompetenz ist zwar Aufgabe der Eltern, die aber, wie die Ergebnisse der Panelstudie gezeigt haben, auf diese Rolle oft nur schlecht vorbereitet sind: Da sie kaum als medienkompetent einzustufen sind, kaum über Kenntnisse über die Produktionsbedingungen sowie die multimedialen Kommerzialisierungsstrategien der Medienanbieter verfügen, bedürfen sie Hilfe von Seiten der Gesellschaft. Sie stehen, wie die Studie deutlich gemacht hat, unter einem erhöhten Problemdruck, gleichzeitig haben sie aber durchgängig ein geringes Problembewusstsein und verfügen auch nur über geringe Ressourcen zur autonomen Bearbeitung der vorhandenen Probleme. Diesen Familien sollte daher besondere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteil werden. Soziale Konzepte zur Veränderung der Situation sozial benachteiligter Kinder bzw. zu einer Hilfestellung, die eine gelingende (Medien-)Sozialisation befördert, setzen, wie die Studie eindringlich zeigt, allerdings weit mehr voraus als es etwa medienpädagogische Projekte - so wichtig diese auch sind - zu leisten vermögen. Wie die Ergebnisse des Zwölften Kinder- und Jugendberichts der deutschen Bundesregierung[13] deutlich machen, ist es dringend erforderlich, Konzepte zu entwickeln, in deren Umsetzung alle Beteiligten - von Kindergärten und Schulen über Familienämter und Einrichtungen des Kindes- und Jugendwohls bis hin zu Jugendhilfe- und zu Elternbildungseinrichtungen - einbezogen werden.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass auf unterschiedlichen Ebenen gesellschaftlicher Handlungsbedarf besteht. So mangelt es etwa auf der Ebene des medialen Diskurses an einem sorgfältigen Blick auf die Einzelangebote des von Kindern genutzten Medienspektrums. Aber auch auf die Ebene der Medienproduktion muss sich der Blick richten: Die Medienproduzenten dürfen nicht aus der Verantwortung entlassen werden, selbst wenn die kommerzielle Logik der privatwirtschaftlichen Produktion dies (vermeintlich) nahe legt. Sie stehen in der Verantwortung, ihr Programm nicht in erster Linie bzw. nur auf Gewinnmaximierung auszurichten, mit Blick auf vermeintliche Publikumswünsche, sondern eine Programmgestaltung vorzunehmen, die nicht die Gefahr birgt, dass die schwächsten Glieder der Gesellschaft - sozial benachteiligte Kinder - weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Es wäre daher dringend notwendig, etwa im Fernsehen spezielle zielgruppenspezifische Programme anzubieten, die dem Bedarf in den Familien gerecht werden und sich nicht in publikumswirksamen Erziehungsratschlägen wie der Sendung "Die Super Nanny" erschöpfen.

Insgesamt bedarf es großer finanzieller Anstrengungen (nicht nur) von Seiten der Gesellschaft, um Kindern aus sozial benachteiligten Familien zu ihrem Recht auf Entwicklung, Integration und Partizipation zu verhelfen. Es ist längst an der Zeit, Konstellationen zu schaffen, welche die Einlösung dieses Rechtsanspruchs ermöglichen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Renate Kränzl-Nagl/Johanna Mierendorff, Kindheit im Wandel - Annäherungen an ein komplexes Phänomen, in: SWS Rundschau, 47 (2007) 1, S. 3 - 25, hier S. 13.
2.
Ebd.
3.
Vgl. Hans-Günther Rossbach/Susanna Roux, Soziale Ungleichheit in der Früherziehung - Beteiligung, frühe Selektion und gesellschaftliche Implikationen, in: Micha Brumlik/Hans Merkens (Hrsg.), bildung - macht - gesellschaft. Beiträge zum 20. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, (DGfE), Opladen-Farmington Hills 2007, S. 273 - 281. Hinter dem Kürzel PISA (Programme for International Student Assessment) verbirgt sich die internationale Schulleistungsstudie der OECD; hinter IGLU die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung.
4.
Vgl. Jürgen Barthelmes, Zwölfter Kinder- und Jugendbericht: Bildungsorte und Lernwelten. Laufen, Sprechen, Lesen ... und Reisen - das Entdecken der Welt als Weg zur Bildung, in: DJI Bulletin, (2005) 73, S. 20 - 23.
5.
Vgl. World Vision-Kinderstudie, Kinder in Deutschland 2007. Zusammenfassung der Ergebnisse, in: www.worldvisionkinderstudie.de/downloads/zu sammenfassung-kinderstudie2007.pdf (11.6. 2008).
6.
Vgl. auch Horst Niesyto, Medienkulturen und soziale Ungleichheit - Einführung in die Thematik. Vortrag im Rahmen der Arbeitsgruppe "Medienkulturen und soziale Ungleichheit. Zum Spannungsfeld von kulturtheoretischer und lebenslagenbezogener Medienforschung. In memoriam Dieter Baacke", 21. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) vom 16.-19. März 2008 in Dresden (unveröff. Vortragsmanuskript).
7.
Vgl. Ingrid Paus-Hasebrink/Michelle Bichler, Mediensozialisationsforschung. Theoretische Fundierung und Fallbeispiel sozial benachteiligter Kinder, Innsbruck-Wien-Bozen 2009.
8.
Vgl. Dieter Spanhel, Handbuch Medienpädagogik. Band 3: Medienerziehung, Stuttgart 2006, S. 53.
9.
Ebd., S. 53.
10.
Vgl. Ralph Weiß, "Praktischer Sinn", soziale Identität und Fern-Sehen. Ein Konzept für die Analyse der Einbettung kulturellen Handelns in die Alltagswelt, in: Medien und Kommunikationswissenschaft, 48 (2000) 1, S. 42 - 62.
11.
Vgl. Ingrid Paus-Hasebrink, Zur politischen Partizipation von Jugendlichen im Kontext neuer Medien - Aktuelle Ansätze der Jugend(medien)forschung, in: Jahrbuch Medienpädagogik 7, Wiesbaden 2008, S. 133 - 150; sowie dies./M. Bichler (Anm. 7).
12.
Vgl. Michael Charlton/Klaus Neumann, Medienkonsum und Lebensbewältigung in der Familie. Methode und Ergebnisse der strukturanalytischen Rezeptionsforschung - mit fünf Fallbeispielen, München-Weinheim 1986.
13.
Vgl. J. Barthelmes (Anm. 4).