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21.3.2009 | Von:
Friedrich Wilhelm Graf

Christen im demokratischen Verfassungsstaat

Demokratievergessenheit

In den Kirchen lassen sich immer wieder Tendenzen beobachten, den Staat auf die eigenen Positionen festzulegen. Zur Aufgabe selbstbewusster Christen in der Demokratie dürfte es gehören, die Themen Klerikalmacht und politisches Mandat der Kirchen neu auf die öffentliche Agenda zu setzen. Wen vertritt ein Bischof, wenn er die offenen Gesellschaften des Westens pauschal als "Diktaturen des Relativismus" bezeichnet? Der autoritäre, oft auch besserwisserische Habitus, mit dem manche Bischöfe öffentlich intervenieren, passt schlecht zu einem demokratischen Diskurs, der, gemäß der gleichen Freiheit aller Bürger, auf eine gemeinsame offene Suche nach besten Lösungen hinausläuft.

Nun mag man im forum internum der Kirchen, in rein kirchlichen Öffentlichkeiten, mancherlei episkopale Autoritätseitelkeit ertragen können. Aber im forum externum der demokratischen Öffentlichkeit werden Ansprüche auf Deutungsmacht unausweichlich dem argumentativen Härtetest freier Kritik ausgesetzt. Um des demokratischen Gemeinwesens willen tun freie Christen deshalb gut daran, ihre kirchlichen "Obrigkeiten" entschieden an die Tugend der Demut und Selbstbegrenzung zu erinnern. Und sie sollten mit Entschiedenheit darauf insistieren, dass Kirchenkritik spätestens seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert ein integrales Element des Kampfs um Bürgerfreiheit ist: "Deutschlands demokratischer Urzustand ist der Protest vor dem Schloss", hat der in Göttingen lehrende Staatsrechtslehrer Christoph Möllers in einem wunderschönen Buch betont.[3] Man muss hinzufügen: Die demokratische Kultur hat sich, nicht zuletzt wegen der antirevolutionären Zweckbündnisse zwischen den Ordnungsmächten Staat und Kirche, in Deutschland immer auch im bürgerschaftlichen Protest gegen ein Kirchentum entwickelt, dessen führende und, jedenfalls im Protestantismus, sehr gern obrigkeitsnahe Vertreter aus der gepredigten Allmacht Gottes starke Autorität für sich selbst abzuleiten suchten.

Möllers hat in seiner kleinen Demokratiekunde auf die notorische Demokratievergessenheit der Deutschen hingewiesen: "Wir haben demokratische Traditionen, aber wir interessieren uns kaum für sie." In der Tat ist es um die Erinnerungskultur der parlamentarischen Demokratie schlecht bestellt. Möllers nennt ein schlagendes Beispiel: Nirgends wird in der Hauptstadt Berlin an Hugo Preuß, den Schöpfer der Verfassung der Weimarer Republik, erinnert. Aber aus Steuermitteln ist in Berlin-Mitte ein Rosa-Luxemburg-Denkmal errichtet worden, ein Gedenkort für eine radikale Kritikerin der parlamentarischen Demokratie. Solche "demokratische Traditionslosigkeit"[4] lässt sich auch und besonders deutlich in den Erinnerungskulturen der Kirchen und in den akademischen Theologien beobachten. Gern gedenkt man der Märtyrer des "Dritten Reiches". Aber man scheut, in universitärer Geschichtsforschung wie in kirchlicher Geschichtspolitik, die Erinnerung an christliche Theoretiker und Wegbereiter der parlamentarischen Demokratie. Man erklärt Dietrich Bonhoeffer zu einem "protestantischen Heiligen", hat aber zu Friedrich Naumann oder Theodor Heuss nichts Kirchliches zu sagen.

Man kann die in den Kirchen herrschende Demokratievergessenheit gerade mit Blick auf die Weimarer Republik zeigen: Die theologische Aufmerksamkeit gilt primär den Radikalen, Exaltierten, Republikdistanzierten (oder offenen Gegnern der parlamentarischen Demokratie), nicht aber den liberalen Verteidigern der Republik. Christlich liberale Denktraditionen werden in beiden Kirchen notorisch ignoriert. Und nur selten sind die Funktionäre in den Kirchen zu selbstkritischer Reflexion auf die massiven antidemokratischen Erblasten in den verschiedenen Christentümern bereit. Man redet von Ökumene und schweigt darüber, dass viele orthodoxe Christentümer, religionssoziologisch gesehen, Ethno-Religionen sind, in denen die Nation und ihr Territorium, das "heilige Russland" etwa, sakralisiert werden, nicht aber das Individuum in seiner vorstaatlichen Würde.

Dass in manchen Christentümern Menschenrechte des Einzelnen immer noch abgelehnt oder als Ausdruck falscher, antichristlicher Aufklärung bekämpft werden, verschweigt man im ökumenischen Diskurs sich und anderen; man spricht lieber über Amt und Sakrament oder über Gemeinwohl und Sozialstaat. Gern macht man sich im politischen Tageskampf die normativen Leitbegriffe der Verfassung zu eigen, vor allem den in den deutschen Kirchen inzwischen inflationär benutzten Begriff der Menschenwürde.[5] Oft lässt sich dabei ein imperialistischer Gestus der Begriffsbesetzung beobachten, etwa indem "die Menschenwürde" zu einer genuin oder gar exklusiv christlichen Idee erklärt und damit eine spezielle kirchliche Deutungsmacht reklamiert wird. Aber der demokratische Staat gehört, Gott sei Dank, nicht den Kirchen und die Menschenwürde nicht den Theologen. Christen in der Demokratie mögen sich als Bürger besonderer Art sehen. Aber ihr Glaube garantiert es keineswegs, dass sie bessere Demokraten als andere sind.

Fußnoten

3.
Christoph Möllers, Demokratie. Zumutungen und Versprechen, Berlin 2008, S. 109.
4.
Ebd.
5.
Vgl. Friedrich Wilhelm Graf, Mißbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne, München 2009, bes.S. 177ff.