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Schwelende Konflikte in der Kaukasus-Region

21.3.2009

Blutspur der Pogrome



Pogrome hatte es freilich auch schon sehr viel früher immer wieder gegeben. So kam es 1905 in Baku in revolutionär aufgeheizter Atmosphäre zu einem Massaker, nachdem eine Gruppe von Armeniern im Zentrum der Ölstadt einen aserbaidschanischen Ölarbeiter erschossen hatte. Dieses rächte der armenische Fürst Andronik auf blutige Weise, nachdem er 1918 mit seiner Privatarmee nach Baku eingerückt war. 1919, nach dem Einmarsch türkischer und deutscher Truppen durften sich wiederum die Aserbaidschaner drei Tage lang aus Rache für das Massaker von 1918 in der Stadt austoben, während Türken und Deutsche von außerhalb der Stadt zuschauten. "Man rächte sich gründlich und nach allen Regeln der Vergeltung. Zum Grundsatz wurde die Parole erwählt, für einen Mohammedaner zwei Armenier, und zwar unter Berücksichtigung der Klassenzugehörigkeit der Armenieropfer. Für einen mohammedanischen Arzt wurden nun zwei armenische Ärzte getötet, für einen mohammedanischen Rechtsanwalt zwei armenische Rechtsanwälte und so weiter (...)."[2]

Unter sowjetischer Herrschaft schwelte der Konflikt weiter, kam aber unter dem Deckel einer weit überlegenen Militärmacht zunächst nicht zum Ausbruch. Nach dem Pogrom von Sumgait 1988 brachen dann allerdings alle Dämme. Die Zentralmacht in Moskau hatte schon nicht mehr die Kraft, die angestaute Wut auf beiden Seiten einzudämmen. Im Sommer des gleichen Jahres erklärten die noch existierende kommunistische Parteiführung von Berg-Karabach und die dortige Verwaltung den Anschluss an Armenien. Moskau unterstellte Karabach seiner direkten Verwaltung, was am Ort keine Folgen mehr hatte: Karabach und Armenien erklärten im Dezember 1989 ihre Vereinigung. Daraufhin brachen in Aserbaidschan erneut anti-armenische Pogrome aus. Moskau versuchte 1990 mit der Entsendung von Truppen nach Baku einzugreifen, verschärfte die Lage damit jedoch zusätzlich. Ein blutiger Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Gebirgsregion forderte bis zum Waffenstillstand von 1994 auf beiden Seiten bis zu 50.000 Tote. Fast 800.000 Aserbaidschaner und rund 300.000 Armenier wurden zu Flüchtlingen.[3]

In dieser militärischen Auseinandersetzung konnten sich die paramilitärischen Einheiten von Berg-Karabach gegenüber der regulären, aber schlecht ausgerüsteten und unzureichend ausgebildeten aserbaidschanischen Armee auch deshalb durchsetzen, weil sie unterstützt wurden von den verbliebenen armenischen Bruchstücken der sowjetischen Armee und russischen Einheiten. Die Armenier eroberten zunächst einen direkten Zugang zu Karabach, den sie später erweiterten. Heute haben sie rund 20 Prozent des aserbaidschanischen Territoriums okkupiert. Im offiziell zu Aserbaidschan gehörenden Berg-Karabach leben heute etwa 145.000 Einwohner mit eigener Regierung und Verfassung, die meisten sind Armenier. Die ehemals dort siedelnden Aserbaidschaner wurden vertrieben. Die sogenannte Republik Berg-Karabach ist international nicht anerkannt.

Die Regierung in Baku verlangt Karabach nebst den angrenzenden, von Armenien besetzten Regionen wieder zurück. Sie beruft sich dabei auf das völkerrechtliche Prinzip der Unverletzlichkeit der territorialen Integrität und wird dabei von internationalen Gremien unterstützt. Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete 1993 vier Resolutionen zur Berg-Karabach-Frage, die ebenfalls den Abzug der armenischen Truppen aus den besetzten aserbaidschanischen Bezirken forderten. Am 14. März 2008 verabschiedete die UN-Vollversammlung mit 39 Stimmen, bei sieben Gegenstimmen und 100 Enthaltungen, noch einmal eine Resolution zum Konflikt um Berg-Karabach, in der sie von Armenien erneut einen "sofortigen und vollständigen Abzug der Truppen aus den besetzten aserbaidschanischen Gebieten" forderte.[4]

Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew reichte das nicht, er wollte Taten sehen und gefiel sich in gelegentlichen militärischen Drohgebärden. Unmittelbar vor seiner Wiederwahl zum Präsidenten im Oktober 2008 hatte er noch einmal in markigen Worten klar gemacht, dass er die Abtrennung von Berg-Karabach auf keinen Fall hinnehmen werde. Er kündigte einen "totalen Angriff auf Armenien" auf allen Ebenen an - diplomatisch, politisch, ökonomisch, propagandistisch und militärisch. 4,5 Milliarden US-Dollar hat Alijew in den fünf Jahren seiner Amtszeit für die Rüstung ausgegeben. Er versprach, dass die Ausgaben für das Militär auch in den kommenden Jahren die anderen Etatposten übersteigen würden.[5]

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Fußnoten

2.
Essad Bey, Öl und Blut im Orient. Meine Kindheit in Baku und meine haarsträubende Flucht durch den Kaukasus, Freiburg/Br. 2008, erste Aufl. Stuttgart 1929, S. 206ff.
3.
Vgl. Chiari, Bernhard (Hrsg.), Kaukasus, Paderborn u.a. 2008, S. 97 - 98.
4.
Vgl. RIA Novosti vom 15. 3. 2008.
5.
Vgl. Interfax Aserbaidschan vom 15. 10. 2008.