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21.3.2009 | Von:
Eva-Maria Auch

Ein Blick in die Geschichte Kaukasiens

Die Geschichte Kaukasiens ist geprägt von der geografischen Lage zwischen ambitionierten Großreichen. Seit dem Ende der UdSSR ringen die Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan um innere Stabilität.

Einleitung

Die Region "Kaukasien"[1] gliedert sich in fünf Naturräume: das nördliche Kaukasusvorland, den "Großen Kaukasus", die Transkaukasische Senke, den "Kleinen Kaukasus" und das Hochland von Armenien. Ihre spezifische geopolitische Lage und die äußerst wechselvolle Geschichte an den Peripherien mehrerer Großreiche hat sie, die zwei Prozent des Territoriums der ehemaligen Sowjetunion mit ca. 30 Millionen Menschen umfasst, kulturräumlich zu einer äußerst interessanten Nahtstelle zwischen Europa und Asien werden lassen. Die räumliche und zum Teil zeitliche Überlagerung der verschiedenen äußeren Einflüsse und inneren Entwicklungen einerseits und die Interferenz ethnischer und konfessioneller Zugehörigkeiten andererseits bedingen den Übergangscharakter des Raumes und sind für eine Struktur verantwortlich, die bezüglich ihrer Heterogenität ihresgleichen sucht.




Wer heute also von "Kaukasien" spricht und damit vor allem Erdöl, geopolitische Machtinteressen und bewaffnete Konflikte verbindet, verkennt nicht nur das Potential und die Probleme der Region, sondern auch die Herausforderung für eine Analyse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Völker Kaukasiens. "Die historischen, kulturellen, wirtschaftlichen, religiösen, ethnischen und nicht zuletzt politischen Schichten, die (...) einander überlagern und durchdringen, sind zu facettenreich und komplex, als dass man sie auf einen gemeinsamen Nenner bringen könnte."[2] Trotz dieser Schwierigkeit sollen nachfolgend Grundzüge der historischen Entwicklung dieser Region aufgezeigt werden.

Nordkaukasien

Nordkaukasien stellt hinsichtlich seiner räumlichen Gliederung, seiner Sprachen- und Völkervielfalt und kulturellen und politischen Geschichte die differenzierteste Region im postsozialistischen Raum dar. Innerkaukasische Wanderungen unter dem Druck stärkerer Nachbarn oder schwindender Lebensgrundlagen, die Zuwanderung iranischer und turksprachiger Volkgruppen, Um- und Aussiedlungen haben die gegenwärtige ethnische und religiöse Struktur geprägt: Tscherkessen setzten sich gegen Kimmerer und Skythen zur Wehr, Sarmaten und Hunnen (6./7. Jh.) breiteten sich wie Araber (8. Jh.), turksprachige Kiptschaken (9.-13. Jh.), Nogaier und Krimtataren (15./16. Jh.), buddhistische Kalmyken (17. Jh.) und schließlich Kosaken und Siedler aus den zentralrussischen Gebieten aus. Waren nordkaukasische Völker in größere staatliche Zusammenhänge integriert, dann in externe Reichsbildungen wie das Chazarische Chanat (7.-9. Jh.), das Imperium der Goldenen Horde (13.-15. Jh.) oder das Krim-Chanat (15.-18. Jh.).

In enger Verbindung mit den religiösen Verhältnissen in den jeweiligen externen Zentren steht die Frage der konfessionellen Zugehörigkeit. Neben heidnischem Volksglauben breiteten sich Judentum, Christentum und Islam in verschiedenen Wellen aus. Letzterer setzte sich insbesondere im Osten (Inguschetien bis Dagestan) in einer stark von sufischen Bruderschaftstraditionen geprägten Form durch, die das Phänomen der geistlichen Lehrer-Schüler-Beziehungen mit traditionellen Strukturen von Ziehvaterschaft, Ehrenkodex und Gefolgschaft verwob. Bis auf die Osseten, die zum Teil der russisch-orthodoxen Kirche angehören, sind die namensgebenden Nationalitäten der "Gebirgsrepubliken" mehrheitlich kaukasisch- und turksprachig[3] und muslimisch, während der Anteil der russischen und überwiegend christlich-orthodoxen Bevölkerung stark rückläufig ist. Sie zogen - wie auch tausende Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten Süd- und Nordkaukasiens - vor allem in die vorgelagerten südrussischen Gebiete, die über deutliche russische Bevölkerungsmehrheiten verfügen und stark in einer kosakischen (Wehr-)Tradition stehen. Dieser Befund bietet nicht nur eine breite Basis für Diskussionen um die Frage, welche Volksgruppen wo als "autochthon" und welche als "zugewandert" gelten sollen und entsprechend längere bis gar keine Rechte auf Besitz und bürgerliche Gleichbehandlung beanspruchen dürfen,[4] sondern führt zu einem politisch manipulierbaren Verhältnis zwischen der slawischen Bevölkerung und den Kaukasiern, die oft als Cernye ("Schwarze") und "Zugewanderte" gelten.

Nirgendwo im Russischen Reich war die Unterwerfung nichtrussischer Völker so stark von Gewalt und Gegengewalt geprägt wie im Nordkaukasus, wo sich Russland seit Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen die (krimtatarisch-)osmanischen und persischen Interessengebiete schob. Die Muridenbewegung unter Scheich Schamil versuchte im Namen des Islam die Gorcy (Bergbewohner) in einem Imamat zu vereinen und leistete den russischen Truppen in den 1830/40er Jahren erfolgreich Widerstand.[5] Große Gebiete Nordkaukasiens wurden erst bis 1859 (Gefangennahme Scheich Schamils) bzw. 1864 (Tscherkessenvertreibung) leidlich unter russische Kontrolle gebracht, wofür Russland einen hohen Preis zahlte: ca. 350.000 Soldaten waren zuletzt im Einsatz, die Kosten der Kaukasuskriege übertrafen die des britischen Kolonialkrieges in Indien. Mit dem Jahr 1864, das als das Jahr der Unterwerfung der gesamten Region unter zarische Herrschaft gilt, wurde ein Prozess der "Internationalisierung" kaukasischer Konflikte manifest. Die Tscherkessen, bis dahin die zahlenmäßig stärkste Volksgruppe im Nordkaukasus, wurden bis auf einen geringen Überrest (1897: 44.000) aus ihrer Heimat vertrieben. Mehr als eine Million kaukasische Muslime flohen in Gebiete des Osmanischen Reiches. Flucht und Vertreibung und die Entstehung neuer Diasporagruppen im Ausland wurden zunehmend zu einem Faktor internationaler Politik, während sich unter anderem Russen, Ukrainer, Griechen, Armenier, Georgier und vereinzelt Deutsche in den Gebieten niederließen bzw. gezielt dort angesiedelt wurden.

Gewaltbedingte Migrationsströme gab es auch im 20. Jahrhundert: Kosaken stellten die erste Volksgruppe, welche - als Kollektivstrafe - infolge der Bürgerkriege durch die Bolschewiki umgesiedelt wurden.[6] Die Zwangskollektivierung ab 1929 war verbunden mit Umsiedlungen der Bergbewohner in die Täler und Ebenen, die "Stalin'schen Säuberungen" der 1930er Jahre dezimierten die im Zuge der Lenin'schen nationalen "Einwurzelungspolitik" geförderten nationalen Eliten entscheidend und leiteten den Prozess der Liquidierung einheimischer (Bildungs-, Glaubens-, Verwaltungs-)Institutionen über in einen sowjetischen Unifizierungs- und Russifizierungskurs. Die Folge war jedoch nicht ein Verschwinden, sondern eine Deformierung und Verdrängung in Bereiche, die sich der Kontrolle entzogen. Widerstand äußerte sich letztlich auch in der Beteiligung an Freiwilligenverbänden der deutschen Wehrmacht.[7]

Das deutsche Vordringen bis zum Elbrus, dem höchsten Berg im Kaukasus, diente dann auch als Vorwand, ganze Völkerschaften der Kollaboration zu bezichtigen und sie zu deportieren: Karatschaier vom November 1943 bis Februar 1944 (ca. 70.000 Deportierte), im Februar 1944 folgten Tschetschenen und Inguschen (380.000 bzw. 91.000) und im März 1944 Balkaren (ca. 37.000). Im Ergebnis nahm allein die Zahl der Tschetschenen um zwischen 1939 und 1959 um 22 Prozent ab und liefert dem tschetschenischen Widerstand bis heute das Argument, um von "Völkermord" zu sprechen und eine Kontinuitätslinie der russischen Gewalt gegen die Bergvölker vom 19. bis ins 21. Jahrhundert zu ziehen. Auch nach ihrer Rehabilitierung und Rückkehr in den Kaukasus dominierte die russische Nomenklatur bis zum Ende der Sowjetunion und ließ nur partiell Nordkaukasier an der Macht und den Ressourcen partizipieren. Konflikte waren auf diese Weise vorprogrammiert, kamen jedoch erst im Kontext des Niedergangs der Zentralgewalt zum Ausbruch. In ihrer ersten Phase ging es vor allem um nationale Autonomie und Unabhängigkeit. Nach zwei Kriegen, die Russland zuletzt in Tschetschenien geführt hat (1994 - 1996/97 und 1999 - 2000), gilt insbesondere Nordostkaukasien als politische und sozioökonomische Notstandsregion, in der mit Sondervollmachten regiert wird, eine hohe Dichte von Militärs und Geheimdienstlern ständig präsent ist und islamistische Attentate Ängste schüren.

Südkaukasien

"Zu den merkwürdigsten Gegenden und zu den unbekannteren der alten Welt gehört der Kaukasus, der mit seinen langen schneebedeckten Rücken Asien und Europa trennend, als Grenzscheide beider Welten dasteht (...)", bemerkte der Orientalist Julius Klaproth in seinem Bericht über eine Kaukasusreise, die er 1807/08 unternommen hatte. So unbekannt war Kaukasien indes schon lange nicht mehr. Die fruchtbaren Täler des Südkaukasus waren bereits seit vielen Jahrhunderten eine Brücke zwischen den Kulturen des Mittelmeerraumes und Innerasien. Nicht weit von hier lag der biblische Garten Eden, der Berg Ararat mit Noahs Arche. Herodot, Strabo oder Plinius beschrieben die Bräuche im Kaukasus, wo Prometheus, Kulturstifter und Feuerbringer, von Zeus gefesselt für seine Taten büßen sollte. Hier lag das sagenumwobene Kolchis der Griechen, das Land Medeas und des Goldenen Vlieses. Und als Bestandteil der griechischen Mythologie und der biblischen Geschichte war Kaukasien in den Wissensschatz der Westeuropäer eingegangen, bevor die Herrschaft der Goldenen Horde und das Osmanische Vordringen nach Mitteleuropa diese Kenntnisse "verschütteten".

Galt den antiken Menschen der Kaukasus noch als Ende der Welt, als Nachbar der Sterne, so wurde spätestens seit Alexander dem Großen, der 325 v. Chr. bis an den Indus gelangte, der Kaukasus zu einer Trennlinie, die zwischen den Steppenvölkern im Norden und den sesshaften Stämmen im Süden gezogen wurde. Gerade hier im Süden, in den fruchtbaren Ebenen und an den Küsten des Schwarzen und Kaspischen Meeres fanden sich blühende Stadtkulturen, die von der Lage in der Transitregion profitierten. Handel und Handwerk konnten sich auf natürliche Rohstoffe wie Gold, Silber, Kupfer und Edelgehölze gründen, was zugleich Begehrlichkeiten konkurrierender regionaler Potentaten und benachbarter Großreiche weckte. In der Peripherie der Hegemonialmächte Rom und Persien/Parthia gab es auch immer wieder Freiräume für frühstaatliche Entwicklungen, die mit Begriffen wie Kolchis/Egrisi, Iberia/Kartli, Albania und Armenia hier nur angedeutet werden können.

Die Festigung von lokalen Stammesbünden und die Schaffung frühfeudaler Königsdynastien, ihre Emanzipation im Spannungsfeld zwischen Persien (Sassaniden) und Rom verlangte zugleich nach geistlicher Einheit, wofür das Christentum[8] offensichtlich eine bessere Basis bot als heidnische Volkskulte, Zoroastrismus und Mazdaismus. Mittels früher Bibelübersetzungen wurden die Kirchen zur Integrationsinstanz, die auch in Zeiten der Fremdherrschaft Orientierung bot und kulturelle Identität durch die Zeiten trug. Der Armenisch-Apostolischen Kirche gehören heute fast 90 Prozent der Bevölkerung der Republik Armenien an. Eine Turkifizierung und eine neue Welle der Islamisierung großer Teile Kaukasiens brachten dagegen das Vordringen der Seldschuken (1038 - 1194) und der Mongolen (1222) sowie die Herrschaftszeit der "Goldenen Horde" (1237 - 1480) mit sich. Während im Ringen um das Erbe der Goldenen Horde die Osmanen am Schwarzen Meer und im Nordkaukasus an Einfluss gewannen, trugen die safawidischen Herrscher Irans (1501 - 1722) den 12er schiitischen Islam nach Südkaukasien, der bis heute von der Mehrzahl der Muslime in Aserbaidschan praktiziert wird. Bereits hier zeigt sich eine Kontinuitätslinie, die sich durch die gesamte Geschichte zieht: in Südkaukasien stabilisierten sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse jeweils nur dann, wenn der Einfluss der Nachbarreiche zurück ging und äußere Eingriffe in die Vielfalt der gesellschaftlichen Verhältnisse der Region abgewendet werden konnten. Leider gab es derartige "Auszeiten" relativ selten und doch brachten sie "goldene Zeitalter" hervor, die auch mit eigenen Ambitionen zur Expansion verbunden waren. Sie sind heute wichtige kollektive Bezugspunkte georgischer, armenischer und aserbaidschanischer Identität.

Russisches Vordringen und koloniale Politik

Während sich jedoch das Osmanische und das Persische Reich konkurrierend um eine weitere Machtausdehnung bemühten und die Parteien im 16./17. Jahrhundert ihre Einflusssphären ständig neu aufteilten, erstarkte im Norden seit der Eroberung von Kazan und Astrachan (1552/56) das Moskowiter Reich als neuer Kontrahent um das Erbe der Goldenen Horde und Byzanz. Begann der russische Vorstoß nach Nordkaukasien bereits im 16. Jahrhundert mit der Gründung von Kosakengemeinden am Terek und Kuban, sollte es jedoch noch bis in das 18. Jahrhundert hinein dauern, bis sich Russland in Südkaukasien festsetzen konnte. Kein geringerer als Peter der Große (1672 - 1725) unternahm 1722 mit seinen Truppen einen ersten "Kaukasusfeldzug" unter dem Vorwand, den Persern gegen die Osmanen beizustehen, musste sich jedoch wieder zurückziehen. Erst unter Katharina II. (1729 - 1796), die im Vertrag von Kücük Kaynardschy (1774) die Krim für unabhängig (1783 annektiert) sowie die Kleine und Große Kabardei zu Russland gehörig erklären ließ, war die Eroberungspolitik dauerhaft erfolgreich. Die Gründung der Festung Wladikawkaz ("Beherrsche den Kaukasus") 1784 wurde zum Programm: 1801 wurde Georgien annektiert, bis 1813 folgten als Ergebnis des ersten Russisch-Persischen Krieges (Vertrag von Gülestan) und diverser Verträge mit den Lokalfürsten die Chanate von Karabach, Gäncä, Scheki, Schirwan, Derbend, Kuba, Baku und Talysch sowie Dagestan und Gurien, bis 1828/29 die Chanate Nachitschewan und Eriwan (Vertrag von Turkmantschaj), sowie Anapa, Achalcych, Acchur und Achalkalaki (Vertrag von Adrianopel).

Für die Völker Kaukasiens ist festzuhalten, dass sie am Ende des 18. bzw. zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1918 letztmalig als Subjekte internationalen Rechts in Erscheinung traten. Kaukasien war endgültig zum Objekt geopolitischer Konkurrenz und kolonialistischer Politik geworden. Russlands Kaukasienpolitik, die auf einem zivilisatorischen Missionsanspruch fußte und dabei christliche Volksgruppen den muslimischen als potentielle Bündnispartner vorzog, war bis 1917 unter anderem geprägt von:
  • selektiver Integration einheimischer Eliten, die spätestens ab den 1880er Jahren die bürgerliche Anerkennung an eine Russifizierung band und somit nationale Gegenbewegungen förderte;
  • Pragmatismus, der zwischen brutalster Gewalt und Kompromissen schwankte;
  • stetiger Verbindung von ziviler und militärischer Machtausübung, wobei das militärische Element permanent die einheimische Wahrnehmung prägte;
  • massiven Eingriffen in die wirtschaftlichen, rechtlichen, sozialen und im Zuge der "Großen Reformen" auch kulturellen Verhältnisse;
  • Siedlungspolitik, die das traditionelle Absorptionsvermögen der einheimischen Bevölkerung erschöpfte, das demographische Gleichgewicht störte, Konfliktregelungsmechanismen außer Kraft setzte und damit Spannungen auf ethnisch-sozialer Grundlage vorprogrammierte.[9]
Zwar gewannen auch die Ressourcen der Region eine herausragende Bedeutung,[10] aber dominant blieb dennoch die geopolitische Rolle der Region - ihre Brückenfunktion zwischen Europa und Asien,[11] die Russland im Gleichklang mit Frankreich und besonders Großbritannien zur "nahöstlichen" Kolonialmacht machte.

Erste Unabhängigkeit und Sowjetisierung

Vor dem Hintergrund der Herausbildung neuer Eliten, deren "Europäisierung" über russische und westeuropäische Bildungsstätten sowie internationale Handelskontakte auch eine moderne Nationsidee förderte, formierten sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts Nationalbewegungen. Die Versuche der Bildung einer "transkaukasischen Regierung" nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches scheiterten und mündeten 1918 schließlich in die Gründung unabhängiger demokratischer Republiken (Georgien: 26. Mai; Armenien und Aserbaidschan: 28. Mai), deren Grenzen jedoch von Beginn an umstritten waren. Kämpfe um die Macht polarisierten sich nach ethnisch-konfessionellen Kriterien und forderten schreckliche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Bündnisse mit Deutschland (Georgien), dem Osmanischen Reich (Aserbaidschan) und der Entente (Armenien) sollten die Unabhängigkeit sichern, doch diese endete bereits 1920 bzw. 1921 (Georgien) mit der Auflösung der jungen Republiken.

Der Sowjetisierung 1920/21 folgte bis 1936 der Versuch, die drei südkaukasischen Republiken in einer "Transkaukasischen Föderation" zusammenzufassen. Nach dem Prinzip der russischen Matroschka (ineinander geschachtelte Holzpuppen), wurden Autonome Gebiete, Bezirke und Kreise eingerichtet,[12] die der Förderung der verschiedenen Volksgruppen dienen sollten, jedoch in keinem Fall ethnisch-konfessionellen Grenzen entsprachen. Einer anfänglichen Phase der Förderung einheimischer Sprachen, Kultur und der Toleranz von Glaubensbekenntnissen folgte eine Zeit, in der sich diesmal die Bolschewiki in der Rolle (nun sozialistischer) "Zivilisatoren" sahen. Auch wenn zahlreiche Kaukasier in Führungsspitzen von Partei, Regierung und Geheimdienst aufstiegen und den Stil der Staatsführung mitbestimmten, überlagerten, deformierten und zerbrachen atheistische Religionspolitik (ab Mitte der 1920er Jahre), Zwangskollektivierung und Industrialisierung (nach 1929) sowie Massenterror (1936 - 38) die kaukasischen Lebenswelten. Einer "Enthauptung" bürgerlicher Eliten und der ersten Generation nationaler Kader während der "Stalin'schen Säuberungen" folgten neue Funktionseliten (Nomenklatura) auf allen Ebenen des Partei- und Staatsapparates, das Entstehen einer multiethnischen Industriearbeiterschaft und eine neue Welle der Russifizierung.[13]

Der Zweite Weltkrieg und das gemeinsame Schicksal in den Reihen der Roten Armee förderten zwar - wie der zweite Erdölboom im Bakuer Revier durch den Beginn der Offshoreförderung ab 1949 - die Integration der "Peripherie", aber Kaukasien blieb außerhalb der Region oftmals ein Synonym für "Wildheit", "Schattenwirtschaft", "Korruption" und "Exotik", ein Raum, der kontrolliert, gezügelt, ja beherrscht werden musste, um die gelegten Feuerstätten und unterdrückten Konflikte nicht ausbrechen zu lassen.[14] Tatsächlich formierten sich in den 1960er/70er Jahren Dissidentengruppen, welche die Auseinandersetzung um die Sprache und das kulturelle Erbe mit Fragen der Bürger- und Menschenrechte verbanden und die Zeit von Glasnost und Perstrojka nutzten, um nationale Interessen mit politischen Forderungen zu verbinden.

Zweite Unabhängigkeit: zwischen Bürgerkriegen und Staatsaufbau

In Kaukasien fanden nicht nur die blutigsten Kämpfe zwischen Bevölkerung und Roter Armee statt (Tbilissi bzw. Tiflis 19. April 1989, Baku 19./20 Januar 1990), sondern sie übertrafen die Ereignisse im Baltikum sowohl hinsichtlich ihrer Dauer als auch ihrer Ausmaße. Flüchtlings- und Migrationsströme wurden in Gang gesetzt, welche Schätzungen zufolge mindestens drei Millionen Menschen in Bewegung setzten und die ethnische, religiöse und soziale Struktur einer ganzen Region veränderten. Wenn es auch Unterschiede in der Motivation und der Gewichtung der Forderungen gab, so ist die Überlagerung verschiedener Konfliktebenen und -typen als charakteristisch für den Weg der drei südkaukasischen Staaten in die Unabhängigkeit zu bezeichnen: Das Ringen um größere Souveränität gegenüber der Moskauer Zentralgewalt ging einher mit vertikalen Konflikten zwischen Republiksgewalten und nationalen Gebietskörperschaften (Autonomen Republiken oder Gebieten), und der Ausbruch horizontaler Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien war begleitet von politischen Kämpfen innerhalb der nationalen Eliten.

Georgien

Im Mai 1990 trat Swiad Gamsachurdia mit dem Wahlbündnis "Runder Tisch - Freies Georgien" als einziger Radikaler zu den Wahlen zum Obersten Sowjet Georgiens an und führte seinen Wahlkampf unter einer dunkelrot-schwarz-weißen Flagge, die bereits 1918 - 1921 Staatssymbol der Demokratischen Republik Georgien gewesen war. Rot stand für eine leuchtende Vergangenheit, Schwarz für die dunklen Erfahrungen unter russischer und sowjetischer Herrschaft und Weiß für die Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft. Sicher ahnte zu dieser Zeit niemand, dass damit auch die Hauptprobleme der zukünftigen Entwicklung symbolisiert wurden: das stark mythologisierte historische Selbstverständnis als "alte georgische Kulturnation" stand im Gegensatz zu den geringen Erfahrungen moderner Staatsbürgerschaft. Das Verhältnis zur russisch-sowjetischen Vergangenheit blieb zwiespältig und setzte sich auf der außenpolitischen Ebene gegenüber der Russländischen Föderation in einem Konfrontationskurs fort. Die Hoffnung auf einen einheitlichen Nationalstaat in Frieden blieb Fiktion - die Auflehnung gegen Fremdbestimmung und Zentralismus mündete in einen Bruderkrieg.

Die Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage ging mit der Ethnisierung politischer und sozialer Konflikte einher. Bereits im März 1989 kam es zu Forderungen nach russischem Schutz für die Wahrung der autonomen Rechte Abchasiens gegenüber der Zentralmacht in Tbilissi. Gegenseitige Vorwürfe und abchasisch-georgische Übergriffe waren die Folge. Das Thema wurde zum zentralen Thema der Nationalbewegung. Am 26. August 1990 erklärte der Oberste Sowjet Abchasiens in Suchumi die Wiedereinsetzung der Verfassung von 1925 (und damit de facto die Unabhängigkeit), während Gamsachurdias Wahlbündnis die Wahlen gewann. Am 9. April 1991 erklärte Georgien seine Unabhängigkeit. Einen Monat darauf wurde Gamsachurdia mit 86 Prozent der Wählerstimmen zum ersten Präsidenten der Republik gewählt. Dieser unterdrückte in den folgenden Monaten sowohl die radikal-nationalistische als auch die demokratische Opposition, schränkte die Pressefreiheit ein und behandelte jede Kritik an seinem autoritären Regierungsstil als Majestätsbeleidigung und Vaterlandsverrat. Sein repressiver Kurs gegenüber ethnischen Minderheiten wirkte zusätzlich konfliktverschärfend. Spätestens seit Oktober 1991 starben Georgier an zwei Fronten: beim Sturz Gamsachurdias durch die putschende Nationalgarde und im Bruderkrieg in Abchasien.

Auch der von der "Demokratischen Bewegung Georgiens" am 5. März 1992 eingesetzte militärische Staatsrat unter Vorsitz des ehemaligen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse, der 1995 zum zweiten georgischen Präsidenten gewählt wurde, konnte die Situation nur allmählich entspannen. Nach einer gewissen Stabilisierung der politischen Verhältnisse zeigte sich erneut die "Kinderkrankheit" der Nationalbewegung: Von 54 bei den Parlamentwahlen 1995 angetretenen Parteien konnten nur drei mehr als fünf Prozent der Stimmen gewinnen. Die Zersplitterung nach pragmatischen Gesichtpunkten und in der Form von "persönlichen Gefolgschafts-" oder "Bruderschaftsparteien" setzte sich fort. Opposition, Parlament und Medien erwiesen sich als zu schwach, um die Macht des Präsidenten zu kontrollieren geschweige denn einzudämmen. Attentatsversuche gegen Schewardnadse, dem ein "Verzicht auf Abchasien", "Abhängigkeit von Russland" und Verfolgung politischer Dissidenten vorgeworfen wurde, verdeutlichten eine Radikalisierung politischer Gruppierungen und boten immer wieder Vorwände für die Wiederbelebung von Patronage- und Loyalitätsnetzwerken der Sowjetzeit und eine Monopolisierung der Macht.

Spätestens seit Herbst 2001 veränderte sich die Parteienlandschaft zuungunsten des Präsidenten. Seine Anhängerschaft zersplitterte sich so, dass sie im Parlament ständig um neue Mehrheiten ringen musste, und Mehrheitsverhältnisse im Vorfeld der Parlamentswahlen 2003 nicht eindeutig bestimmbar waren. Wurde Georgien lange Zeit von europäischer (vor allem deutscher) Seite als primärer Partner in der Region angesehen, geriet die Regierung wegen Korruption und Reformstau zunehmend unter Kritik. Die spürbare Verarmung der großen Mehrheit der Bevölkerung bei gleichzeitiger Bereicherung von wenigen Clans, die zusätzlichen Belastungen des sozialen Netzes durch ca. 230.000 Flüchtlinge und nicht zuletzt die ungelösten Territorialkonflikte und das gespannte russisch-georgische Verhältnis setzen einen Protest breiter Bevölkerungsteile frei, an dessen Spitze sich die "jungen Reformer" (zum Teil politische "Ziehkinder" Schewardnadses) Michail Saakaschwili ("Nationale Bewegung"), Zurab Schwania ("Vereinigte Demokraten") und Nino Burdschanadse setzten. Als es in Folge der undemokratischen Parlamentswahlen am 2. November 2003 zu Massendemonstrationen kam, die am 22./23. November 2003 in der Stürmung der konstituierenden Sitzung des Parlaments kulminierten, trat Schewardnadse zurück.

In den durch die "Rosenrevolution" notwendig gewordenen Neuwahlen im Januar 2004 wurde Saakaschwili mit rund 96 Prozent der abgegebenen Stimmen zum Staatspräsidenten gewählt. Trotz einiger Teilerfolge (Beilegung der Spannungen mit Adscharien, Schließung russischer Militärstützpunkte, Antikorruptionskampagnen in Polizei und Armee, Investitionsförderung, Infrastrukturprojekte, Stabilisierung des Staatsbudgets, Wirtschaftswachstum, erstmalig Kommunal- und Lokalwahlen) und einer gezielten Orientierung nach Westen (Bitte um Aufnahme in die NATO und EU) geriet auch Saakaschwili immer stärker in die Kritik. Die Verfassungsänderung von 2004 schrieb eine fast uneingeschränkte Macht des Präsidenten fest und wurde als Übergang von einem "semi-präsidentiellen" zu einem "super-präsidentiellen" System gewertet. Vor diesem Hintergrund konsolidierte sich im Herbst 2007 der größere Teil der zuvor schwachen und zersplitterten Opposition im Bündnis "Nationaler Rat" und forderte vorgezogene Parlamentswahlen. Der gewaltsamen Auflösung einer Demonstration im Stadtzentrum von Tbilissi folgten ein Ausnahmezustand mit weitgehender Einschränkung von Presse- und Versammlungsfreiheit und schließlich die Ankündigung von Neuwahlen. Mit knappen 53,47 Prozent der Stimmen wurde Saakaschwili im Januar 2008 im Amt bestätigt. Die Opposition reagierte mit Protesten gegen das Wahlergebnis, während die EU mit der Ablehnung einer nahen Aufnahme Georgiens ihrer Skepsis gegenüber den georgischen Entwicklungen Ausdruck verlieh. Wie recht sie damit behalten sollte, zeigte die verhängnisvolle Machtdemonstration des angeschlagenen Präsidenten im August 2008, als er glaubte, auf die ständigen Provokationen Russlands in der Südossetien-Frage mit einer militärischen "Nacht-und-Nebel-Aktion" reagieren zu müssen und das georgische Volk dafür bezahlen ließ.

Armenien

Im Unterschied zu Georgien und Aserbaidschan steht die Entwicklung Armeniens für eine frühe und dauerhafte Ablösung der kommunistischen Eliten durch nationalistische Akteure. In Fortsetzung der seit 1966 illegal agierenden "Nationalen Vereinigungspartei" forderte das Eriwaner Helsinki-Komitee seit Mitte der 1970er Jahre die "Wiederherstellung der nationalen Staatlichkeit auf dem gesamten Territorium des historischen Armeniens" und die nationale Wiedergeburt eines unabhängigen Armeniens. Glasnost und Perestrojka schienen günstige Bedingungen für Grenzverschiebungen zu bieten. Ab Februar 1988 kam es in Stepanakert, der Hauptstadt des zur Republik Aserbaidschan gehörenden Autonomen Gebietes Berg-Karabach, zu Demonstrationen, denen sich die Menschen in einigen Orten Armeniens schnell anschlossen. Erste Übergriffe und Flüchtlingsbewegungen von Aserbaidschanern aus Armenien markierten die Eskalation des Konfliktes. Gewalterfahrungen und Erfolge bei der "ethnischen Säuberung" Armeniens sowie der Beginn der aserbaidschanischen Blockade führten die verschiedenen Strömungen der Nationalbewegung um das 1987 gegründete "Karabach-Komitee" in der "Pan-Nationalen Bewegung" zusammen. Dessen Sprecher, Lewon Ter-Petrosjan, trat im Ergebnis der Neuwahlen zum Obersten Sowjet Armeniens als erster Nicht-Kommunist sein Amt als Parlamentspräsident an und verkündete am 23. August 1990 den Beginn des "Übergangs zur Erlangung staatlicher Unabhängigkeit". Am 21. September 1991 beschlossen 94 Prozent der wahlberechtigten Armenier in einem Referendum den Austritt aus der UdSSR, am 16. Oktober 1991 wurde Ter-Petrosjan in direkter Wahl mit 83 Prozent der Wählerstimmen zum ersten Staatspräsidenten gewählt. Mit der Wahl eines neuen Parlaments und der Verabschiedung einer neuen Verfassung 1995 war der politische Szenewechsel weitgehend vollzogen.

Die neue Verfassung sah ein semi-präsidiales Regierungssystem vor, in dem neben der parlamentarisch verantwortlichen Regierung der vom Volk gewählte Präsident eine starke Stellung einnahm. Bereits 1995 geäußerte Befürchtungen über eine autoritäre Wende in der armenischen Politik bestätigten sich in mancher Hinsicht: Ein umstrittener Wahlsieg im September 1996, das Verbot der traditionsreichen und Diaspora gestützten Daschnakzutjun-Partei und eine konziliante Politik in der Karabachfrage führten im Februar 1998 zum Sturz Ter-Petrosjans durch den damals amtierenden Ministerpräsidenten und ehemaligen Präsidenten der (international nicht anerkannten) Republik Berg-Karabach, Robert Kotscharjan. Ein Attentat im Armenischen Parlament, bei dem acht Politiker getötet wurden, stürzte das Land 1999 in eine tiefe Führungskrise, der unter Kotscharjan eine regelrechte "Karabachisierung Armeniens" folgte: lokale und regionale Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft wurden durch gebürtige Karabacher besetzt, Ämterkauf, Begünstigung im Amt, Patronats- und Klientelbeziehungen sowie die "Immunisierung" von Oligarchen durch ihre Wahl ins Parlament gingen einher mit einem zunehmenden Ausverkauf der begrenzten Ressourcen des Landes. Nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit als Präsident gelang es Kotscharjan 2008, Sersch Sarkisjan als seinen Nachfolger durchzubringen. Doch die Ereignisse um dessen Wahl - Ter-Petrosjan war als Gegenkandidat in die Politik zurückgekehrt und hatte die Opposition zu einem Massenprotest gegen die Wahlfälschungen versammelt, welcher am 1. März blutig niedergeschlagen wurde - zeigten den Unmut der Bevölkerung über den Ausverkauf des Landes und die Monopolisierung der Macht in den Händen der Karabach-Armenier.

Aserbaidschan

Aserbaidschan ist der größte und ressourcenreichste südkaukasische Staat. Die mehrheitlich muslimische Bevölkerung fühlt sich sowohl Kaukasien und der Kaspischen Region als auch Europa zugehörig. Im Unterschied zu Georgien und Armenien kann in Aserbaidschan kaum über Dissidentengruppen als Vorläufer einer nationalen Volksfrontbewegung vor 1988 gesprochen werden. Die Träger nationaler Emanzipation in Aserbaidschan gingen vor allem aus der neuen nationalen Bildungselite der 1970er Jahre hervor, die darauf drängte, Führungspositionen einzunehmen. Zugleich erfolgte ein quantitatives und monetäres Wachstum jener Kräfte, die über den Schwarzmarkt agierten und zunehmend günstigere - offizielle - Verwertungs- bzw. Konsumbedingungen für das angestaute Kapital verlangten.

Spielten - in Analogie zu Georgien und Armenien - Fragen der nationalen Identität bereits verstärkt seit den 1970er Jahren eine Rolle, so waren die Ereignisse um das Territorium Berg-Karabach der eigentliche Katalysator, um die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte ab 1988 in einer Sammlungsbewegung zu vereinigen. Unter dem Druck von Massenprotesten wurde bereits am 23. September 1989 in Aserbaidschan eine erste Souveränitätserklärung verabschiedet. Auslöser des Umbruchs von einer "Nur-Karabach"- zur Unabhängigkeitsbewegung war der Schock der Ereignisse vom Januar 1990 - der Einmarsch sowjetischer Truppen und der Tod von (offiziell) 131 Menschen. Es folgten der Bruch mit Moskau, Massenaustritte aus der KPdSU, aber auch Verhaftungen und Verbote im Lager der Opposition. Eine Spaltung der Bürgerbewegung in kleinere "Gefolgschaftsparteien" erleichterte den Übergang der Initiative von der Intelligenzija auf die reformbereite Nomenklatura aus Politik und Wirtschaft. Ajaz Mutalibov, ab September 1991 erster gewählter Präsident der neuen Republik, leitete mit seinem Programm (Machtstabilisierung, kontrollierter Übergang zur Marktwirtschaft, territoriale Integrität der Republik, d.h. gegen eine Ausgliederung Karabachs) wichtige Schritte zur wirtschaftlichen Transformation ein, scheiterte jedoch unter anderem an der Dynamik des Karabach-Problems. Nach dem Rücktritt Mutalibovs gewann Abulfaz Eltschibey, Vorsitzender der größten Oppositionsbewegung ("Volksfront"), die Neuwahlen 1992.

In der öffentlichen Wahrnehmung hinterließ das einjährige "Experiment der Opposition" vor allem Erinnerungen an eine überstürzte Sprachenreform, Eigenmächtigkeiten von Ministern und vor allem den Verlust Karabach benachbarter Gebiete im Frühjahr 1993. Die Regierung verlor schließlich die Loyalität der Armee und musste nach dem "Marsch auf Baku" im Juni 1993 zurücktreten. Eltschibey verließ Baku fluchtartig, und der Ruf nach einer "starken Hand" wurde immer lauter. Als Vermittler war nun laut Verfassung der Parlamentspräsident Nachitschewans, Gejdar Alijew, am Zuge. Am 24. Juni wurde der ehemalige KGB-Chef und KP-Sekretär kommissarischer und am 3. Oktober 1993 gewählter Präsident der Republik. Sein Kurs zur Stabilisierung der Verhältnisse und zur Festigung seiner persönlichen Macht bedeutete unter anderem:
  • die Abrechnung mit politischen (persönlichen) Gegnern und den Auf- und Ausbau eines von ihm kontrollierten Machtapparates;
  • die Fortführung wirtschaftlicher Reformen (u.a. Unterzeichnung des "Erdöljahrhundertvertrages" 1994);
  • eine pragmatische Außenpolitik (Durchbrechung der außenpolitischen Isolation des Landes bei gleichzeitiger Normalisierung des aserbaidschanisch-russisch-iranisch-türkischen Verhältnisses, Verhinderung der Einbindung in andere regionale Konflikte);
  • die Niederschlagung autonomer Bestrebungen (Talysch-Mugan-Republik, Juni-August 1993);
  • den Abschluss eines Waffenstillstands im Konflikt um Berg-Karabach im Mai 1994.
Der Prozess der Stabilisierung der Präsidialgewalt war mit der Wahl eines neuen Parlaments und einer neuen Verfassung im November 1995 weitgehend abgeschlossen. Schon zuvor hatte Alijew begonnen, jegliche Formen von Opposition auszuschalten. Dennoch war die Machtübergabe an seinen Sohn Ilham Alijew bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2003 von starken Protesten begleitet. Ilham Alijew führte die Strategie seines Vaters fort: Kurz vor den Parlamentswahlen im November 2005 entledigte er sich "im Kampf gegen die Korruption und Landesverrat" von einigen potentiellen Kontrahenten innerhalb der Regierung und demonstrierte damit seine Macht, während es der Opposition kaum gelang, aus ihrem Schattendasein herauszutreten. Nach seiner Wiederwahl im Oktober 2008 beschloss das Parlament, im März 2009 ein Referendum zur Änderung der Verfassung durchzuführen, um dem Präsidenten eine über zwei Legislaturperioden hinausgehende Amtszeit zu ermöglichen. Niemand zweifelt daran, dass dieses zu seinen Gunsten ausgeht.

Ob Alijew eine unbefristete Präsidentschaft zur weiteren Diversifizierung der Wirtschaft, für die Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit und einen Durchbruch zu den normalen Formen einer Bürgergesellschaft nutzt, bleibt abzuwarten. Die Lösung des Territorialkonfliktes, eine ausgewogene regionale und internationale Politik kann auch hier - wie schon oft in der Geschichte der kaukasischen Völker - von zentraler Bedeutung sein.
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Fußnoten

1.
Die Übersetzung des russischen Wortes Kavkaz kann sowohl auf das Hochgebirge des Großen Kaukasus bezogen sein, als auch auf die gesamte Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Es wird hier daher der treffendere Begriff "Kaukasien" verwendet, wenn von der Region die Rede ist.
2.
Marie-Carin von Gumppenberg/Udo Steinbach (Hrsg.), Der Kaukasus, Geschichte, Kultur, Politik, München 2008, S. 7.
3.
Linguistisch werden drei Hauptgruppen unterschieden: Kaukasisch (u.a. nordwestlicher Zweig: Abchasisch-Abasa, "Tscherkessisch" mit Adygeisch und Kabardinisch; nordöstlicher Zweig: vainachische Gruppe der Inguschen und Tschetschenen, dagestanische Sprachen), Turksprachen (Karatschaier, Balkaren, Nogaier, Kalmyken u.a.) und indoeuropäische Sprachen (Russen, Armenier, Ukrainer, Osseten u.a.). Vgl. Georgij A. Klimov, Einführung in die kaukasische Sprachwissenschaft, Hamburg 1994.
4.
Vgl. Dittmar Schorkowitz, Postkommunismus und verordneter Nationalismus. Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet, Frankfurt/M. 2008, S. 69 - 150, 173 - 205, 229 - 258 zur Situation im Gebiet Krasnodar und in Abchasien.
5.
Vgl. Uwe Halbach, "Heiliger Krieg" gegen den Zarismus. Zur Verbindung von Sufitum und Djihad im antikolonialen islamischen Widerstand gegen Rußland im 19. Jahrhundert, in: Andreas Kappeler/Gerhard Simon/Georg Brunner (Hrsg.), Die Muslime in der Sowjetunion und in Jugoslawien, Köln 1989, S. 213 - 234; Imamat bezeichnet die politische Herrschaft einer islamischen Geistlichkeit (Imam) über ein Territorium.
6.
1920 entstand - nach den kurzlebigen Staatsbildungen des "Imamats der Bergvölker", einer Nordkaukasischen Republik (1918) und dem Nordkaukasischen Emirat (1919) - die "Sowjetrepublik der Bergvölker, die in der Folgezeit in verschiedene nationale Autonomien zersplittert und der Russischen Föderativen Sowjetrepublik eingegliedert wurde.
7.
Vgl. Hans von Herwarth, Zwischen Hitler und Stalin. Erlebte Zeitgeschichte 1931 - 1945, Berlin 1988, S. 241 - 277; Joachim Hoffman, Kaukasien 1942/43. Das deutsche Heer und die Orientvölker der Sowjetunion, Freiburg i. Br. 1991.
8.
Ausgehend von den "Syrischen Brüdern" im 3./4. Jahrhundert.
9.
Allein der Anteil der Armenier in Südkaukasien erhöhte sich durch besondere Ansiedlungsprivilegien und die Folgen der Pogrome im Osmanischen Reich zwischen 1846 und 1915 von ca. 200 000 auf 1,68 Millionen. Tatsächlich kam es 1904 - 1906 zu massiven armenisch-aserbaidschanischen Übergriffen. Vgl. Eva-Maria Auch, Zur Rolle armenisch-tatarischer Konflikte bei der Herausbildung einer aserbaidschanischen Wir-Gruppen-Identität und gesellschaftlicher Organisationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Fikret Adanir/Bernd Bonwetsch (Hrsg.), Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005, S. 99-132.
10.
In der Frühphase der Industrialisierung waren neben landwirtschaftlichen und maritimen Produkten (Stör-Kaviar) auch Bodenschätze wie Kupfer und Mangan von internationalem Interesse. Das zentrale Objekt der Begierde war jedoch das Erdöl, wobei allein im Bakuer Revier um die Jahrhundertwende mehr als die Hälfte der Weltproduktion gefördert wurde und im Nordkaukasus (Grosny) weitere Quellen erschlossen wurden. Allein Russland erhielt vor der Revolution zwei Drittel seines Erdöls, ein Viertel seines Kupfers und drei Viertel seines Mangans aus Kaukasien.
11.
Bereits 1907 hatten Großbritannien und Russland die Aufteilung Irans in Einflusssphären vereinbart. Nordiran/Südaserbaidschan wurde so zum "verlängerten Arm" Petersburgs.
12.
Unter anderem Abchasien als Sowjetrepublik (1921) bzw. als Autonome Republik (1931), Adscharien als Autonome Republik (1921), Südossetien als Autonomes Gebiet zu Georgien (1922), Berg-Karabach als Autonomes Gebiet (1921/23), Nachitschewan als Autonome Republik zu Aserbaidschan (1924).
13.
Während Georgier und Armenier ihr Alphabet während der Sowjetzeit bewahren konnten, wurde das aserbaidschanische - arabisch basierte - Alphabet 1929 auf eine (mehrfach modifizierte) Lateinschrift und 1939 auf ein kyrillisches Alphabet umgestellt. 1992 unter der Volksfrontregierung beschloss man die Rückkehr zum lateinischen Alphabet.
14.
Vgl. Eva-Maria Auch, Mythos Kaukasus, in: APuZ, (2006) 11, S. 29 - 38.