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21.3.2009 | Von:
Gemma Pörzgen

Aus den Augen - aus dem Sinn: Der Kaukasus in den Medien

Standortfragen

Wie schon zu sowjetischer Zeit läuft die Berichterstattung über den Kaukasus vor allem über Moskau. Fast alle deutschen Medien haben das Berichtsgebiet unverändert so eingeteilt, das die Moskau-Korrespondenten auch über den Südkaukasus berichten. Angesichts der Fülle der anfallenden Themen in der Russischen Föderation kommen Ereignisse in den drei kleinen Ländern des Südkaukasus naturgemäß häufig zu kurz. "Hier wird das Erbe des Kalten Krieges in der Berichterstattung meist aus praktischen Gründen fortgeführt", urteilen Kollegen, die das kritisch sehen. Auch Gesprächspartner in den Hauptstädten der unabhängig gewordenen Staaten reagieren empfindlich darauf, dass die russische Perspektive bei der Berichterstattung über ihr Land unverändert eine so dominante Rolle spielt und oft russische Quellen verwendet werden.

Vereinzelt wurde in Redaktionen über mögliche Vorteile eines Standortwechsels nachgedacht. Gerade mit Blick auf die vorsichtige Annäherung zwischen Armenien und der Türkei oder eine mögliche neue Perspektive zur Lösung des Karabach-Konflikts spricht einiges dafür, dass Istanbul vielleicht ein besserer Standort für Korrespondenten sein könnte, die den Südkaukasus betreuen. Die "Süddeutsche Zeitung" war Mitte der 1990er Jahre die erste deutsche Zeitung, die für einige Jahre den Südkaukasus dem neugeschaffenen Istanbul-Büro zuordnete. Der frühere Moskau-Korrespondent Wolfgang Koydl hatte sein Interesse bekundet, diese Länder von dort aus weiter zu betreuen. Seine Nachfolgerin Christiane Schlötzer übernahm seinen Posten im Jahr 2001, allerdings ohne Russischkenntnisse, und konzentrierte sich vor allem auf die Armenien-Berichterstattung. Nach Schlötzers Weggang aus der Türkei kehrte die "Süddeutsche Zeitung" deshalb wieder zum alten Zuschnitt des Berichtsgebiets zurück. Die Deutsche Presse-Agentur hat im Sommer 2007 zumindest Aserbaidschan dem Istanbul-Büro zugeordnet, das auch für den Iran zuständig ist. Allein "Die Zeit" hat sich für eine Aufgabenteilung entschieden, bei der beide Korrespondenten in Moskau und Istanbul ihren Blick auch auf den Kaukasus richten. Zu dieser Lösung trug vor allem der Wechsel des früheren Moskau-Korrespondent Michael Thumann in das neugeschaffene Istanbul-Büro bei. Er lobt die gefundene Lösung, weil sie der Rolle der Türkei als wichtige Regionalmacht ebenso Rechnung trage wie der unverändert wichtigen Rolle Russlands für die Region. Als kürzlich eine in Moskau stationierte Kollegin sogar über Istanbul nach Tbilissi reiste, sah sich Thumann in der Wahl des Istanbul-Standortes erneut bestätigt. Denn Direktflüge von Moskau nach Georgien gibt es nicht. Von Istanbul gibt es tägliche Flugverbindungen nach Tbilissi und Baku, und inzwischen sind sogar Flüge nach Armenien wieder möglich. Für die Wissenschaftlerin Marietta König vom Hamburger Institut für Friedensforschung, deren Forschungsschwerpunkt auf dem Kaukasus liegt, ist auch Istanbul nicht die richtige Alternative. Sie findet unbefriedigend, dass eine "dauerhafte Präsenz vor Ort fehlt". Aber weder in Tbilissi, noch in Eriwan oder in Baku sitzen deutsche Korrespondenten. Selbst freie Journalisten haben sich dort bislang nicht fest etabliert.

Auch beim Netzwerk für Osteuropaberichterstattung (n-ost), dessen Ziel es eigentlich ist, die Berichterstattung aus Osteuropa durch freie Journalisten vor Ort zu ergänzen, ist die Präsenz im Südkaukasus nur sehr schwach. So wird Georgien von einem Fotografen im Wendland "abgedeckt", über Armenien und Aserbaidschan schreiben gelegentlich zwei Journalisten, die ebenfalls in Deutschland sitzen und selbst auch noch aus diesen beiden Ländern stammen. Die zuständige Redakteurin Ulrike Gruska räumt dieses Problem ganz offen ein: "Wir haben im Südkaukasus große Schwierigkeiten, gute Korrespondenten vor Ort zu finden." Das Netzwerk habe zwar schon viel versucht, um Abhilfe zu schaffen. Aber derzeit sei kein freier Journalist aus Deutschland in der Region ansässig. So sei sie ständig auf der Suche nach einem deutschen Kollegen, der sich auf eigene Initiative dort niederlasse, um Printmedien und Hörfunk mit regelmäßigen Berichten aus der Region zu versorgen. Als während des Georgien-Krieges im August 2008 bei n-ost die Telefone heißliefen und sich die Anfragen von Zeitungen und Fernsehsendern in der Redaktion häuften, merkte Gruska, dass es offenbar allen Redaktionen so ging, dass niemand auf Anhieb deutsche Journalisten vor Ort zur Verfügung hatte. "Das hat man der Berichterstattung auch angemerkt, dass alle Leute schnell hinfuhren und alle die gleichen O-Töne brachten", sagt Gruska im Rückblick. Im Kollegenkreis ist umstritten, ob es sich für einen freien Kollegen finanziell überhaupt auszahlt, aus dem Südkaukasus zu berichten. "Das ernährt keinen Journalisten", lautet die verbreitete Einschätzung angesichts des geringen Interesses in den Redaktionen. Bislang lässt sich offenbar kein freier Journalist auf den Versuch ein, auszutesten, ob eine kontinuierliche Berichterstattung vor Ort vielleicht auch ein größeres Interesse in den Redaktionen wecken könnte. Interessante Themen - auch jenseits der Krisenberichterstattung - bietet die Region eigentlich in Hülle und Fülle. Andererseits ist es in der derzeitigen Situation so, dass schon für etablierte Auslandsposten immer weniger Geld vorhanden ist. Sinkendes Anzeigenaufkommen und massive Einsparungen führen dazu, dass die Seitenumfänge bei Zeitungen und Magazinen abnehmen. Schon jetzt klagen beispielsweise freie Journalisten auf dem Balkan darüber, dass sie mit ihren Themen kaum Chancen haben, "ins Blatt zu kommen" und immer weniger verdienen. Selbst in dieser europapolitisch bedeutsamen Region geht die Tendenz dahin, dass in Warschau oder Wien ansässige Kollegen ganz Südosteuropa journalistisch abdecken sollen. Kein Wunder also, dass ein Auslandsredakteur bei der Frage nach dem Kaukasus von "Luxusüberlegungen" spricht: "Wer hat diese Kapazitäten überhaupt noch?", fragt er.

Es gibt auch nur wenige freie Journalisten, die regelmäßig in die Region reisen. Im Hörfunk hat sich die Slawistin Gesine Dornblüth vom Berliner Journalistenbüro "texte und töne", die seit Jahren für die ARD regelmäßig in den Südkaukasus aufbricht, einen Namen gemacht. Auf Sendeplätzen wie "Gesichter Europas" im Deutschlandfunk findet sie die seltene Möglichkeit, in einer einstündigen Reportage auch einmal Alltagsthemen zu beleuchten. Bei den Printmedien scheint das schwieriger zu sein. Journalisten, die in den Kaukasus reisen, erzählen von dem mangelnden Interesse der Redaktionen und herben Enttäuschungen. So musste ein Kollege nach einer einwöchigen Reise durch Aserbaidschan erleben, dass allein das Thema "Berti Vogts als Trainer der Fußball-Nationalmannschaft Aserbaidschans" auf Interesse stieß. Eine Kulturjournalistin recherchierte im Auftrag eines Magazins eine Woche lang eine aufwändige Geschichte über den georgischen Film, die niemals erschien, obwohl die Redaktion den Beitrag sogar bezahlt hatte. Wer so etwas erlebt hat, fährt so schnell nicht wieder in die Region. Dennoch gelingt es immer wieder - unter anderem auch dank des Marion-Gräfin-Dönhoff-Journalistenstipendiums der Internationalen Journalistenprogramme, das Nachwuchsjournalisten zweimonatige Aufenthalte in der Region ermöglicht - bei jüngeren Kollegen Neugier und Interesse für Georgien, Armenien oder Aserbaidschan zu wecken.