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21.3.2009 | Von:
Gemma Pörzgen

Aus den Augen - aus dem Sinn: Der Kaukasus in den Medien

Nordkaukasus

Als die russische Armee unter Präsident Wladimir Putin im zweiten Tschetschenien-Krieg die tschetschenische Hauptstadt Grosny in Schutt und Asche legte, gingen die Bilder der Zerstörung um die Welt und prägten über Jahre das Bild dieses Landstrichs. "Der zweite Tschetschenien-Krieg war vermutlich das größte Gewaltereignis des postsowjetischen Raums", charakterisiert Halbach die Ereignisse ab 1999. In den Folgejahren wurde Russland von einer Welle spektakulärer Terroranschläge erschüttert. Die dramatischen Geiselnahmen im Moskauer Dubrowka-Theater im Herbst 2002 und an einer Schule im nordossetischen Beslan durch ein tschetschenisches Terrorkommando im September 2004 trugen dazu bei, dass der Tschetschenien-Konflikt immer wieder kurzfristig in die Schlagzeilen kam. Zuletzt waren es der Mord an der bekannten russischen Journalistin Anna Politkowskaja im Herbst 2006 und an dem russischen Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow im Januar 2009, die Journalisten immer wieder Anlass boten, der tschetschenischen Spur dieser Gewaltverbrechen nachzuspüren. Aber es benötigt offenbar immer erst solcher extremen Ereignisse, um Tschetschenien wieder auf die Agenda der Redaktionen bringen. Dazwischen wird die Unruheprovinz immer wieder nahezu vollständig vergessen.

Auch dies ist unter anderem der schwierigen Sicherheitslage vor Ort geschuldet und den Auflagen der Behörden, die selbst von Moskauer Korrespondenten eine Spezial-Akkreditierung für Tschetschenien verlangen. Aber auch hier ist das Desinteresse in den Redaktionen an der Nachkriegssituation in Grosny offenbar sehr verbreitet. So stießen selbst die zwei ersten Reisen deutscher Politiker im Sommer 2007 in das Konfliktgebiet auf so gut wie kein Medienecho. Die Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck war im Juni 2007 in Begleitung russischer Menschenrechtler in Tschetschenien. Einen Monat später brach der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, nach Kabardino-Balkarien, Nordossetien, Inguschetien und Tschetschenien auf, um sich vor Ort vier Tage lang ein Bild zu machen. Weder wurden sie von Journalisten begleitet, noch stießen ihre Reiseberichte nach ihrer Rückkehr auf besonderes Interesse bei den Berliner Medienvertretern.

Die Journalistin Barbara Lehmann, die wiederholt auf eigene Faust in die Unruheprovinz gereist ist, berichtet von den Problemen freier Journalisten, eine solche Reise überhaupt vorzufinanzieren. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gelte Tschetschenien unverändert als Kriegszone. Die Gefahr einer eventuellen Haftung für freie Journalisten sei ein wichtiger Hinderungsgrund, eine solche Reise zu unterstützen. Sie selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Redaktionen, die vorher abgelehnt hatten, sich erst interessiert zeigten, als sie nach zwei Wochen Recherche sicher wieder zurück in Berlin gewesen sei. 2007 brachte sie als eine der ersten Journalistinnen überraschende Berichte vom Wiederaufbau in Tschetschenien mit. Während in deutschen Zeitungen unverändert die erschütternden Fotos vom völlig zerstörten Grosny das Bild bestimmten, war vor Ort der Wiederaufbau der Stadt längst im Gange. Die vermittelte Realität hinkte der Wirklichkeit schon lange hinterher, weil seit Jahren niemand mehr nach Grosny gereist war.

Noch schemenhafter bleibt die Berichterstattung aus den instabilen Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan, obwohl sich dort jeden Tag Entführungen, Morde und Kämpfe ereignen. Es ist daher umso bemerkenswerter, dass die "Süddeutsche Zeitung" einer Inguschetien-Reportage ihrer Moskau-Korrespondentin Sonja Zekri im Januar 2009 sogar ihre prominente Seite 3 widmete.[7] "Das kostet zwar viel Geld, wirft aber ein Schlaglicht auf die ganze Region. Das haben die ganzen Morde im Vorfeld ja gerechtfertigt", sagt dazu die stellvertretende Leiterin des Auslandsressorts, Christiane Schlötzer. Aber wenn Zekri nun sagen würde, jetzt wolle sie auch nach Dagestan fahren, ließe sich das nicht so bald wiederholen. Angesichts der Anzeigenkrise, sei es ohnehin schwierig, die Fülle der Auslandsthemen auf den reduzierten Seitenumfängen noch unterzubringen: "Da wird es vielleicht künftig noch schwieriger, die kleineren Konflikte mehr als einmal im Jahr abzubilden."

Fußnoten

7.
Vgl. Sonja Zekri, Am Fließband des Todes, in: Süddeutsche Zeitung vom 27. 1. 2009.