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5.3.2009 | Von:
Yiannis Papadakis

Griechischer, türkischer oder "zypriotischer" Kaffee

Über Esel und nationale Identität

Kaffee und auch die zypriotischen Esel sind zu Metaphern für höchst umstrittene Meinungen über Identität geworden. Die Diskussion um die Esel begann im Februar 1999, als der türkisch-zypriotische Volksgruppenführer Rauf Denktaş einer akademischen Besuchergruppe erklärte, dass es keine zypriotische Nation gebe, sondern nur zypriotische Esel. Dies führte zu heftigem Protest, insbesondere von Seiten der türkisch-zypriotischen Linken. Talat, Vorsitzender der sozialdemokratischen CTP (Republican Turkish Party), reagierte mit einer Presseerklärung, in der er Denktaş' Aussage als schwerwiegenden Angriff auf türkische Zyprioten bezeichnete. Linke Zeitungen druckten Artikel mit Überschriften wie "Das Volk antwortet Denktaş mit einer Stimme: Wir sind Zyprioten, keine Esel". Ein anderer Artikel bezeichnete Zypern im Scherz als "Land der Esel (Eshekistan)". Es gab viele aufgebrachte Leserbriefe: "Wie viele Esel werden Denktaş dieses Jahr wählen"? oder "Natürlich sind wir Esel, wie könnten wir sonst diese schwere Last tragen?", womit die aktuelle Führung gemeint war. Talat warf Denktaş außerdem vor, dass er nie an eine Föderation und die Wiedervereinigung geglaubt, sondern immer eine Teilung Zyperns angestrebt habe. Özker Özgür, der vorherige Vorsitzende der CTP, schrieb in einem Artikel unter der Überschrift "Denktaş ist der gleiche Denktaş", dass dieser in der Vergangenheit viele ähnliche Bemerkungen gemacht habe, dass es in Zypern keine Zyprioten gebe, weder türkische noch griechische, nur Türken auf der einen und Griechen auf der anderen Seite.

Denktaş reagierte heftig auf die Kommentare der Linken. Seine Äußerungen seien absichtlich falsch interpretiert worden. Im Gegenzug beschuldigte er Talat, dass dieser jetzt die Gelegenheit nutze, seine, Denktaş', Äußerung zu verdrehen, weil er einst Wählerstimmen mit dem Statement "Die Türkei ist nicht mein Vaterland" verloren habe. Damit wolle er sich jetzt reinwaschen. Außerdem beschuldigte Denktaş Talat, er versuche "uns unter dem Deckmantel der Cypriotness unser Türkentum vergessen zu lassen". Und er fügte hinzu: "Wir sind nur in geografischer Hinsicht Zyprioten. Wir sind Türken, ein Teil der türkischen Nation, der niemals abgeschnitten oder getrennt werden kann." Sodann berief er sich auf einen vermeintlichen Verbündeten für sein Argument. Er behauptete, der verstorbene griechisch-zypriotische Führer Makarios habe einst etwas Ähnliches gesagt. Denktaş erzählte, dass er Makarios gefragt habe, wie er als Präsident der zypriotischen Nation für Enosis, den Anschluss Zyperns an Griechenland, eintreten könne. Makarios habe geantwortet, dass es keine zypriotische Nation gebe: "Wir sind Griechen, die in Zypern leben", habe er gesagt und hinzugefügt, dass das einzige Lebewesen auf Zypern, das von sich behaupten könne, ein Zypriote zu sein, der Esel sei. Türkisch-zypriotische Kommentatoren zeigten sich erstaunt, dass sich Denktaş nach all den Jahren und all den Kämpfen gegen Makarios jetzt daran erinnere, dass er sich mit Makarios über etwas einig war.

Hat sich Makarios jemals so geäußert? Der Teil über die Esel lässt sich schwer nachweisen, aber Makarios hat einige Bemerkungen darüber gemacht, dass es in Zypern keine zypriotische Nation gebe. Diese fielen hauptsächlich nach 1960, als griechische Zyprioten trotz der Unabhängigkeitserklärung immer noch Enosis und türkische Zyprioten Taksim, die Teilung, anstrebten. Dies änderte sich allerdings nach 1974, als die griechischen Zyprioten eine Wiedervereinigung wollten. Die griechisch-zypriotischen Führer sprachen nun offiziell von "einem Volk" in Zypern, weil sie auf eine Wiedervereinigung hofften, während die türkisch-zypriotische Führung in dieser Zeit von "zwei Völkern" sprach, weil sie die Teilung - in welcher Form auch immer - erhalten wollte. Das ist ein wichtiger Streitpunkt nicht nur zwischen griechischen und türkischen Zyprioten, sondern auch unter den türkischen Zyprioten selbst. Linke türkisch-zypriotische Parteien sind eher für eine Wiedervereinigung als rechte. Die ganze Diskussion über die Esel und ob es ein zypriotisches Volk oder eine zypriotische Nation gebe, bringt diese Uneinigkeit unter den türkischen Zyprioten zum Ausdruck: Diejenigen, die eher für eine Wiedervereinigung sind, vor allem die Linken, sprechen mehr über Gemeinsamkeiten zwischen den beiden zypriotischen Volksgruppen; diejenigen, die eher für eine Teilung sind, wie etwa die türkisch-zypriotischen Rechten, mehr über die Unterschiede von Griechen und Türken in Zypern.

Vertreter der türkisch-zypriotischen Linken prophezeiten, dass türkische Zyprioten bald zu einer seltenen und bedrohten Art wie der zypriotische Esel werden könnten, weil immer mehr türkische Zyprioten ins Ausland zögen und sich mehr und mehr Menschen aus der Türkei in Zypern niederließen. Obwohl sich türkische ebenso wie griechische Zyprioten an ihre Nachbarländer Türkei und Griechenland mit dem Wunsch nach Schutz und internationaler Unterstützung wenden, äußern sie auch oft ihr Misstrauen gegenüber Griechen und Türken. Misstrauen besteht jedoch in beide Richtungen: Wenn sich Griechen über griechische Zyprioten aufregen, kommt der altbekannte zypriotische Esel wieder ins Bild. "Oh, diese zypriotischen Esel", heißt es dann bei den Griechen, wenn sie griechische Zyprioten meinen.

Selbst politische Eselsproteste haben ihre eigene Geschichte auf dieser Insel, die einst für ihre Esel bekannt war, als diese noch ein seltenes und wertvolles Kapital waren, bevor sie durch Pick-ups ersetzt wurden. In den späten 1950er Jahren stellte der britische Gouverneur von Zypern den griechisch-zypriotischen EOKA-Kämpfern, welche die Vereinigung mit Griechenland anstrebten, ein Ultimatum zur Kapitulation. Diese schickten einen Esel mit der Aufschrift "Ich ergebe mich" durch die Straßen, bis er von der britischen Polizei aufgegriffen wurde. Während der britischen Kolonialzeit von 1878 bis 1960 entwickelten sich zwei gegensätzliche Nationalismen in Zypern: griechischsprachige Christen (wobei manche auch Türkisch sprachen), die sich als Griechen und türkischsprachige Muslime (wobei viele auch Griechisch sprachen), die sich als Türken bezeichneten. Beide fühlten sich der Nation ihres jeweiligen "Mutterlandes" Griechenland oder Türkei zugehörig.[1] Die Repressionen der britischen Kolonialbehörden und deren sture Behauptung, dass es nie eine griechische oder türkische Nation in Zypern gegeben habe, sondern nur eine "zypriotische Melange", ein gestaltloses Gemisch,[2] hat die beiden ethnischen Gruppen dazu gebracht, noch stärker auf ihren griechischen und türkischen Identitäten zu beharren. Die beiden Nationalismen nahmen damit noch schärfere Formen an. Die Gewalt zwischen den Volksgruppen begann in Zypern damit, dass die Briten türkisch-zypriotische Polizisten einstellten, um den EOKA-Aufstand zu bekämpfen - ganz im Sinne ihrer gut einstudierten Teile-und-Herrsche-Politik. Die eskalierenden interkommunalen Auseinandersetzungen der 1960er Jahre verstärkten die bereits vorhandenen Gefühle gegenseitiger Intoleranz noch.

Fußnoten

1.
Vgl. Paschalis Kitromilides, The Dialectic of Intolerance: Ideological Dimensions of the Ethnic Conflict in Cyprus, in: Paschalis Kitromilide/Peter Worsley (eds.), Small States in the Modern World: The Conditions of Survival, Nicosia 1979, S. 143 - 184.
2.
Michael Given, Star of the Parthenon, Cypriot Melange: Education and Representation in Colonial Cyprus, in: Journal of Mediterranean Studies, 7(1997) 1, S. 59 - 82.