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5.3.2009 | Von:
Yiannis Papadakis

Griechischer, türkischer oder "zypriotischer" Kaffee

Griechen und Türken, oder Zyprioten?

Trotz der unterschiedlichen politischen Ziele hatten beide Nationalismen in Zypern die gleiche Form. Es war ein ethnischer Nationalismus,[3] der die Gemeinsamkeiten mit den Menschen der "Mutterländer" Türkei und Griechenland im Hinblick auf Geschichte, Abstammung, Sprache, Kultur und Religion betonte. In der Zeit nach 1974 wurde diese Form des Nationalismus von türkisch-zypriotischen und griechisch-zypriotischen Parteien aus dem rechten Lager verfochten, insbesondere von der türkisch-zypriotischen UBP (National Unity Party) und der griechisch-zypriotischen DISY (Democratic Rally). Sie beherrschte auch die Geschichtsbücher auf beiden Seiten. Die beiden linken Parteien, die griechisch-zypriotische AKEL (Uprising Party of the Working People) und die Republikanisch-türkisch CTP übernahmen dagegen ein anderes Nationalismusmodell: den staatsbürgerlichen Nationalismus.[4] Dieser setzte den Schwerpunkt auf den geopolitischen Raum Zyperns und betonte die Gemeinsamkeit aller Bewohner in der Hoffnung, dass eines Tages ein gemeinsamer Staat zustande kommt. Die CTP und ihre Anhänger befürworteten die Wiedervereinigung und sahen die Türkei kritisch.[5]

Als die CTP 2003 an die Macht kam, wurden die Geschichtsbücher umgeschrieben, in denen bislang eine Teilung befürwortet wurde. Das türkeiorientierte Geschichtsmodell wurde nun zu einem zypernorientierten Modell. Dabei vermied man weitgehend, die Geschichte - wie in den bisherigen türkisch-zypriotischen Büchern - als lange Liste barbarischer Angriffe von griechischen auf türkische Zyprioten darzustellen. In den neuen Geschichtsbüchern wird der Entstehung einer nationalen Identität in Zypern während des 19. und 20. Jahrhunderts nachgegangen. Dabei wird ein sozialkonstruktivistisches Denkmuster verfolgt, und es werden zugleich kulturelle Wechselwirkungen, interne Spaltungen und Diskontinuitäten aufgezeigt.[6] Der ideologische Wechsel zeigt sich auch auf dem Buchumschlag, der Zypern in Umrissen als Ganzes ohne Trennungslinie darstellt, im Gegensatz zu den Zypernkarten der Rechten, die immer die geteilte Insel zeigen und die Türkei ganz oder teilweise mit abbilden. Auch die AKEL hat vor kurzem erklärt, den Geschichtslehrplan als Teil einer breiteren Revision des Bildungssystems ändern zu wollen. Dies stieß jedoch auf starken Widerstand.

Die beiden linken Parteien sehen sich zuallererst als Zyprioten, während die beiden rechten Parteien die Begriffe Griechen und Türken verwenden. Dies ist die implizite Botschaft von Christofias' Bemerkung über den Kaffee: Die beiden Linken treten für eine recht ähnliche Sicht der Geschichte ein. Sie vertreten die Auffassung, dass das Zypernproblem ein Ergebnis ausländischer, vorrangig britischer und amerikanischer Einmischungen ist (unter anderem die britische Teile-und-Herrsche-Politik während der 1950er Jahre und die US-amerikanische Unterstützung der griechischen Militärjunta, die 1974 den Putsch in Zypern inszenierte). Damit verbunden sind die entzweienden Folgen des griechischen und türkischen Nationalismus in Zypern, die Aktionen rechter Extremisten sowie die zerstörerischen Interventionen Griechenlands (mit dem Putsch von 1974) und der Türkei (mit der Militäroffensive von 1974).

Dass die beiden derzeitigen Führer der Linken enge Freunde sind, ist also kein Zufall. Diese Freundschaft erscheint derzeit allerdings angesichts der üblichen gegenseitigen Anschuldigungen, die auch die laufenden Verhandlungen überschatten, immer wackliger. Die stärkste Basis interkommunaler Kooperation in der Geschichte Zyperns war die Arbeiterbewegung. Gemeinsame Gewerkschaften und Arbeitskämpfe haben eine lange und bedeutende Vergangenheit. Die beiden linken Parteien AKEL und CTP arbeiteten traditionell eng zusammen; sie trafen sich in der Zeit der Teilung nach 1974 zum gegenseitigen Austausch; es gab immer ein starkes Solidaritätsgefühl.

Ein ungeschriebener Teil zypriotischer Geschichte ist die Gewalt nationalistischer Rechter gegen die Linken in ihrer eigenen Volksgruppe. Beide linken Parteien teilen dadurch die Abneigung gegen nationalistische Diskurse und das starke Bewusstsein, dass Gewalt niemals nur eine Sache der anderen Seite ist. Dies ist ein maßgeblicher Gesichtspunkt, wenn es darum geht, die auf beiden Seiten festgefahrenen Meinungen aufzubrechen, denen zufolge "die andere Seite der alleinige Aggressor und wir die alleinigen Opfer sind", und einen Kompromiss zu ermöglichen. Wenn also jemand ein starkes Interesse an einer föderalen Lösung hat, dann sind das wohl die beiden linken Parteien. Sie haben am meisten zu gewinnen, vorausgesetzt, dass für bestimmte föderal gewählte Schlüsselpositionen eine Zusammenarbeit der politischen Kräfte beider Seiten notwendig ist. Es ist unwahrscheinlich, dass irgendeine andere Partei dies erreichen könnte. Erstmals in der Geschichte Zyperns sind nun zwei linke Führer gleichzeitig an der Macht, die sich einer föderalen Lösung verpflichtet fühlen und die Sichtweise teilen und auch vermitteln wollen, dass eine Lösung nur mit schmerzhaften Kompromissen zu erreichen ist.

Das andere positive Element der derzeitigen politischen Konstellation bezieht sich auf die griechisch-zypriotische Rechte. Die größte Oppositionspartei ist die konservative DISY (die wie die AKEL etwa ein Drittel der Stimmen auf sich vereint), deren Führung 2002 den Annanplan befürwortet hatte (allerdings nicht die Mehrheit ihrer Anhänger). Die DISY befindet sich in der kuriosen Situation, eine Oppositionspartei zu sein, welche die Regierungspolitik in der Zypernfrage - und dies ist das einzige Thema in Zypern - unterstützt. Die eigentliche Opposition zur AKEL kommt von den regierungsbeteiligten Parteien DIKO (Democratic Party) und EDEK (Movement for Social Democracy). Dieses Novum in der Geschichte Zyperns, das der verantwortungsvollen Politik der derzeitigen DISY-Führung zu verdanken ist, hat eine bedenkliche innenpolitische Brisanz. Obwohl die DISY ein anderes Geschichts- und Identitätsmodell als die AKEL verfolgt, haben beide Parteien ihre Unterstützung für die Idee einer föderalen Lösung deutlich geäußert, während DIKO und EDEK dies weitaus skeptischer sehen.

Fußnoten

3.
Vgl. Anthony Smith, National Identity, London 1991.
4.
Vgl. ebd. Ethnischer und ziviler Nationalismus sind idealtypische Beschreibungen, die einige Gemeinsamkeiten aufweisen können. Letzterer kann beispielsweise eine ethnische Gewichtung der autochthonen Bevölkerung eines Territoriums beinhalten und Migranten dabei ausschließen.
5.
Vgl. Yiannis Papadakis, Echoes from the Dead Zone: Across the Cyprus Divide, London 2005, S. 185 - 206.
6.
Vgl. ders., History Education in Divided Cyprus: A Comparison of Greek Cypriot and Turkish Cypriot Schoolbooks on the "History of Cyprus", in: PRIO Cyprus Center Report, (2008) 2 (www.prio.no/cyprus).