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2.3.2009 | Von:
Golz, Hans-Georg

Editorial

Die DDR verstand sich als Literaturgesellschaft. Hinter der Fassade vom "Leseland" bestimmte die Zensur, was gedruckt wurde und was nicht.

Mit der Erzählung "Was bleibt?" löste Christa Wolf 1990 einen medienwirksamen Streit über die Literatur der untergehenden DDR aus. Zu ihrem 80. Geburtstag im März dieses Jahres blickt sie - gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Autor und Verleger Gerhard Wolf - auf eine Schriftstellerkarriere zurück, in der sich die vielschichtigen Erfahrungen mit dem "Leseland" DDR spiegeln.

Die DDR verstand sich als Literaturgesellschaft. Bibliotheken und der Volksbuchhandel waren gut ausgestattet. Die lizenzierten Verlage produzierten neben "Klassikern" des Marxismus-Leninismus schmucke Literaturbände zu kleinen Preisen, man pflegte das "Erbe", viele Kinderbücher waren eine Augenweide, und in Kulturhäusern beschäftigten sich "Zirkel Schreibender Arbeiter" mit der sozialistischen Wirklichkeit, wie sie die SED wahrnahm. Hinter der Fassade vom "Leseland" entschied die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Kulturministerium über Druckgenehmigungen. Die Zensur bestimmte, was gedruckt wurde und was nicht - Letzteres häufig mit Papier- oder Devisenmangel kaschiert. Die Belletristik bot eine Nische für gesellschaftspolitische Debatten, die in der gelenkten Presse nicht möglich waren. Die Methoden der "heimlichen Leser" bei der Beschaffung und Verbreitung unerlaubter Literatur wurden immer riskanter und ausgefeilter.

Alljährlich zur Leipziger Buchmesse inszenierte die Partei- und Staatsführung das "Leseland". Eine erwartungsfrohe Leserschaft traf sich mit Buchhändlern und Verlegern - auch aus dem Westen. Ob sich die Messe nach 1990 neben dem allherbstlichen Branchentreffen in Frankfurt am Main behaupten würde, war lange offen. "Leipzig liest" gilt heute als "Europas größtes Lesefest". Indes setzt sich das Ausbluten der Verlagslandschaft in Ostdeutschland und insbesondere in Leipzig fort.