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2.3.2009 | Von:
Rüdiger Thomas

Lebensmuster - Wege zu Christa Wolf

Christa Wolfs Werke spannen einen Bogen von den mentalen Folgen der deutschen Teilung über die Selbstbehauptung gegen kollektive Vereinnahmung bis zum Gang in die Zeittiefe der vorantiken Mythen.

Einleitung

Wo die Politik Machtworte spricht, sucht die Kunst nach dem authentischen Ausdruck, der sich hinter den Fassaden der Propaganda in den Schicksalen der Menschen verbirgt. Christa Wolf hat in ihrem Werk, das einen Zeitraum von nahezu einem halben Jahrhundert umfasst, diese existenzielle Erfahrung auf vielfältige Weise gestaltet. Sie hat Konfrontationen und Widersprüche, Krisen und Umbrüche, die das vergangene Jahrhundert geprägt haben, als Zeitzeugin erfahren und eindringlich zur Sprache gebracht. Sie hat sich im Erfahrungsraum der Geschichte, der ihr Leben bestimmt hat, verändert und ist sich dabei in ihrem Werk auf der Suche nach "subjektiver Authentizität"[1] treu geblieben.






Als "öffentliche Person" hat sie in der DDR eine Bedeutung erlangt wie unter den Schriftstellern in der Bundesrepublik nur Heinrich Böll und Günter Grass. Sie alle haben den Beifall der Mächtigen nur selten gefunden, waren sie doch auf der Seite der kleinen Leute, jener stillen Helden, die gegen den Verfügungsanspruch politischer Ordnungssysteme nach Auswegen eigensinniger Selbstbehauptung suchten und sich nicht damit abfinden mochten, historische Prozesse als bloße Objekte zu erfahren, sondern durch eingreifendes Denken sich selbst als Person zu entdecken.

Fußnoten

1.
Diesen Schlüsselbegriff formuliert die Autorin gegenüber Hans Kaufmann, Gespräch mit Christa Wolf, in: ders., Über DDR-Literatur. Beiträge aus fünfundzwanzig Jahren, Berlin-Weimar 1986, S. 106.