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2.3.2009 | Von:
Siegfried Lokatis

Die Hauptverwaltung des Leselandes

Unerlaubte Literatur

Es ist naheliegend und wäre bequem, als DDR-Literatur nur jene Bücher zu betrachten, die in der DDR erscheinen konnten, also druckgenehmigt waren. Schon damit hätten die zuständigen Literaturwissenschaftler und interessierten DDR-Forscher genug zu tun, da es sich um weit über 300 000 Titel handeln dürfte. Dabei geht es um Bücher, Broschüren, Zeitschriften und Drucksachen aller Genres, die zum Teil von regionalen Stellen und Institutionen mit "genereller Druckgenehmigung" autorisiert worden waren; nicht nur um Belletristik, sondern um Kinder- und Kochbücher, um politische Literatur und Briefmarkenalben, Militaria und Comics, konfessionelle Kleinschriften und Reiseführer. Zu all diesen Genres finden sich interessante Zensurgeschichten.[6] In der DDR bedurfte selbst der Druck einer Eintrittskarte der Genehmigung.

Aus diesem Zusammenhang ergibt sich die hier durchgespielte Gegenüberstellung von genehmigter bzw. druckgenehmigter Literatur auf der einen und unerlaubter Literatur auf der anderen Seite. Unerwünschte Literatur war offiziell in der Regel nicht etwa verboten, sondern sie wurde nicht gedruckt, weil dafür angeblich das Papier oder die Devisen fehlten. Diese Fiktion, die kulturpolitischen Zwang als ökonomischen Mangel ausgeben konnte, ließ sich nicht mehr aufrecht erhalten, sobald sich der Leser seine unerlaubte Lektüre auf andere Weise zu beschaffen versuchte: in West-Berlin bis zum Mauerbau, aus den Giftschränken für Forschungsliteratur der großen Bibliotheken und Antiquariate, auf der Buchmesse, im befreundeten sozialistischen Ausland oder im Westen. Manche Bücher und Zeitschriften wurden an der Grenze kommentarlos einbehalten, der Besitz anderer zog Anzeigen oder gar Zuchthausstrafen nach sich. Als Baldur Haase nach der Lektüre von George Orwells "1984" verhaftet wurde, fand er besonders ungerecht, dass ein offizielles Verbot gar nicht bestand.[7]

Die Mehrzahl suspekter Titel blieb nicht durchgängig ausgegrenzt. So erinnerte das internationale Verlagsprogramm von Volk & Welt in der Spätzeit an einen Verbotsindex der 1950er Jahre. Den entsprechenden Publikationen gingen zwar langwierige Zensurkämpfe voraus, aber selbst ein Autor wie Karl May, von dessen Werken der heimliche Leser Heinz Thümmler bis September 1979 an 2788 "Schreibtagen" 21 Bände mit insgesamt 11 933 Seiten eigenhändig abgeschrieben hatte, gehörte seit 1982 zum Kernbestand und wurde seit seiner literarischen Repatriierung vom Verlag Neues Leben gleich in riesigen Auflagen gedruckt.[8] Hingegen verschwanden die anfangs in Massenauflagen verbreiteten Werke Stalins spätestens nach dem XXII. Parteitag der KPdSU 1961 aus den Buchhandlungen. Es gab eine Unzahl von Texten, die nur zwischenzeitlich "pausierten", etwa titoistische Titel, Bücher aus China, Albanien oder Israel, Romane von Theodor Plievier, Schriften von Georg Lukács. Allerdings gab es politische Texte von höchster Brisanz, die über die Jahrzehnte hinweg de facto verboten waren und deren Beschlagnahmung hohe Strafen nach sich ziehen konnte. Die Listen der auszusondernden Literatur enthielten seit 1948 neben der nationalsozialistischen und militaristischen Literatur auch kommunistische "Parteifeinde" wie Nikolai Bucharin und Leo Trotzki; neben George Orwells "1984" und Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" wären Wolfgang Leonhards "Die Revolution entlässt ihre Kinder" zu nennen, Hermann Webers "Ulbricht fälscht Geschichte" oder der "Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn.

Solche Titel waren indes kaum Objekte des volkssportartig betriebenen Massenschmuggels, von dem die Akten des Zolls und der Post berichten, wie ihn nach dem Mauerbau vor allem reisende Rentner betrieben. Diese wurden "von ihren Kindern und Enkeln rücksichtslos zu Schmugglern umfunktioniert", um die "regelrecht wie beim Buchhändler bestellte - in aller Regel politisch höchst harmlose - Konterbande durch den Zoll" zu bringen und sich so einen "Ehrenplatz in der Geschichte des deutschen Buchhandels" zu erwerben.[9] Deren Erfahrungen an der Grenze mussten schon deshalb unterschiedlich ausfallen, weil die Organe keineswegs berechenbar agierten. Wenigstens zeitweise unterschied sich selbst die Beschlagnahmepraxis einzelner Zollbezirke voneinander. So wurde 1959 bei einigen Zolldienststellen mit, bei anderen ohne Beschlagnahmeprotokoll Literatur einbehalten. Bei der Grenzpolizei wurde den Betroffenen ein Schundschmöker belassen, und die Transportpolizei drückte bei der Reiselektüre älterer Reisender oft ein Auge zu.[10]

In allen Beschlagnahmungsstatistiken von Post und Zoll dominieren über die Jahrzehnte hinweg triviale Textsorten, vom Western- und Liebesroman bis hin zum Versandhaus-Katalog. Allerdings wurden auch diese Genres weniger aus ästhetischen als aus politischen Gründen ausgegrenzt. So wurde die Gefährlichkeit von "Micky-Maus"-Heften wie folgt begründet: "Sogenannte Jugendzeitschriften wie Micky-Maus und andere. Mit diesen Schriften soll insbesondere unsere Jugend von der gesellschaftlichen Arbeit abgehalten werden. Hiermit wird das Ziel verfolgt, in der DDR sogenannte Jugendklubs zu bilden, um so die Jugend vom Eintritt in die FDJ und dem Verband der Jungen Pioniere abzuhalten. Damit wird praktisch der erste Schritt getan, um unsere Jugend für die verbrecherischen Machenschaften der westlichen Machthaber zu gewinnen."[11]

Der heimliche Leser interessierte sich für "Die Alternative", "Angélique", Autoatlanten und Astrologie, für Wolf Biermann, "Bild" und "Bravo", für Comics, China und Camus, für von Däniken, "Dr. Schiwago" und Dürrenmatts "Die Ehe des Herrn Mississippi", evangelische Erbauungsliteratur und Erotika, Fernsehprogrammhefte und die FAZ, Grass und Gulag-Literatur, Hetzliteratur und Havemann, Illustrierte und Ionesco, James Bond und Ernst Jünger, für Künstlerbücher, Konsalik, den "Kicker" und Reiner Kunze, Konrad Lorenz und Wolfgang Leonhard, Militaria und Modejournale, Nietzsche und die "Neue Revue", Orwell und den Otto-Versand, Punk-Zeitschriften und den "Playboy", für die "Quick" und Quelle-Kataloge, Reisebücher und rororo, den "Spiegel" und den "Stern", Trotzki und Luis Trenker, die Umweltbibliothek und Underground, Vertriebenenblätter und den "Wachtturm", für den "Tag X" Stefan Heyms, Yoga-Bücher und amerikanische Zukunftsschmöker. In größerem Stil geschmuggelt wurde konfessionelle Literatur aller Kirchen. In einem einzigen VW-Bus hatten die Zeugen Jehovas über 44 000 Exemplare des "Wachtturm" eingeschweißt. Einer Zollstatistik zufolge wurden 1979/1980 in anderthalb Jahren 140 600 Grobsendungen und Päckchen mit konfessioneller Literatur kontrolliert, wovon 28 437 komplett, 4302 teilweise eingezogen und 561 in den Westen zurückgeschickt wurden.[12] Der Versand konfessioneller Literatur wurde vom Westen aus ähnlich systematisch und organisiert betrieben wie die im Kalten Krieg forcierte millionenfache Verbreitung politischer Broschüren. Es wäre voreilig, aus den riesigen, von Bonn subventionierten Auflagenzahlen auf einen realen Bedarf der Bevölkerung zu schließen.

Welche politische Rolle wäre dem heimlichen Lesen von unpolitischer Gebrauchsliteratur als Massenphänomen zuzumessen? Aus heutiger Sicht einer im Wesentlichen frei zugänglichen Informationsflut gegebene Beliebigkeit besteht eher die Neigung, die Gefährlichkeit, die einem Text zuwachsen kann, zu unterschätzen. Doch in einem Zensursystem wurden die unterschiedlichsten Texte durch staatliche Billigung wie auch umgekehrt durch Ausgrenzung politisch aufgeladen und gewannen an Sprengkraft. So kommt dem heimlichen Lesen als der einfachsten Form der Demonstration von "Eigensinn" ein symbolischer Wert an sich zu.

Fußnoten

6.
Dieser die unterschiedlichsten Genres übergreifende Ansatz wird durchgespielt in: Simone Barck/Siegfried Lokatis, Zensurspiele, Halle 2008.
7.
Vgl. Baldur Haase, Verführt durch "Schmutz und Schund". Mein Orwell, in: S. Lokatis/I. Sonntag (Anm. 2), S. 168 - 174.
8.
Vgl. Christian Heermann, Karl May - Heimliches und Unheimliches, in: ebd., S. 358 - 372.
9.
Mark Lehmstedt, Im Dickicht hinter der Mauer: Der Leser, in: ders./Siegfried Lokatis (Hrsg.), Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch, Wiesbaden 1997, S. 348 - 357, hier: S. 355.
10.
Bericht betr. unentgeltliche Einfuhr von Literatur u.a. Druckerzeugnissen aus Westberlin und Westdeutschland, 10.11. 1959. BArch Berlin-Lichterfelde DL 203, 294, AZKW, HA 2. Vgl. Vorlage für die Dienstbesprechung beim Minister, Begründung, S. 4, ebd., AZKW, Leiter.
11.
Bericht zur Ein-, Aus- und Durchfuhr von Druckerzeugnissen, 15.7. 1959. BArch Berlin-Lichterfelde DL 203, 294, AZKW, HA 2.
12.
BArch Berlin-Lichterfelde DL 203/294/04 - 07 - 05, Information der Zollverwaltung der DDR, 7.8. 1980.