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2.3.2009 | Von:
Siegfried Lokatis

Die Hauptverwaltung des Leselandes

Staatliche Ökonomie des heimlichen Lesens

Was geschah mit den konfiszierten Büchern und Zeitschriften? Sie wurden verwertet. Die nahe liegende Vermutung, dass die Zöllner sie zunächst selbst lasen, lässt sich aus den Akten naturgemäß nur in Ausnahmefällen belegen. Um dem vorzubeugen, wurden die Objekte weitergereicht und landeten, soweit es sich um Massenliteratur handelte, in plombierten Säcken bei der Altpapierverwertung. Wertvollere Literatur wurde vermutlich sogar über das Zentralantiquariat reexportiert, soweit es sich um häufige Dubletten handelte. Um Unikate stritt sich die Deutsche Bücherei mit der Staatsbibliothek und mit der Bibliothek der Zensurbehörde, die schließlich wissen musste, was zu verbieten war. Der Wissenschaftsverleger Klaus G. Saur berichtet von einem Kollegen, der Jahr für Jahr zehn Exemplare eines verbotenen Buches über die Ungarn-Flüchtlinge von 1956 zur Leipziger Messe mitbrachte, das dort regelmäßig beschlagnahmt wurde, wonach dem Eigentümer der Preis von 298 DM pro Stück ersetzt werden musste: "Nachdem das Buch schon einige Jahre auf diese Weise langsam, aber sicher abgeflossen war, kam an einem Messe-Eröffnungstag am Sonntag der Vertriebsleiter des Verlags an den Stand und sah ganz erschrocken, dass diese fünf Bücher noch am Stand waren. Man wusste, dass die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes im dritten Stockwerk ihr Büro hatten. Er ging dorthin und fragte nach, was denn nun los sei, warum die Bücher nicht beschlagnahmt worden seien. Ihm wurde dann treuherzig erklärt, das Thema sei nicht mehr so brisant und man hätte auch schon so viele Exemplare. Er bat händeringend darum, das Buch noch einmal zu beschlagnahmen, und man verständigte sich dann darauf, die Bücher noch einmal zu übernehmen, unter der Bedingung, dass sie zur nächsten Messe dann nicht mehr mitgebracht würden."[13]

Im ZK der SED waren zwar nicht die Abteilungen für Propaganda und Agitation, aber dafür umso mehr die für die Parteibetriebe zuständige Finanzabteilung an ökonomischen Gesichtspunkten interessiert, zumal die Parteikasse auf die Einnahmen aus den Papierfabriken, Druckereien und Zeitungsverlagen der Parteiholding Zentrag angewiesen war. Seit 1963 waren der vormals parteieigene Volksbuchhandel und die größten Buchverlage der HV nachgeordnet, die jährlich dreistellige Millionenbeträge an die SED abführte. Die im Buchhandel erwirtschafteten Gelder flossen im Wesentlichen der SED zu, und dieser Umstand führte zu paradoxen Entwicklungen. Erste größere Zugeständnisse an den Lesergeschmack etwa erfolgten nach dem 17. Juni 1953, als einige der fortan beliebtesten DDR-Zeitschriften wie "Das Magazin", die Modezeitschrift "Sibylle", der "Eulenspiegel" und, als Gegengift gegen die amerikanische Comicflut, das "Mosaik" gegründet wurden. Die Zensur erlaubte auch kulturvolle Krimis, Science-Fiction und Heimatliteratur. Alle diese massenhaft produzierten und bestens verkäuflichen Kultartikel waren als Gegengewicht zu den damals in West-Berlin leicht zugänglichen Verlockungen von "Schmutz und Schund" konzipiert, die "Wochenpost" beispielsweise als sozialistische Antwort auf die "Grüne Post".

Bereits 1955 war registriert worden, dass Massen unverkäuflicher sowjetischer Belletristik wie Blei in den Lagern ruhten, ein peinliches Politikum, das die Parolen von der deutsch-sowjetischen Freundschaft konterkarierte. Beginnend mit Ilja Ehrenburgs "Tauwetter" verbesserten sich indes mit den Jahren die Absatzchancen für solche Titel, die in der Sowjetunion oder bei der DDR-Zensur als politisch umstritten galten; so profitierte Galina Nikolajewas "Schlacht unterwegs" vom Spitznamen "Unterwegs geschlachtet". Die Stalin-Kritik Jewgeni Jewtuschenkos, Konstantin Simonows und Michail Bulgakows, der im Rias verlesene Alexander Solschenizyn, schließlich die Gedichte von Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam und Boris Pasternak bei Reclam und Volk & Welt, nicht zuletzt die Romane Juri Trifonows, Bulat Okudschawas, Tschingis Aitmatows und Walentin Rasputins, welche die Gorbatschow-Ära einläuteten: Diese sowjetische Literatur wurde breit rezipiert, weil sie dem Geschmack der heimlichen Leser entgegenkam, als subversiv galt und manchmal noch nicht einmal in der Sowjetunion zu haben war.

Während in der Bundesrepublik für ein Buch in der Regel massives Marketing notwendig ist, hatten es die Büchermacher der DDR in dieser Hinsicht einfach: Buchverbote und Tabus lieferten den Verlegern die zuverlässigsten Leitplanken, die Zensur bot den zuverlässigsten Kompass. Die in der DDR erscheinende internationale Literatur von Aufbau und Volk & Welt war im Volksbuchhandel meist schlagartig vergriffen. Lizenztitel aus dem Westen wurden in weit überhöhten Auflagen gedruckt. Die 1991 aufgedeckte Plusauflagenpraxis war kriminell, verweist jedoch eindringlich auf das riesige Bedürfnis nach westlicher Literatur. So betrug die reale Auflage von Raymond Chandlers "Die Tote im See" nicht, wie im Vertrag und in offiziellen Statistiken angegeben, 30 000, sondern 240 000 Exemplare, "Der kleine Prinz" von Antoine de St. Exupéry erschien nicht 98 000-, sondern 388 000-mal.[14] Insgesamt musste allein Volk & Welt nach 1990 Schadensersatz für zwölf Millionen illegal gedruckter Bücher an Westverlage wie Suhrkamp, Rowohlt und S. Fischer leisten. Der Profit war in die Kassen der für die Plusauflagenpraxis verantwortlichen SED gewandert, die sich an dem von ihrer Zensur aufgestauten Lesebedürfnis systematisch bereichert hatte.

Fußnoten

13.
Klaus G. Saur, Die Leipziger Buchmesse 1946 bis 1989, in M. Lehmstedt/S. Lokatis (Anm. 9), S. 126.
14.
Siehe die Auflagenstatistik im Volk-und-Welt-Archiv in der Akademie der Künste, Berlin.