APUZ Dossier Bild

2.3.2009 | Von:
Siegfried Lokatis

Die Hauptverwaltung des Leselandes

Am Ende der Zensur

Jene Verlage, deren Lektoren zielstrebig, geduldig und fintenreich seit Mitte der 1960er Jahre an der Erweiterung der Publikationsspielräume gearbeitet hatten, erfreuten sich zumal bei den bemerkenswert zahlreichen literaturkundigen Bewohnern des "Leselandes", welche die Spielregeln kannten, großer Beliebtheit und einer gewissen Bewunderung, die zwar im Konsumverhalten der unmittelbaren Nachwendezeit kaum zu spüren war, aber offenbar überlebt hat. Dafür spricht das empörte Presseecho auf die Schließung von Volk & Welt und Reclam Leipzig, auf das drohende Ende von Henschel, Aufbau und Kiepenheuer. Diese Verlage verfügten bis 1990 bekanntlich über zahlreiche sorgfältig arbeitende Lektoren und Übersetzer, die sich ein unter Marktbedingungen operierender Verlag nicht leisten konnte. Die Male ihrer Triumphe, die mühsam erstrittenen Westtitel, fielen zudem an die Lizenzgeber zurück und durften nicht mehr verlegt werden. Es berührt bitter, dass ausgerechnet jene Verlage ein Opfer der Nachwendezeit wurden, welche die Ereignisse von 1989 mit tapferen, über Jahre hinweg verbotenen Büchern vorbereiten geholfen hatten.[15]

Die heimlichen Leser lasen durchaus auch erlaubte Bücher. Das Selbstverständnis, die DDR sei ein "Leseland", oder besser, im Sinne Johannes R. Bechers, eine "Literaturgesellschaft", war keineswegs aus der Luft gegriffen, aber die Lesefreudigkeit der Bevölkerung war nicht nur auf die systematische staatliche Leseförderung, sondern auch auf den Wunsch nach von der Zensur vorenthaltener Literatur zurückzuführen. Die westdeutschen Bücherfreunde sollten zwanzig Jahre nach der "Wende" endlich verstehen lernen, warum DDR-Bürgerinnen und -Bürger ihre Bücher liebten. Denn nach dem Untergang ihrer wichtigsten Verlage und der Entsorgung von zehntausend Bibliotheken sind die Bücher selbst vom Zerfall bedroht. Das Papier ist so schlecht, dass ohne eine baldige, großzügige Rettungsaktion und systematische Entsäuerung die Bücher aus der DDR das nächste Jahrhundert nicht überleben werden.

Fußnoten

15.
Vgl. Thomas Reschke, Bücher haben die Wende von 1989 mit vorbereitet, in: S. Barck/S. Lokatis (Anm. 4), S. 68 - 72.