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Was blieb vom Leseland DDR?


2.3.2009
Nach der Privatisierung der staats- und parteieigenen Betriebe sind die produzierenden Verlage deutlich abgebaut worden, während die Zahl der Buchhandlungen zugenommen hat.

Einleitung



Die DDR nahm für sich gern in Anspruch, ein ausgesprochenes "Leseland" zu sein. Tatsächlich waren sowohl im Vergleich zur Bundesrepublik als auch zu den osteuropäischen Staaten die Zahlen für den Zeitaufwand des Lesens, für den Buchkauf und die Nutzung von Bibliotheken vergleichsweise hoch.[1] Angesichts der eingemauerten Verhältnisse war die Literatur für manchen eine Art Weltersatz, zumal unter Verantwortung des Kulturministeriums trotz Zensur mitunter auch Bücher erscheinen konnten, deren Themen in den Medien tabu waren und die dort auch nicht rezensiert werden durften. Hinzu kam, dass in der DDR ein vielgliedriges Weiterbildungssystem bestand, wodurch populärwissenschaftliche und Fachliteratur stark gefragt waren.






Doch die Buchbranche war wie alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft durch die schnelle Wirtschafts- und Währungsunion sowie die Übernahme des bundesdeutschen Rechtssystems im Jahre 1990 einem radikalen Wandel ausgesetzt, der mancherorts zu nachhaltigen Verwerfungen führte. Den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland binnen weniger Monate hatte niemand eingeplant oder vorhergesehen, nicht einmal die CDU-geführte Koalitionsregierung der "Allianz für Deutschland", die bei ihrem Amtsantritt im April 1990 noch von einer Übergangszeit von zwei Jahren ausgegangen war. Viele DDR-Verlage hatten auf der Leipziger Frühjahrmesse im März 1990 noch Lizenzen bei bundesdeutschen Verlagen gekauft. Doch als die Bücher dann zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 1990 erschienen, gab es das eigenständige Vertriebsgebiet schon nicht mehr, für das sie bestimmt waren.

Mit der Übernahme des kompletten Gesellschaftsmodells der Bundesrepublik und der Privatisierung der staats- und parteieigenen Betriebe durch die Treuhandanstalt binnen kürzester Frist änderten sich sowohl die Besitzverhältnisse bei Verlagen und Buchhandlungen als auch die Finanzierungssysteme für Bibliotheken, was letztlich nicht ohne Auswirkungen auf das Leseverhalten blieb.


Fußnoten

1.
Vgl. hierzu die Beiträge der internationalen wissenschaftlichen Lese-Konferenz des Instituts für Verlagswesen und Buchhandel der Universität Leipzig vom 6. bis 8. Juni 1989: "Leser und Lesen in Gegenwart und Zukunft", Leipzig 1990.