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2.3.2009 | Von:
Christoph Links

Was blieb vom Leseland DDR?

Buchhandel

Anders gestaltete sich die Entwicklung im Buchhandel. Nach einer zunächst völlig verfehlten Konzeption der Treuhandanstalt, die ostdeutschen Interessenten kaum eine Chance zur Übernahme der ausgeschriebenen staatlichen Buchhandlungen bot, da Sicherheiten gefordert wurden, die kein normaler DDR-Bürger vorweisen konnte (Eigentumswohnungen, Aktiendepots), sind nach heftiger Intervention des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Frühjahr 1991 die Richtlinien geändert worden, sodass am Ende tatsächlich knapp zwei Drittel der Geschäfte in die Hände engagierter, oft junger Buchhändler aus dem ehemaligen Gebiet der DDR gelangt sind. Das andere Drittel ist von größeren Unternehmen aus Westdeutschland übernommen worden. Lediglich in der Übergangszeit 1990 entstanden zwei Monopollösungen im Raum Dresden und in Berlin, die zwischenzeitlich aber weiterverkauft wurden oder wieder zerfallen sind. Der einzige Zwischenbuchhandelsbetrieb, die LKG-Auslieferung in Leipzig, ist im Rahmen eines MBO-Verfahrens zunächst von der Geschäftsführung übernommen und bis 2008 eigenständig weitergeführt worden. Inzwischen hat es ein Konkurrent aus Stuttgart übernommen. Insgesamt konnte ein flächenhaftes Sterben von Buchhandlungen, wie es aus anderen osteuropäischen Ländern bekannt ist, vermieden werden.

In den Folgejahren hat sich eine Entwicklung ergeben, wie sie auch in anderen deutschen Städten zu beobachten ist: Die starken Handelsketten drängen mit ihren großen Filialen in die Innenstädte und richten zum Teil riesige Verkaufsflächen in den neu entstehenden Einkaufszentren ein, womit sie einen wichtigen Teil der (ohnehin sinkenden) Kaufkraft absorbieren und kleinere Einzelhandelsgeschäfte in der Umgebung dadurch zum Aufgeben zwingen. Überlebenschancen bieten sich in den Nischen durch kleinere Spezialbuchhandlungen, deren Zahl in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Die Anzahl der Buchhandlungen in den östlichen Bundesländern stieg bis zum Jahr 2000 auf mehr als 1100 an, gegenüber rund 900 zu DDR-Zeiten.[10] Allein in Leipzig hat sich die Buchhandelsfläche in den vergangenen 20 Jahren verzehnfacht.[11] Für den Warenstrom aus dem Westen gab es reichliche Vertriebskanäle im Osten.

Anfangs existierte auch ein überdurchschnittlich starkes Buchkaufverhalten der Ostdeutschen, denn es war viel nachzuholen. 1993 erwarben 75 Prozent der Ostdeutschen mindestens ein Buch, während es in Westdeutschland nur 55 Prozent waren. Mit dem wirtschaftlichen Rückgang in der Region, der Abwanderung und der entsprechend sinkenden Kaufkraft änderte sich das: 1995 waren es nur noch 59 Prozent der Ostdeutschen und weniger als 50 Prozent der Westdeutschen, die mindestens ein Buch pro Jahr kauften. 66 Prozent der Ostdeutschen gaben aber an, mindestens einmal in einer Buchhandlung gewesen zu sein, wo sie beim Kauf billige Taschenbücher bevorzugten.[12] In Deutschland werden 27 Prozent der Bevölkerung zu den "Viellesern" gerechnet - mehr als 18 Bücher im Jahr -, aber nur zehn Prozent sind auch Vielkäufer (mehr als 15 Bücher im Jahr).[13]

Das Hauptinteresse liegt im Osten bei Belletristik, Sachbuch, Reise, Hobby und Freizeit sowie Wissenschaften, im Westen dagegen vor allem bei Kinder- und Jugendbüchern, gefolgt von Belletristik (hier vor allem angelsächsische) und Sachbuch; weit abgeschlagen das wissenschaftliche Fachbuch. Während 51 Prozent der Ostdeutschen von Büchern "lernen und profitieren" wollen, haben nur noch 36 Prozent der Westdeutschen diesen Anspruch.

Auch bei der Belletristik sind die Erwartungen unterschiedlich. Während Ostdeutsche Literatur häufig als Lebenshilfe verstehen und einen unmittelbaren Bezug zu ihren eigenen Erfahrungen suchen, zählen im Westen vor allem das Erschließen neuer Welten und der Unterhaltungswert.

Fußnoten

10.
Vgl. Nils Kahlefendt, Abschied vom "Leseland"? Die ostdeutsche Buchhandels- und Verlagslandschaft zwischen Ab- und Aufbruch, in: APuZ, (2000) 13, S. 31.
11.
Vgl. Thomas Mayer, Die Tradition stirbt. Jüngst schloss die Mehring-Buchhandlung, bald macht der Insel Verlag dicht, in: Leipziger Volkszeitung vom 28.1. 2009, S. 17.
12.
Vgl. Stiftung Lesen, Jahrbuch Lesen 1995. Fakten und Trends. Mainz 1995, S. 51f.
13.
Vgl. Börsenverein (Anm. 8), S. 19.