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2.3.2009 | Von:
Christoph Links

Was blieb vom Leseland DDR?

Leseverhalten

Das Leseverhalten in Ost und West war in den ersten zehn Jahren nach der deutschen Vereinigung noch recht verschieden, gleicht sich inzwischen aber immer mehr an. Während 1992 noch 68 Prozent der Ostdeutschen mindestens einmal pro Woche zum Buch griffen und es im Westen nur 46 Prozent waren, zeigte sich auch im Jahr 2000 noch ein deutlicher Unterschied: 51 zu 38 Prozent. 2008 sind die Werte dagegen auf das gleiche Niveau abgefallen: Nur noch 42 Prozent der Ostdeutschen lesen wöchentlich in Büchern, 43 Prozent sind es im Westen.[16] Neben Kaufkraftverlust und Bibliotheksabbau ist hierfür im Osten wohl vor allem der Wegzug der jüngeren und besser gebildeten Menschen der entscheidende Grund. Während 25 Prozent aller Westdeutschen 1993 angaben, "nie" ein Buch in die Hand zu nehmen, waren dies in Ostdeutschland nur acht Prozent. Im Jahr 2008 gibt die Stiftung Lesen für Gesamtdeutschland einen Wert von 25 Prozent Nie-Lesern an, der nicht mehr nach Regionen differenziert wird.

Unter den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen stand das Buchlesen in Ostdeutschland in den 1990er Jahren auf Platz 7, in Westdeutschland auf Platz 11. Seitdem es keine getrennten Erhebungen mehr gibt, rangierte das Bücherlesen gesamtdeutsch ab 1999 mehrere Jahre auf Platz 9 der bevorzugten Freizeitbeschäftigungen, 2007 hat es aber gemäß der Verbraucheranalyse von Bauer Media wieder Platz 7 erreicht (nach Musik hören, Fernsehen, Zeitung lesen, Essen gehen, Feiern und Auto fahren). Folgt man dieser Studie, so liegt die Buchlektüre noch drei Plätze vor der Computernutzung.[17] Die Stiftung Lesen sieht dagegen das Bücherlesen auf Platz 8 der Freizeitaktivitäten, bereits überholt vom Internetsurfen.

Bei den bevorzugten Autoren gab es noch lange Zeit deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Obwohl der Unterhaltungsschriftsteller Heinz Konsalik zeitweilig auch im Osten die Beliebtheitsskala anführte (so eine "Wochenpost"-Umfrage von 1995), dominierten hier doch die vertrauten Schriftsteller (Christa Wolf, Christoph Hein, Erwin Strittmatter, Stefan Heym) sowie Autoren der Weltliteratur (Thomas Mann, Ernest Hemingway und Leo Tolstoi). Als einziger Westdeutscher rangierte Mitte der 1990er Jahre Günter Grass unter den ersten Zehn, als einziger Amerikaner Stephen King.

Ähnliches ließ sich auch von den Bestsellerlisten Ost ablesen. Sie entstanden, da bis 1993 keine einzige ostdeutsche Buchhandlung in die Erhebungen der Zeitschriften "Spiegel", "Gong" und "Buchreport" einbezogen wurde. Daher fehlten dort Publikumserfolge wie beispielsweise Strittmatters Buch "Der Laden", das mit über 70 000 verkauften Exemplaren manch anderen Titel gewiss verdrängt hätte. Zunächst von der "Wochenpost" initiiert, wird die Liste inzwischen von der Tageszeitung "Neues Deutschland" geführt. Im ersten Halbjahr 2005 beispielsweise lag die Übereinstimmung zur "Spiegel"-Liste bereits bei über 70 Prozent, im Januar 2009 sind es sogar schon 90 Prozent, wobei die Belletristiktitel nahezu identisch sind und sich nur in der Reihenfolge unterscheiden, wohingegen im Sachbuch spezifische Ostthemen einzeln hervorstechen.

Fußnoten

16.
Vgl. Stiftung Lesen, Lesen in Deutschland 2008, Mainz 2008, S. 25.
17.
Vgl. Börsenverein (Anm. 8), S. 18.