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Selbstbewusst anders sein - Essay


17.2.2009
Es ist nicht so, dass es den öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen an Profil mangelte. Es mangelt ihnen an öffentlich-rechtlichem Profil. Sie sollten sich auf ihre eigentliche Identität besinnen.

Einleitung



Es ist nicht so, dass es den öffentlich-rechtlichen Fernsehveranstaltern in Deutschland an Profil mangelte. Die ARD zum Beispiel ist der deutsche Seifenopern-Sender. Sie zeigt mehr Daily Soaps als jeder andere, vier verschiedene an jedem Werktag, und sie wiederholt sie teilweise auch häufiger als jeder andere: Ein eingefleischter "Sturm der Liebe"-Fan kann die aktuelle Folge dank der Ausstrahlung in den Dritten Programmen elf mal täglich sehen. Das ZDF profiliert sich als Schaulustigen-Kanal. Die freien Reporter, die ihr Geld damit verdienen, als erste an jedem Unfallort zu sein und Blut- und Ölspuren, Wiederbelebungsversuche und den Abtransport der Leichen zu filmen, haben in den Magazinen "Drehscheibe" und "Hallo Deutschland" ihre besten Abnehmer. Das ist natürlich nichts alles. Das ZDF ist auch der Kanal, in dem Verona Pooth und Dieter Bohlen regelmäßig Auskunft über ihre Leben geben, das Erste ist Deutschlands Quizsender Nummer eins und die erste Adresse für Freunde der volkstümlichen Musik, beide sorgen zusammen mit den Dritten Programmen in ungezählten Zoo-Doku-Soaps dafür, dass kein niedliches Tier in einem deutschen Zoo betäubt, gekrault, gewaschen oder gewogen wird, ohne dass ein Millionenpublikum am Bildschirm dabei sein kann, und mit ihren Freitags- und Sonntags-Fernsehfilmen dominieren sie die Süßstoffproduktion in Deutschland.






Kann dies das Profil der öffentlich-rechtlichen Sender sein? Es ist schon richtig: ARD und ZDF stehen neben all dem auch für ihre Nachrichtenkompetenz, haben politische Magazine und Talkshows, Sendeplätze für ambitionierte Fernsehfilme und gelegentlich große Event-Dokumentationen wie den Geschichts-Zehnteiler "Die Deutschen". Und dennoch ist es frappierend, wie wenig ihr Programm ein unverkennbar öffentlich-rechtliches Programm ist.

Einziger Auftrag: gutes Programm



Ein solches Programm müsste kein spröde-elitäres Graubrot-Fernsehen sein, worauf die Lobby des Privatfernsehens den Auftrag von ARD und ZDF am liebsten reduzieren würde. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben gerade angesichts der Milliarden, die sie von den Gebührenzahlern bekommen, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, populär zu sein. Sie müssen Sendungen für Minderheiten und Sendungen für Mehrheiten produzieren. Sie müssen Unterhaltungssendungen ausstrahlen dürfen, die nur einem einzigen Auftrag gerecht werden: dem Unterhaltungsauftrag. Und doch muss ein öffentlich-rechtliches Programm, um seine Bevorzugung zu legitimieren, anders sein als ein privates: Es muss ein anderes Selbstverständnis und andere Qualitätskriterien haben, andere Grenzen und Prioritäten setzen. Im kommerziellen Fernsehen sind die Sendungen letztlich nur Mittel zum Zweck einer möglichst hohen Quote, der es eigentlich egal ist, wodurch sie erreicht wird. Ziel des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hingegen muss das gute Programm sein, das dann natürlich möglichst viele Zuschauer erreichen soll.

Es geht nicht darum, dass die öffentlich-rechtlichen Sender bestimmte Genres komplett den Privaten überlassen sollten. Es geht darum, dass es den Anschein hat, als hätten ARD und ZDF jedes Maß und das Gefühl für die richtigen Prioritäten verloren. Die Verantwortlichen haben offenbar weitgehend die Denkweise kommerzieller Sender verinnerlicht. In der wirtschaftlichen Logik mag es zum Beispiel sinnvoll sein, einen Erfolg so lange zu kopieren, bis der Markt übersättigt ist. Läuft eine Gerichtsshow am Nachmittag gut, setzt man eine zweite und eine dritte dahinter, bis die Zuschauer sich irgendwann übersättigt abwenden. Programmvielfalt ist kein Unternehmensziel eines privatwirtschaftlichen Senders - sie müsste es aber für einen öffentlich-rechtlichen Sender sein. Und doch scheinen ARD und ZDF der Versuchung nicht widerstehen zu können, wenn eine Telenovela gut läuft, gleich noch eine zweite zu produzieren.

Ein kommerzieller Sender darf, wenn es sich denn rentiert, als Kopiermaschine daher kommen; ein öffentlich-rechtlicher muss Kreativschmiede sein. Es fällt schwer, ein Genre zu finden, in dem dieser Begriff heute für ARD und ZDF angemessen wäre. Stattdessen übernehmen sie die von den Privaten etablierten Formen und inflationieren sie hemmungslos. Der Show-Bereich der ARD besteht zu wesentlichen Teilen nur noch darin, die immer gleiche Quiz-Form mit demselben Moderator minimal zu variieren: Das heißt dann mal "Pilawas großes Geschichtsquiz" und mal "Pilawas großes Märchenquiz", mal "PISA - der Ländertest", mal "Der große Erziehungstest" und mal "Der große Partnerschaftstest" - und immer wieder einfach "Das Star-Quiz mit Jörg Pilawa".

Nachdem Vox bewies, wie gerne die Zuschauer Hobby-Köchen beim Um-die-Wette-kochen zusehen, ließ das ZDF in der "Küchenschlacht" jeden Nachmittag Hobby-Köche um die Wette kochen. Das NDR-Fernsehen versuchte, den RTL-Erfolg "Rach, der Restauranttester" mit "Retten Sie unser Hotel!" zu kopieren. Mehrmals versuchte sich das ZDF an eigenen Varianten von Castingshows im Stil von "Deutschland sucht den Superstar" (RTL). Einige Dritte Programme präsentieren Themen seit einiger Zeit mit Vorliebe im Format der "Ultimativen Chart-Show" (RTL): als Hitliste mit mehr oder weniger bekannten Menschen, die sekundenlange Filmausschnitte mit "lustigen" Halbsätzen oder eigenen Erinnerungen kommentieren. Das Hessen-Fernsehen hat unter anderem schon die beliebtesten Berge, Schauspieler, Bauwerke, Reiseziele, Heimatfilme und Fastnachtslieder wählen lassen; das NDR-Fernsehen die schönsten Tierparks, größten Sommerhits, unvergesslichsten Tore und beliebtesten Trecker Norddeutschlands. Hier kommt alles zusammen: Die Formatidee, die in ihrer Atemlosigkeit, Beliebigkeit und Zusammenhangslosigkeit ohnehin dem Privatfernsehen viel angemessener ist, stammt von den Privaten, wird von den ARD-Sendern endlos vervielfältigt und dazu noch handwerklich teilweise viel schlechter umgesetzt.

Selbst ein Lichtblick wie die ZDF-Reportagereihe "37 Grad" steht längst unter dem Druck, ihre Themen mit drei ineinander verschränkten Geschichten mit verschiedenen Protagonisten zu erzählen - der aus den Doku-Soaps bekannten Form. Und auch die Dritten Programme, in denen die ARD jenseits des Quotendrucks und des Zwangs zur Massentauglichkeit neue Formen und Talente ausprobieren und von der Unterhaltungsfixierung wegkommen könnte, haben diese Funktion weitgehend verloren. Dass der SWR seine Dokumentationsreihe "betrifft" seit Januar 2009 um 20:15 Uhr zeigt und nicht erst um 22:30 Uhr, ist eine Ausnahme.

Der Grund für all das liegt auf der Hand: die Quote. Aber der Preis ist hoch: ARD und ZDF werden verwechselbar, irrelevant, am Ende scheinbar überflüssig. Eine Forsa-Umfrage unter 14- bis 49-Jährigen im Dezember 2008 ergab, dass nur eine verschwindende Minderheit einen öffentlich-rechtlichen Sender als Lieblingssender nennt. 63 Prozent der Befragten gaben an, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihrem Bildungsauftrag nicht mehr nachkämen. Zwar war der Auftraggeber der Umfrage RTL, aber tatsächlich scheint das Bewusstsein, dass ARD und ZDF unverzichtbar sind, nicht weit verbreitet zu sein.

Der Wert des Qualitätsjournalismus



Eigentlich müssten die Menschen gerade in Krisenzeiten den Wert dieser Institutionen erkennen. Die Gebührenfinanzierung soll gewährleisten, dass sie gerade dann, wenn es allen anderen schlecht geht, wenn bewährte publizistische Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren und das Privatfernsehen ächzt und spart, nicht auch gefährdet werden, sondern ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nachkommen können. In der öffentlichen Debatte aber wird - nicht nur von interessierter Seite - daraus eine Neiddiskussion: Warum soll es, wenn es allen schlechter geht, ARD und ZDF nicht auch schlechter gehen? Warum wird deren Gebühr sogar noch erhöht? Es gibt kaum eine Stimme, die in dieser Debatte darauf verweist, dass eine solche Argumentation den Sinn der Rundfunkgebühren und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an sich auf den Kopf stellt; dass im Gegenteil gilt: Je schlechter die publizistischen Arbeitsbedingungen sind, umso wichtiger ist es, dass ARD und ZDF noch gut ausgestattet sind.

Jenseits der aktuellen Wirtschaftskrise steht die Frage im Raum, ob und wie in Zukunft guter Journalismus finanziert werden kann. Der Abwanderung des Publikums ins Internet steht kein entsprechender Geldfluss gegenüber: Die Medienunternehmen verlieren in ihren klassischen Märkten mehr als sie online gewinnen. In den Vereinigten Staaten gibt es schon Modelle, wie investigativer Journalismus durch Stiftungen finanziert werden kann. In der Debatte darüber fehlt auffallend der Gedanke, dass ARD und ZDF die natürlichen Institutionen wären, die solche Formen, die sich privatwirtschaftlich nur schwer oder gar nicht refinanzieren lassen, aber für eine Demokratie elementar sind, ermöglichen können. In der Auseinandersetzung um die Frage, was die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet tun dürfen, dominiert der Gedanke, dass starke öffentlich-rechtliche Sender im Internet den Privaten das Leben dort schwer machen würden. Dass sie aber auch Garanten sein könnten für eine Publizistik, die nicht von reinem Quotendenken getrieben ist (das im Internet noch dominanter und verheerender ist als im Fernsehen) - dieser Gedanke kommt viel zu kurz.

Das liegt natürlich daran, dass die Verleger die Debatte mit ihren eigenen Interessen prägen. Es hängt aber auch damit zusammen, dass ARD und ZDF viel zu wenig als solche publizistischen Institutionen wahrgenommen werden - und das ist nicht zuletzt ihre eigene Schuld. Relevante, nachrichtliche Inhalte scheinen bei ihnen immer in der Defensive zu sein. Ohne Not hat die ARD ihre politischen Magazine kastriert, das ZDF-"Auslandsjournal", einstmals um 19:30 Uhr im Programm, läuft nur noch nach dem "heute journal", die Regionalmagazine haben Landespolitik und brisante Recherchen längst durch harmlose Besuche in der Nachbarschaft ersetzt, der traditionsreiche ZDF-"Länderspiegel" ist zum Restverwertungsmagazin mit Human-Interest-Schwerpunkt verkommen, Auslandskorrespondenten beschweren sich über schlechte Arbeitsbedingungen und mangelnde Sendeplätze.

Die ARD zeigt keinen "Brennpunkt" zu den Anschlägen auf Mumbai, um die "Bambi"-Verleihung nicht zu verschieben, nimmt aber einen Winter-"Brennpunkt" ins Programm, der atemlos berichtet, dass es nichts zu berichten gibt. Das WDR-Fernsehen informiert seine Zuschauer sogar mehrere Tage in Folge in Sondersendungen zur Primetime darüber, wie Menschen in Nordrhein-Westfalen Schlittschuh laufen. Das kann man natürlich machen, und die Zuschauer belohnen es kurzfristig mit hohen Quoten, aber langfristig darf man sich dann nicht wundern, wenn die Leute nicht mehr als flauschig-harmlose Inhalte vom Programm erwarten, die sie gerne sehen, aber auf die sie auch gut verzichten könnten, wenn sie müssten.

Dinge tun, die andere nicht tun



Es ist nicht so, dass es den Öffentlich-Rechtlichen an Profil mangelte. Es mangelt ihnen an öffentlich-rechtlichem Profil. Sie müssen sich zu einem Teil aus dem Wettlauf mit den Privaten verabschieden und stattdessen an ihrer Unverwechselbarkeit, ihrer Identität arbeiten. Es geht nicht darum, aus ARD und ZDF Nischenprogramme zu machen. Eine hohe Zuschauerzahl ist auch und gerade bei guten Programmen ein Wert. Aber es ist ein relativer Wert. Ein Programm, das einzigartig ist, nachhaltig, relevant oder innovativ, darf es nicht schwer haben, sich intern gegen ein Programm durchzusetzen, das womöglich mehr Zuschauer erreicht, aber die Kopie eines seelenlosen, beliebigen, gerade angesagten Formates ist.

Natürlich gibt es auch jetzt schon Beispiele dafür, dass ARD und ZDF einzelne Nischen dieser Art pflegen. Sie haben sich trotz mauer Quoten dazu durchgerungen, an Sendungen wie der rasanten Krimiserie "Kriminaldauerdienst" (ZDF) oder der klugen und im besten Sinne leichten Familienserie "Türkisch für Anfänger" (ARD) festzuhalten. Aber das sind noch viel zu seltene Ausnahmen. Öffentlich-rechtlich sein muss bedeuten: Dinge tun, die andere nicht tun. Und Dinge lassen, die andere tun. Verzweifelt klammern sich ARD und ZDF an das Recht, Werbung auszustrahlen und nach 20 Uhr noch Sponsorenhinweise - dabei würde die Unangreifbarkeit und Unterscheidbarkeit, die sie durch einen Verzicht gewönnen, ungleich mehr wiegen als der Verlust der überschaubaren Einnahmen.

Das ZDF scheint nicht einzusehen, dass es nicht darum geht, ob Thomas Gottschalk das Recht hat oder nicht, in "Wetten, dass . . ?" demonstrativ das Logo eines Werbepartners sekundenlang in die Kamera zu halten. Es geht darum, dass das ZDF dafür Gebühren erhält, dass er das nicht tun muss. ARD und ZDF müssten offensiv erklären, was sie alles nicht machen, weil sie öffentlich-rechtlich sind: Sie müssten auf faule Kompromisse wie die Autowerbung in "Wetten, dass . . ?" verzichteten, mutig und entschlossen gegen Schleichwerbung vorgehen, auf Paparazzi-Aufnahmen in ihren Boulevardmagazinen und peinliche Eigen-PR in ihren Nachrichten verzichten, und Hubert Burda müsste seine Werbeveranstaltung namens "Bambi"-Verleihung selbstverständlich von einem Privatsender übertragen lassen. Sie sollten stolz und laut bekennen, was es für sie bedeutet, öffentlich-rechtlich zu sein, und sich daran messen lassen.

Das wird der eigentliche Test sein, von dem das Überleben dieses Modells abhängt, nicht von der Frage, ob man "Marktführer" war, weil man zwei Promille mehr Marktanteil hatte als RTL. Wir brauchen starke öffentlich-rechtliche Sender, in Zukunft vielleicht mehr denn je.

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