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17.2.2009 | Von:
Volker Lilienthal

Integration als Programmauftrag

Empirische Daten zur Auftragserfüllung

Zieht man die einschlägigen empirischen Programmanalysen zu Rate, so dokumentieren sie einen hohen Informationsanteil in den beiden öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen Das Erste (ARD) und ZDF. Er betrug 2007 49 Prozent; gegenüber 2001 waren die Inhalte "Information/Infotainment" damit um fünf Prozent gesteigert worden.[10] Zum Vergleich: RTL und Sat.1 boten zusammengerechnet 2007 nur 24 Prozent "Information/Infotainment". Unterhaltung (Shows u.a.) ist in den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen auf nur sechs Prozent geschmolzen (zum Vergleich die beiden großen Privatsender: 28 Prozent). Allerdings täuscht diese Mengenrelation, denn die Fiction-Programme (erzählende Serien, Fernsehfilme, Kinofilme), denen man ebenfalls unterhaltsame Wirkung für das "Moodmanagement" der Zuschauer zusprechen muss, haben mit 35 Prozent einen sehr hohen Anteil an ARD und ZDF; bei RTL und Sat.1 macht dieses Segment nur 24 Prozent aus.[11] Von besonderer Bedeutung für die Information der Zuschauer sind naturgemäß die Nachrichten. Die auf insgesamt neun[12] Kanälen ausgestrahlte "Tagesschau" erreichte im Jahr 2007 täglich 8,96 Millionen Zuschauer, "heute" (auf ZDF und 3sat) 4,13 Millionen und (zum Vergleich) "RTL aktuell" 3,85 Millionen.[13] Den Redaktionen von "Tagesschau" und "heute" kann man konzedieren, dass sie den Großteil ihrer Sendezeit auf Informationen über Politik verwenden. Nach der Statistik des regelmäßig erstellten "InfoMonitors" informierte die "Tagesschau" im Jahr 2007 2759 Minuten lang über Politik; dies war ein Anteil von 49 Prozent (bei leicht sinkender Tendenz gegenüber 2006: 51 Prozent).[14]

Doch schon der Blick auf die insgesamt populärer gemachte "heute"-Sendung des ZDF zeigt, dass öffentlich-rechtliches Nachrichtenfernsehen nicht Politik aus Prinzip bedeutet. Der Politik-Anteil hier betrug nämlich 2007 nur 38 Prozent (Absenkung um drei Prozent gegenüber 2006). Interessant an den Daten des "InfoMonitors" ist auch, dass die beiden öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen viel auch über "Gesellschaft/Justiz" berichten (elf bzw. zehn Prozent), eher wenig jedoch über Wirtschaft (je sieben Prozent) und "Wissenschaft/Kultur" (fünf bzw. sechs Prozent).

Doch sind auch problematische Entwicklungen zu beachten, die auf eine Normabweichung vom Programmauftrag hinauslaufen. Die zu Jahresanfang 2006 vollzogene, senderintern heftig umstrittene Kürzung der politischen Magazine von 45 auf 30 Minuten gehört ebenso dazu wie Statusverluste des Auslandsjournalismus in den Programmschemata der öffentlich-rechtlichen Sender.[15] Nicht zu vergessen gewisse stilistische Anbiederungen an populäre bis populistische Darstellungsweisen von Privatsendern, wie sie sich nicht nur in Boulevardmagazinen ("Brisant"/ARD und "Leute heute"/ZDF) beobachten lassen, sondern auch in sogenannten Beratungs- oder Coaching-Formaten wie "Der Große Gesundheits-Check" und "Hilfe! Wir ziehen zusammen" (beide WDR Fernsehen).

Trotz dieser Einschränkungen lässt sich mit Fug und Recht immer noch sagen, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender (zumal unter Einbeziehung von 3sat, ARTE und Phoenix) ihrem Programmauftrag nachkommen und der Gesellschaft "Public Value" in erheblichem Ausmaß bieten. Für den Hörfunk kann die Diagnose aber nicht so positiv ausfallen.[16] Zwar bieten die Landesrundfunkanstalten dem hörenden Publikum auch reine Infowellen (wie NDR Info, WDR 5, Bayern 5, hr info, SWR Contra u.a.). Für die reichweitenstärksten Tagesbegleitprogramme (wie NDR 2, WDR 2, SWR 3, Bayern 3) wurde der frühere politikintegrierende Ansatz in der Programmgestaltung aber weitgehend aufgegeben: Politische Aktualität wird hier fast nur noch in den (kurzen) Nachrichtensendungen geboten. Hintergrundsendungen gibt es kaum noch (Ausnahme: das "Topthema" auf SWR 3, täglich um 17:40 Uhr). Die Ausdünnung des Politischen auf den populären Radiowellen ist natürlich eine Reaktion auf gewandelte Publikumserwartungen: Die Programmmacher wollen die Hörer mit Musik und Unterhaltung binden und sie nicht mit zuviel Offiziösem aus dem politischen Betrieb zum Umschalten provozieren.

Die Waage zwischen den beiden Polen Publizistik und Publikum hat sich in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr und mehr in Richtung des Publikums verschoben. Im Zuge der zunehmenden gebührenpolitisch und betriebswirtschaftlich bedingten Kundenorientierung auch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks war für die Programmgestaltung mehr und mehr das maßgeblich, was das Publikum tatsächlich oder vermeintlich will. Die neue Kundenorientierung darf aber nicht grenzenlos sein, denkt man an den gemeinwohlverpflichteten Programmauftrag. Guter Journalismus bedeutet insofern auch: politisches Interesse mit raffinierten Darstellungsformen neu zu wecken.

Fußnoten

10.
Vgl. Maria Gerhards/Walter Klingler, Fernseh- bzw. Bewegtbildnutzung 2007, in: Media Perspektiven, (2008) 11, S. 556, in: www.media-perspektiven.de/uploads/
tx_mppublications/Gerhards_01.pdf (1. 1. 2009). Einschränkend ist zu sagen, dass es sich hierbei um Auftragsforschung für ARD/ZDF handelt. Auch die neuere Kategorienbildung "Information/Infotainment" weist eine gewisse Unschärfe auf, weil sie "harte" Information (Nachrichten, Politikmagazine) mit "weicher" (Dokusoaps, Ratgebersendungen) vermischt. Der wahre Anteil von Fernseh-Informationen über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur wird so nicht (mehr) authentisch abgebildet.
11.
Vgl. M. Gerhards/W. Klingler (Anm. 10).
12.
Ausstrahlung um 20:15 Uhr in: Das Erste, 3sat, Phoenix und sechs Dritte Programme (hr-fernsehen, NDR fernsehen, rbb Fernsehen, SR Fernsehen, SWR Fernsehen und WDR Fernsehen).
13.
Vgl. M. Gerhards/W. Klingler (Anm. 10), S. 557.
14.
Vgl. Udo Michael Krüger, InfoMonitor 2007: Unterschiedliche Nachrichtenkonzepte bei ARD, ZDF, RTL und Sat.1, in: Media Perspektiven, (2008) 2, S. 59, in: www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppubli cations/02 - 2008_Krueger.pdf (1. 1. 2009).
15.
Vgl. Oliver Hahn/Julia Lönnendonker/Roland Schröder, Deutsche Auslandskorrespondenten - Ein Handbuch, Konstanz 2008; Fritz Pleitgen, Existenzpflicht. Festrede zur Notwendigkeit von Auslandsjournalismus beim Otto Brenner Preis 2008, in: epd medien, (2008) 85, S. 26 - 32.
16.
Vgl. hierzu auch Volker Lilienthal, Der Kampf ums Wort. Radio heute: nur noch schwache Ambition?, in: epd medien, (2007) 71, S. 3 - 10.