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27.1.2009 | Von:
Hans Rudolf Herren

Die Ernährungskrise - Ursachen und Empfehlungen

Die Hungerkrise hat gezeigt, dass in Zukunft die kleinbäuerlichen Betriebe in den Entwicklungsländern zu stärken sind und eine nachhaltige, multifunktionelle Landwirtschaft gefördert werden muss.

Einleitung

Die Finanzkrise hat die Ernährungskrise aus den Schlagzeilen verdrängt. Die Fragen, ob unsere Bankguthaben und die Renten noch sicher sind, ob eine Rezession droht, bewegen uns mehr als die Nahrungsmittelpreise - zumal wir ohnehin bloß noch ein Zehntel unseres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben.






Doch für die Mehrheit der Menschheit ist dies anders. In Bangladesch braucht eine Durchschnittsfamilie 80 Prozent des Einkommens für die Ernährung. Dieser Posten im knappen Budget ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Nachdem die Nahrungsmittelpreise jahrelang weltweit relativ stabil geblieben waren, stiegen sie in den vergangenen drei Jahren steil an. Der Preisindex für Nahrungsmittel, den die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation Food and Agriculture Organization (FAO) errechnet, erhöhte sich 2007 um fast 40 Prozent. In den ersten Monaten des Jahres 2008 beschleunigte sich die Entwicklung noch.[1] Die Verteuerung betrifft fast alle landwirtschaftlichen Produkte. Von Beginn dieses Jahrhunderts bis Anfang 2008 hat sich der Weizenpreis auf dem Weltmarkt mehr als verdreifacht, jener für Mais und Reis mehr als verdoppelt.[2]

2007 nahm die Zahl der Hungernden zu

Zwar erfolgte in den vergangenen zwei Monaten eine Korrektur nach unten, doch wurde damit die Verteuerung der jüngsten Vergangenheit bei weitem nicht kompensiert. Nahrung ist teurer geworden. Für rund eine Milliarde Menschen ist die Entwicklung lebensbedrohlich. Eine Preissteigerung von 50 Prozent bei Lebensmitteln verteuert das Leben für eine fünfköpfige Familie, die 5 Dollar pro Tag zur Verfügung hat und davon 3 Dollar für Nahrungsmittel ausgibt, um 1,5 Dollar. Das notwendige zusätzliche Geld haben die Armen nicht. Hunger und Fehlernährung sind die Folge.

Vor der jüngsten Preisexplosion schätzte die FAO die Zahl der hungernden Menschen auf 860 Millionen. Heute sind es vermutlich 70 bis 100 Millionen mehr. Die Zahl der Menschen, die zwar knapp auf genug Kalorien kommen, aber an Mangel an Proteinen, Eisen, Jod oder Vitaminen leiden, liegt gemäß den Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei drei Milliarden.[3] Das Millenniumsziel der Staatengemeinschaft, Armut und Hunger bis zum Jahr 2015 zu halbieren (bezogen auf den Stand von 1990),[4] ist mit der jüngsten Nahrungsmittelkrise schlagartig weiter in die Ferne gerückt.

Vernachlässigte und fehlgeleitete Landwirtschaft

Die Preisexplosion war nicht zuletzt eine Nachwirkung allzu billiger Nahrungsmittel in der Vergangenheit. Weltweit waren die Agrarmärkte in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten geprägt durch Überschüsse und laufend sinkende Produzentenpreise. Manche Entwicklungsländer hatten ihre Landwirtschaft vernachlässigt, wie auch die Industrieländer dieser im Rahmen ihrer Entwicklungspolitik zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Zwischen 1990 und 2000 sind die Investitionen der Entwicklungshilfe in den Landwirt- schaftsbereich real um 50 Prozent gesunken.[5] 2005 flossen dreimal weniger Entwicklungsgelder in die afrikanische Landwirtschaft als 1990. Die Folge war, dass die Nahrungsmittelproduktion nur noch zögerlich wuchs und mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten konnte. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wurde nur in einem Jahr - 2004 - mehr Getreide geerntet als verbraucht. Die Lagerbestände halbierten sich in dieser Zeit. Im Frühling 2007 betrugen diese nur noch 15 Prozent des jährlichen Verbrauchs.[6]

Die Investitionen in die Landwirtschaft waren in den 1990er Jahren nicht bloß spärlicher geworden, sie flossen auch in die falschen Kanäle. In den Entwicklungsländern wurde die exportorientierte Produktion gefördert. Man brauchte Devisen, nicht zuletzt für den Schuldendienst. Für den Bedarf der Bevölkerung gab es billige Nahrungsmittel zu kaufen, denn die Industrieländer verkauften ihre Überschüsse mit milliardenschweren Exportsubventionen weltweit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte manche verschuldeten Länder gezwungen, ihre Grenzen für Nahrungsmittelimporte zu öffnen. Die lokalen, kleinbäuerlichen Produzenten wurden vom Markt verdrängt.

Die Menschen, die heute in den Großstädten der Entwicklungsländer Hunger leiden, weil sie sich das tägliche Brot nicht mehr leisten können, sind denn auch oft ehemalige Kleinbauern, deren Existenz durch den weltweiten Agrarhandel und eine verfehlte Landwirtschaftspolitik zerstört wurden.

Veränderte Ernährungsgewohnheiten

Während die Nahrungsmittelproduktion stagnierte, wuchs die Nachfrage ungebremst. Jährlich nimmt die Weltbevölkerung um 70 bis 80 Millionen Menschen zu. Allein deswegen steigt der Bedarf an Nahrungskalorien jedes Jahr um ein Prozent. Weil immer mehr Menschen auch Fleisch und andere tierische Produkte essen, wächst die Nachfrage noch stärker. In China wird heute fünfmal mehr Fleisch verzehrt als 1980,[7] weltweit hat sich die Fleischproduktion seit 1970 verdoppelt.[8] Eine Kalorie aus der Tierproduktion erfordert zwei bis sieben pflanzliche Kalorien.

Null Nahrungskalorien liefern die Pflanzen, die für den Tank angebaut werden. Etwa zehn Prozent der globalen Maisernte werden zu Treibstoff verarbeitet, in den USA sind es gar 30 Prozent.[9] Im Westen haben Agro-Treibstoffe eindeutig zur Verknappung und damit Verteuerung der Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt beigetragen - in den USA auch indirekt, indem sie immer größere Anbauflächen beanspruchen, auf Kosten von Weizen und anderen Nahrungspflanzen. Der tendenziell steigende Ölpreis bewirkt, dass Agrartreibstoffe preislich allmählich konkurrenzfähig werden, zumal ihre Produktion gebietsweise subventioniert wird. Begründet wird dies mit dem Klimaschutz: Nachwachsende Treibstoffe haben eine bessere CO2-Bilanz als fossile. Doch der Effekt ist minimal, der Flächenverbrauch gigantisch. Der Ersatz von einem Prozent des Weltverbrauchs an Diesel und Benzin würde acht Millionen Hektar Agrarboden benötigen - acht-mal die landwirtschaftliche Nutzfläche der Schweiz.

Bis 2050 Verdoppelung der Produktion nötig

Noch würde die weltweite Produktion ausreichen, um die 6,7 Milliarden Menschen zu ernähren, die derzeit auf diesem Planeten leben. Das Problem der Hungernden liegt vor allem im fehlenden Zugang zu Nahrungsmitteln, das heißt in der Armut. Doch bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf mehr als 9 Milliarden anwachsen. Damit alle satt werden, muss die Produktion bis dahin ungefähr verdoppelt werden. Eine Steigerung in diesem Ausmaß hat es bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben. 1990 ernteten beispielsweise die schweizerischen Bauern doppelt so viel Getreide und Kartoffeln pro Hektar wie 1950 - und setzten dafür siebenmal mehr Dünger ein. Mit der Grünen Revolution hat man das Modell der Intensivlandwirtschaft mit Hochertragssorten und viel Chemie in die Entwicklungsländer exportiert. Auch dort waren die Ertragssteigerungen eindrücklich. Weltweit verdoppelte sich die Bevölkerung zwischen 1960 und 2000, doch die Nahrungsmittelproduktion wuchs um das Zweieinhalbfache. Wurden 1960 pro Kopf noch 2 360 Kilokalorien Nahrung produziert, waren es 1990 2 803.[10] Doch der Preis war hoch: Die Abhängigkeit von teuren Düngemitteln und Pestiziden trieb viele Kleinbauern in die Schuldenfalle. Viele verkauften ihr Land und zogen auf der Suche nach Arbeit in die Slums der Großstädte. Ausgelaugte Böden, verseuchte Gewässer, resistente Schädlinge, verminderte Arten- und Sortenvielfalt waren die ökologischen Folgen.

Böden sind knapp

Für die Ernährung der Menschheit stehen gegenwärtig etwa fünf Mrd. Hektar Land zur Verfügung: 1,5 Mrd. Hektar Ackerland und Dauerkulturen sowie 3,5 Mrd. Hektar Gras-, Weideland und extensiv genutzte Steppe. Jedes Jahr gehen zehn Mio. Hektar durch Erosion infolge zu intensiver, nicht angepasster Nutzung verloren, weitere zehn Mio. sind derart durch Versalzung geschädigt - größtenteils aufgrund falscher Bewässerung -, dass sie aufgegeben werden müssen. Und auch in den Entwicklungsländern verschlingen die wachsenden Siedlungen immer mehr Agrarland. Insgesamt belaufen sich die jährlichen Verluste auf 1,3 Prozent der Ackerfläche. Nach Angaben der UN-Konvention über Desertifikation sind 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Böden mäßig bis erheblich erosionsgeschädigt.[11] In den USA werden jedes Jahr pro Hektar Ackerland zehn Tonnen Erde abgeschwemmt oder vom Wind weggeweht. In China sind es 40 Tonnen. In Afrika hat sich das Tempo der Bodenerosion in den vergangenen 30 Jahren um das Zwanzigfache beschleunigt. Versteppung, Versiegelung und Wüstenbildung werden in gewissen Gebieten vermehrt Land für die Nahrungsmittelproduktion unbrauchbar machen. Maßnahmen sind notwendig, die gewährleisten, dass das gute Land der Landwirtschaft vorbehalten bleibt und nicht auch noch überbaut wird. Dies setzt einen starken politischen Willen voraus.

Aufgrund eigener Erfahrung - ich habe 27 Jahre in Afrika gelebt und geforscht - bin ich überzeugt, dass auf diesem Kontinent noch viel Land mit gutem Potenzial verfügbar ist, sei es in Angola, im Sudan, in Äthiopien oder in anderen Ländern. Mit den heutigen Methoden und Saatgütern könnte man dort auch genug produzieren - wäre überall Frieden und würden die nötigen Investitionen in die Landwirtschaft, die Verarbeitung und Vermarktung der Produkte und in den Ausbau der Infrastruktur getätigt.

Eine weitere knappe Ressource der Nahrungsmittelproduktion ist das Wasser. 1000 Liter braucht es für einen Kilogramm Weizen. Zwischen 1950 und 1990 hat sich die bewässerte Landfläche nahezu verdreifacht. 70 Prozent des globalen Süßwasserverbrauchs gehen heute auf das Konto der Landwirtschaft.[12] In verschiedenen Regionen wie Indien, China, Nordafrika oder im Mittleren Osten ist die Übernutzung der Wasservorkommen zum Problem geworden, die Grundwasserspiegel sinken rapide, teils um mehrere Meter pro Jahr. In einzelnen Gebieten muss man bereits 100 Meter tief bohren, um noch Wasser zu finden. Grundwasservorkommen sind nicht oder nur sehr langsam erneuerbar.

Unsicherheitsfaktor Klima

Ein Unsicherheitsfaktor ist die Klimaentwicklung. Falls der Temperaturanstieg im Rahmen von einem bis drei Grad bliebe, könnte dies gemäß dem neuesten Statusbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPPC) in den gemäßigten und kühleren Zonen wie z.B. in Nordeuropa leicht höhere Ernten ermöglichen. In einigen Ländern Afrikas dagegen könnten sich "die Erträge aus der vom Regen abhängigen Landwirtschaft bis 2020 um bis zu 50 % reduzieren".[13] Tendenziell begünstigt der Klimawandel somit die Produktion in den reichen Ländern des Nordes und erschwert sie in den Entwicklungsländern. Einmal mehr sind diese die Leidtragenden eines Problems, das hauptsächlich die Industrieländer verursachen. Der Klimawandel wird auch erheblich zum Rückgang der Biodiversität beitragen. Die biologische Vielfalt ist aber die Grundlage für die Variabilität der Nahrungspflanzen, die es braucht, um die Produktion den neuen Bedingungen anzupassen.

Genug Nahrung auch für neun Milliarden Menschen

Dennoch ist eine Ernährung von neun Milliarden Menschen bis Mitte dieses Jahrhunderts möglich. Doch dazu müssen die Weichen in der Agrarpolitik heute neu gestellt werden. Die Rezepte der Vergangenheit taugen nicht mehr. Eine Landwirtschaft, die mit forciertem Einsatz von Dünger, Wasser und Pestiziden das kurzfristige Maximum aus den Böden herausholt, dabei die ökologischen Folgen und die sozialen Aspekte ignoriert, zerstört ihre Grundlagen. Gefordert ist ein fundamentaler Kurswechsel hin zu einer ökologischen, multifunktionalen Landwirtschaft, die nicht den maximalen, sondern den nachhaltig möglichen Ertrag anstrebt, Böden und Gewässer schont, die Biodiversität erhält und fördert, und deren Produkte auch für die Ärmsten zugänglich sind.

In seinem im April 2008 publizierten IAASTD-Bericht (International Assessment of Agricultural Science & Technology for Development) schlägt der Weltlandwirtschaftsrat (s. Kasten) klare Konzepte und Maßnahmen vor, mit denen die Landwirtschaft so umgestaltet werden kann, dass sie den zukünftigen Herausforderungen - wachsende Weltbevölkerung, erhöhte Nachfrage, Klimawandel - gewachsen ist.[14] Weltlandwirtschaftsrat (IAASTD):Im April 2008 veröffentlichte der Weltlandwirtschaftsrat seinen Welternährungsbericht. Mehr als 400 Experten und Regierungsvertreter aus 60 Ländern hatten seit der Gründung des Rates 2002 auf dem Entwicklungsgipfel in Johannesburg an diesem Bericht mitgearbeitet. 58 Nationen haben ihn unterzeichnet. Einige Agrochemiekonzerne, die ebenfalls an der Ausarbeitung des Berichts mitgewirkt hatten, distanzierten sich vor seiner Veröffentlichung wegen der darin enthaltenen kritischen Beurteilung der Gentechnik. Derzeit laufen Bestrebungen, den Weltlandwirtschaftsrat als permanente Organisation - analog zum Weltklimarat IPCC - zu etablieren.

Kleinbauern fördern

In erster Linie gilt es, die 400 Millionen Kleinbauern der Welt zu stärken. Sie sind in der Lage, die Menschen in den Entwicklungsländern zu ernähren, doch sie müssen unterstützt und dazu ermutigt werden. Die Vermittlung von Information, Technik und Können, das auch indigenes Wissen einbezieht, kann ihnen dazu verhelfen, ihre Methoden auf eine nachhaltige und multifunktionale Landwirtschaft auszurichten.

Weiter brauchen die Kleinbauern besseren Zugang zu den Märkten, was Investitionen in die Wertschöpfung erfordert. Sie benötigen Kapital für eine angepasste Mechanisierung und die Verbesserung der Böden, für Saatgüter und Düngemittel, die den lokalen Verhältnissen angepasst sind. Sie brauchen aber auch eine Absatzgarantie für ihre Produkte zu fairen Preisen. Zudem müssen die ländlichen Infrastrukturen - Straßen, Eisenbahnen, Stromversorgung - ausgebaut werden.

Die Kleinbauern ernähren nicht nur den größten Teil der Menschheit. Sie erbringen auch Ökosystemleistungen, etwa in den Bereichen Gewässerschutz, Biodiversität, CO2-Bindung oder Landschaftspflege. Diese Multifunktionalität der Landwirtschaft muss sich auch auf der Einkommensseite niederschlagen, indem diese Leistungen gerecht abgegolten werden.

Ökologischer Landbau

Ökologischer Landbau ist kein Luxus für die Reichen, sondern eine Notwendigkeit, um die Nahrungsmittelproduktion auf einen nachhaltigen Kurs zu bringen und langfristig zu sichern. Er stützt sich vor allem auf die Bodenfruchtbarkeit und ist bestrebt, diese auf lange Sicht zu erhalten. Auch mit nachhaltigen Methoden lässt sich die Produktion in manchen Gebieten massiv steigern, zum Beispiel in Lateinamerika oder in Teilen Afrikas. In Zentralasien, im Mittleren Osten und in Nordafrika ist dies viel schwieriger, da es hier oft an Wasser mangelt, die Böden meist degradiert sind oder - in Asien - die Spitzenerträge zum Teil schon erreicht werden. In diesen Fällen wird es nötig sein, die Vielfalt der angebauten Pflanzen zu verbessern, Sorten mit erhöhtem Nährwert anzubauen und solche, die den lokalen Verhältnissen besser angepasst sind.

Indem sie ihr eigenes Saatgut verwenden, erhalten und fördern die Kleinbauern die Arten- und Sortenvielfalt. Eine weitere Vereinfachung der Anbausysteme und die Verdrängung der lokalen Sorten durch wenige Hochertragspflanzen ist nicht nur im Hinblick auf die Pflanzengesundheit bedrohlich, sondern auch deshalb, weil sich das Risiko von Totalverlusten unter sich ändernden Klimaverhältnissen stark erhöht. Es hat sich schon oft gezeigt, dass lokale Sorten bei guten Anbaumethoden ähnliche Erträge liefern können wie die hochgezüchteten.

Schädlingen und Unkrautproblemen muss möglichst vorbeugend begegnet werden. Das Potenzial des biologischen Pflanzenschutzes ist groß. Um es auszuschöpfen, braucht es aber noch beträchtliche Investitionen in Forschung, Ausbildung und Umsetzung. Forschungsbedarf besteht auch in Bezug auf den Vorratsschutz - und die Ergebnisse müssen auch umgesetzt werden. Ungefähr 40 % der Nahrungsmittel werden heute durch Schädlinge ungenießbar. Pestizide sollten erst zum Einsatz kommen, wenn es nicht anders geht. Ist Letzteres der Fall, sollten den Bauern nicht-toxische Produkte zur Verfügung stehen. Es gibt noch viel zu tun, damit Agrochemikalien für den Anwender, aber auch für den Konsumenten keine Gefahr mehr darstellen. Die Regeln und Vorschriften für den Umgang mit Pestiziden müssen umgesetzt, ihre Einhaltung kontrolliert werden.

Um die Ernährung der Menschheit von morgen zu sichern, braucht es auch die ausgelaugten Böden. Sie müssen sich regenerieren, damit auch dort wieder nachhaltig produziert werden kann. Und diese Regeneration muss mit Methoden erfolgen, die wenig Energie benötigen und erschwinglich sind für die Bauern in den Entwicklungsländern.

Forschung neu ausrichten

Forschung und Technik waren bisher zu stark allein auf Ertragserhöhung ausgerichtet und vernachlässigten andere Aspekte wie die ökologisch negativen Auswirkungen oder die Qualität der Produkte. Auch hat man sich viel zu wenig mit der Frage befasst, inwiefern die Landwirtschaft zum Teil des Hunger- und Armutsproblems werden kann, anstatt zum Teil der Lösung. Eine nachhaltigkeitsorientierte, breit angelegte Agrarforschung mit einem Schwerpunkt auf der Bodenfruchtbarkeit ist angebracht. Die Forschung muss verstärkt in den Entwicklungsländern erfolgen und auch wieder mehr vom öffentlichen Sektor betrieben werden. Nur so ließe sich sicherstellen, dass die Errungenschaften für alle Bauern zugänglich sind. Inzwischen hat die Consultative Group on International Agricultural Reserach (CGIAR), eine Beratungsgruppe für internationale Agrarforschung, die weltweit 15 Forschungsinstitute umfasst, ihre Leitlinien den Forderungen des IAASTD- Berichts angepasst.[15] Nachhaltigkeit wurde zum Leitmotiv erklärt, zudem will die CGIAR stärker auf lokales Wissen setzen.

Gentechnik löst das Problem nicht

Um die Diskussion über Nutzen und Gefahren der Gentechnik in der Nahrungsproduktion zu versachlichen, wurden bei der Erarbeitung des IAASTD-Berichts Tausende von Studien wissenschaftlich ausgewertet. Das Fazit: Für die Hungernden hat die Gentechnologie derzeit nichts zu bieten. Die Verbesserung der Ernährungslage war nicht das Ziel der Züchtung der heute erhältlichen gentechnisch veränderten Sorten, auch wenn sporadisch und stark abhängig von Standort, Wetter und Pflanzenart Ertragsteigerungen beobachtet werden konnten. Die Technologie selbst oder der Kontext ihrer Anwendung haben Ertragsteigerungen in den bis jetzt produzierten Sorten begrenzt.[16] Es wurde zum einen vor allem auf Herbizidresistenz gezüchtet, so dass die Bauern mehr Unkrautbekämpfungsmittel sprühen können, ohne die Nutzpflanzen zu schädigen; zum anderen lag der Schwerpunkt auf der Insektenresistenz, d.h. dem Einbau von Genen in Pflanzen, welche die Produktion eines Giftes veranlassen, an dem Insekten sterben, wenn sie von der Pflanze fressen. Andere, billigere und echt "grüne" Methoden hat man allerdings schon zur Hand, wie z.B. die biologische Schädlingsbekämpfung oder eine Gestaltung der Agro-Ökosysteme, welche die natürlichen Kräfte zum Einsatz kommen lassen.

Eine "grüne" Gentechnik gibt es nicht, weil die gentechnischen Lösungen nur die Symptome behandeln, nicht aber - im Gegensatz zu den echt grünen Lösungen - die Ursachen angehen. Zudem ist das nur einmal einsetzbare genmanipulierte Saatgut für Kleinbauern viel zu teuer. Auch mittelfristig kann die Gentechnologie - wenn überhaupt - höchstens einen kleinen Teil dazu beitragen, die Ernährungssituation der Menschheit zu verbessern. Hingegen verfestigt sie tendenziell Anbausysteme, die nicht nachhaltig sind, weil sie stark auf externe Energiequellen abstellt wie Kunstdünger, Pestizide und Herbizide.

Position der Frauen stärken

Frauen spielen eine tragende Rolle in der Nahrungsmittelproduktion. Ihre Position muss aufgewertet werden, und sie müssen stärker in den ganzen Produktionsprozess einbezogen werden - vom Feld bis zur Vermarktung, aber auch in der Ausbildung und Umsetzung von Innovationen. Denn auch in den kommenden Jahren wird weniger die ungenügende Produktion als die Unerschwinglichkeit der Nahrung die Hauptursache des Welthungerproblems bleiben. Der IAASTD Bericht betont, dass es bessere Rahmenbedingungen braucht, um das ländliche Einkommen zu fördern und die krassen und wachsenden Ungleichheiten zu vermindern. Es müssen neue Verdienstmöglichkeiten geschaffen werden, sei es in der Landwirtschaft selbst oder in der Wertschöpfungskette der Produkte.

Unzählige Studien belegen, dass Kleinbetriebe pro Fläche höhere Erträge erzielen als Großfarmen - obschon erstere weniger Kapital, Maschinen und landwirtschaftliche Produktionsmittel einsetzen können, dafür umso mehr Arbeitskraft. Landreformen, die eine gerechtere Aufteilung des Bodens bringen, sind vielerorts dringend erforderlich.

Fairer Handel

Eine weitere Voraussetzung für eine Steigerung der Produktion sind faire Handelsbedingungen. Die Regeln des internationalen Agrarhandels sind so zu gestalten, dass auch Kleinbauern auf ihre Rechnung kommen. Die OECD-Länder müssen ihre Subventions- und Handelspolitik überdenken. Exportsubventionen untergraben die Nahrungssicherheit, weil sie die Bauern in den Entwicklungsländern unfairer Konkurrenz aussetzen und so die Produktion abwürgen. Sie müssen umgewandelt werden in Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen. Die Liberalisierung des Agrarhandels kann für Entwicklungsländer nur positive Auswirkungen haben, wenn diese als gleichwertige Akteure betrachtet werden. Das ist zurzeit nicht der Fall. Es muss daher den Entwicklungsländern weiter erlaubt sein, Subventionen an die Bauern zu zahlen und Importtarife frei festzusetzen, bis ihre Landwirtschaft konkurrenzfähig ist. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den von Hunger bedrohten Regionen muss für jedes Land speziell geregelt werden, denn die Bedingungen sind überall anders.
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Fußnoten

1.
Vgl. Joachim von Braun, International Food Policy Research Institute (IFPRI), Steigende Nahrungsmittelpreise - Was ist zu tun?, IFPRI Policy Brief, April 2008, in: www.ifpri.org/german/pubs/bp/bp001gr.asp (12.12. 2008).
2.
Vgl. ebd.
3.
Vgl. David Pimentel/Anne Wilson, World Population, Agriculture, and Malnutrition, WorldWatch 2005, in: www.energybulletin.net/node/3834 (12.12. 2008).
4.
Vgl. Millenniums-Erklärung der Vereinten Nationen, Generalversammlungsresolution 55/2 vom 8.9. 2000, in: www.unric.org/html/german/millennium/
millenniumerklaerung.pdf, S. 12f. (12.12. 2008).
5.
Vgl. Jacques Diouf, Direktor der FAO, Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 10.2. 2008.
6.
Vgl. Werner Harder, Die Landwirtschaft als Schlüsselfaktor der Zukunft, in: UMWELT 2/2008, Magazin des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), Bern 2008, S. 10. Siehe Link unter: www.bafu.admin.ch/dokumentation/umwelt/
06358/index.html?lang=de (12.12. 2008).
7.
Vgl. Dominique Baillard, Getreide wächst nicht an der Börse, in: Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, vom 9.5. 2008, S. 10 f.
8.
Vgl. Matthias Brake, Nicht nur Biosprit macht Hunger, Telepolis vom 22.4. 2008, in: www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27774/1.htm (12.12. 2008).
9.
Vgl. FAO, The state of food and agriculture 2008. Biofuels: prospects, risks and opportunities, Rome 2008, in: www.fao.org/docrep/011/i0100e/i0100e00.htm (12.12. 2008).
10.
Vgl. International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) - Global Summary for Decision Makers, April 2008, http://www.agassessment.org/docs/Glo bal_SDM_060608_English.pdf, S. 8 (12.12. 2008).
11.
Vgl. David Pimentel et al., Environmental and Economic Costs of Soil Erosion and Conservation Benefits, in: Science, Vol. 267 No. 5201 (February 1995), S. 1117-1123.
12.
Lester Brown, Tough Choices - Facing the Challenge of Food Scarcity, New York - London 1996, zitiert nach: Der Bund (Bern) vom 1.10. 1996.
13.
Vierter Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change, IPPC, AR4, Klimaänderung 2007: Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger, in: www.de-ipcc.de/download/IPCC2007-FullDocument.pdf, S. 27 (12.12. 2008).
14.
Vgl. IAASTD - Global Summary (Anm. 10).
15.
Charlotte Walser, Mit Vielfalt zu höheren Erträgen, in: Die Wochenzeitung (WOZ) vom 16.10. 2008.
16.
Vgl. Jack A. Heinemann, Hope not Hype, Penang 2009 (i.E.).