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27.1.2009 | Von:
Peter Jarchau
Marc Nolting
Kai Wiegler

Nahrungsquelle Meer

Handlungsempfehlungen

Angesichts der bedrohlichen Entwicklungen in der weltweiten Fischerei wurde die FAO beauftragt, einen Verhaltenskodex für eine verantwortungsvolle Fischerei (Code of Conduct for Responsible Fisheries, CCRF) zu erarbeiten. Der CCRF wurde bereits 1995 von nahezu allen Mitgliedstaaten einstimmig angenommen. Aufgrund von Kapazitätsengpässen und unzureichender Finanzmittel für die zuständigen Organisationen erfolgt in den meisten Entwicklungsländern die Umsetzung des CCRF allerdings zu langsam. Eine bessere Kohärenz zwischen europäischer Fischerei- und Entwicklungspolitik könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten. Zurzeit ist die Fischerei kein Schwerpunkt in der europäischen und deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Der fehlende globale politische Nachdruck zum Schutz der marinen Ressourcen, zur Abschaffung von Subventionen und zur Förderung einer verantwortungsvollen, nachhaltigen Fischerei hat eine Vielzahl von privatwirtschaftlichen Zertifizierungsinitiativen hervorgerufen. Besonders erfolgreich ist das 1997 aus einer Kooperation zwischen Unilever und dem WWF hervorgegangene Gütesiegel des Marine Stewardship Council (MSC). Der MSC zertifiziert, dass die Fischerei nicht zur Überfischung oder Erschöpfung der Bestände beiträgt, und dass das Ökosystem möglichst wenig durch die Fischerei geschädigt wird.

Durch eine Zertifizierung wird jedem einzelnen Konsumenten und der Privatwirtschaft die Möglichkeit einer verantwortungsbewussten Kaufentscheidung eröffnet. Diese immer stärker zunehmenden Nachfrage nach zertifizierten Fischereiprodukten seitens der Verbraucher und der Industrie eröffnet neue Möglichkeiten, Druck auszuüben und ein nachhaltiges Fischereimanagement einzufordern.

Dieser insgesamt positiven Entwicklung zu mehr Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette und mehr Engagement der Privatwirtschaft stehen Befürchtungen gerade von Entwicklungsländern gegenüber, die darin einweiteres nichttarifäres Handelshemmnis sehen. Diese müssen dabei unterstützt werden, auch Zertifizierungen für ihre Fischereien zu erreichen. Ein Gütesiegel wie das des MSC nun auch für Kleinfischereien in Entwicklungsländern zugänglich zu machen, ist ein weiteres notwendiges Betätigungsfeld für die internationale Entwicklungszusammenarbeit.

Durch gewachsenes Umweltbewusstsein und aus der Einsicht unserer Abhängigkeit von intakten Ökosystemen heraus sind bisher etwa 12 % der Landflächen als Schutzgebiete ausgewiesen. Für die Ozeane wachsen diese Erkenntnis und das politische Engagement zu deren Schutz leider langsamer. Bisher ist nur etwa ein Prozent der Meeresoberfläche als Schutzgebiet ausgewiesen.[16] Die Etablierung von großflächigen Schutzgebieten (Marine Protected Areas) ist ein wichtiger Bestandteil des Fischereimanagements und muss stärker als bisher eingefordert werden.

Um auch für folgende Generationen die Nahrungsquelle Meer zu erhalten, muss jetzt insbesondere die Übernutzung der aquatischen Ressourcen bekämpft werden. Hierzu ist notwendig: - ein weltweites abgestimmtes und zügiges Absenken der 14 bis 20 Milliarden US-Dollar an jährlichen Subventionen für den Fischereisektor insbesondere in Industrie- und Schwellenländern; - die Bekämpfung der illegalen, unregulierten und undokumentierten Fangfischerei (IUU-fishing) durch die Unterstützung der Fischereiüberwachung in Entwicklungsländern und eine Kennzeichnungspflicht beim Handel mit Fischereiprodukten, um deren Rückverfolgbarkeit sicherzustellen; - die Ausweitung von marinen Schutzgebieten (Marine Protected Areas). Die Identifikation dieser Gebiete muss partizipativ mit den jeweils betroffenen Kleinfischern erfolgen; - die Stärkung regionaler Fischereimanagementorganisationen (RFMOs), um eine verantwortungsvolle Fischerei auch in Seegebieten außerhalb der Exklusiven Bewirtschaftungszone (EEZ) sicherzustellen; - die Implementierung des Code of Conduct for Responsible Fisheries (CCRF) und die Einführung von Managementansätzen und -systemen, welche die Beteiligung aller Fischer gewährleisten (Co-management); - die Einführung von Zugangsbeschränkungen (Abschaffung des offenen Zugangs zu den aquatischen Ressourcen) durch verbriefte Nutzungsrechte; - ein generelles Verbot von Beifang-Rückwürfen. Was durch Fangfischerei dem Meer entnommen wurde, muss angelandet und genutzt werden; - technische Zusammenarbeit in Entwicklungsländern zugunsten hygienischerer Bedingungen in der Weiterverarbeitung und des Aufbaus von Kühlketten, um den Verderb bereits gefangener Fische und den Verlust wertvollen tierischen Proteins zu verringern; - die Einführung von Zertifizierungsinstrumenten auch in Entwicklungsländern, um nachhaltiges Fischereimanagement zu fördern und die Gefahr eines nichttarifären Handelshemmnisses zu mindern; - Unterstützung von Entwicklungsländern beim Aufbau einer Fischverarbeitungsindustrie, um mehr Wertschöpfung zu erreichen und die Abhängigkeit von Zahlungen für Fischereiabkommen zu reduzieren; - Regulierung von mariner Aquakultur durch die Einführung von Mindeststandards für umweltverträgliche Zuchtmethoden und -verfahren.

Die zunehmende Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse durch den Klimawandel sind insbesondere in den dicht besiedelten Küstenregionen der Welt schon heute wahrzunehmen. Der Schaden, den extreme Sturm- und Flutereignisse verursachen, lässt sich durch intakte Mangrovenwälder und Küstenschutz mindern. Eine konkrete Maßnahme ist: - Die Einführung eines integrierten nachhaltigen Küstenzonenmanagements, um die Übernutzung und Zerstörung von Küstenhabitaten zu verhindern. Dies hat auch eine positive Auswirkung auf den Fischerei-Maximalfangertrag, da viele Meerwasserfische den Küstenraum zur Fortpflanzung nutzen.

Die Klimafolgenforschung ist ein noch junges Forschungsgebiet mit vielen offenen Fragestellungen. Mit einem größeren Verständnis der stattfindenden Anpassungsprozesse können bessere Vorhersagen über zukünftige Auswirkungen des Klimawandels getroffen werden. Eine wichtige Maßnahme ist daher die Unterstützung von regionaler Fischereiforschung nicht nur in Industrie-, sondern auch in den besonders betroffenen Entwicklungsländern.

Wird die Fischerei weiterhin so wie bisher fortgeführt, werden alle kommerziell nutzbaren Arten in den Weltmeeren innerhalb der nächsten Generation verschwinden. Die Meere werden dann von Quallen dominiert, die keine natürlichen Feinde mehr haben.

Fußnoten

16.
Vgl. UNEP World Conservation Monitoring Centre (ed.), Annual Report on Protected Areas: A review of global conservation progress in 2007, Cambridge/UK 2008, S. 26. Siehe: http://www.unep-wcmc.org/protected_ areas/docs/WDPA%202008%20CompLR%20Final.pdf (12. 1. 2009).