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27.1.2009 | Von:
Peter Jarchau
Marc Nolting
Kai Wiegler

Nahrungsquelle Meer

Zur Bewahrung des Meeres als Nahrungsquelle für etwa eine Milliarde Menschen muss eine nachhaltige Fischereipolitik betrieben und die Überkapitalisierung der industriellen Fangflotten abgebaut werden.

Einleitung

Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern." Dieses mehr als 2 600 Jahre alte Sprichwort des chinesischen Philosophen Laotse ist heute nur noch bedingt richtig. Das Meer ist noch immer die größte Nahrungsquelle der Welt, auf die mehr als eine Milliarde Menschen direkt angewiesen sind, doch die Fischerei befindet sich weltweit in einer schweren Krise und muss Lösungen für erhebliche Probleme finden.














Die Oberfläche unseres "blauen Planeten" wird zwar zu über 70 % vom Meer bedeckt, doch auf nur 5 % der Weltmeeresfläche, nämlich in den küstennahen und nährstoffreichen Schelfgebieten, finden fast 90 % der Fischereiaktivitäten statt. 75 % der weltweiten Fischbestände sind nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO bereits maximal befischt, erschöpft oder zusammengebrochen. Um den steigenden Bedarf an Fischprodukten zu befriedigen, werden trotzdem jedes Jahr weltweit mehr als 90 Millionen Tonnen Nahrungsmittel aus dem Meer gezogen - dank Hightech und moderner Fanggeräte.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ging die wissenschaftliche Lehrmeinung davon aus, dass durch die enorme Produktivität der Ozeane eine Überfischung überhaupt nicht möglich ist. Seit wenigen Jahrzehnten ist diese Ansicht eindeutig widerlegt. Das Lebensmittel Fisch wird immer knapper, und es besteht die Gefahr, dass die Menschen bald ganz auf Seefisch verzichten müssen. In einem 2006 veröffentlichten Artikel stellen Wissenschaftler der Dalhousie University Halifax in Kanada die Prognose, dass bis zum Jahr 2048 alle kommerziell nutzbaren Arten in den Weltmeeren verschwunden sein werden, sollte der Fischfang mit der gleichen Intensität betrieben werden wie bisher.[1]

Trotz dieser dramatischen Entwicklung steigt durch das anhaltende Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern und das geänderte Konsumverhalten in den Industrieländern der Fischverbrauch kontinuierlich. Im Jahre 2015 wird nach Schätzungen der FAO der jährliche weltweite Bedarf an Fischprodukten bei etwa 180 Millionen Tonnen liegen.[2] Das sind etwa 30 Millionen Tonnen mehr, als heute zur Verfügung stehen. Diese Nachfrage kann nur durch Fischzucht (Aquakultur) gedeckt werden. Allerdings birgt auch diese Lösung Probleme: Die meisten der von Konsumenten in den Industrieländern bevorzugten Zuchtfische wie Lachs oder Forelle sind Raubfische, die mit Fischmehl aufgezogen und gemästet werden. Für jedes Kilogramm Zuchtlachs müssen etwa vier Kilogramm Fisch verfüttert werden. Fischmehl stammt zum Großteil von Sardinen und Anchovis aus den produktiven Auftriebsgebieten vor den Küsten Perus und Chiles und konnte bisher noch nicht durch pflanzliches Protein ersetzt werden. Nur durch eine Minderung des Fischmehlanteils in den Futtermitteln und durch den Ausbau der Süßwasserfischzucht kann die Aquakultur langfristig eine sinnvolle und ökologisch vertretbare Alternative bzw. Ergänzung zur Fangfischerei darstellen.

Es ist damit zu rechnen, dass die Preise für Fischprodukte aufgrund der nur begrenzten Verfügbarkeit schneller steigen werden als bisher. Insbesondere in den Entwicklungsländern werden zudem steigende Nahrungsmittelpreise für landwirtschaftliche Produkte und die wahrscheinliche Verdrängung von Kleinbauern durch eine Intensivierung der Landwirtschaft zu noch dichterer Besiedelung von Küstenregionen führen. Dadurch werden die ohnehin begrenzten Meeresressourcen noch stärker angegriffen. Es wird geschätzt, dass insgesamt etwa 200 Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt aus dem Fischereisektor bestreiten; circa 95 % davon leben in Entwicklungsländern.[3] Da heute bereits etwa 50 % der Fischexporte aus Entwicklungsländern stammen, ist bei einem weiteren Rückgang der Ressourcen mit dem Einbruch wichtiger Deviseneinnahmequellen für viele Entwicklungsländer zu rechnen. Ausbleibende Fänge werden besonders für die lokale Bevölkerung, die direkt oder indirekt auf die Fischerei als Lebenserwerb angewiesen ist, nicht nur starke wirtschaftliche Konsequenzen haben, sondern kurz- und mittelfristig auch zu Engpässen in der Proteinversorgung führen. Mehr als eine Milliarde Menschen sind auf Fisch als primäre Proteinquelle angewiesen.

Zwar stellt die weltweite massive Überfischung - insbesondere durch die modernen Fangflotten - die größte Gefahr für die Ökosysteme der Meere dar, aber auch Klimawandel und Umweltverschmutzung bedrohen die in den Weltmeeren lebenden Organismen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden laut dem letzten Sachstandsbericht des UN-Klimarates Temperaturerhöhungen und Versauerungen der oberen Meeresschichten die Vorkommen von Fischarten weiter verschieben, mit negativen Folgen für Fischerei und Fischzucht.[4] Insgesamt gelten 40 % der Wasserflächen wegen Überfischung und Verschmutzung als stark angegriffen.[5]

Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann nur durch radikales Umdenken im Umgang mit den natürlichen Ressourcen des Meeres gefunden werden. Notwendig sind die Umsetzung einer globalen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Fischereipolitik, der Abbau von Überkapazitäten und Überkapitalisierung der industriellen Fangflotten, die Bekämpfung der illegalen Fischerei und mehr Wertschöpfung in den Entwicklungsländern.

Ursachen der Überfischung und ihre Auswirkungen

Das Hauptproblem in der Seefischerei besteht darin, dass fast überall auf der Welt Fischbestände als Allgemeingut (common resource) behandelt werden, die jeder gegen Entrichtung einer Lizenzgebühr nutzen kann. Der Zugang zu diesen Fischressourcen ist deshalb nur unzureichend geregelt und beschränkt, was unweigerlich zu einer Übernutzung führt. Bisherige Fischereiregelungen wie die Zuteilung von Quoten (Total Allowable Catches, TAC) haben sich als unzureichend herausgestellt. Ein Beispiel dafür ist die Fischereipolitik in der EU, welche die Empfehlungen des International Council for the Exploration of the Sea (ICES) zur Höhe der Quoten für die kommerziell genutzten Fischbestände fast jedes Jahr um circa 30 % überschreitet. Mittlerweile sind 81 % der Fischbestände in den EU-Gewässern überfischt.[6] In den 1970er Jahren waren es lediglich 10 %. Weltweit sinken die Fänge seit den 1990er Jahren. Setzt man Fangertrag und fischereilichen Aufwand ins Verhältnis, kann man davon ausgehen, dass die Biomasse im Meer im Zeitraum von 1970 bis 2000 um etwa 80 Prozent gesunken ist[7].

Die Fischereien in Europa, im Nordatlantik und im nördlichen Pazifik erreichten ihren Höhepunkt in den 1970er Jahren. Damals waren alle kommerziell wichtigen Fischbestände bis zum Maximum befischt. Danach begannen die Industrienationen ihre fischereilichen Aktivitäten in den Süden auszuweiten. Sie setzten die Überfischung zuerst in Westafrika und später in allen südlichen Meeresgebieten fort. Nachdem 1982 das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (United Nations Convention on the Law of the Sea, UNCLOS) abgeschlossen wurde, vereinbarten die Industrienationen Fischereiabkommen mit den Entwicklungsländern, die über keine eigenen Fangflotten verfügten, um Zugang zu deren ausschließlichen Wirtschaftszonen zu bekommen. Die Aktivitäten dieser fremden Fangflotten sind allerdings mitverantwortlich dafür, dass bisher kaum eine leistungsfähige Fischindustrie in den Entwicklungsländern, insbesondere in Westafrika, aufgebaut wurde.

Der Einsatz dieser Fangflotten der Industrienationen führte auch in diesen Gewässern zur Überfischung. Dies lässt sich gut an den Aufwendungen für Fischereiabkommen der EU ablesen, da diese Zahlungen unter anderem in Relation zu den erwarteten Fangmengen stehen: 2008 betrug das finanzielle Volumen für bilaterale Fischereiabkommen mit Drittländern circa 160 Millionen Euro;[8] im Vergleich dazu wurden 1997 von der EU noch fast 300 Millionen Euro aufgebracht.[9]

Auch illegale industrielle Fischfangflotten rauben einigen der ärmsten Länder die Nahrungsgrundlage und zerstören damit den Lebensunterhalt der einheimischen Kleinfischer. Da viele Entwicklungsländer gar nicht die Möglichkeit haben, ihre 200 Seemeilen exklusiver Bewirtschaftungszone zu nutzen oder zu kontrollieren, haben sie einer illegalen Nutzung dieser Gebiete kaum etwas entgegenzusetzen. Durch diese Piratenfischerei entstehen nach Schätzung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) weltweit jährlich Verluste von bis zu neun Milliarden Euro.[10]

In Westafrika zeigt sich deutlich, dass die Fänge der Fremdflotten die "Anlandungen", also die Fangerträge, der einheimischen Kleinfischereien reduzieren. In vielen Entwicklungsländern ist die Kleinfischerei für viele Menschen, die keine Beschäftigung in der Landwirtschaft oder in anderen Sektoren mehr finden können, die letzte Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Laut FAO ist seit 1950 die Zahl der in der Fischerei direkt Beschäftigten um 400 % auf mehr als 40 Millionen angewachsen (im Vergleich zu 35 % Beschäftigungswachstum in der Landwirtschaft im selben Zeitraum).

Weltweit sind die Fangflotten überkapitalisiert. Zwischen 1970 und 1980 stieg die Anzahl der geschlossenen motorisierten Fischfangboote von 600.000 auf 800.000, bis 1990 hatte sich die Flotte im Vergleich zu 1970 verdoppelt. Seitdem verlangsamte sich das Wachstum beträchtlich und stabilisierte sich bei etwa 1,2 Millionen Schiffen.[11] Hinzu kommen noch 2,8 Millionen offene Boote, die in der Kleinfischerei eingesetzt werden. Die Hälfte dieser Flotte würde ausreichen, um die maximal möglichen Weltanlandungen zu gewährleisten.

Die bisher insgesamt unzureichende Zugangsbeschränkung zu marinen Ressourcen ist nicht nur ein globales ökologisches oder ethisches Desaster, es ist vor allem auch ein ökonomisches: Die 14 bis 20 Milliarden US-Dollar jährlicher Subventionen in Industrie- und Schwellenländern führen zu einer Überkapazität und Überkapitalisierung der industriellen Fangflotten. Mit immer größeren und technisch ausgefeilteren Fahrzeugen werden immer weniger Bestände befischt. Dabei würde weniger Druck auf die marinen Ressourcen deren Reproduktionsfähigkeit und damit den Maximalfangertrag erhöhen. Die Fischerei befindet sich in der paradoxen Situation, dass etwa ein Drittel mehr Fisch angelandet werden könnte, wenn weltweit die Hälfte der Fangfahrzeuge stillgelegt würde. Der jährliche Verlust, d.h. die Differenz zwischen potenziellen und aktuellen volkswirtschaftlichen Nettoerträgen, beläuft sich nach einer aktuellen Studie der Weltbank auf jährlich 50 Milliarden US-Dollar.[12]

Ein zusätzliches Problem in Entwicklungsländern ist der Verderb bereits gefangener Fische wegen fehlender Kühlketten (post-harvest-losses) und unzureichender hygienischer Bedingungen in der Weiterverarbeitung. Dieser vermeidbare Verlust wertvollen tierischen Proteins wird auf etwa 40 % der jährlichen Fangmenge geschätzt.

Die hauptsächlich in den industriellen Fischereien anfallenden Rückwürfe (discards) werden nach jüngsten Berechnungen der Welternährungsorganisation FAO auf etwa sieben Millionen Tonnen beziffert.[13] Bislang dürfen in der EU untermaßige (zu kleine) Fische oder Arten, deren Quote bereits erschöpft ist, nicht angelandet werden. Verletzt, sterbend oder tot werden sie wieder zurück ins Meer geworfen. Beide Probleme (post-harvest-losses und discards) sind neben der massiven Überfischung die dringendsten bei der Nutzung der Nahrungsquelle Meer.

Auswirkungen des Klimawandels

Die Fischerei ist durch ihren Treibstoffverbrauch eine Mitverursacherin des Klimawandels. Global verbrennen Fischereifahrzeuge jährlich 50 Milliarden Liter fossilen Treibstoff, um etwa 80 Millionen Tonnen Fisch und Fischereiprodukte anzulanden, und verbrauchen damit 1,2 % des gesamten globalen Rohölbedarfes. Dies entspricht etwa dem Gesamtölverbrauch der Niederlande. Die Fischereiflotten emittieren damit 130 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre.[14] Der Energiegehalt des Treibstoffs, der in der Fangfischerei verbraucht wird, ist 12,5 Mal größer als der des damit gewonnenen tierischen Proteins.

Wichtigster Effekt des anthropogenen Klimawandels auf marine Ökosysteme ist neben der Erwärmung insbesondere die Versauerung der oberen Meeresschichten durch CO2-Eintrag. Derzeit werden durch Brandrodungen netto etwa 0,3 Milliarden Tonnen Kohlenstoff mehr von der Vegetation in die Atmosphäre abgegeben als aufgenommen. Die oberen Meeresschichten nehmen dagegen netto 2 bis 2,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff (in Form von Kohlendioxyd) auf. Seit Beginn der Industrialisierung sind die oberen Meeresschichten bereits um etwa pH 0,1 versauert. Dies beeinträchtigt die Fähigkeit kalkbildender Organismen im Meer, Schalen oder Skelette zu bilden. Das betrifft neben den Korallen vor allem Primärproduzenten wie einige Planktonarten, die am Beginn der Nahrungskette stehen. Nach bisherigem Erkenntnisstand verschiebt die Erwärmung vor allem Lebensräume im Meer, aber die zunehmende Versauerung der oberen Meeresschichten bei gleichzeitiger massiver Überfischung kann langfristig vernichtende Auswirkungen auf marine Ökosysteme haben. Denn je stärker aquatische Ressourcen übernutzt werden, desto geringer ist deren Anpassungsfähigkeit an klimatische Änderungen.

Der internationale Fischhandel

Fischereiprodukte sind und werden zunehmend ein wichtiges Handelsgut für Entwicklungsländer. Bis 1985 waren Entwicklungsländer noch Nettoimporteure von Fisch, mittlerweile stammt etwa die Hälfte des weltweit gehandelten Fisches aus ihren Gewässern. Der Wert der Fischereinettoexporte aus Entwicklungsländern übersteigt den Wert der Exporte von Kaffee, Tee und Kakao zusammen.[15] Durch verbesserte Wertschöpfung kann der internationale Fischhandel dazu beitragen, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in unseren Partnerländern zu stärken.

Die momentan existierenden nationalen und internationalen Rahmenbedingungen stehen dem jedoch in vielfältiger Weise entgegen. So stellen die Fischereisubventionen der Länder mit großen Fischereifangflotten, etwa jener der EU, aber auch von Japan oder Taiwan, ein großes Entwicklungshindernis dar, das nicht nur den Wettbewerb auf den Märkten verzerrt, sondern auch den Aufbau eigener Produktionskapazitäten in Entwicklungsländern behindert.

Zudem können Hygieneanforderungen und nichttarifäre Handelshemmnisse in Abnahmeländern eine Hürde für den Export aus Entwicklungsländern sein. Die global noch unzureichende Kennzeichnungspflicht beim Handel mit Fischereiprodukten erschwert deren Rückverfolgbarkeit und hilft, Anlandungen aus illegaler Fangfischerei zu verschleiern.

Der Handel mit Fisch zwischen den afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten (AKP) und der EU ist für die AKP-Staaten eine wichtige Einkommensquelle. Etwa 75 % der AKP-Fischereiexporte haben die Europäische Union als Ziel. Die Handelsregeln zwischen der EU und den AKP-Staaten sollen ab 2008 durch die Economic Partnership Agreements (EPAs) neu gestaltet werden. Positiv anzumerken ist, dass im Rahmen dieser Abkommen den Entwicklungsländern explizit die Möglichkeit einer besseren lokalen Wertschöpfung eingeräumt werden soll.

Handlungsempfehlungen

Angesichts der bedrohlichen Entwicklungen in der weltweiten Fischerei wurde die FAO beauftragt, einen Verhaltenskodex für eine verantwortungsvolle Fischerei (Code of Conduct for Responsible Fisheries, CCRF) zu erarbeiten. Der CCRF wurde bereits 1995 von nahezu allen Mitgliedstaaten einstimmig angenommen. Aufgrund von Kapazitätsengpässen und unzureichender Finanzmittel für die zuständigen Organisationen erfolgt in den meisten Entwicklungsländern die Umsetzung des CCRF allerdings zu langsam. Eine bessere Kohärenz zwischen europäischer Fischerei- und Entwicklungspolitik könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten. Zurzeit ist die Fischerei kein Schwerpunkt in der europäischen und deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Der fehlende globale politische Nachdruck zum Schutz der marinen Ressourcen, zur Abschaffung von Subventionen und zur Förderung einer verantwortungsvollen, nachhaltigen Fischerei hat eine Vielzahl von privatwirtschaftlichen Zertifizierungsinitiativen hervorgerufen. Besonders erfolgreich ist das 1997 aus einer Kooperation zwischen Unilever und dem WWF hervorgegangene Gütesiegel des Marine Stewardship Council (MSC). Der MSC zertifiziert, dass die Fischerei nicht zur Überfischung oder Erschöpfung der Bestände beiträgt, und dass das Ökosystem möglichst wenig durch die Fischerei geschädigt wird.

Durch eine Zertifizierung wird jedem einzelnen Konsumenten und der Privatwirtschaft die Möglichkeit einer verantwortungsbewussten Kaufentscheidung eröffnet. Diese immer stärker zunehmenden Nachfrage nach zertifizierten Fischereiprodukten seitens der Verbraucher und der Industrie eröffnet neue Möglichkeiten, Druck auszuüben und ein nachhaltiges Fischereimanagement einzufordern.

Dieser insgesamt positiven Entwicklung zu mehr Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette und mehr Engagement der Privatwirtschaft stehen Befürchtungen gerade von Entwicklungsländern gegenüber, die darin einweiteres nichttarifäres Handelshemmnis sehen. Diese müssen dabei unterstützt werden, auch Zertifizierungen für ihre Fischereien zu erreichen. Ein Gütesiegel wie das des MSC nun auch für Kleinfischereien in Entwicklungsländern zugänglich zu machen, ist ein weiteres notwendiges Betätigungsfeld für die internationale Entwicklungszusammenarbeit.

Durch gewachsenes Umweltbewusstsein und aus der Einsicht unserer Abhängigkeit von intakten Ökosystemen heraus sind bisher etwa 12 % der Landflächen als Schutzgebiete ausgewiesen. Für die Ozeane wachsen diese Erkenntnis und das politische Engagement zu deren Schutz leider langsamer. Bisher ist nur etwa ein Prozent der Meeresoberfläche als Schutzgebiet ausgewiesen.[16] Die Etablierung von großflächigen Schutzgebieten (Marine Protected Areas) ist ein wichtiger Bestandteil des Fischereimanagements und muss stärker als bisher eingefordert werden.

Um auch für folgende Generationen die Nahrungsquelle Meer zu erhalten, muss jetzt insbesondere die Übernutzung der aquatischen Ressourcen bekämpft werden. Hierzu ist notwendig: - ein weltweites abgestimmtes und zügiges Absenken der 14 bis 20 Milliarden US-Dollar an jährlichen Subventionen für den Fischereisektor insbesondere in Industrie- und Schwellenländern; - die Bekämpfung der illegalen, unregulierten und undokumentierten Fangfischerei (IUU-fishing) durch die Unterstützung der Fischereiüberwachung in Entwicklungsländern und eine Kennzeichnungspflicht beim Handel mit Fischereiprodukten, um deren Rückverfolgbarkeit sicherzustellen; - die Ausweitung von marinen Schutzgebieten (Marine Protected Areas). Die Identifikation dieser Gebiete muss partizipativ mit den jeweils betroffenen Kleinfischern erfolgen; - die Stärkung regionaler Fischereimanagementorganisationen (RFMOs), um eine verantwortungsvolle Fischerei auch in Seegebieten außerhalb der Exklusiven Bewirtschaftungszone (EEZ) sicherzustellen; - die Implementierung des Code of Conduct for Responsible Fisheries (CCRF) und die Einführung von Managementansätzen und -systemen, welche die Beteiligung aller Fischer gewährleisten (Co-management); - die Einführung von Zugangsbeschränkungen (Abschaffung des offenen Zugangs zu den aquatischen Ressourcen) durch verbriefte Nutzungsrechte; - ein generelles Verbot von Beifang-Rückwürfen. Was durch Fangfischerei dem Meer entnommen wurde, muss angelandet und genutzt werden; - technische Zusammenarbeit in Entwicklungsländern zugunsten hygienischerer Bedingungen in der Weiterverarbeitung und des Aufbaus von Kühlketten, um den Verderb bereits gefangener Fische und den Verlust wertvollen tierischen Proteins zu verringern; - die Einführung von Zertifizierungsinstrumenten auch in Entwicklungsländern, um nachhaltiges Fischereimanagement zu fördern und die Gefahr eines nichttarifären Handelshemmnisses zu mindern; - Unterstützung von Entwicklungsländern beim Aufbau einer Fischverarbeitungsindustrie, um mehr Wertschöpfung zu erreichen und die Abhängigkeit von Zahlungen für Fischereiabkommen zu reduzieren; - Regulierung von mariner Aquakultur durch die Einführung von Mindeststandards für umweltverträgliche Zuchtmethoden und -verfahren.

Die zunehmende Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse durch den Klimawandel sind insbesondere in den dicht besiedelten Küstenregionen der Welt schon heute wahrzunehmen. Der Schaden, den extreme Sturm- und Flutereignisse verursachen, lässt sich durch intakte Mangrovenwälder und Küstenschutz mindern. Eine konkrete Maßnahme ist: - Die Einführung eines integrierten nachhaltigen Küstenzonenmanagements, um die Übernutzung und Zerstörung von Küstenhabitaten zu verhindern. Dies hat auch eine positive Auswirkung auf den Fischerei-Maximalfangertrag, da viele Meerwasserfische den Küstenraum zur Fortpflanzung nutzen.

Die Klimafolgenforschung ist ein noch junges Forschungsgebiet mit vielen offenen Fragestellungen. Mit einem größeren Verständnis der stattfindenden Anpassungsprozesse können bessere Vorhersagen über zukünftige Auswirkungen des Klimawandels getroffen werden. Eine wichtige Maßnahme ist daher die Unterstützung von regionaler Fischereiforschung nicht nur in Industrie-, sondern auch in den besonders betroffenen Entwicklungsländern.

Wird die Fischerei weiterhin so wie bisher fortgeführt, werden alle kommerziell nutzbaren Arten in den Weltmeeren innerhalb der nächsten Generation verschwinden. Die Meere werden dann von Quallen dominiert, die keine natürlichen Feinde mehr haben.
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Fußnoten

1.
Vgl. Boris Worm et al., Impacts of Biodiversity Loss on Ecosystem Services, in: Science, Vol. 314, vom 3. November 2006, S. 790.
2.
Vgl. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), Fisheries and Aquaculture Department, The state of world fisheries and aquaculture 2006, Rome 2007, S. 151.
3.
Vgl. Boris Worm/David Vanderzwaag, High Seas Fisheries: Troubled Waters, Tangled Governance and Recovery Prospects, in: Behind the headlines, Vol. 64 (2007) 5, published by the Canadian Institute of International Affairs (Toronto) and the Centre for International Governance Innovation (Waterloo), S. 4.
4.
Vgl. WMO/UNEP, Intergovernmental Panel on Climate Change Technical Paper VI - Climate change and Water, Geneva 2008, S. 57 - 63, S. 104.
5.
Vgl. Benjamin S. Halpern et al., A global map of human impact on marine ecosystems, in: Science, Vol. 319, vom 15.2. 2008, S. 948.
6.
Vgl. Reinhard Priebe, Die strategische Ausrichtung der EU-Fischereipolitik, Paper zu den Hamburger Gesprächen für Naturschutz 2007: Fische ohne Schutz. Siehe Link unter: http://www.michaelottostiftung.de/popup4.php (3.12. 2008).
7.
Vgl. Daniel Pauly, Auswirkungen der Überfischung auf die Biodiversität, Symposiumspapier zu den Hamburger Gesprächen für Naturschutz 2007 der Michael Otto Stiftung: Fische ohne Schutz.
8.
Siehe unter: http://ec.europa.eu/fisheries/cfp/external_relations/bilateral_agreements_de.htm (3.12. 2008).
9.
Ifremer, Evaluation of the fisheries agreements concluded by the European Community. Summary Report, 1999. Siehe: http://www.docstoc.com/docs/956514/Evaluation-of-EC-Fisheries-Agreements (3.12. 2008), S. 4.
10.
Vgl. http://www.bmelv.de/cln_045/nn_755892/DE/ 05-Fischerei/Fischereiaufsicht/IllegaleFischerei.html_nnn=true (4.12. 2008).
11.
World Bank/Food and Agriculture Organization (FAO), The Sunken Billions. The economic justification for fisheries reform, Agriculture and Rural Development Department, Washington DC 2008. Siehe: http://siteresources.worldbank.org/EXTARD/ Resources/336681 - 1215724937571/SunkenBillionsAdvanceWebEd.pdf (3.12. 2008), S. 13 - 16.
12.
Vgl. ebd., S. 31f.
13.
Vgl. Kieran Kelleher, Discards in the world's marine fisheries. An update, FAO Fisheries Technical Paper No. 470, Rome 2005. Siehe: http://www.fao.org/do crep/008/y5936e/y5936e09.htm bm09.1 (3.12. 2008).
14.
Vgl. Peter H. Tyedmers/Reg Watson/Daniel Pauly, Fueling Global Fishing Fleets, in: Ambio, 34 (2005) 8, S. 635 - 638.
15.
Vgl. Food and Agriculture Organization (Anm. 2), S. 45, Figure 28: Net exports of selected agricultural commodities by developing countries.
16.
Vgl. UNEP World Conservation Monitoring Centre (ed.), Annual Report on Protected Areas: A review of global conservation progress in 2007, Cambridge/UK 2008, S. 26. Siehe: http://www.unep-wcmc.org/protected_ areas/docs/WDPA%202008%20CompLR%20Final.pdf (12. 1. 2009).