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Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten


23.1.2009
Menschen mit Migrationshintergrund bilden kein besonderes, erst recht kein einheitliches Segment in der Gesellschaft. Negativ-Klischees entsprechende Teilgruppen sind marginale Randgruppen.

Einleitung



In den aktuellen Debatten und medialen Berichten zur sozialen Integration von Migranten, zu Gewalt von (jugendlichen) Migranten, zu Zwangsverheiratung und arrangierten Ehen sowie im politisch-verbandlichen Konflikt rund um den Integrationsgipfel besteht die Neigung, Menschen mit Migrationshintergrund implizit durch Begriffswahl und Themenhorizont entweder zu stigmatisieren und auf die Problemliste zu schieben, oder sie zu bemitleiden und als Opfer zu stilisieren.










Über wen reden wir eigentlich, wenn wir von "Migranten" reden? Die Grundgesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund ist komplex definiert. Wir folgen hier der Bestimmung des Statistischen Bundesamtes (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version):[1]

Nach Daten des Statistischen Bundesamts umfasst die Gesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland 15,3 Millionen. Das ist ein Anteil von 18,6 % an der Wohnbevölkerung. 8,9 % davon sind Ausländer; 9,7 % sind eingebürgerte Deutsche mit Migrationshintergrund. Betrachtet man die Teilgruppe derjenigen, die in Familien leben, ist der Anteil noch höher: In Deutschland gibt es derzeit nach Angaben des Mikrozensus 8,57 Millionen Familien, davon 2,33 Millionen mit Migrationshintergrund - das sind 27,2 %.[2] In diesen leben etwa vier Millionen Kinder. Jedes dritte Kind unter fünf Jahren wächst heute in einer Familie mit Migrationshintergrund auf. Die geographische Sozialstrukturanalyse zeigt, dass Migranten in Deutschland nicht gleichmäßig verteilt sind. Es gibt eine deutliche Konzentration auf Westdeutschland, wo 91 % (2,12 Millionen) der Familien mit Migrationshintergrund leben.

Die Ende 2008 abgeschlossene SINUS-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland, von der wir im Folgenden berichten, zeigt: Von der Grundgesamtheit der Menschen mitMigrationshintergrund sind 16 % in Deutschland geboren; 84 % sind (seit 1950) zugewandert. In der quantitativen Bedeutung des Migrationshintergrunds stehen - nimmt man Ausländer und Eingebürgerte zusammen - die Länder der Ex-Sowjetunion mittlerweile an der Spitze und haben die Türkei abgelöst (vgl. Tabelle der PDF-Version).

Defizitperspektive und Integrations-"Frage" sind Engführungen



In den westlichen Gesellschaften werden seit den 1970er Jahren (rückblickend bis in die 1950er Jahre) mehrere Etappen des Wertewandels diagnostiziert, die zur Gleichzeitigkeit von Wertemustern und Lebensstilen geführt haben, die in unterschiedlichen Phasen der Nachkriegsgeschichte formativ waren. Beobachtet werden die vielfältigen Manifestationen von Individualisierung, von Pluralisierung der Lebensformen und Lebensstile - basierend auf der Grundeinsicht, dass nicht allein Herkunft und soziale Lage, sondern zunehmend die Werte sowie das korporierte und inkorporierte kulturelle Kapital die Dynamik von Diffusion und Distinktion antreiben und beschleunigen.

Doch in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund setzen diese differenzierten Analysen in der Regel aus. So werden (formal oder augenscheinlich) Nicht-Deutsche in die Container-Kategorie der "Migranten" eingeordnet mit der unausgesprochenen Erwartung, man wisse damit schon (irgend)etwas über ihre Werte, ihre soziale Lage, ihren Lebensstil - so als determiniere der ethnische Hintergrund die Orientierung und dann auch den Alltag des Einzelnen.[3] Dabei stellt bereits das Label "Migrant" - auch aus Sicht der Menschen mit Migrationshintergrund - eine pauschalisierende, stigmatisierende und auch diskriminierende Globalkategorie dar, denn es transportiert implizit die Botschaft, es handele sich um eine homogene Gruppe mit hoher Binnenkommunikation, unverbrüchlicher Solidarität qua Ethnie und/oder Ausländerstatus, sowie mit prinzipiell ähnlichen Werten, Interessen und Lebensstilen. Berichte über "Migranten" befassen sich meist mit "Problemlagen" und stehen damit von vornherein im Horizont einer Defizitperspektive, meist mit der Frage nach der (mangelnden) Integration, scheinbar getrieben von der Sorge um Anomie, Devianz und Parallelwelten, im weiteren gespeist von Ängsten vor Fundamentalismus, Gewalt, Unkontrollierbarem.[4]

Die empirische Sozialforschung enttarnt solches als Irrtum bzw. als mikroskopischen Blick auf ein kleines Segment, das in keiner Weise stellvertretend ist für die Gesamtheit der Migranten. So dürfen Befunde aus Stadtteilen und Schulen mit hohem Ausländeranteil nicht übertragen werden auf die Gesamtpopulation der Menschen mit Migrationshintergrund.

Jene typischen Perspektiven geben mehr Auskunft über uns selbst als über die Migranten. Denn in der kollektiven Rede über Migranten spiegelt sich eine ethnozentristische (deutsch-nationale) Haltung mit der binären Codierung vom "Eigenen" und "Fremden" wider. Dabei werden "die Fremden" wiederum binär unterschieden in Integrationsfähige/-willige versus Integrationsverweigerer mangels Kompetenz oder Bereitschaft. Auch die vor einigen Jahren angezettelte und immer wieder revitalisierte Diskussion um die "deutsche Leitkultur" reproduzierte und festigte diese Perspektive, ohne sie produktiv (dialektisch) aufzuheben. Von "den Deutschen" zu sprechen als einer homogenen Gruppe, würde lächerlich und wirklichkeitsfern wirken. Doch in Bezug auf Migranten geschieht oft genau das. Solche Projektionen werden der pluralen Wirklichkeit unserer Gesellschaft nicht gerecht. Es lohnt, die Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund einmal genauer anzuschauen - und zwar nicht reflexhaft der Defizitfrage nach dem Grad der Integration (bzw. ihres Scheiterns) folgend.

Der Lebenswelt-Ansatz



In der Migranten-Milieu-Studie des SINUS-Instituts (2007/2008) ging es darum, die subjektive Perspektive von Menschen mit Migrationshintergrund in Bezug auf die Gesellschaft (Deutschland, Herkunftsland) sowie in Bezug auf sich selbst (kulturelle, soziale, ethnische Identität) zu explorieren, die alltägliche Lebenswelt des Einzelnen zu verstehen, um darauf aufbauend typische Muster zu identifizieren und quantitativ-repräsentativ zu messen und zu modellieren.[5] Ein wichtiges konzeptionelles Element war es, Migranten nicht aufgrund ihrer Ethnie vorab einem Segment zuzuordnen, die Ethnie also nicht als Vorfilter zu betrachten, sondern nurmehr als ein Interpretament. Der zentrale Befund ist, dass es in der Population der Menschen mit Migrationshintergrund (ebenso wie in der autochthonen bzw. einheimischen deutschen Bevölkerung) eine bemerkenswerte Vielfalt von Lebensauffassungen und Lebensweisen gibt. Es wird der empirischen Wirklichkeit nicht gerecht, diese Menschen weiterhin als "besondere" Gruppe in unserer Gesellschaft zu betrachten. Vielmehr zeigen sie sich als integrierender Teil dieser multikulturellen, von Diversität geprägten Gesellschaft.

Um die bisher in der deutschen Migrantenforschung dominante und meist selbstverständliche, nahezu vorbewusste Defizit-Perspektive empirisch auf den Prüfstand zu stellen, haben wir unterschiedlichste Indikatoren für Integration erhoben. Aus diesem Kontext seien einige Befunde aufgeführt:
  • 83 % der befragten Menschen mit Migrationshintergrund leben gern in Deutschland (42 % sogar "sehr gern"); 82 % fühlen sich mit Deutschland eng verbunden. Gleichzeitig fühlen sich 68 % mit ihrem Herkunftsland eng verbunden. Daraus folgt, dass die Verbundenheit mit dem Herkunftsland und mit Deutschland zwei unabhängige Merkmale sind, die einander nicht ausschließen.
  • Bei 65 % der Menschen mit Migrationshintergrund wird in der Familie Deutsch gesprochen - bei 34 % ausschließlich oder hauptsächlich; bei 31 % sowohl Deutsch, als auch eine andere Sprache. Aber auch bei 35 % wird in der Familie ausschließlich (17 %) oder überwiegend (18 %) nicht Deutsch gesprochen. (Diese Zahlen beruhen auf der Selbstauskunft der Befragten).
  • 82 % sprechen mit ihren engsten Freunden Deutsch - 30 % ausschließlich, 17 % überwiegend und 35 % sowohl Deutsch als auch eine andere Sprache. Dagegen sprechen 18 % ausschließlich (6 %) oder überwiegend (11 %) im engen Freundeskreis eine andere Sprache (jeweils wieder Selbstauskunft).
  • 80 % der Migranten sagen, dass Leistung für sie ein persönlich wichtiger Wert ist.
  • Bildung und Wissen sind für 74 % wichtige Werte.
  • Erfolg im Beruf und Karriere sind für 73 % angestrebte Ziele.
  • Viel Freizeit ist für 57 % wichtig als (Lebens)Wert.
  • Religion und Glaube sind für 51 % wichtig.
  • Etwas Schöpferisches, Phantasievolles tun ist für 49 % ein wichtiger Teil ihres Lebens.
  • Kunst und Kultur sind wichtige Sphären für 37 %.
  • 66 % der Migranten interessieren sich für die Politik in Deutschland (20 % sogar "sehr"); für die Politik in ihrem Herkunftsland interessieren sich 58 % (18 % "sehr"). Nur 10 % interessieren sich überhaupt nicht für Politik in Deutschland und 15 % überhaupt nicht für die Politik in ihrem Herkunftsland.
  • 55 % der Menschen mit Migrationshintergrund haben keine deutsche Staatsangehörigkeit. Von diesen haben 36 % eine Einbürgerungsabsicht, 64 % nicht.

    Instruktiv, viele Klischees und Vorurteile aufbrechend sind auch Vergleichszahlen zur deutschen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund in Bezug auf Alter, Bildung und Einkommen: Hinsichtlich ihrer Altersstruktur ist die Migranten-Population etwas jünger als die einheimische Bevölkerung. In Bezug auf die Bildungsstruktur ist das Spektrum in der Migranten-Population breiter: Es gibt einen höheren Anteil an Menschen ohne oder mit nur geringer Schulbildung, aber auch - überraschend - einen etwas höheren Anteil an Akademikern als bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Was das Einkommen betrifft, so verdienen Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt deutlich weniger als die autochthone deutsche Bevölkerung - das gilt vor allem für Frauen und auch für männliche wie weibliche Akademiker.

    Die SINUS-Studie zeigt: Es gibt in weiten Teilen der Migranten-Population ein hohes Maß an kultureller Adaption und Integrationsbereitschaft. Viele Angehörige dieser Gruppe, insbesondere in den soziokulturell modernen Lebenswelten, haben ein bi-kulturelles Selbstbewusstsein, einige sogar eine post-integrative Perspektive. Das heißt, dass sie sich selbst gar nicht als "Migrant(in)" verstehen, sondern als selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft und Kultur in diesem Land leben. Sie fühlen sich (und sind) besser integriert als viele in der autochthonen Bevölkerung, so dass die Frage nach der Integration auf sie befremdlich wirkt, auch diskriminierend. Und viele sehen Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit als Bereicherung - für sich selbst und für die Gesellschaft.

    Es gibt in der Population der Menschen mit Migrationshintergrund aber auch einen nicht zu vernachlässigenden Teil, der in sozialer, kultureller und politischer Hinsicht als "problematisch" gelten kann und für den sich die Fragen nach der Integration, der sozialen Schließung und auch der Parallelgesellschaft ernsthaft stellen:
  • 14 % aller Migranten haben noch nie eine deutsche Familie zu Hause besucht - in diesem Teilsegment ist die soziale Abschottung (aktiv, aber auch passiv!) sehr ausgeprägt.
  • 17 % wissen nicht, in welche Kultur sie gehören.
  • 28 % betrachten ihr Herkunftsland als ihre eigentliche Heimat - in Deutschland verdienen sie nur ihr Geld.
  • 50 % verbringen viel Zeit mit Menschen, die den gleichen Migrationshintergrund haben.

    Pluralisierung von Migrationskulturen



    Aufgrund der ethnischen Vielfalt in der Population ist der Reflex erklärbar, die Befunde - und damit die Migranten selbst - nach ihrer Herkunftskultur zu segmentieren und als weitere Variable allenfalls noch die Formalbildung zu berücksichtigen. Entsprechende Differenzierungen sind - wie die Studienergebnisse zeigen - sowohl in Bezug auf Ethnie, als auch in Bezug auf Bildung statistisch signifikant (Gruppenunterschiede von bis zu 25 Prozentpunkten). Damit aber bleiben wir im Fahrwasser der konventionellen Migranten-Forschung. Die Studiengruppe unter Federführung des SINUS-Instituts ist aber noch einen Schritt weitergegangen, in dem sie zusätzlich die alltäglichen Lebenswelten der Befragten ethnien-übergreifend und mehrdimensional (Werte, Lebensstile, soziale Lagen) sortiert hat. Dabei zeigt sich eine Pluralität von Lebensauffassungen und Lebensweisen, die nicht auf eine Ethnie (oder auf zwei) zurückgeführt werden kann.

    Der langfristige Wertewandel in Deutschland und die bis in die 1950er Jahre zurückreichende Migrationsgeschichte der Nachkriegszeit (damit verbunden zum Teil sehr verschiedene Ursachen und Motive) haben die kulturelle Identität jener Menschen geprägt, die gemeinhin als Migranten bezeichnet werden. Jeder neue Migrationsschub hat zu Diffusion, Imitation und auch Distinktion innerhalb der Gesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund geführt. Abbildung 2 (vgl. PDF-Version) illustriert in einem groben Überblick die verschiedenen Grundorientierungen, die aktuell die Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund prägen und die in Deutschland die soziokulturelle Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen etabliert haben.

    Vor diesem Hintergrund lassen sich Migranten nicht länger als eine homogene Gruppe begreifen. Ebenso wenig ist eine Unterscheidung nach ethnischer Zugehörigkeit ausreichend. Vielmehr gibt es innerhalb einer Ethnie (z.B. Türken) alle diese Grundorientierungen. Damit zeigt sich: Die Herkunftskultur prägt zwar die Identität maßgeblich, aber sie determiniert nicht den grundlegenden Werte-Mix. Ethnische Zugehörigkeit, Religion und Migrationshintergrund sind wichtige Faktoren der Lebenswelt, sind aber nicht milieukonstitutiv. Es gibt zwar ein Milieu ("Religiös-verwurzeltes Milieu"), das von seiner religiösen Bindung geprägt ist. Aber man muss dem Reflex widerstehen, hier die "Islamisten" versammelt zu sehen. Bei 47 % des Milieus ist der Migrationshintergrund türkisch; 54 % sind muslimischen Glaubens. Das bedeutet aber auch, dass in diesem Milieu etwa zur Hälfte andere Herkunftsländer und Religionen (auch: christliche!) vorkommen.

    Das Milieukonzept



    In der vorliegenden Studie wurden zum ersten Mal die Lebenswelten und Lebensstile von Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund, so wie sie sich durch das Leben in Deutschland entwickelt haben, mit dem gesellschaftswissenschaftlichen Ansatz der Sinus-Milieus® untersucht. Ziel war ein unverfälschtes Kennenlernen und Verstehen der Alltagswelt von Migranten, ihrer Wertorientierungen, Lebensziele, Wünsche und Zukunftserwartungen. Der Sinus-Milieuansatz beruht auf drei Jahrzehnten sozialwissenschaftlicher Forschung und orientiert sich an der Lebensweltanalyse moderner Gesellschaften. Die Sinus-Milieus® gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. In der modernen Milieutheorie prägen drei Hauptdimensionen konstitutiv ein Milieu: Wertorientierungen, Lebensstil, die soziale Lage.

    Ergebnis dieses Ansatzes ist ein facettenreiches Bild der deutschen Migranten-Population, das viele hierzulande verbreitete Negativ-Klischees widerlegt. Die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind keine soziokulturell homogene Gruppe. Vielmehr zeigt sich eine vielfältige und differenzierte Milieulandschaft. Insgesamt acht Migranten-Milieus mit jeweils ganz unterschiedlichen Lebensauffassungen und Lebensweisen konnten identifiziert werden. Die Migranten-Milieus unterscheiden sich weniger nach ethnischer Herkunft und sozialer Lage als nach ihren Wertvorstellungen, Lebensstilen und ästhetischen Vorlieben. Dabei finden sich gemeinsame lebensweltliche Muster bei Migranten aus unterschiedlichen Herkunftskulturen. Mit anderen Worten: Menschen des gleichen Milieus mit unterschiedlichem Migrationshintergrund verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer Landsleute aus anderen Milieus.
  • Man kann also nicht von der Herkunftskultur auf das Milieu schließen.
  • Und man kann auch nicht vom Milieu auf die Herkunftskultur schließen.

    Die Grenzen zwischen den Milieus sind fließend; Lebenswelten sind nicht so (scheinbar) exakt eingrenzbar wie soziale Schichten. Wir nennen das die Unschärferelation der Alltagswirklichkeit. Ein grundlegender Bestandteil des Milieu-Konzepts ist, dass es zwischen den Milieus Berührungspunkte und Übergänge gibt. Diese Überlappungspotentiale sowie die Position der Migranten-Milieus in der deutschen Gesellschaft nach sozialer Lage und Grundorientierung veranschaulicht Abbildung 3 (vgl. PDF-Version): Je höher ein Milieu in dieser Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter rechts es positioniert ist, desto moderner ist die Grundorientierung.

    Ziel der beschriebenen Lebensweltstudie war es nicht, Migranten in (neue) Schubladen zu stecken und zu stigmatisieren, sondern im Gegenteil: eine empirisch fundierte Sehhilfe zur Verfügung zu stellen, um das Selbstverständnis und die Alltagskulturen der Menschen mit Migrationshintergrund besser zu verstehen und allzu beliebten Projektionen, Pauschalierungen und Präjudizierungen vorzubeugen. Somit ist das Migranten-Milieumodell eben kein in Blei gegossenes (Norm)Bild, sondern ein Instrument zur Schärfung des Blicks, zur Identifizierung von Diskriminierungen sowie auch zur Relativierung von Stellvertreter- und Repräsentationsansprüchen, die ein Teil der ethnischen Verbände (meist unwidersprochen) für sich reklamieren. In Bezug auf die Grundorientierung, das heißt die Wertebilder, Lebensziele und Integrationsniveaus, ist dieses Gesellschaftsmodell der Migranten-Milieus deutlich trennschärfer als Variablen wie Ethnie oder Bildung. Die Differenzen zwischen den Milieus betragen in relevanten Bereichen der Einstellung und des Verhaltens bis zu 60 Prozentpunkte.

    Im Unterschied zum Milieumodell für die deutsche Gesamtbevölkerung (»www.sinus-milieus.de« ) liegen Migranten-Milieus meist nicht eindeutig in einem Werteabschnitt, sondern sind wertemäßig heterogener, erstrecken sich oft über zwei Werteachsen. Diese Lagerungen sind möglicherweise das Resultat einer multikulturellen Adaption (Lebenswelten mit und zwischen alten und neuen Welten und Wertemustern). Das ist zum einen ein Indikator für die starke Dynamik des Wertewandels bei einem großen Teil der Migranten. Zum anderen manifestiert sich darin die Notwendigkeit und Bereitschaft zur Veränderung, zur bikulturellen Kompetenz und Flexibilität. Das führt zu der These, dass die Ressourcen an kulturellem Kapital von Migranten in Deutschland bisher weitgehend unterschätzt werden, weil der Begriff "Migrant" spontan das Bild vom retardierten, anomischen, starren, unbeweglichen Fremden und Außenseiter evoziert, der Halt in seiner ethnischen Enklave sucht und dessen Horizont von ethnischen oder religiösen Verbänden begrenzt wird. Tatsächlich haben nur 22 % aller Menschen mit Migrationshintergrund schon einmal eine religiöse Vereinigung (Kirchengemeinde, ausländische Mission, Moschee u. ä.) besucht; nur 15 % einen ethnischen Kulturverein und gar nur 5 % haben schon einmal eine Organisation mit politischen Anliegen oder eine politische Vertretung kontaktiert.

    "Multikulti" ist nicht gescheitert, sondern Realität



    Diese Befunde dürfen keineswegs zu einem stilisierenden Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund führen. Zwangsheiraten und arrangierte Ehen (oft in Verbindung mit dem Import von Bräuten oder der Heiratsverschleppung, bei der Bräute im Heimatland zur Ehe gezwungen werden) gibt es, und sie erfüllen den Straftatbestand der Nötigung.[6] Diese Fälle und Strukturen dürfen weder bagatellisiert noch generalisiert werden. Ein holistischer, lebensweltlicher Blick hilft bei der Einordnung und quantitativen Bewertung: Offensichtlich ist hier nur eine kleine Gruppe der Migranten betroffen, die lebensweltlich klar identifiziert werden kann und die im Gefüge der Migranten-Milieus in einer exzentrischen Positionalität (und Selbstpositionierung als kulturelle Enklave) lokalisiert ist.[7]

    Vor diesem Hintergrund ist die These von Seyran Ates,[8] Multikulti in Deutschland sei gescheitert, kultursoziologisch und bildungspolitisch (erst recht in Bezug auf das gesellschaftliche Selbstverständnis) brisant. Die These ist empirisch unzutreffend und weist einen Kategorienfehler auf: Denn "multikulti" ist etwas anderes als "multi-ethnisch". Allein in der autochthonen deutschen Bevölkerung gibt es eine Vielzahl von Teilkulturen. Diese Multikulturalität in einer durch funktionale Differenzierung und Individualisierung erzeugten Pluralität der Lebensformen und Lebensstile als "gescheitert" zu bezeichnen, nur weil auch hier Gewalt und Straftaten unterschiedlicher Art und Stilistik vorkommen, liefe auf die groteske These hinaus, die plurale demokratische Gesellschaft sei gescheitert. Multi-ethnisch im Sinne einer Kultur der Diversität ist keineswegs gescheitert. Die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich bei mindestens 80 % nicht von jener der autochthonen deutschen Bevölkerung. Die implizite Annahme, dass "Deutsche" per Staatsbürgerschaft und Sprache a piori integriert seien und nur durch eigene aktive Devianz (meist durch Straftaten) sich desintegrieren würden, denunziert den spezifischen Integrationsbegriff, der auf Migranten angewandt wird und der von Desintegration ausgeht, aktive Integration als Leistung versteht und Migranten auf diesen Horizont reduziert. Wie sehr sind deutsche Rechtsradikale, Mallorca-Ballermänner, Hedonisten, Hochadelige oder Finanzmanager integriert? Haben wir aufgrund manifester Probleme an Schulen und in Stadtteilen sowie seitens der Kriminalstatistik vielleicht den Begriff der Integration selbst zu eng gefasst und gleichzeitig zum letztrelevanten Maßstab gemacht, an dem Migranten gemessen werden - ohne die neue Qualität, die Ressourcen und das kulturelle Kapital dieser Menschen wahrzunehmen?

    Zusammenfassung



    Die vorliegende SINUS-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland zeigt ein facettenreiches Bild der Migranten-Population und widerlegt viele hierzulande verbreitete Negativ-Klischees über die Einwanderer. Der Integrationsdiskurs in Deutschland erscheint im Licht der Untersuchungsbefunde allzu stark auf eine Defizitperspektive verengt, so dass die Ressourcen an kulturellem Kapital von Migranten, ihre Anpassungsleistungen und der Stand ihrer Etablierung in der Mitte der Gesellschaft meist unterschätzt werden.

    Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Religion und Zuwanderungsgeschichte beeinflussen zwar die Alltagskultur, sind aber nicht milieuprägend und auf Dauer nicht identitätsstiftend. Der Einfluss religiöser Traditionen wird oft überschätzt. Drei Viertel der Befragten zeigen eine starke Aversion gegenüber fundamentalistischen Einstellungen und Gruppierungen jeder Couleur. 84 Prozent sind der Meinung, Religion sei reine Privatsache. Insgesamt 56 % der Befragten bezeichnen sich als Angehörige einer der großen christlichen Konfessionen, 22 % als Muslime. Nur in einem der acht Milieus spielt die Religion eine alltagsbestimmende Rolle - als Rahmen eines rural-traditionellen, von autoritärem Familismus geprägten Wertesystems. In dieser Lebenswelt, dem Religiös-verwurzelten Milieu, sind Muslime und entsprechend auch Menschen mit türkischem Migrationshintergrund deutlich überrepräsentiert. In allen anderen Milieus findet sich ein breites ethnisches und konfessionelles Spektrum.

    In allen Milieus gibt es - je spezifische - Integrationsbarrieren und Valenzen. Integrationsdefizite finden sich am ehesten in den unterschichtigen Milieus, nicht anders als in der autochthonen deutschen Bevölkerung. Die meisten Migranten verstehen sich als Angehörige der multi-ethnischen deutschen Gesellschaft und wollen sich aktiv einfügen - ohne ihre kulturellen Wurzeln zu vergessen. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigt einen uneingeschränkten Integrationswillen. 87 % sagen: Alles in allem war es richtig, dass ich bzw. meine Familie nach Deutschland gekommen sind.

    Viele, insbesondere in den soziokulturell modernen Milieus, haben ein bi-kulturelles Selbstbewusstsein und eine postintegrative Perspektive. Das heißt, sie sind längst in dieser Gesellschaft angekommen. Vor diesem Hintergrund beklagen viele - quer durch die Migranten-Milieus - die mangelnde Integrationsbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft und das geringe Interesse an den Eingewanderten. Etwa ein Viertel der befragten Menschen mit Migrationshintergrund fühlt sich isoliert und ausgegrenzt - insbesondere Angehörige der unterschichtigen Milieus. Das heißt andererseits, dass Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung nur für einen kleineren Teil der Migranten belastend sind. Eine Selbststilisierung als benachteiligt und chancenlos ist typisch für das Entwurzelte Milieu und das Hedonistisch-subkulturelle Milieu. Sie unterscheidet sich strukturell aber nicht von analogen Sichtweisen in den einheimischen Milieus der modernen Unterschicht ohne Migrationshintergrund.

    Erfolgreiche Etablierung in der Aufnahmegesellschaft ist wesentlich bildungsabhängig. Grundsätzlich gilt: Je höher das Bildungsniveau und je urbaner die Herkunftsregion, desto leichter und besser gelingt dies. Der großen Mehrheit der Einwanderer ist dieser Zusammenhang bewusst. Die meisten haben entsprechend einen ausgeprägten Bildungsoptimismus - der allerdings aufgrund von strukturellen Hürden, Informationsdefiziten und Fehleinschätzungen nicht immer in adäquate Abschlüsse und Berufspositionen mündet.

    In der Migranten-Population deutlich stärker ausgeprägt als in der autochthonen deutschen Bevölkerung ist die Bereitschaft zur Leistung und der Wille zum gesellschaftlichen Aufstieg. Mehr als zwei Drittel zeigen ein modernes, individualisiertes Leistungsethos. 69 % sind der Meinung: Jeder der sich anstrengt, kann sich hocharbeiten. (In der Gesamtbevölkerung stimmen dieser Aussage nur 57 % zu.) Im Ergebnis sind die Unterschiede in der sozialen Lage, das heißt hinsichtlich Einkommens- und Bildungsniveau, zwischen Migranten und Einheimischen nicht sehr groß. Lediglich das Segment der gehobenen Mitte ist in der Migranten-Population etwas weniger ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung.

    Dagegen ist das Spektrum der Grundorientierungen bei den Migranten breiter, das heißt heterogener als bei den Bürgern ohne Zuwanderungsgeschichte. Es reicht vom Verhaftetsein in vormodernen, bäuerlich geprägten Traditionen über das Streben nach materieller Sicherheit und Konsumteilhabe, das Streben nach Erfolg und gesellschaftlichen Aufstieg, das Streben nach individueller Selbstverwirklichung und Emanzipation bis hin zu Entwurzelung und Unangepasstheit. Es gibt also in der Migranten-Population sowohl traditionellere als auch soziokulturell modernere Segmente als bei einheimischen Deutschen.

    Insgesamt zeigen die Ergebnisse dieser Untersuchung, dass es sich bei den in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund nicht um ein besonderes und schon gar nicht um ein einheitliches Segment in der Gesellschaft handelt. Die den verbreiteten Negativ-Klischees entsprechenden Teilgruppen gibt es zwar, und sie sind im vorliegenden Migranten-Milieumodell auch lokalisierbar. Aber es sind sowohl soziodemografisch als auch soziokulturell marginale Randgruppen.

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    Fußnoten

    1.
    Nicht zu dieser Gruppe gehören Menschen, die sich als Touristen, Geschäftsreisende o. ä. nur kurzfristig in Deutschland aufhalten (keinen Wohnsitz haben), oder nur vorübergehend zu Ausbildungszwecken/zum Studium nach Deutschland gekommen sind.
    2.
    Familien mit Migrationshintergrund sind im Mikrozensus definiert als "Eltern-Kind-Gemeinschaften, bei denen mindestens ein Elternteil eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt oder die deutsche Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung oder - wie im Fall der Spätaussiedler - durch einbürgerungsgleiche Maßnahmen erhalten hat".
    3.
    Ein besonderes Augenmerk sollte der Reflexion über die Grenzen unserer Sprache gelten: Schon der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat darauf hingewiesen, dass die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt bedeuten. Wenn wir über die Menschen mit Migrationshintergrund sprechen, sind wir in der Gefahr, diesen Menschen ein Label aufzudrücken, das ihrer Identität und Alltagswirklichkeit nicht gerecht wird - mehr noch, es droht subkutan die Gefahr der Stigmatisierung durch Sprache, die einen bestimmten Verweisungszusammenhang öffnet.
    4.
    Vgl. Siegfried Frech/Karl-Heinz Meier-Braun, (Hrsg.) Die offene Gesellschaft. Zuwanderung und Integration. Schwalbach/Ts. 2007.
    5.
    Inhaltlich und finanziell getragen wurde das Forschungsprogramm vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung (vhw), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Deutscher Caritas Verband (DCV), Dresdner Bank, Konrad-Adenauer-Stiftung, SINUS Sociovision, Staatskanzlei NRW (operativ: Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW (LDS)), SWR Medienforschung/Programmstrategie. Der konzeptionelle und methodische Rahmen des Forschungsprogramms wurde entwickelt vom sozialwissenschaftlichen SINUS-Institut (Heidelberg). Grundgesamtheit waren Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ab 14 Jahren. Die Stichprobe für die Repräsentativbefragung (N = 2072) wurde in enger Kooperation mit dem Statistischen Bundesamt sowie den Statistischen Landesämtern auf der Grundlage von Kennziffern aus dem Mikrozensus 2005 entwickelt. Die Stichprobenziehung und Durchführung der Interviews übernahm das Feldinstitut marplan (Offenbach). Erhebungsform waren voll-standardisierte, persönlich-mündliche Interviews (PAPI) mit einer Dauer von ca. zwei Stunden. Die Erhebung fand im Zeitraum Juni bis August 2008 statt. Die statistische und inhaltliche Analyse übernahm das SINUS-Institut.
    6.
    Vgl. Seyran Ates, Die Ehe als Waffe, in: Die Zeit, Nr. 44/2008, S. 13.
    7.
    Vgl. Werner Schiffauer, Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? Für eine kluge Politik der Differenz, Bielefeld 2008.
    8.
    Seyran Ates, Der Multikulti-Irrtum, Berlin 2008.