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Der korrupte Akteur


6.1.2009
Was bewegt Entscheidungsträger dazu, korrupt zu handeln? Ausgehend von einer Skizze der Persönlichkeitscharakteristika und der Motive des korrupten Akteurs werden die subjektiven Entscheidungsprozesse und Strategien zur Selbstrechtfertigung aufgezeigt.

Einleitung



Weltweit wird Korruption als gravierendes Problem wahrgenommen, das längst nicht mehr nur Politik und öffentliche Verwaltung betrifft, sondern auch den privaten Sektor. Gerade im internationalen Geschäftsverkehr spielt Korruption eine große Rolle. In Deutschland ist Korruption derzeit so aktuell wie nie. So gingen in den vergangenen Monaten zahlreiche spektakuläre Korruptionsfälle durch die Presse. Es fanden sich Schlagzeilen wie "Willkommen in der Bakschischrepublik", "Korruption - Bei neun von zehn Unternehmen werden Sie fündig" und "Selbstbedienung in DAX-Konzernen - Korruption ist Chefsache".

Doch was wird eigentlich allgemein unter Korruption verstanden? Den Begriff knapp und prägnant zu fassen fällt schwer. Ein einheitliches Verständnis existiert nicht. In den Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit dem Phänomen der Korruption beschäftigen (z.B. Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft, Soziologie, Kriminologie, Politikwissenschaft, Wirtschaftsethik), hat sich eine Vielzahl von Definitionen herausgebildet. Bringt man diese auf einen Nenner, so lässt sich Korruption wie folgt definieren: Korruption ist von der Norm abweichendes Verhalten, das sich im Missbrauch einer Funktion in Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft zugunsten einer anderen Person oder Institution äußert. Dieser Funktionsmissbrauch erfolgt auf Initiative eines anderen oder aus Eigeninitiative, um einen Vorteil für sich oder einen Dritten zu erlangen. Als Ergebnis wird ein Schaden oder Nachteil für Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft erwartet oder tritt tatsächlich ein. Die korrupten Handlungen werden einvernehmlich geheim gehalten.[1]

Die Korruptionsforschung konzentrierte sich bisher überwiegend auf die politische und öffentliche Korruption, während private Korruption, also Korruption in und zwischen Unternehmen, vernachlässigt wurde. Mein Fokus liegt daher auf Korruption in der Privatwirtschaft, wo Bestechungsleistungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Unternehmen nachgefragt und angeboten werden.[2]

Die bisherige Korruptionsforschung liefert vielfältige Ansätze zur Konzeptualisierung und Erklärung des Phänomens und untersucht Ursachen und Konsequenzen. Allerdings nimmt sie nur selten den korrupten Akteur in den Blick. Betrachtet man bei aufgedeckten Korruptionsfällen, wer eigentlich korrumpiert hat beziehungsweise wer korrumpiert worden ist, so stellt sich insbesondere die Frage nach dem "Warum". Was bewegt Entscheidungsträger in Unternehmen dazu, korrupt zu handeln? Was bringt sie dazu, ein Korruptionsangebot anzunehmen (passive Korruption) beziehungsweise ein Korruptionsangebot zu unterbreiten (aktive Korruption)? Der vorliegende Beitrag versucht, ausgehend von der bisherigen Forschung und auf der Grundlage einer in Deutschland unternommenen empirischen Studie,[3] Antworten auf diese Fragen zu geben.

Die bisherige Forschung



Längst ist es nicht mehr nur eine provozierende These, sondern Ergebnis zahlreicher empirischer Untersuchungen: Männer handeln eher korrupt als Frauen.[4] Dies ist nicht verwunderlich, da Männer nach wie vor inManagementpositionen überrepräsentiert sind. Die Täter sind auch keineswegs Betrügerpersönlichkeiten, im Gegenteil: Der typische Täter ist nicht vorbestraft und zeigt keine abweichenden Wertvorstellungen. Vielmehr handelt es sich um gesellschaftliche Aufsteiger und erfahrene Leistungsträger, die eine Vielzahl von Aus- und Fortbildungen absolviert haben. Gerade weil sie sich durch hohe Fachkompetenz auszeichnen, wird ihnen viel Vertrauen entgegengebracht. Sie sind ehrgeizig und karriereorientiert und verfügen über Macht- und Entscheidungsbefugnis in ihrer beruflichen Position. Statusbewusst führen sie im Vergleich zur Bezugsgruppe einen hohen Lebensstandard. Die an Korruption Beteiligten zeigen ausgeprägte Rechtfertigungs- und Neutralisierungstendenzen. Sie leugnen die persönliche Verantwortung, den unmoralischen Charakter ihres Handelns wie auch den entstandenen Schaden.[5] Diese Ergebnisse decken sich mit Eigenschaften, die für Wirtschaftskriminelle identifiziert wurden.[6] Korrupte Akteure ähneln dabei stark "normalen" erfolgreichen Managern,[7] weisen sie doch Eigenschaften auf, die offensichtlich sowohl für legale als auch für illegale Geschäfte hilfreich sind.[8] Forschungsergebnisse zu den Persönlichkeitseigenschaften von korrupten Akteuren zeigen Zusammenhänge - mit einer externalen Kontrollüberzeugung,[9] nach welcher die Konsequenzen des eigenen Verhaltens anderen Personen oder äußeren Umständen zugeschrieben werden, - mit Machiavellianismus (der Neigung, andere um des eigenen Vorteils willen zu täuschen oder zu manipulieren),[10] - mit einer hohen Risikobereitschaft[11] sowie - mit pathologischem Narzissmus.[12]

Ihr Motiv ist nur in seltenen Fällen eine finanzielle Notlage. Neben beruflichem Ehrgeiz, der puren Lust an der Machtausübung, der Überforderung am Arbeitsplatz oder auch der Enttäuschung über verpasste Karrierechancen ist es vor allem die Aussicht auf risikolose Bereicherung, welche die Korrupten zu ihrem kriminellen Tun antreibt.[13] Die Täter wollen ihren Eigennutz maximieren und stellen Kosten-Nutzen-Überlegungen an. Voraussetzung für das Zustandekommen einer korrupten Transaktion ist, dass die daraus resultierenden erwarteten Erträge sowohl für den Korrumpierenden als auch für den Korrumpierten die von ihnen erwarteten Kosten übersteigen. Der Anreiz, einen korrupten Vertrag einzugehen, steigt, wenn der Wert der Leistung steigt, das Aufdeckungs- und Ahndungsrisiko, das Strafmaß und die Transaktionskosten der Korruption aber sinken. Durch die geringe Wahrscheinlichkeit, entdeckt und damit auch bestraft zu werden, werden die Kosten im Vergleich zu dem Nutzen, der aus der Korruption für den Einzelnen oder dessen Unternehmen gezogen werden kann, als gering eingeschätzt.[14]


Fußnoten

1.
Vgl. Tanja Rabl/Torsten M. Kühlmann, Understanding corruption in organizations - Development and empirical assessment of an action model, in: Journal of Business Ethics, 82 (2008) 2, S. 477-495; Werner Vahlenkamp/Ina Knauß, Korruption - Hinnehmen oder handeln?, Wiesbaden 1995.
2.
Vgl. Christian Brünner, Zur Analyse individueller und sozialer Bedingungen von Korruption, in: ders. (Hrsg.), Korruption und Kontrolle, Wien 1981.
3.
Vgl. Tanja Rabl, Private corruption and its actors - Insights into the subjective decision making processes, Lengerich 2008, zugl. Diss., Universität Bayreuth 2008. Die zugrunde liegende empirische Studie wurde finanziell unterstützt von der Stiftung "Wertevolle Zukunft", der Business Keeper AG, der Telekom AG und der ABB AG.
4.
Dies zeigt sich in kriminologischen Studien mit überführten korrupten Akteuren. Die Ergebnisse experimenteller Studien mit standardisierten Lebens- und Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer zeigen überwiegend keine Geschlechterunterschiede.
5.
Vgl. z.B. Britta Bannenberg, Korruption in Deutschland und ihre strafrechtliche Kontrolle, Neuwied 2002.
6.
Vgl. z.B. James W. Coleman, The criminal elite. Understanding white-collar crime, New York 1998.
7.
Vgl. Kai Bussmann, Kriminalprävention durch Business Ethics: Ursachen von Wirtschaftskriminalität und die besondere Bedeutung von Werten, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, 5 (2004) 1, S. 35-50.
8.
Vgl. Michael R. Gottfredson/Travis Hirschi, A general theory of crime, Stanford/CA 1990.
9.
Vgl. z.B. John Cherry/John Fraedrich, An empirical investigation of locus of control and the structure of moral reasoning: Examining the ethical decision-making processes of sales managers, in: The Journal of Personal Selling & Sales Management, 20 (2000) 3, S. 173-188.
10.
Vgl. z.B. W. Harvey Hegarty/Henry P. Sims, Some determinants of unethical decision behavior: An experiment, in: Journal of Applied Psychology, 63 (1978) 4, S. 451-457.
11.
Vgl. z.B. Andreas O. Vogt, Korruption im Wirtschaftsleben. Eine betriebswirtschaftliche Schaden-Nutzen-Analyse, Wiesbaden 1997.
12.
Vgl. David P. Levine, The corrupt organization, in: Human Relations, 5 (2005) 6, S. 723-740.
13.
Vgl. Britta Bannenberg/Wolfgang J. Schaupensteiner, Korruption in Deutschland, München 2004.
14.
Vgl. Silvio Borner/Christophe Schwyzer, Bekämpfung der Bestechung im Lichte der Neuen Politischen Ökonomie, in: Mark Pieth/Peter Eigen (Hrsg.), Korruption im internationalen Geschäftsverkehr. Bestandsaufrahme, Bekämpfung, Prävention, Neuwied 1999; Rajeev K. Goel/Daniel P. Rich, On the economic incentives for taking bribes, in: Public Choice, 61 (1989) 3, S. 269-275.