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18.12.2008 | Von:
Nikolaus Katzer

Ideologie und Pragmatismus in der sowjetischen Außenpolitik

Der Kalte Krieg verlangte jeder Sowjetführung eine Entscheidung darüber ab, welchen Preis sie für die Systemstabilisierung und für ihre offensive Weltpolitik zu zahlen bereit war.

Einleitung

Nach dem militärischen Triumph über das Deutsche Reich verfolgte Stalin ein doppeltes Ziel. Einerseits sollte ein langfristig stabiles, eigenes Sicherheitssystem aufgebaut, andererseits die hinzugewonnene Rolle als zweite Weltmacht neben den USA unverzüglich ausgefüllt werden. Beide Strategien bargen erhebliche Risiken und verursachten gewaltige Kosten, welche die begrenzten Ressourcen der Sowjetunion nach dem verheerenden Krieg extrem beanspruchten. Auf beiden Feldern der internationalen Politik genügte es nicht, die ideologischen Muster der Zwischenkriegszeit fortzuschreiben. Vielmehr betrieben die Sowjetführungen in wachsendem Maße eine pragmatische Interessenpolitik, die sich den Zeitumständen und den regionalen, nationalen und globalen Gegebenheiten anzupassen suchte. Bei der Ausweitung der Einflusssphäre in bislang diplomatisch nicht frequentierte Weltgegenden vermischten sich ideologisch-revolutionäre Konstanten mit konventionell-traditionellen Zielen und neu definierten Ambitionen. Außenpolitische Erfolge außerhalb Europas und zuungunsten des gegnerischen Lagers im Kalten Krieg wurden als Gradmesser für Größe, Macht und Ansehen der Sowjetunion genommen.[1]




Jahrzehntelang stritten "orthodoxe" und "revisionistische" Forscher darüber, wann und wodurch der Kalte Krieg ausgelöst worden und wem letztlich die "Schuld" für den Ost-West-Gegensatz und die Teilung Europas zuzuweisen sei. Erst das Ende der Sowjetunion und dadurch bedingte Veränderungen in der historischen Wahrnehmung sowie nicht zuletzt die Öffnung russischer Archive haben dieser apodiktischen Debatte die Schärfe genommen. Neue Einsichten in die sowjetischen Entscheidungsprozesse legen nahe, das Kausalitätsprinzip im Kalten Krieg nicht über Gebühr zu strapazieren. Im Lichte der neuen Quellen erscheint der Kurswechsel nach 1945 weniger radikal und stärker auf Kontinuität angelegt gewesen zu sein.

Fußnoten

1.
Zur Frage der historischen Kontinuität interventionistischer Politik vom späten Zarenreich bis in die 1960er Jahre vgl. Odd Arne Westad, The Global Cold War, Cambridge 2007, S. 39 - 72.