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18.12.2008 | Von:
Nikolaus Katzer

Ideologie und Pragmatismus in der sowjetischen Außenpolitik

"Antiimperialismus" und Hegemonialpolitik

Das Auseinanderbrechen der Kriegskoalition beendete aus Stalins Sicht ein Zweckbündnis auf Zeit.[2] In einer Rede am 9. Februar 1946 rechtfertigte der Diktator zunächst seine widersprüchliche und umstrittene Diplomatie am Vorabend und während des Krieges, um dann zu betonen, dass der Sozialismus nach wie vor einer tödlichen äußeren Bedrohung ausgesetzt sei. Seine Verteidigung erfordere außerordentliche Anstrengungen.[3]

In historischer Perspektive erschien es vordringlich, die Gunst der Stunde zu nutzen, um den gegen die Sowjetunion gerichteten cordon sanitaire der Zwischenkriegszeit umzukehren.[4] Ostmitteleuropa sollte zum sowjetischen Sicherheitsgürtel werden. In den Ländern dieses Hegemonialbereiches, der die baltischen Staaten, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien umfasste, duldete Moskau nur für wenige Jahre den Fortbestand der im Krieg erschütterten politischen Strukturen. Die Mehrparteiensysteme mit relativ freien Wahlen gehörten einer vergangenen Zeit an. Bereits Ende der 1940er Jahre waren überall mit Hilfe der Besatzungstruppen und der kommunistischen Parteien mehr oder weniger homogene, sowjetfreundliche Regime eingerichtet worden.[5] Die östlichen Teile Deutschlands wurden ins sowjetische Staatsgebiet inkorporiert bzw. durch eine Westverschiebung der Grenzen Bestandteil Polens. Das Territorium der Sowjetischen Besatzungszone reihte sich mit Verzögerungen und mit dem Ostteil Berlins als Hauptstadt in die Front der Satellitenstaaten ein, obwohl ursprünglich die Teilung Kerndeutschlands von den Sowjets nicht favorisiert worden war.[6] Mit der Gründung der DDR 1949 hatte der "Ostblock" seine endgültige äußere Gestalt angenommen. Spätestens nach der sowjetischen Intervention 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn war der Aufbau der Hegemonialsphäre abgeschlossen. Der Bau der Berliner Mauer 1961 und die Intervention in Prag 1968 bestätigten noch einmal diesen Status quo. Innerhalb eines Jahrzehnts war es der Sowjetunion gelungen, zwischen Ostsee und Schwarzem Meer eine breite Pufferzone einzurichten, die äußere Einflüsse abschirmen und zugleich offensive außenpolitische Ambitionen stützen konnte.[7]

Obwohl die Gründung der NATO 1949 und die Sicherheitsgarantien der USA für Westeuropa dem sowjetischen Ausgreifen Grenzen setzten, war die Sowjetunion nicht zuletzt wegen der Überwindung des amerikanischen Atomwaffenmonopols zum Zeitpunkt von Stalins Tod 1953 mächtiger als jeder andere russische Staat in der Geschichte. Der antiimperialistische Impetus der frühen sowjetischen Nachkriegspolitik spiegelt sich exemplarisch wider in einem Memorandum des Sowjetbotschafters in Washington, Nikolai W. Nowikow, vom September 1946.[8] Angeleitet durch Außenminister Wjatscheslaw Molotow kam der Diplomat zu dem Schluss, dass die USA stärker als jemals zuvor aus dem Krieg hervorgegangen seien. Er unterstellte, dass sie nicht zum Isolationismus zurückkehren würden und nach Weltherrschaft strebten. Zwei der imperialistischen Hauptrivalen, Deutschland und Japan, seien besiegt; Großbritannien sei im Niedergang begriffen. Allein die erstarkte Sowjetunion stehe der amerikanischen Expansion noch im Weg.

Stalin folgerte aus der neuen Weltlage gleichwohl nicht, dass ein Krieg unmittelbar bevorstand. Er traute Amerikanern und Briten aufgrund divergierender Interessen keine konsequente Einkreisungspolitik gegen die Sowjetunion zu. Selbst die Atombombe, die offenbar die sowjetische Führung tief beeindruckte, spielte er in ihrer strategischen Bedeutung zunächst herunter. Sie diente nach seiner Ansicht einzig dem Zweck, Politiker "mit schwachen Nerven" einzuschüchtern. Die Atombombe war demnach nicht geeignet, Kriege endgültig zu entscheiden. Im Übrigen trachtete Stalin jedoch energisch danach, im Bereich der Kernwaffen mit den Amerikanern gleichzuziehen.[9]

Fußnoten

2.
Zur Neuausrichtung der sowjetischen Außenpolitik vgl. V. S. Lel'cuk/E. I. Pivovar (Hrsg.), SSSR i cholodnaja vojna [Die UdSSR und der kalte Krieg], Moskau 1995, S. 39 - 75. Zur sowjetischen Politik im Kalten Krieg Vladislav M. Zubok, A Failed Empire. The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev, Chapel Hill 2007.
3.
Rede Stalins vom 9.2. 1946, in: Iosif V. Stalin, Socinenija [Werke], Bd. 3 (XVI), Stanford 1967, S. 1 - 22. Dt. Übersetzung in: Neue Welt, (1946) 1, S. 3 - 12.
4.
Vgl. Donal O'Sullivan, Stalins "Cordon sanitaire". Die sowjetische Osteuropapolitik und die Reaktionen des Westens 1939 - 1949, Paderborn 2003.
5.
Vgl. Stefan Creuzberger/Manfred Görtemaker (Hrsg.), Gleichschaltung unter Stalin? Die Entwicklung der Parteien im östlichen Europa 1944 - 1949, Paderborn 2002.
6.
Vgl. Andreas Hilger/Mike Schmeitzner/Clemens Vollnhals (Hrsg.), Sowjetisierung oder Neutralität? Optionen sowjetischer Besatzungspolitik in Deutschland und Österreich 1945 - 1955, Göttingen 2006.
7.
Vgl. Vojtech Mastny/Malcolm Byrne (eds.), A Cardboard Castle? An Inside History of the Warsaw Pact 1955 - 1991, Budapest 2005; Frank Umbach, Das rote Bündnis. Entwicklung und Zerfall des Warschauer Paktes 1955 - 1991, Berlin 2005.
8.
Siehe die Zusammenfassung bei David Holloway, Stalin and the Bomb. The Soviet Union and Atomic Energy, 1939 - 1956, New Haven-London 1994, S. 169ff. Das Memorandum erschien in englischer Übersetzung in der Zeitschrift International Affairs, (1990) 12, S. 123 - 129.
9.
So Stalin am 17. 9. 1946 im Gespräch mit Alexander Werth, dem Korrespondenten der "Sunday Times" in Moskau; I. V. Stalin (Anm.3), S. 56.